Aktuelle Meldungen / en-gb Uni Köln Wed, 19 Dec 2018 03:58:09 +0100 Wed, 19 Dec 2018 03:58:09 +0100 TYPO3 EXT:news news-5073 Wed, 26 Sep 2018 17:28:50 +0200 9.570 https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5073&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=1c0d10ec043ff8478533c5dd013d42cd Studierende bewarben sich 2017 beim Kölner Studierendenwerk um einen Wohnheimplatz 9.570 Studierende bewarben sich 2017 beim Kölner Studierendenwerk um einen Wohnheimplatz. Nicht allen konnte eine Bleibe vermittelt werden, und der private Wohnungsmarkt in Köln ist angespannt. Jörg J. Schmitz (Foto), Geschäftsführer des Kölner Studierendenwerks, kritisiert den "Etikettenschwindel" beim Wohnraum für Studierende.

Herr Schmitz, die Wohnungsnot in Köln ist groß. Wie betrifft das die Studierenden?
Die Mieten und Kaufpreise sind in Köln in den vergangenen Jahren – wie in den meisten deutschen Städten – stark gestiegen. Es herrscht vor allem ein Mangel an kleinen und gleichzeitig bezahlbaren Wohnungen. Wenn Studierende keinen Wohnheimplatz bei uns erhalten, können sie die hohen Kosten für ein Zimmer auf dem freien Markt oft nur durch Jobben tragen. 78 Prozent der Studierenden – deutlich mehr als im Landesdurchschnitt – übten 2016 eine Nebentätigkeit aus. Das passiert oft zu Lasten des Studiums. 

Wie sind die Chancen für Studierende, zum Wintersemester einen Wohnheimplatz beim Studierendenwerk zu erhalten?
Im Vergleich zum Sommersemester ist die Zahl der Erstsemester deutlich höher – oft haben wir drei Mal so viele Bewerbungen für Wohnheimzimmer. Darüber hinaus steigt auch die Zahl der Studierenden seit Jahren kontinuierlich. Wir bieten auch in diesen engen Phasen vielen Studierenden eine Unterkunft an, können den Andrang aber nicht komplett bedienen. Studierende können sich über unsere Homepage online für einen Wohnheimplatz bewerben. Wir bieten außerdem eine Privatzimmerbörse an. 

Im privat finanzierten Castell Deutz, das sich als Studierenden-Wohnheim vermarktet, sind Apartments offensichtlich an Touristen, statt an Studierende vermittelt worden. Was halten Sie davon?
In Deutz betreiben kommerzielle Investoren Etikettenschwindel. Es handelt sich in Deutz eben nicht wie bei den Wohnheimen des "Werks" um öffentlich geförderte Gebäude, sondern um reine Renditeobjekte. Hier mit Begriffen wie "Studentisches Wohnen" oder "Studentenwohnungen" zu werben, halten wir für irreführend. Leider sind diese Begriffe auch an anderen Hochschulstandorten durchaus verbreitet, wir können deren Nutzung aber nicht unterbinden. Das wirklich Kritische ist jedoch die vermutliche Zweckentfremdung der Deutzer Apartments durch Vermietung über den Internetanbieter airbnb. Die Stadt Köln ist gefordert, diese Praxis zu unterbinden.


Wie wollen Sie dem Wohnungsmangel für Studierende in Köln in Zukunft begegnen?
Wir wollen zum einen den Wohnungsbestand des "Werks" bis 2023 von 5.000 auf 6.000 Plätze erhöhen und zum anderen bei den Entscheidern auf Landes- und Bundesebene dafür werben, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Grundsätzlich sehen wir die öffentliche Hand in der Pflicht, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit bezahlbarer Wohnraum schneller hergestellt werden kann. Hier wünsche ich mir unter anderem, dass Grundstücke zahlreicher und schneller zur Verfügung gestellt werden.

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Uni in Zahlen
news-5072 Wed, 26 Sep 2018 17:13:00 +0200 Das dunkle Herz der Milchstraße https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5072&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=ed31c71a9decaf42539af2deb16f6616 Messungen am Schwarzen Loch bestätigen Albert Einsteins Relativitätstheorie Im Zentrum unserer Galaxie liegt ein gigantisches Schwarzes Loch. Deutsche und französische Forscherinnen und Forscher maßen im Gravitationsfeld des Schwarzen Lochs Sagittarius A* erstmals Effekte, die Albert Einstein vor 100 Jahren in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagt hatte. Beteiligt war daran auch der Astrophysiker Professor Dr. Andreas Eckart von der Uni Köln.

Mitten im Herzen unserer Galaxie, im Zentrum der Milchstraße, gibt es einen Ort, an dem "die Zeit stillsteht", das Licht der Sterne erlischt und Materie, wie wir sie kennen, nicht mehr existiert. An diesem Ort wird die Raumzeit des Kosmos durch eine Masse gekrümmt, die vier Millionen Mal so groß ist wie die unserer Sonne: ein supermassereiches Schwarzes Loch. An diesem Ort gelten die Gesetze der klassischen, Newtonschen Physik nicht mehr. Sterne, die dort kreisen, zeigen absonderliches Verhalten: Mal leuchten sie im blauen Spektrum, mal im roten. Auch auf ihrer Umlaufbahn findet man sie nicht dort, wo sie sein sollten, denn die Zeit und ihr Weg werden gedehnt.

Uralt und super-massereich
Dieses Schwarze Loch, Sagittarius A*, liegt im Sternbild des Schützen. Es ist ein Ort, den der Kölner Physiker Professor Dr. Andreas Eckart vom I. Physikalischen Institut schon seit Jahren beobachtet. Zusammen mit seinen Kollegen, Ingenieuren und Technikern misst Eckart seit Anfang der 1990er Jahre die Umlaufbahn des Sterns S2 und folgt seinem Orbit um das Schwarze Loch. Sagittarius A* ist ein großes Nichts, das allerdings alles andere als nichts ist – es ist ein super-massereiches Schwarzes Loch. Normale Schwarze Löcher entstehen aus kollabierten Sternen ab einer Größe von zehn Sonnenmassen. Nicht so das große Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße: Es war schon seit den Anfängen der Milchstraße da. Auch im Zentrum anderer Galaxien kann man solche gigantischen Schwarzen Löcher beobachten, die 10 Millionen bis hundert Millionen Mal schwerer sind als die Sonne. Doch erst seit den letzten Jahren verdichteten sich die Hinweise, dass es ein solches Loch auch im Zentrum unserer Milchstraße gibt.

Einstein auf den Puls gefühlt
Die Objekte sind für sich genommen schon eine Fundgrube für die Astrophysik. Man kann mit ihrer Hilfe aber auch die Effekte der Allgemeinen Relativitätstheorie beweisen. Als Einstein vor hundert Jahren die Physik mit seiner Theorie neu definierte, sagte er dabei auch die Auswirkungen großer Gravitation auf das Raumzeitgefüge voraus: Es wird gekrümmt. Ein extrem massereiches Objekt, wie ein Schwarzes Loch, krümmt Raum und Zeit in seiner Nähe. Je mehr man sich der gigantischen Masse nähert, desto intensiver sind die Auswirkungen. Nicht-rotierende Schwarze Löcher selber kann man praktisch nicht direkt beobachten, denn nichts dringt aus ihnen heraus: Kein Licht, keine nennenswerte andere Strahlung – gar nichts, was innerhalb des sogenannten Ereignishorizontes liegt, dringt nach außen. Eine direkte Beobachtung Schwarzer Löcher gilt als praktisch unmöglich. Sie verraten sich aber durch Sterne, die das Schwarze Loch umkreisen. Denn für Objekte, die sich in einer Umlaufbahn um das Schwarze Loch befinden, hat die Raumkrümmung Konsequenzen. Sie befinden sich auf einem sogenannten relativistischen Orbit. Nähern sie sich stark dem Schwarzen Loch, so sind sie den Effekten der Zeitverlangsamung und der Raumkrümmung ausgesetzt. Für die Astrophysik eine wunderbare Gelegenheit, um in diesem gigantischen Laboratorium Einsteins Aussagen zu überprüfen. Gleichzeitig wäre ein solcher Orbit aber auch ein Beweis für ein super-massereiches Schwarzes Loch im Zentrum der Milchstraße.

Seit 26 Jahren auf der Lauer
Alle bekannten Schwarzen Löcher, die man bisher entdeckt hat, sind sogenannte Rotierende Schwarze Löcher: Bei ihrer Rotation reißen sie den Raum mit sich und "verziehen" die Krümmung. Da man diese Effekte der Schwarzen Löcher auf ihre Umgebung sehr gut im infraroten Spektralbereich beobachten kann, haben sich die Physiker und Physikerinnen an der Uni Köln auf die Entwicklung hochsensibler Messgeräte, sogenannter Spektrometer, in diesem Bereich der Wellenlänge spezialisiert. "Wenn man in der Astrophysik etwas Neues entdecken möchte, dann muss man in Wellenlängenbereiche hineingehen, die schwer zu erschließen sind", sagt Andreas Eckart. "Das war bis vor wenigen Jahren der Infrarotbereich bis zum Submillimeter-Spektralbereich. Da ist es besonders schwierig, Kamerasysteme und Empfänger zu bauen. Das hat sich hier in Köln etabliert." Seitdem die Teleskope der Europäischen Südsternwarte (ESO) auf dem Berg Paranal in den Anden im Norden Chiles die ersten Bilder des Sterns S2 eingefangen haben, sind Eckart und seine Kölner Kolleginnen und Kollegen Teil des internationalen Teams, das auf de 
Jagd nach besseren und aussagefähigeren Bildern des Sterns ist. "Ich bin von Anfang an dabei gewesen. Die ersten aufgelösten Bilder des Sterns S2 und des Sternhaufens im Zentrum der Milchstraße haben wir 1991 und 1992 mit Kollegen und Kolleginnen vom Max-Planck- Institut für extraterrestrische Physik in Garching bekommen. Seitdem messen wir die Bewegung einzelner Sterne", erinnert sich Eckart. 26 Jahre ist das nun her, aber die Messungen brauchten ihre Zeit: "Die Umlaufzeit des Sterns S2 um das zentrale Schwarze Loch Sagittarius A* beträgt 16 Jahre. Da muss man mehrmals pro Jahr vor Ort genaue Messungen durchführen."

Tischtennisbälle auf dem Mond sehen
Über die Jahre verbesserten die Physiker und Physikerinnen zusammen mit ihren Technikteams die Auflösung der Spektrometer immer weiter. Das Kölner Forschungsteam steuerte schließlich zwei hochsensible Spektrometer bei, die dem extrem empfindliche Instrument GRAVITY der ESO ermöglichen, das infrarote Licht der Sterne in der Umlaufbahn von Sagittarius A* einzufangen. Effektiv wurde GRAVITY zusätzlich durch die Kombination von vier 8-Meter-Teleskopen der ESO auf einem 2.635 Meter hohen Berg in den Anden, am Paranal in Chile, zu einem einzigen großen Teleskop, das damit eine enorme Auflösung erreicht. "Wir haben mit diesen beiden Spektrometern ein Herzstück für das GRAVITY- Instrument geliefert", sagt Eckart. Mit den neuen Geräten verbessert sich die sogenannte Winkelauflösung der Teleskope. "Man kann besser als eine Millibogensekunde genau messen", so der Physiker. Zum Vergleich: "Wenn man eine Zehntel Millibogensekunde Auflösung hat, dann kann man zwei Tischtennisbälle auf der Oberfläche des Mondes auseinanderhalten." 

Krümmung der Raumzeit bremst Licht
2017 gelang es, einen ersten Hinweis auf die sogenannte Apsiden-Drehung des Orbits des Sternes S2 zu finden: Während ein normaler Orbit einer Ellipse gleicht, verschiebt sich unter dem Einfluss des Schwarzen Lochs die Umlaufbahn des Sterns, sodass sie eher wie eine Rosette aussieht. Diese Drehung ist ein Anzeichen für eine Hochkonzentration von Masse und wird von der Relativitätstheorie vorhergesagt. Schließlich konnten die Kölner Astrophysiker nun mit GRAVITY eine noch genauere Messung des Orbits durchführen und die Daten dann mit Spektroskopie-Messungen kombinieren. Dabei stellten sie einen Rotverschiebungsanteil im Licht des Sterns fest. "Im Prinzip läuft es darauf hinaus, dass diese enorme Masse die Raumzeit beeinflusst. Die Wegstrecke und das Spektrum des Lichts werden von dieser Raumkrümmung verändert. Die Differenzen im Weg und in der Zeit werden durch die schwere Masse hervorgerufen", erklärt Eckart. Erstmals konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen damit experimentell nachweisen, dass sich das Lichtspektrum eines Sterns im starken Gravitationsfeld eines Schwarzen Lochs in charakteristischer Weise verändert. Mit dem ersten Erfolg haben sie nun eindrucksvoll bewiesen, wie gut ihre Instrumente sind. "Wir haben jetzt zwei sehr gute Hinweise darauf, dass sich der Stern S2 auf einem relativistischen Orbit um die zentrale Masse bewegt", sagt Eckart. "Das ist ein sehr schöner Nachweis dafür, dass die Masse im Zentrum der Milchstraße sehr groß und kompakt ist. Das stimmt mit der Annahme überein, dass es sich um ein super-massereiches Schwarzes Loch handelt." In Zukunft wollen die Forscherinnen und Forscher die Umlaufbahnen weiterer Sterne um Sagittarius A* herum messen.
Die Messungen können auch auf andere super-massereiche Schwarze Löcher in weit entfernten Galaxien ausgedehnt werden, allerdings nicht mit der Präzision wie für Sagittarius A*. Das Schwarze Loch in der Mitte der Milchstraße ist nur 25.640 Lichtjahre entfernt und liegt damit quasi in kosmischer Nachbarschaft. "Wir bekommen die Daten und sind dabei, die Informationen zu verarbeiten und mit dem Konsortium zusammen in Publikationen zu veröffentlichen", verspricht Eckart. Wesentliches Anliegen der Kölner Forscher und Forscherinnen bleibt aber das dunkle Herz der Milchstraße, so Eckart: "Man kann sagen: Das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße liegt uns sehr am Herzen."

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Forschung
news-5062 Wed, 26 Sep 2018 17:10:00 +0200 Sprung ins Umgewisse https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5062&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=b23bff0812ec03a8784d79891115482c Das NRW-Talentscouting begleitet den Bildungsweg begabter OberstufenschülerInnen Junge Menschen aus nicht-akademischen Familien entscheiden sich oft nicht für ein Studium – obwohl sie gute schulische Leistungen erbringen. Das Talentscouting-Programm des Landes Nordrhein-Westfalen und andere Unterstützungsprogramme begleiten begabte Schülerinnen und Schüler der Oberstufe bei ihrem Bildungsweg – und der Entscheidung für ein Studium oder eine Ausbildung.

Suat Yilmaz ist studierter Sozialwissenschaftler mit türkischen Wurzeln. Er arbeitete bis Juni 2018 an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen, doch er war oft unterwegs an den weiterführenden Schulen seiner Heimatstadt. Dort traf er sich mit talentierten Schülerinnen und Schülern, für die der Gedanke an ein Studium dennoch mit Zweifeln behaftet war. Zu viele Hürden schienen ihnen den Weg zu versperren. Hier half Yilmaz – der erste Talentscout Deutschlands – weiter.

Bildungschancen werden vererbt 

Die jungen Menschen der Region, glaubt Yilmaz, sind ihre wertvollste Ressource. Ihr Talent sollte nicht länger brachliegen, das könne sich Deutschland weder bildungs- noch wirtschaftspolitisch leisten. "Wir wissen, dass Talent herkunftsunabhängig ist, die Entfaltung von Talent aber durchaus von der Herkunft abhängt", sagte Yilmaz 2014 in einem Interview. 

Talentscouts unterstützen die Abiturientinnen und Abiturienten bei der Realisierung ihrer Berufspläne und ebnen vielen den Weg in die oft fremde Welt der Universität. Dabei orientiert sich die Beratung immer an den individuellen Vorlieben und Talenten der Schülerinnen und Schüler. Der Weg ins Studium kann, muss aber nicht der richtige sein. Das von der Landesregierung und der Westfälischen Hochschule geleitete Talentscouting-Programm hat seit seiner Gründung 2011 Modellcharakter für ganz Nordrhein-Westfalen erlangt.

Über 70 Talentscouts von 17 Hochschulen aus ganz NRW gehen mittlerweile an die Oberstufen von insgesamt 340 weiterführenden Schulen. Rund 11.500 junge Menschen hat das Programm seither unterstützt. 2016 bezog das Zentrum für Talentförderung neue Räumlichkeiten in Gelsenkirchen. Denn auch die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wächst stetig. Dabei ist das Ruhrgebiet das Zentrum der Talentförderung in NRW geblieben.

Zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern identifizieren Talentscouts motivierte Jugendliche, um sie beim Übergang von der Schule zur Hochschule oder in eine Ausbildung zu begleiten und zu unterstützen. Auch im Kölner Raum sind Talentscouts von der Universität zu Köln und der TH Köln seit einem Jahr an weiterführenden Schulen sowie im non-formalen Bildungsbereich unterwegs.

Den Werdegang beobachten

Den Zugang zum Studium für junge Menschen aus Familien mit geringer formeller Bildung zu erleichtern, ist in den vergangenen Jahren in ganz Deutschland zu einem wichtigen Anliegen für die Hochschulen geworden. Entsprechende Förderprogramme leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit, sondern auch zur Fachkräftesicherung in Deutschland. Doch wie das am besten gelingt, ist noch nicht ganz klar. Um gute Beratungs- und Unterstützungsangebote zu entwickeln, brauchen die Universitäten und Förderprogramme belastbare Daten.

Am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Uni Köln untersucht eine Forschungsgruppe um Professorin Dr. Marita Jacob in der Studie "Zukunfts- und Berufspläne vor dem Abitur" (ZuBAb) diese Fragen. Über einen Zeitraum von drei Jahren beobachten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) den Werdegang von 1.700 Schülerinnen und Schülern an 42 Schulen in Nordrhein-Westfalen.

Neben schulischer Leistung und schulischer Motivation geht es auch um die konkreten Ideen der Schülerinnen und Schüler zur Verwirklichung ihrer Zukunfts- und Berufspläne. Neben dem gut etablierten Talentscouting-Programm untersucht die Studie auch bildungssoziologische Aspekte, stellt also Fragen zum sozialen Umfeld oder dem Bildungsstand der Eltern, zu Unterschieden in den Zukunftsplänen von Mädchen und Jungen oder von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Soziologinnen und Soziologen interessiert, welche Pläne die Schülerinnen und Schüler vor dem Abitur haben und verfolgen, wie sich diese Pläne verändern oder weiterentwickeln.

Über die drei Jahre der Studie führen sie eine Panel-Befragung in vier Erhebungswellen durch: Die gleiche Stichprobe von Schülerinnen und Schülern der elften Klasse wird insgesamt vier Mal befragt. Am Ende der Studie haben viele der jungen Menschen dann bereits eine Ausbildung oder ein Studium angefangen. So können die Forscherinnen und Forscher auch sehen, wie gut der Übergang geklappt hat und Bereiche identifizieren, in denen Beratungsangebote wie das Talentscouting-Programm noch besser auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen könnten.

Die Ergebnisse der ersten Befragung aus dem Frühjahr 2018 liegen nun vor. Sie zeigen, dass die Mehrheit der befragten Schüler und Schülerinnen plant, nach dem Abitur ein Studium aufzunehmen. "Wir stehen zwar noch am Anfang der Untersuchung", sagt Professorin Dr. Marita Jacob, "aber der Beratungsbedarf zum Thema Studium ist sehr hoch, soviel ist schon jetzt zu erkennen."

Information allein reicht nicht aus

Rund 25 Prozent der Befragten fühlen sich schlecht über ein Studium informiert, dennoch streben fast zwei Drittel ein Studium an. Knapp 40 Prozent gab darüber hinaus an, schlecht über eine Ausbildung informiert zu sein. Aber  eben Informationen über verschiedene Möglichkeiten des nachschulischen Werdegangs könnte für Schülerinnen und Schüler aus weniger privilegierten Familien auch weitere, konkrete Unterstützung hilfreich sein: Wie baue ich mir ein Netzwerk auf? Wie finde ich einen Nebenjob und welche Fördermöglichkeiten – beispielsweise ein Deutschlandstipendium – gibt es?

Frühere Studien haben oft nur untersucht, ob die Schülerinnen und Schüler nach einer Beratung ein Studium aufnehmen oder nicht. Die ZuBAb-Studie geht darüber hinaus. "Wir sind nah dran an den Schülerinnen und Schülern", sagt Jacob. "Wir schauen uns noch weitere Aspekte an, zum Beispiel, wie sich die schulische Motivation durch Beratungsangebote verändert." Über finanzielle Möglichkeiten und Vertrautheit mit dem sozialen Umfeld einer Universität verfügen Kinder aus Akademikerfamilien ohnehin schon. Sie haben Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Die Welt der Hochschule ist für sie kein fremder, unerreichbarer Ort. Diesen Vorteil kann ein gut entwickeltes Beratungsangebot ausgleichen – zumindest teilweise.

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Studierende
news-5071 Wed, 26 Sep 2018 17:09:38 +0200 Vater Augustus und Patentante Agrippina https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5071&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=55bb71bdbf53f051a6a8c52dbf573d22 Die Kölner verehren zwar ihre Agrippina, Stadtgründer aber war eigentlich Augustus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Kölner Uni erforschen, erkunden und erleben Köln. Ihre Forschungen beschäftigen sich mit Flora, Fauna und nicht zuletzt den Bewohnern der Stadt gestern und heute. Über Interessantes, Skurriles, Typisches oder auch weniger Bekanntes berichten sie in dieser Rubrik. Professor Dr. Werner Eck, Historisches Institut, Abteilung Alte Geschichte, erklärt, dass die Kölner zwar ihre Agrippina verehren, Stadtgründer aber eigentlich Augustus war.

Die Kölner lieben Agrippina, die Frau, die im Jahr 15 n.Chr. in der Ubierstadt geboren wurde. Sie wird deshalb geliebt, weil sie ihren Mann, Kaiser Claudius, 35 Jahre später dazu bewegen konnte, der Ubierstadt den Rang einer römischen Kolonie zu gewähren, in der Agrippina auch gleich ihren eigenen Namen unterbrachte: Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Für die ehrgeizige Agrippina war dies wichtig. Sie wurde damit ihrem Mann vom Prestige her gleichgestellt.

Doch als Stadt, als Gemeinde, existierte Köln schon lange vorher. Agrippina selbst wurde ja eben in dieser Stadt geboren. Die Gemeinde der Ubier entstand im Jahr 19 oder 18 v. Chr., als dieser germanische Stamm in der Kölner Bucht angesiedelt wurde. Das Gemeindegebiet, das etwa von Remagen bis nach Krefeld reichte, umfasste somit das südliche linksrheinische Nordrhein-Westfalen. Die Übersiedlung wurde politisch von Augustus in Rom angeordnet, durchgeführt wurde sie von Agrippa, Augustus’ Schwiegersohn und Großvater von Agrippina. Die Ubier lebten zunächst verstreut auf ihrem großen Stammesgebiet, es fehlte ihnen noch ein zentraler Ort, an dem alle wesentlichen politischen und religiösen Aufgaben des Stammes erfüllt werden konnten.

Dieser Zentralort wurde seit etwa dem Jahr 7 v. Chr. erbaut, an der Stelle der heutigen Kölner Altstadt. Auch diese Entscheidung kam von Augustus, der für die ersten Baumaßnahmen Soldaten des Rheinheeres einsetzen ließ. Noch unter Augustus wurde der Ort monumental zu einem urbanen Zentrum ausgestaltet – mit Tempeln und einem Ehrenbogen. Als Agrippina der Gemeinde der Ubier den Status einer römischen Kolonie verschaffte, war die Stadt längst erwachsen. Augustus, Agrippinas Urgroßvater, hatte die Gemeinde und den urbanen Zentralort geschaffen. Er war der Vater der Stadt, die sich später Köln nannte. Wenn die heutige Stadt nun einem Platz nahe dem Rathaus den Namen "Augustusplatz" gibt, dann ist endlich der Vater der Stadt hier präsent. Das Agrippina-Ufer erinnert weiterhin an die Frau, deren Ehrgeiz am Ende für den Namen der Stadt gesorgt hat: Aus Colonia wurde Köln.

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In Köln unterwegs
news-5069 Wed, 26 Sep 2018 16:51:59 +0200 Laufen lernen https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5069&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=f35d3d8fee143d1b2547019c0ae979a1 Roboterentwicklung: Kölner Zoologe erforscht das Laufverhalten von vielbeinigen Tieren Wie schaffen wir es, unfallfrei eine Treppe hinabzusteigen? Durch Erfahrung und Intuition. Darüber verfügen Roboter nicht. Sie so zu konstruieren, dass sie stabil und energiesparend auf verschiedenen Untergründen laufen können, ist gar nicht so einfach. Um den Robotern von morgen das Laufen beizubringen, erforscht ein Kölner Zoologe das Laufverhalten von Kakerlaken, Spinnen und anderen vielbeinigen Tieren.

Krabbeln, Schlängeln, Schwimmen, Trappeln: Tiere bewegen sich auf verschiedene, manchmal kuriose Weisen fort. Die meisten nutzen dazu Beine, wenngleich unterschiedlich viele: Die Bandbreite reicht von einem Beinpaar (Mensch, Vogel), über vier Beinpaare (Spinne) bis hin zu vielen dutzend Beinchen (Tausendfüßer). Kurzum: Die Lösungen der Natur für die Überwindung räumlicher Distanzen sind beeindruckend. Aber wie kommen wir konkret mit den Beinen von A nach B, welche Prinzipien stecken hinter dieser Art der Fortbewegung? Wie komplex der Vorgang eigentlich ist, der bei den meisten Tieren und Menschen eher intuitiv abläuft, zeigt die schwierige Entwicklung von Laufrobotern.

Die Laufdynamik hängt von der Anzahl der Beine ab

Obwohl Autos viel schneller sind als die meisten Tiere, haben unsere Beine klare Vorteile gegenüber Rädern – vor allem in unwegsamem Gelände und auf rutschigen Untergründen, aber auch in stark strukturierten Umgebungen, wie sie unsere Wohn- und Lebensbereiche darstellen. Bei der Entwicklung mobiler Roboter geht der Trend deshalb weg vom Rad und hin zum Bein. Nicht nur vom Menschen können sich diese Roboter dabei eine Menge abgucken – auch Schaben, Spinnen und Tausendfüßer zeigen erstaunliche Techniken, die für die Forschung interessant sind.

Dr. Tom Weihmann vom Institut für Zoologie der Universität zu Köln, Abteilung Tierphysiologie, hat eine Modellstudie über die veränderte Laufdynamik von Lebewesen in Abhängigkeit von der Zahl ihrer Antriebsbeine veröffentlicht. Dazu modellierte er verschiedene Schrittmuster unter Einfluss von Geschwindigkeit und Beinzahl – Zweibeiner, Vierbeiner, Sechsfüßer, Achtfüßer sowie Tiere mit bis zu zehn Beinpaaren. Die Publikation baut auf einer früheren Einzelstudie zu Schaben der Art Nauphoeta cinerea auf. Darin wies er nach, dass die sechsbeinigen Kakerlaken bei schnellen Geschwindigkeiten und auf verschieden rutschigen Untergründen ihr Schrittmuster anpassen.

Weihmanns Erkenntnisse liefern spannende Einblicke in physiologische Grundlagen von Bewegung und Laufstabilität: Das Insekt optimiert die Koordination seiner drei Beinpaare so, dass es schnell vorwärtskommt und gleichzeitig nicht ausrutscht. Um das zu erreichen, wechseln Kakerlaken bei höherer Geschwindigkeit in eine Form der von Islandpferden bekannten Gangart "Tölt". Dadurch können Auf- und Abbewegungen des Körpers stark reduziert und die Bewegungen gegen seitliche Störungen stabilisiert werden. Seitliche Störungen, zum Beispiel verursacht durch Wegrutschen eines oder mehrerer Füße, können die schnelle Lokomotion von Insekten besonders stark beeinträchtigen.

Auf das Gelände kommt es an

Das schnelle Laufen wird sowohl bei Menschen als auch bei Tieren dynamisch stabilisiert. Dabei greifen Sensorik, Anatomie der Laufbeine, Muskelphysiologie und neuronale Kontrolle so geschickt ineinander, dass auch komplexe Bewegungsabläufe funktionieren ohne dass über jede einzelne Bewegung nachgedacht werden muss. "Gerade bei schneller Bewegung sind die neuronalen Schaltkreise der Tiere viel zu langsam, um auf plötzliche Störungen reagieren zu können", sagt Weihmann.

Für die Konstruktion von Robotern bedeutet das, dass nur intelligente Baupläne mit integrierten Stabilisierungsmechanismen, die den Bewegungsapparat dynamisch stabilisieren, für unfallfreie Bewegungen sorgen können, meint der Zoologe. Die Natur ist in dieser Hinsicht nicht leicht zu imitieren: "Roboter müssen erst noch lernen, wann es effizient ist, die Gangart zu wechseln ", so Weihmann. "Dafür analysieren wir das  Zusammenspiel der Kräfte und Mechanismen beim Laufen, Rennen und den vielbeinigen Gangarten, um den Sinn dahinter zu verstehen. Daraus resultierende mathematische Modelle ermöglichen es dann, die zugrundeliegenden Prinzipien in die Bewegungsalgorithmen der Maschinen zu übertragen."

Fortbewegung als komplexes Modell

Die bisher gelungenste Umsetzung hoch entwickelter Stabilisierungsmechanismen sind beispielsweise in den Robotern Spot und SpotMini der amerikanischen Firma Boston Dynamics enthalten. Diese Roboter erreichen zwar bisher keine ausgesprochen hohen Geschwindigkeiten – im Gegensatz zu deren Roboter WildCat, der galoppieren kann – doch sie laufen sehr sicher. Obwohl diese Roboter teilweise schon erstaunlich behände sind und nutzen bisher nur wenige vierbeinige Roboter Gangartwechsel zur Optimierung von Energieverbrauch und Stabilität. Vor allem aber erreichen sie noch nicht die Vielseitigkeit, über die ihre tierischen Vorbilder verfügen.

Das liegt unter anderem an den Schwierigkeiten der Bewegung auf unbekanntem Untergrund. Wie er sich in einer konkreten Situation bewegen muss, weiß der Laufroboter nicht intuitiv. "Wenn es um den konkreten Bauplan von Laufrobotern geht, insbesondere um die Frage, wie viele Beine verbaut werden sollen, kommt auch meine neueste Studie ins Spiel: Erkenntnisse zur Koordination von Sechsbeinern können nicht unmittelbar auf Vierbeiner übertragen werden – und umgekehrt." erläutert Weihmann.

Um ein dynamisches Modell erfolgreich auf die Maschine zu übertragen, müsse das Beinzusammenspiel vielmehr in Abhängigkeit von der Anzahl der zu koordinierenden Beine exakt beschrieben sein. Das Modell bezieht neben der Beinzahl auch die Art des Energiespeichers mit ein: ob ein Organismus in der Lage ist sich federnd fortzubewegen. Die typischen Auf- und Abbewegungen des Körpers kann man zum Beispiel bei rennenden Menschen oder trabenden Schaben beobachten.

Nicht alle Tiere federn beim Laufen

Dass Fortbewegungsmuster nicht ausschließlich von der Beinzahl abhängen, wird ersichtlich, wenn man eine vierbeinige, langsame Schildkröte mit einem ebenso vierbeinigen, aber blitzschnellen Geparden vergleicht. Dafür sei unter anderem der Unterschied im Energiespeicher beider Tiere verantwortlich: Um sich möglichst energieeffizient fortzubewegen, nutzen viele Tiere wie der Gepard – aber eben nicht die Schildkröte – Strategien zur Rückgewinnung von Bewegungsenergie. Ein Teil der Energie wird hierbei während eines Schrittes in elastischen Strukturen zwischengespeichert und für den nächsten Schritt wiederverwendet. Beim Menschen sind diese elastischen Strukturen beispielsweise die Achillessehne und das Fußgewölbe.

Die Schildkröte verfolgt eine ganz andere Strategie, um energieeffizient voranzukommen; sie tut dies mithilfe sehr langsamer, aber sehr energieeffizienter Bewegungsabläufe zeigen, die denen von Tieren recht nahe kommen, haben sie meist noch einen deutlich höheren Energieverbrauch als Tiere. Auch Muskulatur. Elastische Energiespeicherung spielt dabei keine Rolle. Weihmann: "Langsame Muskelfasern verbrauchen deutlich weniger Kraftstoff als schnelle Muskelfasern. Aber nur schnelle Muskulatur erlaubt auch die Nutzung elastischer Mechanismen." Schildkröten sind also auf ihre eigene Weise sehr energieeffizient, dabei aber nicht gerade schnell.

Je mehr Beine, desto komplizierter wird es

In seiner Einzelstudie an der Schabe und in seiner Modellstudie an den verschiedenfüßigen Tieren zeigte Weihmann ein grundlegendes Prinzip auf: Eine größere Zahl an Beinen behindert die Energierückgewinnung zunehmend. Mehr Beine erfordern dabei eine deutlich stärkere zeitliche Synchronisation. Schon kleine zeitliche Abweichungen verhindern die effiziente Nutzung elastischer Energiespeichermechanismen.

Elastische Bewegungsmuster lassen sich daher nur bei Tieren mit wenigen Laufbeinpaaren beobachten. Dies ist ein wichtiger Impuls für die angewandte Wissenschaft: Energetisch effiziente Gangarten wurden bereits in einer ganzen Reihe zwei- und mehrbeiniger Roboter umgesetzt, doch gerade die Auswirkungen unterschiedlicher Beinzahlen auf den Energiehaushalt wurden bisher noch nicht untersucht. Weihmann: "Die neuen Erkenntnisse liefern eine zusätzliche Basis für eine Fülle neuer neuro-mechanischer Modellierungsansätze, was zu verbesserten Kontrollmechanismen schnell laufender, vielbeiniger Roboter beitragen kann."

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Forschung
news-5068 Wed, 26 Sep 2018 16:43:31 +0200 1993: Die Telefonzentrale der Universität. https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5068&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=88c3970d95f270e14a999d1323630fd9 Hier wurden nicht nur Telefongespräche verbunden. Die Telefonzentrale der Universität. Dort werden seit der Einführung des Telefons Gespräche verbunden, Telefonnummern herausgesucht und Menschen zusammengebracht. Das Foto zeigt (v. l. n. r.): Edith Schneider, Brigitte Schnitzler, Eva Lamberti, Ingeborg Gumpitsch und Hildegunde Zahlmann.

Brigitte Schnitzler arbeitet seit 1980 in der Telefonzentrale. Mittlerweile ist sie die Dienstälteste. Sie erinnert sich an die Aufnahme: "Das Bild muss kurz vor der Verlegung der Zentrale an ihren heutigen Ort entstanden sein, denn das sind noch die Räume, in denen heute die Hausdruckerei ist. Im September 1993 sind wir in die neuen Räume der Fernmeldetechnik umgezogen. Das sind auch noch die alten Pulte, bei denen blinkten Lämpchen, wenn ein Gespräch ankam und wir hatten eine Tastatur, um zu verbinden. 1993 wurde die Telefonzentrale dann auf Bildschirmarbeitsplätze umgerüstet. Die alte Anlage wurde abgebaut, die neue zeitgleich aufgebaut. Das war dann "learning by doing". Gott sei Dank kannten wir damals die meisten Nummern der Professoren und der Verwaltung auswendig. Die Arbeit hat sich in den vergangenen dreißig Jahren geändert. Es gab damals noch Mitarbeiter mit Hausanschluss, die konnten nur im Hause telefonieren. Die musste man dann nach draußen vermitteln."

Markus Joist, Teamleiter Nachrichtentechnik, kümmert sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen um alle Gefahrenmeldeanlagen: Alarmanlagen, Brandmeldeund Videoanlagen, EDV-Verkabelungen – und eben Telefone.

Er fügt hinzu: "Früher gab es zwar auch eine zentrale Nummer, aber nicht so viele Nebenstellen. Die Anrufer wussten oft nicht, wo sie anrufen konnten. Das sind im Moment etwa achteinhalbtausend Nebenstellen. Eigentlich hat sich seit den 1990er Jahren nur die Übertragungstechnik innerhalb der Gerätschaften geändert. Natürlich haben wir in den neuen Anlagen eine Vielzahl von Funktionen. Vielleicht werden davon aber nur drei oder vier Prozent wirklich und regelmäßig genutzt: Anrufannahme, Vermitteln, Weiterleiten."

Wer die alten Schaltpulte der Uni Telefonzentrale sehen will, muss sich nach Frankfurt begeben. Heute steht die Anlage im Deutschen Museum für Kommunikation.

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Damals
news-5029 Wed, 26 Sep 2018 14:17:00 +0200 "Schlechte Lehre ist verschleuderte Lebenszeit" https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5029&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=f35128228239307ce88969446b08edca Interview mit Prof. Jörn Grahl, WiSo-Fakultät, Universitätspreisträger in der Kategorie Lehre & Studium
Jörn Grahl ist Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Sein Forschungsgebiet ist unter anderem die digitale Transformation der Wirtschaft.  Er hat 2017 den Kölner Universitätspreis in der Kategorie Lehre & Studium erhalten.

Herr Professor Grahl, Sie hatten bestimmt auch eine richtig schlechte Vorlesung in Ihrer Studentenzeit?

Oh ja. Ich hatte einen Professor, der gerade ein Buch geschrieben hat. Das Buch war schlimm und bestand nur aus Bullet Points. Das waren 200 Seiten Listen, es hatte kaum Fließtext, es gab kaum Abbildungen, es waren einfach Listen an Listen an Listen, die Vorlesung war genauso. Das war schon heftig.

War das der Anlass es selbst besser zu machen?

Nicht unbedingt. Ich wollte irgendwann weg von den Folien und der Tatsache, dass der Lernfortschritt des Semesters daran gemessen wird, wie weit man mit den Folien durch ist, und nicht der Lernfortschritt der Studierenden.

Warum? Eigener Leidensdruck oder weil die Studierenden unzufrieden waren?

Zu Anfang habe ich die Vorlesungen, wie viele Kollegen, erst unwissend so gemacht und den Missmut der Studierenden ignoriert. Irgendwann wollte ich ihn nicht mehr ignorieren. Ich bin heute überzeugt davon, dass schlechte Lehre verschleuderte Lebenszeit ist – sowohl von mir, der ich vorne stehe, als auch von den Studis, die drinsitzen.

Warum ist Frontallehre und das Entlanghangeln an Folien trotzdem noch weit verbreitet?

In der Berufungspraxis wird gute Lehre leider nicht honoriert. Ich glaube, wenn Sie an den Unis sagen würden, wir berufen jetzt wegen guter Lehre und nicht trotz schlechter Lehre, hätten wir in kurzer Zeit brillante Lehre in Deutschland.

Warum haben Sie sich dann für eine andere Form der Lehre entschieden?

In der Forschung will man exzellent sein und dreht jedes Körnchen 15 Mal um. Aber in der Lehre, die einen großen Teil meiner Arbeitswoche einnimmt, machte ich praktisch minderwertige Dinge. Das war ein großer Widerspruch für mich. Ich wollte mich nicht mehr bewusst dafür entscheiden, mittelmäßige Lehre zu machen, nur damit ich an den anderen Tagen mehr Zeit für Forschung habe. Außerdem ist es erschöpfend, wenn Sie vorne stehen und anderthalb Stunden am Stück Folien ablesen. Wenn Sie versuchen, das aufzulockern und es unterhaltsam zu machen, wird die Lehre nicht unbedingt besser, denn die Studierenden machen immer noch nichts selber. Ich habe dann mit Zentrum für Hochschuldidaktik der Uni gesprochen, um etwas zu verbessern.

Wie unterrichten Sie am liebsten?

Die Studierenden bereiten sich zu Hause vor, lesen die Sachen, bevor sie in den Hörsaal kommen, machen auch schon ein paar Übungen, schauen sich Videos und Papers an. Es gibt zu jedem Thema eine Materialsammlung. Wenn die Studierenden dann ins Seminar kommen, ist das ein Signal für mich, dass die sich zumindest rudimentär vorbereitet haben. Die Vorlesung ist keine Vorlesung mehr. Wir bearbeiten Aufgaben, alleine, in Tandems, in Gruppen. Ich bin eher Experte und Coach, ich laufe von Gruppe zu Gruppe, beantworte Fragen und moderiere. All dies geschieht nach dem Modell des Flipped Classroom.

Gibt es noch Frontalunterricht?

Wenn alles gut läuft, nicht. In der zweiten Vorlesungsreihe habe ich schon null Frontalunterricht mehr gegeben. Das hat für mich dann sehr viel mehr mit dem hohen Anspruch in der Forschung zu tun, denn ich bin nicht mehr Vorleser oder Unterhalter, sondern löse individuelle Lernprobleme. Und die Studis übernehmen die Verantwortung dafür, dass sie etwas lernen, was sie lernen, teilweise auch wann und wo sie arbeiten. Wir malen Poster, die von mir benotet werden, wir visualisieren, wir arbeiten in Gruppen, die Leute bringen sich gegenseitig etwas bei.

Das hört sich sehr fordernd für die Studierenden an?

Ja, die Studis sind manchmal überfordert, aber das ist Absicht. Gleichzeitig lernen sie viel.

Was ist denn zum Beispiel eine Aufgabe, die Sie den Studierenden stellen?

In der Data Science Vorlesung versuchen wir Wissen aus großen Datensätzen zu generieren. In der ersten Vorlesung kommt beispielsweise ein Vertreter eines Unternehmens, wie die Deutsche Fußball Liga, bringt Daten mit und stellt viele komplizierte Aufgaben. Am Anfang können die Studierenden oft noch nicht einmal die Daten einlesen, geschweige denn etwas damit tun. Sie wissen aber, dass am Ende des Semesters Ergebnisse da sein müssen, der Unternehmensvertreter kommt, darüber mit Ihnen reden wird. Das ist ein bisschen so, als ob Sie ein Flugzeug beim Fliegen bauen. Aber es funktioniert - wenn man den Studierenden vertraut und ihnen die Möglichkeit gibt nach ihren eigenen Fähigkeiten und Geschwindigkeiten zu arbeiten.

Was hat die Bundesliga für Daten mitgebracht?

Zum Beispiel tausende journalistische Berichte über Bundesligaspiele, Spieler, Transfers. Die kann man nicht einzeln lesen, man muss sie maschinell verarbeiten. Die Studierenden mussten zum Beispiel analysieren, ob die Stimmung in diesen Texten negativ oder positiv gegenüber Spielern oder Vereinen ist, nach verschiedenen Kriterien.

Also nach bestimmten Stichwörtern scannen?

Man nennt das Sentiment Analysis und Topic Detection. Algorithmen, die aus großen Texten zum Beispiel Menschen oder Objekte finden, Stimmungen aufspüren, die positiv oder negativ sind, die aggressiv oder liebevoll sind. Die Studierenden lernen, wie man von Daten zu Wissen kommt an Beispielen aus der Praxis. Später kommt dann der Chef des Unternehmens und dem müssen sie dann ihre Ergebnisse vorstellen. Jedes Semester kommt ein neuer Praxispartner aus der Wirtschaft.

Die Unternehmen können dabei gleich Talente für sich entdecken?

Ja, sie schauen, wie das Niveau ist. Unternehmen kaufen viel Wissen durch Berater ein, weil zurzeit immer noch zu wenig im Bereich Data Science ausgebildet wird. Sie vergleichen das dann mit dem, was die Wirtschaftsinformatiker an der Uni Köln schon im Studium machen. Da stehen wir sehr gut da.

Hat sich denn durch die veränderte Lehre auch Ihre Zufriedenheit erhöht?

Ja, es macht viel mehr Spaß – auch wenn es auf eine positive Art stressiger ist. Am Anfang sind da 60 Leute, die keine Ahnung haben – das ist nicht böse gemeint, deshalb ist man ja an der Uni – und am Ende unterhalten wir uns darüber, ein klar sichtbarer Lernfortschritt. Das macht einen auch stolz. Deswegen würde ich auch niemals zurück in diese „alte Welt“ der schlechten Lehre.

 

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Studierende
news-5075 Tue, 25 Sep 2018 17:42:00 +0200 Grüne Fassaden gegen Hitze und Feinstaub in der Stadt https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5075&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=b7eb9e0c6bba635c844eabdb217a0f0a Prof. Dr. Hans Georg Edelmann,Institut für Biologiedidaktik hat Werte gemessen Städte sind durch sehr hohe Verkehrsdichten sowie intensive Verbauung gekennzeichnet. Beide Eigenschaften führen neben anderen negativen Effekten (Belastung mit Stickoxid und Kohlendioxid, Städteüberhitzung und vieles mehr) zu einer Konzentrierung von Feinstaubpartikeln, deren gesundheitsschädliche Wirkung in Zusammenhang mit Krebs, Diabetes, Asthma, Herzinfarkt und weiteren Krankheiten wie Demenz diskutiert wird.

Den wenigen freien Grünflächen stehen ein Vielfaches an Asphalt und Beton sowie Dach- und Fassadenflächen gegenüber, die sich im Sommer intensiv aufheizen und im Winter recht schnell auskühlen. Diese nachteiligen Eigenschaften sind bei grünen Fassaden stark reduziert. Leider haben bislang grüne, also mit Kletterpflanzen bewachsene Fassaden, in der Gesellschaft kein gutes Image – zumindest in Deutschland. Viele Menschen sehen sie als Symptom für Vernachlässigung und Verfall von Gebäuden, als mauerschädigend und als betreuungsintensiv. Doch gerade grüne Fassaden helfen gegen die noch stärkere Aufheizung der Städte im Zuge des Klimawandels und die Verschlechterung der Luftqualität – vor allem durch Autoabgase. Typische Fassaden-Kletterpflanzen sind der Efeu (Hedera helix) mit zahlreichen Sorten oder der Wilde Wein (Parthenocissus-Arten). Sie sind sehr anpassungsfähig, vertragen Trockenheit und gedeihen auch an anspruchslosen Standorten.

Unser Team hat Tagestemperaturverläufe von efeubegrünten Fassaden im Vergleich zu "klassischen", verputzten Hausfassaden und die Luftfeuchte über mehrere Wochen aufgezeichnet. Des Weiteren haben wir die Wirkung von Efeu auf die Absorption von Stickoxiden (NOX) und Kohlendioxid (CO2) sowie die Adsorption, also die Bindung und Anreicherung von Stoffen an die Blattflächen, von Feinstaub (PM 2,5) untersucht. Dabei zeigte sich, dass Efeu und andere Kletterpflanzen im Sommer nachhaltig kühlend, im Winter wärmeisolierend auf die Fassadenverhältnisse wirken. Zusätzlich zu seinem Effekt auf die Absorption des Treibhausgases CO2 absorbiert Efeu gesundheitsschädliche Stickoxide und filtriert Feinstaub.

Grüne Fassaden haben eine ganze Reihe vorteilhafter Eigenschaften für das Klima in Städten: sie verbessern das Stadt- und Raumklima, sie reduzieren Überhitzung und Smog, sie produzieren Sauerstoff und sie fördern die Artenvielfalt in der Stadt. Grüne Fassaden sind sicherlich nicht die Lösung für die Feinstaubproblematik in Städten. Aber sie sind ein sinnvoller und nachhaltiger Ansatz, der durch die Bindung von Feinstaub zusammen mit anderen Maßnahmen das Klima verbessern kann – und das nicht nur in Städten.

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Wissenschaft im Alltag
news-5065 Fri, 21 Sep 2018 17:17:04 +0200 Kleine Fächer im Wandel https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5065&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=fa345ab944f28c629b5fcb9011a9aaf2 An der Uni Köln profitieren"Orchideenfächer" von der digitalen Lehre. Betriebswirtschaftslehre, Jura, Informatik. Die Massenfächer an den Universitäten erfreuen sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Doch auch wer sich für altnordische Sprachen oder die Literatur des australischen Outback interessiert, wird an der Uni Köln glücklich. Denn hier profitieren die "Orchideenfächer" von den neuen Möglichkeiten der digitalen Lehre.

Das Institut für Skandinavistik/Fennistik ist klein. Ein Professor für Skandinavistik, eine Professorin für Fennistik, Lektorinnen für Schwedisch, Norwegisch und Finnisch, einige wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Lehrbeauftragte für Dänisch und Isländisch. Keine überfüllten Hörsäle, keine anonymen Klausuren. Man kennt sich, wenn man sich auf den Fluren des Philosophikums oder in der Bibliothek begegnet. In diesem Fach kann man auch an einer großen Universität wie Köln in einem familiären Umfeld studieren. Doch gerade dieser Umstand wurde vor fünf Jahren zu einem Problem: Die Zahl der Studierenden, die sich im Master einschrieben, erfüllten nicht die Erwartungen. Ein wirklich abwechslungsreiches Angebot in der Lehre konnte das kleine Institut nicht bieten. Zu wenig Nachfrage machte es noch schwerer, neue Stellen zu schaffen. Also ließ sich auch das Lehrangebot nicht erweitern – ein Teufelskreis.

E-Learning schafft Vielfalt

Viele sogenannte "Orchideenfächer" – Fächer mit vergleichsweise wenigen Studierenden und vermeintlich geringem praktischen Nutzen – stehen vor ähnlichen Problemen. Doch gerade sie bürgen für Vielfalt in Forschung und Lehre an den Hochschulen. Um nicht wegrationalisiert oder größeren Fachbereichen einverleibt zu werden, müssen sie sich etwas einfallen lassen: 2013 schloss sich das Kölner Institut für Skandinavistik/Fennistik mit ähnlichen Instituten aus ganz Europa zusammen und schuf ein kooperatives E-Master- Programm. Damit konnten alle Beteiligten ihr Lehrangebot erweitern und für die Studierenden attraktiver machen.

E-Master-Programm
Das Programm ist eine kooperative E-Learning-Plattform, zu der sich Lehrende und Studierende aus sieben Instituten in Deutschland und Europa zusammengeschlossen haben. Die Universität zu Köln leitet das Programm und stellt die technische Infrastruktur bereit. Studierende der Partneruniversitäten erhalten einen Gastzugang zu KLIPS. Das E-Master-Programm wurde 2013 – 14 in der Qualitätsverbesserungs-Förderlinie »Innovation in der Lehre« unterstützt, 2014 – 16 aus Qualitätsverbesserungsmitteln der Philosophischen Fakultät.

Marja Järventausta ist Professorin für Fennistik am Institut. Sie ist überzeugt, dass gerade die kleinen Fächer bei der Schaffung eines solchen Netzwerks einen Vorteil haben: "Wir sind eine kleine wissenschaftliche Gemeinschaft. Man kennt sich. Die Kooperation baut auf persönlichen Netzwerken auf und lässt sich so leichter organisieren." Ihr Kollege Stephan Michael Schröder, der am Institut die Skandinavistik und die nordische Philologie vertritt, sieht das ähnlich: "Die Institute an anderen Hochschulen haben ja die gleichen Probleme. Da findet man schnell Mitstreiter für so ein Projekt."

Mit einer Startfinanzierung des Prorektorats für Studium und Lehre und der Philosophischen Fakultät schuf das Institut 2013 zwei Stellen, um das Netzwerk an der Uni Köln aufzubauen. Das E-Master-Programm funktioniert wie eine Tauschbörse: Wer sich beteiligen möchte, steuert mindestens eine Lehrveranstaltung bei und kann sich danach aus dem Pool der vorhandenen Vorlesungen und Seminare bedienen. Doch viele formelle Hürden machten den Start des Programms nicht so glatt, wie anfangs erhofft: Es mussten individuelle Kooperationsverträge ausgehandelt werden, damit die Hochschulen in den europäischen Partnerländern die Studienleistungen aus dem E-Master auch anerkennen.Jeder Studiengang hat eine eigene Akkreditierung und eigene Vorgaben, die berücksichtigt werden müssen. 

Doch heute können Studierende in den regulären Masterstudiengängen des Instituts an digitalen Lehrveranstaltungen der Universitäten (in Straßburg, Turku, Kopenhagen, Berlin, Frankfurt/Main und Münster) teilnehmen: Seminare zu finnischer Literatur von der Universität Turku oder zur Rechtskultur im isländischen Mittelalter von der Universität Kopenhagen. Dabei genießen sie alle Vorteile, die digitale Lehre zu bieten hat: zeitliche Flexibilität, didaktische und sprachliche Vielfalt sowie eine Wiederholung des Stoffs per Mausklick.

Ein Mehraufwand, der sich auszahlt

2013 war der Enthusiasmus für die neuen digitalen Lehrformate groß. Kommerzielle Plattformen für sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses) wie Coursera und Udacity erlebten einen Höhenflug, amerikanische Eliteuniversitäten wie Harvard und Stanford arbeiteten mit Hochdruck an der Entwicklung eigener digitaler Plattformen. Heute bieten viele Universitäten im angelsächsischen Raum digitale Lehrveranstaltungen von hoher Qualität an – entweder in Kooperation mit kommerziellen Anbietern oder finanziert durch hohe Studiengebühren.

Jan Eden leitet den Bereich "Digitales Studium" am Prorektorat für Lehre und Studium der Uni Köln. Ein digitales Lehrangebot auf dem Niveau der amerikanischen und britischen Eliteuniversitäten ist an deutschen Universitäten kaum zu realisieren, glaubt er. Aber das muss auch nicht sein: In den USA konzentrieren sich die Mittel bei wenigen, renommierten Hochschulen, während die Universitäten in Deutschland dank der staatlichen Grundfinanzierung an vielen Standorten gute Lehre anbieten. "Gerade beim Thema digitales Studium sollte Deutschland darauf achten, dass die Qualität der gesamten Bildungslandschaft erhalten bleibt – auch wenn die Entwicklung dadurch etwas länger dauert", sagt Eden.

Projekte wie das E-Master-Programm Skandinavistik/Fennistik, die engagierte Lehrende mit geringen Mitteln und viel Herzblut betreiben, unterstützt das Prorektorat nach Möglichkeit – mit finanziellen Mitteln, aber auch organisatorisch. Denn mit der reinen Übertragung eines Vortrags aus dem Präsenzstudium in ein digitales Format ist es nicht getan. Die Konzipierung digitaler Lehre ist aufwendig und erfordert besondere didaktische Kompetenzen.

Auf Landesebene arbeitet Eden im Rahmen der Hochschulkooperation Digitale Hochschule NRW mit an der Klärung grundlegender Rechtsfragen: Wie kann digitale Lehre auf das an klassischer Präsenzlehre orientierte Lehrdeputat angerechnet werden? Wie lassen sich digitale Lehrmaterialien als "Open Educational Resources" gemeinsam nutzen und weiterentwickeln? Und wie können die Universitäten im "E-Assessment" den Lernerfolg bei digitalen Formaten überprüfen? Diese Fragen sind – nicht nur an der Uni Köln – noch weitgehend ungeklärt.

Digitale Hochschule NRW
Seit 2016 arbeiten Hochschulen in NRW an einer gemeinsamen Strategie für digitale Lehre und Forschung. Die vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung unterstützte Plattform entwickelt die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen und unterstützt ein hochschulübergreifendes Vorgehen beim Forschungsdatenmanagement.

Um interessierten  Hochschullehrerinnen und -lehrern den Einstieg in die digitale Lehre zu erleichtern, hat die Uni Köln den Fachausschuss "Digitale Lehre" eingerichtet. Er trägt Erfahrungswerte zusammen und berät das Rektorat bei Förderanträgen und Lehrkonzepten. So müssen Fächer, die in die digitale Lehre einsteigen wollen, das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. "Wir möchten gerne, dass erfolgreiche Beispiele wie das E-Master-Programm Skandinavistik/Fennistik Schule machen", sagt Eden.

Den Klimawandel neu verstehen

Das Erfolgsmodell hat sich bereits herumgesprochen. Professorin Dr. Beate Neumeier, Expertin für die Literatur Indigener Autorinnen und Autoren Australiens am Englischen Seminar I, und Professorin Dr. Dany Adone, die am Seminar die Linguistik vertritt und zu den Indigenen Sprachen Australiens forscht, gründeten 2017 das Centre for Australian Studies an der Uni Köln. Auch der Lehrstuhl von Professor Dr. Boris Braun vom Geographischen Institut ist beteiligt. Die Australienstudien sind zwar kein klassisches Orchideenfach, aber ein regionaler Schwerpunkt innerhalb mehrerer Fächer wie Sprachwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft, Anthropologie sowie der Geographie, Biologie und Geschichte.

"Keine Universität in Deutschland kann interdisziplinäre Australienstudien auf Dauer alleine anbieten", sagt Beate Neumeier. "Das können wir nur durch Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern aus unterschiedlichen Fachbereichen." Das war eine starke Motivation für die Kölnerinnen, eine Netzwerkinitiative zur Entwicklung eines Onlineprogramms zu starten. Seither hat das Team mit Partneruniversitäten ein eigenes Repertoire an digitalen Lehrveranstaltungen entwickelt: das Netzwerk "Australien Studies Online".

Dabei konnten Neumeier und Adone auf viele Vorarbeiten des E-Master-Programms Skandinavistik/ Fennistik zurückgreifen, beispielsweise die Verträge mit den Partnerhochschulen. Kooperationspartner sind bislang die Universitäten in Bonn, Düsseldorf, Heidelberg, Stuttgart und Trier, wo inzwischen auch die in Köln entwickelte Online-Vorlesung "Introduction to Australian Studies: Transdisciplinary Perspectives" angeboten wird. Im Sommersemester 2018 startete zudem das erste Online-Seminar zum Thema "Introduction to the Languages of Australia". Auch hier beruht Vieles auf dem Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den beiden Lehrstühlen: Ein Doktorand und eine Postdoktorandin koordinieren das Netzwerk und steuern eigene Lehrveranstaltungen bei. Für die Australienstudien war es wichtig, das Lehrangebot durch digitale Formate nicht nur zu verbreitern, sondern einen echten Mehrwert zu schaffen.

Studierende für die Australienstudien zu begeistern, die in ihrem Studium bisher noch keine oder nur wenig Berührung damit hatten – das hoffen Dany Adone und Beate Neumeier zu erreichen. Den Initiatorinnen ist dabei besonders wichtig, die Inter- und Transdiziplinarität der Australienstudien sichtbar zu machen. Wie gut das in digitalen Formaten gelingen kann, zeigt das Beispiel des Themas Klimawandel. "Viele Bezüge auf Fauna und Flora in australischen Romanen setzen Kenntnisse der Biologie voraus – etwa über bedrohte oder invasive Arten. Von Studierenden haben wir die Rückmeldung bekommen, dass der Beitrag einer Biologin in der Online-Vorlesung ihr Verständnis bestimmter Romane entscheidend erweitert hat", sagt Neumeier. Durch Hinweise in den digitalen Diskussionen und Foren auf solche Verbindungen zwischen Literatur und Biologie können die Studierenden in ihren eigenen Fächern neue Inhalte erschließen. Ob eine reine Präsenzveranstaltung das in diesem Ausmaß ermöglicht hätte, ist fraglich.

Finanzierung nicht gesichert

Um dauerhaft ein komplementäres Angebot zum Präsenzstudium schaffen zu können, wünschen sich die Enthusiasten am Institut für Skandinavistik/Fennistik und am Centre for Australian Studies eine gesicherte Finanzierung. Stephan Michael Schröder und Marja Järventausta freuen sich zwar, dass die Zahl der Masterstudierenden in der Skandinavistik und Fennistik gestiegen ist.

Trotzdem blicken sie in eine ungewisse Zukunft, denn die Weiterfinanzierung ab dem Wintersemester 2018/19 ist noch nicht gesichert. Die an den "Australian Studies Online" beteiligten Lehrstühle finanzieren das Projekt bisher aus eigenen Mitteln. Die Erstellung der einführenden Online- Vorlesung wurde zusätzlich von der Deutschen Gesellschaft für Australienstudien gefördert. Über eine weitere finanzielle Ausstattung verfügen sie derzeit jedoch nicht. In Zukunft könnten Fellowships für digitale Lehre des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft den Fortbestand derartiger Projekte sichern.

Für die "Australian Studies Online" wurde bereits ein entsprechender Antrat gestellt – unterstützt vom Prorektorat für Lehre und Studium. Unabhängig von den Möglichkeiten der Drittmittelfinanzierung möchte Jan Eden jedoch eines klarstellen: "Was die vielen engagierten Lehrkräfte für innovative und gute Lehre leisten, darf nicht dauerhaft ihr Privatvergnügen bleiben. Es wird von der Universität begrüßt und gefördert."

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Studierende
news-5064 Fri, 21 Sep 2018 17:03:51 +0200 Der abrupte Untergang einer Hochkultur https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5064&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=262b6b31d7284d7cf2cce8b7a25d4df8 Kölner Seismologe widerlegt gängige Begründung für den Untergang der mykenischen Kultur Die mykenischen Städte Griechenlands gingen im 12. Jahrhundert vor Christus plötzlich unter. Warum, ist bis heute unklar. Ein Kölner Seismologe und ein Heidelberger Archäologe haben eine gängige Begründung widerlegt.

Ein Stoß – die Erde bebt im bronzezeitlichen Tiryns am argolischen Golf. Die imposanten Mauern des Palastes wanken. Eine Gruppe von Terracottafiguren auf einer Steinbank hüpft, sie taumeln wie Bowling-Kegel, die getroffen wurden. Einige der Figuren bewegen sich auf den Rand des Tisches zu, fallen auf den Boden und zerspringen. Stopp. Das gleiche Bild: Die Terracottafiguren wackeln, hüpfen und fallen. Doch diesmal bewegen sie sich ein bisschen anders, sie fallen anders. Stopp. Professor Dr. Klaus-Günter Hinzen spult mit der Fernbedienung die Simulation eines Erdbebens auf dem großen Bildschirm in der Erdbebenwarte in Bensberg bei Köln ab.

Tiryns
Die antike Stadt auf dem Peloponnes war seit der Jungsteinzeit besiedelt und gehörte in der Bronzezeit zu den wichtigsten Zentren Europas. Schon der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann führte hier im späten 19. Jahrhundert Ausgrabungen durch.

Was passiert mit antiken Figuren, wenn Erdbeben verschiedener Stärke auf sie einwirken? Viele tausend Mal haben der Kölner Geophysiker und Seismologe und sein Team die Figuren taumeln lassen, viele tausende von Daten mussten sie in das Computermodell eingeben. "Man hat in den 1970er Jahren in einem Raum des mykenischen Palastes im griechischen Tiryns Terracottafiguren und -vasen gefunden, die zerbrochen auf dem Boden lagen", sagt Hinzen, während er die Simulation erneut abspielt. "Die alte These war, dass diese Artefakte durch ein Erdbeben von einer steinernen Bank heruntergefallen seien." Hinzen schüttelt den Kopf: "Nach unseren Simulationen ist das sehr unwahrscheinlich." Die Figuren wurden zu weit entfernt vom Tisch gefunden, ihr Muster auf dem Boden stimmt nicht mit denen in der Simulation überein.

Antiken Erdbeben auf der Spur

Hinzen leitet die Erdbebenwarte Bensberg. Dort überwachen er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Aktivität des rheinischen Untergrunds. Wann immer es zwischen Eifel und Ruhrgebiet in der Erdkruste rumpelt, haben eine Leute das Ohr am Geschehen: Ort, Tiefe, Stärke. Dafür haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Messgeräte über das ganze Rheinland verteilt, in den Türmen des Kölner Doms genauso wie in der Eifel.

Doch neben dieser Überwachungsarbeit übernehmen die Seismologen auch Forschungsaufträge aus aller Welt. Archäo-Seismologie ist ein Bereich der Erdbebenforschung, der die Einwirkungen von Beben auf menschliche Bauten vor vielen Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden studieren. Dabei analysieren sie die Folgen der Beben: Verwerfungen der Erdschichten oder Zerstörungsmuster der Mauern. Die sind nämlich typisch für Erdbeben. So kamen Hinzen und sein Team an den Forschungsauftrag auf der Peloponnes.

Wo einst Perseus herrschte

Wo heute deutsche Pauschaltouristen zum Urlaub hinfliegen, lag einst die erste Hochkultur auf griechischem Boden. Auf der ganzen Peloponnes finden Archäologen die Ruinen der sogenannten mykenischen Kultur: Korinth, Tiryns, Midea und eben Mykene. Zyklopen sollen der griechischen Sage zufolge die wuchtigen Mauern des Palastes von Tiryns errichtet haben. Der griechische Sagenheld Perseus herrschte hier mit seiner Gattin Andromeda, nachdem er sie mit Hilfe einer Wunderwaffe vom Meeresungeheuer Ketos errettet hatte: das Haupt der Gorgone Medusa, das jeden, der es anschaut, in Stein verwandelt.

Doch die Wirklichkeit ist nicht weniger fantastisch: Von mächtigen Palästen aus herrschten hier Fürsten über Städte und Länder, sie führten Kriege, leiteten eine ausgedehnte Verwaltung und pflegten die Schriftkultur. Vom 16. Jahrhundert vor Christus bis zum 12. Jahrhundert blühten die Fürstentümer der mykenischen Kultur, sie trieben Handel mit allen Mächten des Mittelmeerraumes und des Orients: Die Hethiter in Anatolien kannten die Griechen als Achijawa (Achäer), selbst die ägyptischen Pharaonen wussten von den Städten und Palästen jenseits des Meeres. Doch dann war plötzlich Schluss. Um 1190 vor Christus bricht die Kultur zusammen. Die Paläste werden verlassen, es lassen sich Zerstörungen nachweisen. Etwa ein Jahrhundert noch finden sich Belege für eine Nutzung der Städte auf niedrigerem kulturellen Niveau. Dann findet auch dieses Nachglühen einer Hochkultur sein Ende.

Was führte zum plötzlichen Ende der mykenischen Kultur? Waren es die eindringenden Stämme dorischer Griechen, die später Sparta gründeten? Waren es wirtschaftliche Probleme, die den Kreislauf des Metallhandels unterbrachen? Oder zerstörte eine Reihe von Erdbeben die blühende Kultur und löschten sie aus? In der Ägäis stoßen die afrikanische und die eurasische Kontinentalplatte aneinander. Erdbeben sind in Griechenland nicht selten. Desaströse Erdbeben und Tsunamis sind aus historischer Zeit in Griechenland bezeugt: 426 vor Christus bebte die Erde in Euböa und zerstörte die Stadt Orobiai, 373 vor Christus ging die Stadt Helike am Golf von Korinth durch Erdbeben und Tsunami unter. Viele Archäologen und Archäologinnen erwogen deswegen, dass ein Mega-Erdbeben oder ein "Erdbebensturm" am Ende der Bronzezeit die Paläste zerstört haben könnte. Eine zuerst also nicht unplausible Theorie.

Untergang: ja – aber nicht durch Erdbeben

Nach seinen Untersuchungen sieht Hinzen das kritisch: "Für diese Hypothese konnten wir in den mykenischen Städten Tiryns und Midea keine Belege finden", sagt der Geophysiker. Seit 2012 erforschen die Kölner Archäo-Seismologen die mykenischen Zitadellen Tiryns und Midea gemeinsam mit dem Archäologen Professor Dr. Joseph Maran von der Universität Heidelberg im Rahmen des Projektes HERACLES. Hinzen untersuchte mit seinem Team Tiryns und Midea in der Argolis im Nordosten der Peloponnes, wo auch Mykene liegt.

Joseph Maran arbeitet seit Jahrzehnten an den Ausgrabungen in Tiryns und anderen mykenischen Städten. Für ihn war es wichtig, Klarheit über die faktische Beweislage zu bekommen. Von 2012 bis 2013 untersuchte das Team die lokale Geologie der Orte, ihre Lage in den Erdbebenzonen Griechenlands und die vermeintlichen Erdbebenschäden in den Grabungen vor Ort. Sie sammelten Daten und modellierten, wie sich Erdbeben in Tiryns und Midea ausgewirkt hätten.

Die Forscher und Forscherinnen setzten eine Reihe von geophysikalischen Messverfahren ein: aktive und passive Seismik, refraktionsseismische Messungen und Array-Messungen mit Seismometern. Ein dreiviertel Jahr lang wurden zehn Messstationen betrieben, die kleinere Erdbeben registrierten, die es in Griechenland immer wieder gibt. Hinzu kamen gravimetrische Messungen des Erdschwerefeldes. Mit den gewonnenen Daten berechneten sie die Standorteffekte während eines Erdbebens. "Das war die Grundlage, um zu prüfen, ob es in Tiryns oder Midea ungewöhnliche Bodenverstärkungen bei Erdbeben gibt", so Hinzen. Die Zitadellen von Tiryns und Midea sind beide auf Bergrücken errichtet worden. Die Oberstadt von Tiryns steht auf einem Kalkgesteinsrücken, die umgebende  Unterstadt hingegen auf lockeren Sedimenten. "Die Standorteffekte bei Erdbeben sind auf den Sedimenten sehr viel stärker. Bei einem Erdbeben würde man erwarten, dass als erstes die Unterstadt leidet und nicht der Palast", sagt Hinzen. Gerade in der Unterstadt ist aber kein Schaden nachgewiesen. Alles, was bisher als Erdbebenschaden angesehen wurde, lag im Palastbereich. "Wir haben festgestellt, dass ein Großteil dieser beschriebenen Schäden im Palastbereich nicht als Erdbebenschaden interpretiert werden kann."

Verfall, Aufstand der Eroberung?

Zum Teil handelte es sich stattdessen um langsamen Verfall im Laufe der Jahrhunderte oder um Fehlinterpretationen von Befunden. Hinzen und sein Team schauten sich die Verteilung der Bruchstücke, so wie sie gefunden wurden, an. "Mehrere tausend Modellrechnungen in einer Computersimulation zeigten, dass ein Erdbeben hier als Ursache kaum in Frage kommt." Zum Beispiel bei den Terracottafiguren aus einem Raum in Tiryns.

Auch die grundsätzliche Erdbebengefahr in der östlichen Peloponnes betrachteten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anhand von Simulationen. "An sich ist diese Gegend für griechische Verhältnisse relativ ruhig. Wenn überhaupt, so kämen für ausgedehnte Zerstörungen in Tiryns nur lokale Erdbebenherde in der Argolis in Frage. Für solche Beben gibt es aber bisher keine Nachweise", erklärt der Kölner Archäoseismologe.

Der Ball ist nun wieder in der Spielhälfte der Archäologen. Eindeutig belegen lässt sich nur, dass der Untergang der mykenischen Hochkultur kein singuläres Ereignis war. Gleichzeitig mit dem Fall Mykenes geht das Hethitische Großreich in Kleinasien unter, Städte in der Levante werden zerstört und die Herrscher Ägyptens müssen sich des Einfalls der "Seevölker" erwehren. Ob diese Invasoren auch etwas mit dem Untergang von Tiryns zu tun haben, muss nun geklärt werden. Die Erdbebenhypothese scheidet aus: "Die neuen Ergebnisse lassen bezweifeln, dass Tiryns und Midea Opfer eines "Erdbebensturms" am Ende der Bronzezeit wurden, resümiert Hinzen. 

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Forschung
news-5063 Fri, 21 Sep 2018 16:54:13 +0200 "Scheitern gehört dazu" https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5063&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=5cc73b3e192cd72f0c4b0c4a9b368036 Interview mit Köln-Alumnus Marco Zingler Leiter der Digitalagentur denkwerk Herr Zingler, Sie sind Geisteswissenschaftler. Wie kam es dazu, dass Sie Geschäftsführer einer der führenden Digitalagenturen Deutschlands wurden?
Ich war immer neugierig und mich hat alles Mögliche interessiert. Ich habe in Köln Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studiert. Eigentlich hatte ich eine Karriere in der Wissenschaft angepeilt und wollte Professor für Neuere Geschichte werden. Aber dann kam es doch ganz anders, als ein paar Bekannte eine Internet-Agentur gründeten und fragten, ob ich ihnen nicht dabei helfen könne. Da habe ich gesagt: "Okay, ich mache das mal für sechs Wochen." Ich hatte überhaupt nicht die Absicht, die Wissenschaft aufzugeben. Als die sechs Wochen vorbei waren, habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit total Spaß gemacht hat, weil ich hier meine unterschiedlichen Talente einbringen konnte. Das ist jetzt ziemlich genau 20 Jahre her.

Aber um ein Unternehmen zu gründen und zu führen, braucht man doch einige Skills, die im Geschichtsstudium nicht unbedingt vermittelt werden?
Zu meiner Zeit waren Start-Ups in deutschen Unis überhaupt kein Thema – in keiner Fakultät. Ich bin überzeugt, dass es im Wesentlichen eine Persönlichkeitsfrage ist, ob jemand ein fähiger Unternehmer wird oder nicht – gerade in kreativen und innovativen Branchen. Ich bringe in meine Arbeit ja ganz entscheidend mich selbst, meine eigene Persönlichkeit ein. Viel wichtiger als das Studienfach ist es, eigene Ideen zu haben, kreativ und innovativ zu denken und den Mut und die Bereitschaft mitzubringen, die Ideen auch zu realisieren. Selbstdisziplin, Leidenschaft und Durchsetzungskraft – das macht Unternehmer aus. Als es seinerzeit mit der Agenturarbeit losging, hatten meine Freunde und ich ehrlich gesagt noch wenig Erfahrung mit Finanzen und Kostenkalkulationen – erstaunlicherweise auch nicht die Betriebswirte. Da habe ich mir gesagt: "Okay, dann müssen wir das eben jetzt lernen. Ich schaue mal, wie das funktioniert." Und, ehrlich gesagt, es war keine Raketenwissenschaft. 

Was konnten Sie aus Ihrem Studium in die Unternehmenswelt mitnehmen?
Als Historiker lernt man, analytisch zu denken. Man schaut sich eine Situation an und analysiert, wieso es dazu gekommen ist, welche Faktoren dabei eine Rolle spielten und welches Zusammenspiel von Ereignissen zu einer bestimmten Situation geführt hat. Dieses Denken habe ich auf jeden Fall in meinen jetzigen Beruf übernommen. Es fällt mir leicht, Herausforderungen und Problemstellungen zu verstehen, die mir in Kundenprojekten begegnen.

Sie forschen im Haus. Wie wichtig ist es, in einem Unternehmen auch kreative Freiräume zuzulassen?
Wir haben ein Virtual-Reality-Labor und eine Werkstatt, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Prototypen anfertigen oder an Ideen für neue digitale Produkte basteln. Wir haben zum Beispiel den "Skarv" entwickelt, einen interaktiven Schal, mit dem sich Botschaften auf die Haut übermitteln lassen. Mittels kleinster eingearbeiteter Vibrationsmotoren kann der Schalträger die Botschaften am Körper spüren. Das ist sozusagen ein "Social Wearable". Wenn wir so etwas entwickeln, wissen wir vorher nicht unbedingt, ob das Produkt auch in die große Produktion geht. Aber es ist uns wichtig, Ideen selbst umzusetzen und auszuprobieren. Nur so entstehen Innovationen.

Mit dem "Summer of Thinx" bieten Sie ein Sommerstipendium für Studierende an. Was hat es mit diesem Programm auf sich?
Der "Summer of Thinx" ist ein bezahltes Praktikum, das sich an Studierende und junge Kreative aus der ganzen Welt richtet. Drei Personen können gemeinsam mit einem denkwerk-Team in einem Sommer-Workshop ein Projekt von der ersten Idee bis zum fertigen Prototyp entwickeln. Dafür steht auch ein Labor mit 3D-Druckern, allerhand Werkzeugen und Materialien zur Verfügung. In den letzten Jahren sind spannende Dinge wie zum Beispiel der Skarv oder ein Telefon, das die Emotionen der Gesprächspartner abbildet, dabei herausgekommen.

Nun ist das Unternehmertum nicht immer Eitel Sonnenschein. Sie haben auf der Kölner FuckUp-Night erzählt, wie man mit Rückschlägen umgehen muss.
Oh ja, bei der Veranstaltung habe ich bewusst von unseren frühen Anfängen Ende der 1990er Jahre erzählt. Wir hatten damals neben der Agentur die Idee eines sozialen Netzwerks namens "oneview", entwickelt zu einer Zeit, als von Facebook oder Instagram noch gar keine Rede war. Die Idee war klasse, wir haben einige internationale Auszeichnungen gewonnen, und Investoren, die uns dafür viel Geld zur Verfügung stellten, waren schnell gefunden. Allerdings fühlten wir uns am Anfang unserer Karriere von der technischen Realisierung des Produkts überfordert und haben das an eine externe, mittelständische IT-Firma weitergegeben. Wir wollten "oneview" dann bei der CeBit vorstellen und hatten sogar schon mehrere Stände gebucht. Kurz vor der Messe stellte sich heraus, dass die externe Firma nicht ansatzweise fertig war. Wir hatten also nichts, wirklich gar nichts, was wir auf der CeBit zeigen konnten. Wir standen dann auf dieser riesigen internationalen Messe herum und mussten den Leuten erzählen, dass wir Ihnen leider überhaupt nichts zeigen können. Das war ein großer Verlust von Geld und Ansehen bei unseren Partnern. Unser Frust war entsprechend groß.

Kann solch ein gescheitertes Projekt denn für einen Unternehmer lehrreich sein?
Fast jeder Gründer kommt mal an so einen Punkt, an dem ein Projekt völlig schiefgeht. Das gehört absolut dazu. Das Wichtige ist, dass man sich davon nicht unterkriegen lässt. Das zahlt sich am Ende fast immer aus. Genau das würde ich auch jungen Unternehmerinnen und Unternehmern oder Leuten, die überlegen zu gründen, mit auf den Weg geben: Seid mutig und bleibt auch bei Rückschlägen fokussiert und leidenschaftlich für eurer "Baby". In diesen Situationen trennt sich die Spreu vom Weizen.

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Alumni
news-5061 Fri, 21 Sep 2018 16:32:37 +0200 Hilfe, die schadet https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5061&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=43126d994492734f5b3ff4c586827287 Gutes tun im Urlaub: Ein neuer Trend mit Tücken - Tipps für Reisende Im Urlaub freuen sich viele Menschen auf Erholung mit Sommer, Sonne und Strand. Es gibt aber auch immer häufiger den Wunsch, im Urlaub aktiv hilfreich und gut zu sein. Über das mitunter zweifelhafte Geschäft mit dem Trend des Voluntourismus sprechen wir mit Benjamin Haas vom Lehrstuhl für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung.

Herr Haas, wie kann ich im Urlaub Gutes tun?
Eine der beliebtesten Möglichkeiten ist, für den Urlaub nicht nur ein Hotel oder eine Unterkunft zu buchen, sondern sich auch noch ein bis zwei Wochen, manchmal auch ein bis zwei Monate, in Sozialprojekten im Ausland zu  engagieren. Ausland heißt meistens Lateinamerika, Asien oder Afrika, also in sogenannten Entwicklungsländern. Sehr beliebt ist dabei bei jungen Menschen, sich mit Kindern oder Jugendlichen zu beschäftigen – entweder in Kinderheimen oder anderen Projekten mit Jugendlichen.

Und im Naturschutz?
Der zweite große Bereich sind Naturschutzprojekte, Artenschutz, Vielfaltschutz oder Klimawandel. Recyclingprojekte sind auch sehr beliebt, zum Beispiel in Costa Rica dabei zu helfen, den Regenwald von Müll zu befreien oder  Schildkröten am Strand zu schützen. Es gibt in Deutschland zahlreiche Anbieter, die einen an diese Projekte vermitteln. Es gibt aber auch Individualreisende, die den Rucksack packen und vor Ort schauen, wo sie sich informell engagieren können. Viele Projekte machen in Hostels oder Hotels Werbung dafür, bei ihnen mitzumachen. Dies kann manchmal gegen freie Kost und Logis geschehen, häufig muss der oder die Freiwillige dafür jedoch auch bezahlen.

Ist das neu?
Sich im Ausland zu engagieren im Rahmen von lang angelegten Freiwilligeneinsätzen, das hat in Deutschland eine lange Tradition. Seit ungefähr zehn Jahren geht der Trend hin zu immer kürzeren Aufenthalten. Diese werden im Unterschied zu Freiwilligendiensten nicht mehr nur von gemeinnützigen, sondern auch von profitorientierten Unternehmen organisiert. Der sogenannte Voluntourismus, also die Verbindung von Volunteering und Tourismus ist mittlerweile innerhalb des Tourismus der schnellst wachsende Untersektor. Der Reisekonzern TUI hat zum Beispiel eine eigene Voluntourismusmarke eingeführt, und auch viele andere Reiseanbieter nehmen Angebote in diesem Bereich in ihr Programm auf. Daneben gibt es zahlreiche Anbieter, die sich ausschließlich auf Voluntourismus-Reisen spezialisiert haben. Entstanden ist der Trend aus dem Ökotourismus, also dem nachhaltigen, sozialverantwortlichen Reisen.

Früher nannte man das ehrenamtliches Engagement?
Der Einsatz der Freiwilligen ist zwar eine besondere Art des gut gemeinten Engagements, man muss den Voluntourismus jedoch klar von anderen Engagementformen abgrenzen. Vor allem dann, wenn er über profitorientierten Unternehmen angeboten wird und keine reine zivilgesellschaftliche Engagementform ist. Beim Voluntourismus wird Engagement – und damit auch das Gefühl etwas Gutes zu tun – zu einer Ware, die man kaufen kann. Diese Formen basieren auf anderen Logiken als klassisches ehrenamtliches Engagement, sie haben ein ganz anderes Wertefundament.

Wer verbringt so seinen Urlaub?
Die Hauptzielgruppe sind junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, sei es nach dem Abitur oder während und nach dem Studium. Sie kommen meistens aus einer eher sehr zahlungskräftigen Mittelschicht, denn die meisten Reiseanbieter verlangen sehr viel Geld für die Vermittlung dieses Engagements im Ausland. Es zeigt sich, dass von diesem Geld allerdings sehr wenig bei den Projekten vor Ort ankommt. Daneben gibt es auch immer mehr Menschen und Berufstätige über 30 Jahre, die sich im Rahmen von sogenannten "Sabbaticals" auf diese Weise im Ausland engagieren möchten.

Was ist an der Form des Reisens und Helfens kritikwürdig?
Der Trend bringt einige Probleme mit sich. Normalerweise ist Engagement zivilgesellschaftlich organisiert von Nichtregierungsorganisationen. Durch den Trend des Voluntourismus kommen aber Anbieter auf den Markt, die sich eigentlich mit Engagement, mit Entwicklungspolitik, mit sozialen Projekten, mit Kinderheimen oder Naturschutz überhaupt nicht auskennen und hier einfach als "Serviceprovider" auftreten. Das soll nicht heißen, dass alle zivilgesellschaftlichen Organisationen gute Arbeit machen und alle anderen schlechte. Aber mit dem Eintreten von Marktlogiken in den Engagementsektor verändern sich auch die Ansprüche der jungen Menschen. Sie sind eben nicht mehr nur Ehrenamtliche, sondern nehmen auch die Rolle der Kunden ein, deren Wünschen entsprochen werden soll. Dabei stehen dann oft die Engagierten viel stärker im Fokus als die Empfänger der vermeintlichen Hilfe. Studien zeigen, dass gerade in Kurzzeitformaten Eigeninteresse, der positive Effekt auf den Lebenslauf und das eigene gute Gefühl im Vordergrund stehen und nicht so sehr das soziale Engagement.

Wie zeigt sich das Eigeninteresse?
Es wird zum Beispiel sehr wenig reflektiert, dass der CO2-Ausstoß enorm ist, um etwa nach Costa Rica in den Urlaub zu fliegen, um dann wiederum an einem Naturschutzprojekt oder in einem Kinderheim zu arbeiten. Man fühlt sich toll, weil man scheinbar verantwortlich handelt, blendet aber die Folgen für das Klima aus.

Wie zeigt sich das Eigeninteresse?
Es wird zum Beispiel sehr wenig reflektiert, dass der CO2-Ausstoß enorm ist, um etwa nach Costa Rica in den Urlaub zu fliegen, um dann wiederum an einem Naturschutzprojekt oder in einem Kinderheim zu arbeiten. Man fühlt sich toll, weil man scheinbar verantwortlich handelt, blendet aber die Folgen für das Klima aus.

Das klingt so, als ob die Voluntouristen den Kindern einen Bärendienst erweisen?
Ja, in Ländern wie Kambodscha oder Bangladesch wurde nachgewiesen, dass es sozusagen zu wenige Waisenkinder für die große Nachfrage von Volontouristen gibt. In diesen Fällen ist eine ganze Industrie entstanden, die Menschenhandel begünstigt: Unter fadenscheinigen Gründen werden Kinder aus Familien genommen, Familien erhalten Geld für ihre Kinder, damit mehr Kinderheime geschaffen werden können, um die Nachfrage aus dem globalen Norden nach guten Taten zu bedienen. Aus meiner Sicht ist es absolut widersprüchlich und fast schon zynisch, dass hier Armut oder Missstände produziert werden, damit weiße reiche Menschen die Möglichkeit haben, sich gut zu fühlen.

Das klingt so, als plädierten Sie dafür, solche Projekte zu unterbinden?
Projekte mit Kindern und Jugendlichen sind aus meiner Sicht in so kurzen Zeitspannen ethisch tatsächlich nicht vertretbar. Hier sind schon mindestens sechs Monate angesagt. Wir haben darüber hinaus gemerkt, dass sich gerade Reiseanbieter sehr wenig mit Qualitätsstandards im Engagementbereich auseinandersetzen. Freiwilligenorganisationen, die sich seit 40 oder 50 Jahren mit zivilgesellschaftlichem Engagement im Ausland beschäftigen, befassen sich auch mit Kindesschutz und anderen wichtigen Themen, beispielsweise, wie sie Freiwillige gut auswählen können, und wer zu welchem Projekten auch passt. Voluntourismus-Dienstleister beschäftigen sich mit diesen Fragen jedoch kaum. Hier entscheiden die zahlenden Kunden.

Wenn man einfach im Reisebüro oder online einen Aufenthalt im Kinderheim in Bangladesch buchen kann, stellt sich auch die Frage, ob jemand kontrolliert, inwieweit der Volunteer integer ist - oder ob er vielleicht eine kriminelle Vergangenheit hat. 
Ja, vor dem Hintergrund des Kinderschutzes sind diese Einsätze ohne eine Auswahl und Vorbereitung sehr problematisch.

Ist denn alles schlecht am Voluntourismus?
Ich habe in unserem Gespräch insbesondere die Gefahren und Probleme in den Vordergrund gerückt. Die Einsätze sollten nicht komplett verteufelt oder verurteilt werden, es gibt viele gute Projekte, wo man sich auch sinnvoll in wenigen Wochen einsetzen kann. Ich möchte jedoch dafür sensibilisieren, sich die Anbieter genau anzuschauen und nachzufragen, wo das Geld hingeht: Wieviel Geld bleibt eigentlich beim Konzern, wieviel Geld kommt bei den Organisationen vor Ort an? Gibt es eine Vorbereitung? Kennen die Anbieter die Projekte vor Ort genau? Welche Aufgaben werde ich übernehmen? All das sind Fragen, die man sich stellen kann. Und man sollte sich auch die Frage stellen, ob es nicht für kurze Zeit auch in Deutschland oder Europa die Möglichkeit gibt, sich zu engagieren und gut zu fühlen.

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Forschung
news-5060 Fri, 21 Sep 2018 16:22:06 +0200 Ein Geschenk, das nachdenklich macht https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5060&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=8a4b4987256eb576d99a1521da18b641 Stefanie Coché, Offermann-Hergarten-Preisträgerin, über ihr goldgrünes Plastikarmband. Das kleine grüne Plastikarmband besitze ich noch nicht sehr lange. Ich habe es vor einigen Monaten von P. bekommen. P. ist unsere Nanny in Bethesda, Maryland. Bethesda bildet einen Teil des wohlhabenden Speckgürtels um Washington, D. C., und ich lebe mit meinem Partner und meiner Tochter hier während ich Feodor Lynen-Forschungsstipendiatin an der Catholic University of America bin.

P. lebt in Silver Springs. Auch Silver Springs ist ein Vorort von Washington, aber auf der anderen Seite der Stadt – der Seite, in der die Kinder- und Müttersterblichkeit nahezu vergleichbar zu der eines Entwicklungslandes sind. P. fährt jeden Morgen mit dem Bus nach Bethesda und oft erzählt sie mir, mit wem sie sich im Bus unterhalten hat. An diesem Tag begann sie ihre Erzählung mit den Worten "Today the weirdest thing happened": Ein etwa 20 Jahre älterer Mann – P. ist Mitte 20 – hatte sich im Bus neben sie gesetzt. Er habe sie schon öfter im Bus gesehen und sie erinnere ihn an seine Tochter. In der letzten Woche sei er in New York gewesen und habe Mitbringsel für seine Tochter gekauft; für P. habe er bei dieser Gelegenheit ein Armband mitgebracht. Er überreichte ihr ein goldgrünes Plastikarmband, das P. zunächst nicht annehmen wollte. Da ihr Sitznachbar jedoch insistierte, nahm sie es schließlich entgegen. P. gefiel das Armband sehr gut, sie wollte es nicht wegschmeißen, aber auch nicht tragen. Daher fragte sie mich, ob ich es haben wolle. Seitdem ist es in meinem Besitz.

Es liegt auf einer Kommode, täglich sticht es mir dort mehrmals ins Auge. Dann denke ich an P. und die vielen unterschiedlichen Menschen mit den verschiedensten Intentionen, die ihr auf ihrer täglichen kleinen Reise von Silver Springs nach Bethesda begegnen. Ich glaube, ich werde das goldgrüne Plastikarmband mit nach Köln nehmen, wenn ich nach Deutschland zurückkehre.

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Dinge, die uns wichtig sind