Aktuelle Meldungen / en-gb Uni Köln Sun, 24 Feb 2019 00:24:09 +0100 Sun, 24 Feb 2019 00:24:09 +0100 TYPO3 EXT:news news-5174 Mon, 07 Jan 2019 16:25:33 +0100 CRISPR krempelt die Wissenschaft um https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5174&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=e8b248481fa4feba6b253849baaa5796 Für die Exzellenzcluster CECAD und CEPLAS ist die »Genschere« bereits Alltag Bei den Kölner Exzellenzclustern CECAD (Alternsforschung) und CEPLAS (Pflanzenforschung) ist die Technik CRISPR/CAS9 bereits Alltag. Sie nährt die Hoffnung auf Heilung genetischer Erkrankungen und verspricht schnellere Erfolge für neue Kulturpflanzen, die dem Klimawandel trotzen.

Als vor Milliarden Jahren Bakterien und Einzeller den Planeten bevölkerten, dachte wohl noch niemand an Gentechnik – denn höheres Leben gab es noch nicht. Auch für Bakterien ging es aber schon um Leben und Tod. Eine große Gefahr für sie waren schon damals Viren, die Bakterien befielen und zur eigenen Vermehrung und Verbreitung nutzten. Ein fortwährender Kampf begann, und die Bakterien entwickelten einen Schutzmechanismus: CRISPR/Cas.

Dieses »Immunsystem« hilft den Bakterien DNAFragmente von Viren zu zerlegen und im eigenen Genom zu speichern. Bei einem erneuten Befall des gleichen Feindes können sie ihn erfolgreich bekämpfen. Vor wenigen Jahren kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Idee den neu verstandenen Mechanismus als molekularbiologisches Werkzeug einzusetzen. CRISPR/CAS9 wurde als »Genschere« bekannt und das Zeitalter des »Genome Editing«, der Genom-Chirurgie, begann. Erstmals war es möglich das Erbgut schnell und mit nie da gewesener Präzision zu ändern. Und das nicht nur bei Bakterien, sondern bei allen lebenden Zellen – egal ob menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Ursprungs.

In drei Schritten zum Genome Editing

Im Prinzip läuft das Verfahren in drei Stufen ab. Die Zielsequenz, das Gen, das verändert werden soll, muss in den Millionen oder Milliarden Basenpaaren gefunden werden. Dazu wird eine Sonde konstruiert: die Guide-RNA. Findet diese Sonde ihr Ziel, dockt sie am DNA-Strang an und nutzt im nächsten Schritt ihre Schere – das Protein CAS9 – um den Strang zu durchtrennen. Die zelleigenen Reparatursysteme versuchen im Anschluss den Doppelstrangbruch wieder zu beheben, wobei aber teilweise Fehler unterlaufen. Diese sorgen dann für die Inaktivierung des Ziel- Gens. In diesem dritten Schritt ist neben der Reparatur auch der Einbau anderer DNA-Sequenzen oder einzelner Basenpaare möglich.

Im Alltag der Forscher und Forscherinnen am Exzellenzcluster CECAD für Alternsforschung spielt CRISPR eine wichtige Rolle. Sie untersuchen hier die molekularen Grundlagen von Krankheiten, die vor allem im Alter auftreten: Neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder Niereninsuffizienz. Der Nierenforscher Professor Dr. Bernhard Schermer forscht auf letzterem Gebiet. Für ihn ist mit CRISPR ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen: »Von der Möglichkeit präzise, schnell und kostengünstig in den genetischen Bauplan eingreifen zu können, habe ich schon seit zwanzig Jahren geträumt.« Die Methode eröffnet viele neue Möglichkeiten in der Grundlagenforschung wie in der angewandten Medizin. Um die Funktion eines Gens zu verstehen, wird es klassischerweise in Zellen oder Modellorganismen »ausgeschaltet«. Alternative werden Mutationen eingefügt, die mit Krankheiten assoziiert sind oder molekulare Funktionen modulieren. Danach können die Wissenschaftler die Folgen untersuchen. Eine Maus-Linie mit ausgeschaltetem Gen für die Forschung zu züchten, dauerte früher bis zu zwei Jahre und kostete mehrere Zehntausend Euro. CRISPR verkürzt den Prozess auf wenige Wochen.

Darf die Genschere am Menschen eingesetzt werden?

Der Fortschritt der Methode ist atemberaubend. Allerdings ist das Tempo der Wissenschaft so schnell, dass Gesellschaft, Politik und Gesetzgebung kaum hinterherkommen. Ende November 2018 sorgte der chinesische Wissenschaftler He Jiankui mit der Meldung für Aufsehen – und Entsetzen –, er habe zum ersten Mal mithilfe von CRISPR das Erbgut zweier Babys, die in China zur Welt kamen, manipuliert. Er habe sie damit gegen HIV, das Virus, das AIDS verursacht, immun gemacht. Das solle in Zukunft infizierten Eltern ermöglichen gesunde Kinder zu bekommen. Noch fehlt der unabhängige Nachweis, dass tatsächlich Genome Editing in den Zwillingen durchgeführt wurde. Die Einwände waren jedoch vielfältig: Unter anderem sei dies unnötig, da die Übertragung von HIV medikamentös bereits verhindert werden kann. Es besteht also gar keine absolute Notwendigkeit, die den Einsatz einer risikobehafteten Technologie rechtfertigen würde. Den Daten zufolge, die von He Jiankui Ende November in Hongkong präsentiert wurden, war zudem nur einer der beiden Zwillinge erfolgreich editiert. Auch Bernhard Schermer war von dem Vorstoß des chinesischen Forschers schockiert: »Wir brauchen weltweit Regeln, die den Einsatz von CRISPR beim Menschen regeln und wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion. Das sind keine Fragen, die sich national klären lassen.« Dabei verweist er auch auf eine kürzliche Empfehlung des Deutschen Ethikrates.

Dennoch ist es nicht einfach, eine eindeutige Stellung zu CRISPR zu beziehen. Das medizinische Potential ist gewaltig – auch ohne Eingriff in die Keimbahn des Menschen. Genome Editing erlaubt auch zielgerichtete genetische Korrekturen an somatischen Zellen unseres Körpers. Die Keimzellen bleiben davon unberührt. Hier ist aber das größte Problem, die Zutaten für Genome Editing zielgerecht in das jeweilige Organ oder Gewebe zu übertragen. Dies ist mit Sicherheit eine der größten Herausforderungen für die Zukunft. Einen Vorteil hat man da bei hämatologischen, also das Blut betreffenden Erkrankungen, bei denen man Stammzellen aus dem Knochenmark entnehmen kann. Diese werden dann im Labor, editiert und anschließend dem Patienten zurückgegeben. Im Fall der sogenannten beta-Thalassämie und der Sichelzellanämie, die beide durch Mutationen im Gen für den roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) ausgelöst werden, laufen hier bereits erste klinische Studien.

CRISPR im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels

Neben CECAD setzt ein weiteres Kölner Exzellenzcluster im Alltag CRISPR ein: CEPLAS, das Exzellenzcluster für Pflanzenforschung. Hier wird unter anderem untersucht, wie Kulturpflanzen an die sich ändernden Bedingungen des Klimawandels angepasst werden können. Eine der Wissenschaftlerinnen ist Professorin Dr. Ute Hoecker: »Wir stehen vor der großen Herausforderung eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren – sind aber schon bei der maximal bewirtschafteten Fläche angelangt.« Die Konsequenz: Die Erträge der Pflanzen müssen gesteigert werden. »Angesichts des Klimawandels und der Dürre, wie wir sie zum Beispiel im Sommer 2018 in Deutschland erlebt haben, kämpfen wir eher mit sinkenden Erträgen. In zehn Jahren werden nicht mehr die gleichen Sorten angebaut werden können wie jetzt.«

Der Ausweg aus dem Dilemma? CRISPR! »Mit der Geneditierungsmethode können wir schnell und präzise ins Erbgut eingreifen – auf eine Art, wie es natürlicherweise ständig ähnlich passiert, zum Beispiel durch UVLicht. Wir wissen aber genau, was wir wo ändern und es passiert nicht zufällig«, so die Wissenschaftlerin weiter. Mittlerweile ist die Funktion abertausender Gene bekannt. Durch gezielte und präzise Eingriffe in das Erbgut der Pflanzen ist es denkbar, Sorten zu züchten, die weniger Wasser und Dünger verbrauchen, die resistent gegen Schädlinge sind oder auf andere Weise besser mit extremen Ereignissen zurechtkommen.

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs – für viele Wissenschaftler nicht nachvollziehbar

Die Möglichkeiten sind immens, viele ethische Fragen aber noch ungeklärt. Im Juli 2018 beschäftigte sich der Europäische Gerichtshof mit der Frage, ob Eingriffe mit CRISPR nach dem Gentechnikgesetz behandelt werden und entsprechend gekennzeichnet werden müssen – und das Gericht fällte ein folgenschweres Urteil.

»Wir waren schockiert, als wir vom Urteil des Europäischen Gerichtshofs gehört haben, denn es basiert nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen«, so Ute Hoecker. »Da sie auch auf natürliche Weise geschehen können, sind Veränderungen mit CRISPR nicht von anderen Züchtungen unterscheidbar und hinterlassen keine nachweisbaren Spuren. Auf welcher Basis soll dann eine Kennzeichnungspflicht erfolgen?«

Als das Gentechnikgesetz in den 1990er Jahren entwickelt wurde, konnte kein Mensch ahnen, dass es einmal etwas wie CRISPR geben würde. Entsprechend schlecht lässt es sich auf die heutigen Bedingungen anwenden. »Was wir jetzt brauchen, ist ein neues europäisches Gentechnikgesetz, in dem nur das Produkt entscheidend ist, nicht die Herstellungsweise. Die Politik muss aktiv werden – sonst ist die Pflanzenzüchtung in Europa extrem benachteiligt«, sagt Hoecker. Schon jetzt sei spürbar, dass Start-ups den europäischen Markt verlassen und in die USA übersiedeln, wo erste Produkte mit CRISPR bereits in den Regalen liegen, so die Forscherin.

Die Einfachheit der Geneditierungsmethode erlaubt es auch kleinen Unternehmen mit großen Ideen Pflanzen zu verändern. Es braucht vor allem einen guten Einfall und etwas technisches Wissen. Durch die EuGh- Entscheidung müssen die veränderten Pflanzen in Europa jedoch aufwendig nach dem Gentechnikgesetz zugelassen werden. Ein Standortnachteil – das befürchtet sowohl die Wissenschaft als auch die Wirtschaft. »Den Prozess der Zulassung kann sich ein Start-up kaum leisten – Bayer und Monsanto hingegen schon«, meint Hoecker. Anstatt den Markt diverser zu gestalten, werden laut der Agrarwissenschaftlerin die großen Firmen profitieren. Für kleine Unternehmen ist die Unsicherheit zu groß. Nur eines ist klar: CRISPR wird uns alle noch weiter beschäftigen – so oder so.

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Forschung
news-5173 Mon, 07 Jan 2019 14:28:31 +0100 100 Jahre Uni-Geschichte in Köln erleben https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5173&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=0f5b6f3d07effc7c17f2ff6b1550fda4 Eine App, die Campus und Stadt aus ganz neuer Perspektive zeigt. Seit ihrer Gründung ist die Geschichte der Kölner Universität eng mit der Stadt verbunden. Das zeigt sich an den unterschiedlichsten Orten. Studierende haben diese Geschichte nun recherchiert.  Entstanden ist eine App, die Campus und Stadt aus ganz neuer Perspektive zeigt.

Klappernde Teller, zischende Kessel, Köstlichkeiten, die auf dem Herd brutzeln und ihren Duft verströmen. Während die Kellner die bestellten Speisen eilig aus der Küche tragen, herrscht hektische Betriebsamkeit. Vom Speisesaal kommend bahnt sich erst ein Professor, bald darauf eine ganze Gruppe von Studenten den Weg quer durch die Küche. »Im Stapelhaus, in dem sich von 1902 bis 1930 das erste Zoologische Institut befand, musste man durch die Küche des Restaurants im Erdgeschoss gehen, um in das Institut im Obergeschoss des Gebäudes zu gelangen«, sagt die Geschichtsstudentin Cécile Dubuis. Einen anderen Zugang gab es nicht. Kaum vorstellbar, dass sich Professoren und Studierende auf dem Weg zur Vorlesungen jedes Mal den Weg zwischen Service- und Küchenpersonal bahnen mussten.

Das Stapelhaus ist nur ein Beispiel der unterschiedlichen Orte die zeigen, auf welch vielfältige, teils kuriose Weise die Historie der Universität mit der Kölner Stadtgeschichte verwoben ist. Ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss im Stapelhaus eine Vorlesung zu besuchen, vermittelt die App »100 Jahre Uni Köln«, die Jens Alvermann gemeinsam mit Studierenden des Masterstudiengangs Public History am Historischen Institut zum Universitätsjubiläum entwickelt.

Warum eine App?

Um die enge Verbindung zwischen Kölner Universitätsund Stadtgeschichte sowohl am Campus, als auch in den vielen Veedeln der Stadt sichtbar und erfahrbar zu machen, eignet sich eine App besonders gut. Davon ist Projektleiter Jens Alvermann, der gerade am Institut für Ur- und Frühgeschichte im Bereich Museum Studies ein Promotionsprojekt zu digitalen Medien im Museum verfolgt, überzeugt: »Nicht immer ist eine App gut und praktisch, heute gibt es ja für alles eine App«. Doch der Vorteil bei diesem Projekt liege darin, dass die meisten Inhalte auch offline verfügbar sind, nachdem die App einmal runtergeladen ist und nur ausgewählte Inhalte ergänzend gestreamt werden können. Dadurch ist die Erkundung der Orte unkompliziert und unabhängig von einer guten Internetverbindung möglich.

App »100 Jahre Uni Köln« — Die App stellt Text-, Bild- und Filmmaterial zu ausgewählten Orten in Köln zusammen. Das macht die Stadt- und Universitätsgeschichte für interessierte Nutzer auf ganz neue Art erfahrbar. Für die beteiligten Studierenden ist das Projekt in vielerlei Hinsicht interessant: Sie beschäftigen sich mit der Geschichte der eigenen Universität und lernen den gesamten Entwicklungsprozess einer App kennen. Und sie lösen zwei Kernanliegen ihres Studienfachs ein: moderne Geschichtsvermittlung sowie die Analyse und Reflexion des öffentlichen Gebrauchs von Geschichte.

Das bedeute aber keinesfalls, dass die App statisch bleibt, betont Alvermann. Vielmehr soll es regelmäßige Updates und auch inhaltliche Erweiterungen geben. Für inhaltlichen Nachschub werde auch bereits gesorgt. »Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft – aus ganz unterschiedlichen Fakultäten – finden die Idee gut und haben Inhalte, die sie einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen wollen«, so Alvermann. Ein Beispiel: Professorin Dr. Ulrike Lindner erarbeitet mit den Studierenden ihres geschichtswissenschaftlichen Hauptseminars gerade Inhalte zur kolonialrevisionistischen Vergangenheit der Uni.

Ein multimediales Paket zur Universitätsgeschichte

Die Studierenden sind begeistert von der unterhaltsamen Darstellungsweise der recherchierten Inhalte. Es sei eine tolle Möglichkeit, das gesammelte Wissen mal aus dem »Elfenbeinturm« heraus zu tragen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, meint beispielsweise die Geschichtsstudentin Nelleke Blok. Sie ist stolz auf das multimediale Paket zur Universitätsgeschichte, an dem sie mitgearbeitet hat. Zu jedem der dreißig Orte, die in der Stadtkarte der ersten App-Version verzeichnet sind, sind Texte, Bilder, ein Audio-Guide und teilweise sogar Videomaterial entstanden. »Damit können Nutzer in sehr authentischer Atmosphäre in die Universitätsgeschichte eintauchen«, sagt Alvermann.

Öffentliche Geschichte vermitteln

Die Idee zu dieser außergewöhnlichen digitalen Aufbereitung der Universitätsgeschichte stammt von Alvermann selbst. Dabei konnte er auf Erfahrungen zurückgreifen, die er im Rahmen seiner Doktorarbeit gemacht hat: »Die Doktorarbeit schreibe ich an der Schnittstelle von Museum Studies und Medieninformatik. Um zu untersuchen, wie Museumsbesucher mit Apps in Ausstellungen interagieren, habe ich die App › Neanderthal+‹ entwickelt, die im Neanderthal Museum für ein halbes Jahr lang angeboten und vielfältig genutzt wurde.« Diese App und die Erfahrungen aus ihrer Entwicklung und Nutzung dienen nun als technische Grundlage für die neue App.

Gemeinsam mit den Studierenden des Hauptseminars »Die Neue Universität zu Köln – Orte in der Stadt seit 1919. Ein App-Projekt zur Geschichte im öffentlichen Raum« haben Georg Wamhof und Alvermann im Sommersemester 2018 erarbeitet, welche Funktionen die App bei ihrer Nutzung im öffentlichen Raum bieten soll und sie technisch weiterentwickelt. »Wir haben nicht nur die Geschichte unserer Uni erforscht, sondern das Projekt tatsächlich mitentwickelt«, sagt Seminarteilnehmer Lukas Flöttmann. Den technischen und gestalterischen Feinschliff bekommt die App zurzeit von Alvermann und seinen Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung für Kommunikation der Uni Köln. »Damit ist es ein reines In-House-Projekt mit starker studentischer Beteiligung«, resümiert Alvermann.

Bis die ersten Kölnerinnen und Kölner und all jene, die die Domstadt mal aus einer ganz neuen Perspektive kennenlernen wollen, mit der App losziehen können, müssen sie sich aber noch etwas gedulden: Im Frühjahr, wenn die Temperaturen wieder steigen, wird die App starten und zu Erkundungsspaziergängen durch die Stadt einladen.

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Hochschule
news-5176 Mon, 07 Jan 2019 14:22:00 +0100 »Herr P-P-Präsident, de Woosch« https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5176&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=c5f1ef3d551202775a8d1425c30d057e Hänneschen-Theater: Völkerkundler Prof. Orywal über die Anfänge »hinger d’r Britz«. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Kölner Uni erforschen, erkunden und erleben Köln. Ihre Forschungen beschäftigen sich mit Flora, Fauna und nicht zuletzt den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt gestern und heute. Über Interessantes, Skurriles, Typisches oder auch weniger bekanntes berichten sie in dieser Rubrik. Dr. Erwin Orywal, Professor für Völkerkunde, erinnert an die Anfänge »hinger d’r Britz«.

Generationen von kölschen Kindern und Erwachsenen haben über sie schon gelacht: Speimanes, Tünnes und Schäl, Schutzmann Schnäuzerkowski, Köbeschen, Röschen oder Mählwurms Pitter. »Herr P-P-Präsident, de Woosch«, ist das geflügelte Wort der Karnevalssitzung des Hänneschen Theaters, die Puppenspiele der Stadt Köln, und dann antwortet der ganze Saal vergnügt: »De Woosch«.

Die Puppenspiele sind seit 216 Jahren eine urkölsche Institution. Jedoch war es kein Kölner, der 1802 das Stockpuppen Theater gründete, sondern ein geborener Bonner. Johann Christoph Winters, ein einfacher Schneider, Maler und Anstreicher, hatte auf seinen Wanderjahren das Puppenspiel kennen gelernt und versuchte damit, sich in den arbeitsarmen Wintermonaten in Köln ein Zusatzeinkommen zu verschaffen. Er stellte jährlich Anträge beim Oberbürgermeister der Stadt Köln, um zunächst Krippenspiele für Kinder aufzuführen.

Eine erste feste Spielstätte bezog er 1804 in der Mauthgasse der Kölner Altstadt. Trotz wechselnder Spielstätten war ihm von Anfang an Erfolg vergönnt, und schon 1823 war sein Hänneschen Theater Teilnehmer im ersten Kölner Rosenmontagszug auf dem Neumarkt. Selbst Ferdinand Franz Wallraf, der spätere Rektor der Universität zu Köln (1793 – 1796), und der Kaufmann und Kunstsammler Mathias Joseph de Noel schrieben Stücke für das Theater.

Charakteristisch für diese Stücke sind die von ihm erfundenen Stockpuppen, die jeweils auf ihre Art die kölsche Lebensart darstellen. Das kölsche Schlitzohr (der Schäl) ist genauso vertreten wie der etwas einfältige kölsche Bauer (Tünnes), die kölschen »Pänz« Hänneschen, Bärbelchen, Röschen und Köbeschen, die preußische Obrigkeit (Schutzmann Schnäuzerkowski), die Großfamilie mit Oma und Opa (Besteva und Bestemo) oder der Kaufmann (Mählwurms Pitter - die Figuren aus dem Hänneschen Theater.).

Tünnes und Schäl zählen heute zu den kölschen Helden und sind weit über die Grenzen des Rheinlands hinaus bekannt. Sie repräsentieren die zwei Seelen in der Brust des Kölners, die heitere, teils rustikale Lebensart der Stadt (Tünnes) und die klüngelhafte Schlitzohrigkeit als die dunklere Seite. Immer wieder lassen sich noch heute zu diesen Charakteren tagesaktuelle Beispiele in der Politik oder im Leben der Stadt finden.

Diese Beziehung herzustellen, war auch Programm der Stücke von Johann Christoph Winters. Während der Tünnes schon als einer der ersten Charaktere im Figurenprogramm vertreten war, kam der Schäl erst Ende der 1840er Jahre hinzu. 1926 überführte der damalige Oberbürgermeister Kölns, Konrad Adenauer, das Stockpuppentheater in die Trägerschaft der Stadt. Seit Juli 1936 befindet sich das Theater an seinem bekannten Platz, dem Eisenmarkt in der Altstadt.

Die Stockpuppenspieler müssen eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen, perfektes Kölsch sprechen und singen können, nicht größer als 1,78 Meter »hinger d’r Britz«– hinter der 1,80 Meter hohen Bühne – sein, und nur mit ihren Händen Leben in die bis zu vier Kilo schweren Figuren bringen.

Aber auch die Fans des Hänneschen Theaters müssen harte Arbeit leisten, um an Karten zu kommen. Ausgerüstet mit Frikadellen, Schnittchen, Kölsch, Campingstühlen und auch Pavillons übernachten einige auf dem Eisenmarkt, um als Erste an der Kasse zu sein. Auch das ist Teil der kölschen Tradition.

Johann Christoph Winters starb am 5. August 1862 und wurde in einem Armengrab auf dem Friedhof Melaten beigesetzt.

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In Köln unterwegs
news-5175 Mon, 07 Jan 2019 10:53:00 +0100 Macht Pendeln zur Arbeit krank? https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5175&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=8822c3d0a394d9c90f46ea87e5828c6f Es antwortet Prof. Erren, Arbeits-, Umwelt­medizin u. Präventions­forschung Die Ärzte Zeitung online glaubt es zu wissen: Am 6. November 2018 schrieb sie in dem Artikel »Berufspendler: Psychisch stärker belastet, aber weniger krankgeschrieben«, das Pendeln mache zwar nicht krank, nerve aber gewaltig. Die Zeitung stützt sich auf den aktuellen Bericht »Mobilität in der Arbeitswelt« der Techniker Krankenkasse (TK), der sich wiederum auf den jährlichen Gesundheitsreport mit Auswertungen der Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen von 3,6 bis 4,8 Millionen Beschäftigten in den Jahren 2011 bis 2017 bezieht.

Für das Jahr 2017 zählte die TK für Pendler mehr Fehltage, die psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen zugeordnet wurden, als für Kolleginnen und Kollegen mit kürzeren Anreisen. Dass Pendler aber statistisch einen halben Tag kürzer krankgeschrieben wurden als Kolleginnen und Kollegen mit kurzem Arbeitsweg, erklärt die Kasse mit dem »Healthy-Worker-Effekt«: Längere Anfahrtswege würden eher von Menschen mit besserer Gesundheit akzeptiert. Dafür, dass Pendler psychisch stärker beansprucht wurden, macht die Krankenkasse den Straßenverkehr als einen Hauptstressor von Erwerbstätigen verantwortlich. Dieser Faktor beanspruche Menschen in ähnlicher Weise wie unsere ständige Erreichbarkeit in der Welt der neuen Medien.

Dies mag so eindeutig sein – oder auch nicht. Die Wissenschaft geht von deutlich komplexeren Ursachen aus. Tatsächlich stellen uns Studien dazu, wie positiver und negativer Stress, Gesundheit und Krankheit zusammenhängen, vor große Herausforderungen. Dass Straßenverkehr Hauptstressursache für Pendler sein soll, wird der Komplexität von Stress nicht notwendigerweise gerecht. Inwieweit kann Pendeln zum Beispiel ein Indikator für Arbeitsplatzunsicherheit und »Präsentismus« sein? Möglich wäre, dass längere Anfahrtswege eher von Menschen mit schlechter Jobperspektive in Kauf genommen werden. Das würde bedeuten, dass belastende Arbeitsplatzbedingungen möglicherweise stärker als längere Arbeitswege zu psychischen Erkrankungen beitragen.

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Wissenschaft im Alltag
news-5177 Mon, 07 Jan 2019 10:52:00 +0100 100 Jahre Frauenstudium https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5177&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=309bbf9fec78502fbc89c919947db916 Über den Anfang einer bewegten Geschichte – und wo wir heute stehen Mit der Gründung der neuen Kölner Universität wurden auch erstmals Frauen zum Studium zugelassen. Weite Teile der akademischen Welt sahen das damals kritisch. Über den Anfang einer bewegten Geschichte – und wo wir heute stehen.

Mit der Matrikelnummer 2  schrieb sich am 11. April 1919  eine junge Frau namens Jenny  Gusyk in das riesige braune Matrikelbuch  der Universität zu Köln ein.

Im Gründungsjahr  der neuen Universität war sie die erste  von 194 Frauen unter den insgesamt 1.299  Studenten und Studentinnen der ersten  Stunde. Nach nur sieben Semestern schloss  Gusyk im Jahr 1922 ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre mit  Auszeichnung ab – jetzt als einzige Frau unter 51 Absolventen. Das  Thema ihrer geplanten Dissertation lehnte der Gründungsrektor der  Universität, Professor Christian Eckart, allerdings als »zu kommunistisch  durchdrungen« ab. Damit endete die akademische Laufbahn  Jenny Gusyks. Sie wurde 1944 in Auschwitz ermordet. 

Jenny Gusyk —  Heute erinnert  die Uni Köln mit den  Jenny Gusyk Preisen  der Gleichstellungsbeauftragten  für Nach-  wuchs, Innovation und  familienfreundliche  Führung an ihre erste  Studentin. 

Die Vorbehalte waren groß 

Die ersten Studentinnen und Dozentinnen an deutschen Universitäten  stießen weitgehend auf Ablehnung. Theodor von Bischoff,  ein international anerkannter Anatom und Physiologe des späten  neunzehnten Jahrhunderts, sprach Frauen nicht nur die geistige,  sondern auch die körperliche und psychologische Eignung für  eine Hochschulbildung ab: »Es fehlt dem weiblichen  Geschlecht nach göttlicher und natürlicher Anordnung  die Befähigung zur Pflege und Ausübung der Wissenschaften  und vor allem der Naturwissenschaften und  der Medizin«, schrieb er 1872. Und der Mediziner Paul  Julius Möbius äußerte 1903 die Vermutung, dass eine  übermäßige Beanspruchung des Gehirns bei Frauen zu  Unfruchtbarkeit und damit zur Schädigung der nachkommenden  Generationen führe. Einzelne Gegner des  Frauenstudiums zogen derartige Argumente noch bis in  die 1950er Jahre ins Feld. 

Universität – Bollwerk der Männer 

Auch Hochschullehrerinnen waren in Deutschland lange  Einzelerscheinungen und allein auf weiter Flur – ein  Umstand, der noch viele Jahre anhielt. Bis 1934 hatten  400 Frauen promoviert. Die erste Kölner Doktora war  Elisabeth Perscheid aus der Medizinischen Fakultät und  als erste Frau habilitierte sich Ermentrude von Ranke in  der Philosophischen Fakultät. 1950 wurde die Biologin  Dr. Cornelia Harte als erste Professorin an die Universität  zu Köln berufen. 

Cornelia Harte — Die führende Zellforscherin setzte sich  in Köln neben ihrer Tätigkeit in Forschung und Lehre auch  für die Förderung von Frauen in der Wissenschaft ein, war  stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Akademikerinnenbundes  und stiftete Nachwuchspreise für junge Forscherinnen  aus ihrem Fachgebiet. Heute sind die Mentoring-Programme für  Studentinnen und Wissenschaftlerinnen aller Fakultäten der Uni  Köln nach Cornelia Harte benannt. 

1951 waren immerhin schon 5.441 Studentinnen immatrikuliert,  allerdings betrug der Professorinnenanteil  selbst 1995 immer noch magere 6,2 Prozent. In einer  Studie des Sozialpsychologen Hans Anger von 1960 äußerten  sich noch 64 Prozent der befragten Professoren  negativ zum Frauenstudium, und 79 Prozent lehnten  Dozentinnen ab. 

Erst seit 1980, als erstmals Zahlen über den Anteil von  Frauen an Universitäten in Nordrhein-Westfalen erhoben  wurden, fingen die Hochschulen an, etwas gegen die  strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Wissenschaft  zu unternehmen. Ein wichtiger Meilenstein dieser  Entwicklung ist die Einrichtung von Frauenbeauftragten  in der öffentlichen Verwaltung. Nordrhein-Westfalen  verabschiedete 1989 das »Frauenförderungsgesetz«. Die  Uni Köln richtete das Amt der Frauenbeauftragten am  8. Mai 1991 ein. Die Hauptaufgabe der Gleichstellungsbeauftragen,  wie sie heute heißt, ist es sicherzustellen,  dass das Landesgleichstellungsgesetz beachtet wird und  die Hochschule aktiv auf die Umsetzung von Chancengerechtigkeit  hinwirkt. 

Annelene Gäckle ist seit 2012 die zentrale Gleichstellungsbeauftragte  der Universität. Sie kritisiert, dass  Frauen insbesondere bei den Professuren noch unterrepräsentiert  sind.

Gleichstellungsbeauftragte —  Im Rahmen des Jubiläumsjahres  organisiert die Gleichstellungsbeauftragte  gemeinsam mit dem  Gateway Gründungsservice am  11. April die Veranstaltung »Frauen  starten durch! 100 Jahre Frauenstudium  an der Universität zu Köln«. Hier  stellt Professorin Dr. Ute Planert den  von ihr herausgegebenen Sammelband  »Alberts Töchter. Kölner Frauen  zwischen Universität, Stadt und  Republik« vor. 

Dem Gender-Datenreport der Universität  von 2017 zufolge sind die  Absolventinnen mit 63 Prozent  und Promovendinnen mit  53 Prozent noch in der Mehrheit.  Doch obwohl die Zahlen  seit Cornelia Harte deutlich  gestiegen sind, sind dennoch  nur 25 Prozent der W2- und  W3-Professuren mit Frauen  besetzt – und dieser Anteil stagniert  seit drei Jahren. Gleichstellung  ist kein Selbstläufer,  das zeigen die Zahlen deutlich. 

Diskriminierung hat viele Gesichter

Neben der strukturellen Diskriminierung in einzelnen Bereichen und dem Problem der »leaky pipeline«, dem Ausscheiden von Frauen an entscheidenden Qualifizierungsund Karrierestufen, sieht Gäckle heute die unbewusste Voreingenommenheit – oder »unconsciuous bias« – als größtes Gleichstellungshindernis an. Die meisten Menschen bevorzugen unbewusst andere Menschen, die ihnen selbst ähnlich sind. Daher berufen manche männliche Professoren eher den Kandidaten, in dem sie eine jüngere Version von sich selbst sehen. »Die Frau passt dann nicht in das klassische ›Buddy‹- Raster«, sagt Gäckle. In Berufungsverfahren weist die Gleichstellungsbeauftragte dann darauf hin, dass die Bewerberin beispielsweise erfolgreich Drittmittel eingeworben und bereits hochkarätige wissenschaftliche Projekte geleitet hat und damit höchstes Potenzial aufweist. Dennoch fällt die Entscheidung oft für den männlichen Bewerber aus, da einer gleich gut qualifizierten Frau letztlich nicht das gleiche Leistungs- oder Durchsetzungsvermögen zugetraut wird. Der »unconscious bias« trifft aber nicht nur Frauen, sondern auch ältere Bewerber und Menschen mit Behinderung oder anderer Hautfarbe.

Dennoch gibt es immense Entwicklungen: Das Hochschulgesetz gibt eine Frauenquote für Gremien und eine »qualifizierte Neuberufungsquote « vor. Viele Drittmittelgeber fordern Berichte zum Stand der Gleichstellung als Bedingungen für die Förderung eines Projekts. Die Hochschulen legen also regelmäßig Rechenschaft ab. Die Uni Köln hat darüber hinaus das Leitbild »Vielfalt und Chancengerechtigkeit« formuliert und trifft regelmäßig Zielvereinbarungen mit den Fakultäten für diesen Bereich. »Da sind wir durchaus weiter als viele andere Hochschulen «, sagt Gäckle. »Ich habe heute nicht mehr das Gefühl, dass ich wie die Feministinnen früherer Jahrzehnte um jede Kleinigkeit kämpfen muss. Bei uns ist der Umgang sehr sachlich, wertschätzend und unterstützend – und ich habe unglaublich viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter.«

Die »Bewerbungscouch« gibt es immer noch

Neben Fragen der Gleichstellung gehört auch Beratung bei sexueller Diskriminierung zu Gäckles Aufgaben. Sie ist überzeugt, dass die #MeToo-Debatte in den USA und weltweit einen wichtigen Stein ins Rollen gebracht hat, ein Ende der Aufklärung aber noch nicht in Sicht ist. Als Orte, an denen individuelle Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse im System stecken, sind auch die Universitäten nicht gefeit vor sexualisierter Diskriminierung. »Besonders in kleinen wissenschaftlichen Bereichen, in denen die Stellen begrenzt sind, gibt es leider in Einzelfällen noch das Problem der ›Bewerbungscouch‹«, so Gäckle. Als Gegenleistung für die Karriereförderung fordern Lehrstuhlinhaber und -inhaberinnen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sexuelle Dienste. Oder bei einem gemeinsamen Konferenzbesuch stellt die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter fest, dass nur ein Doppelzimmer gebucht wurde. »In manchen Fällen können wir nur beraten und mahnen, wenn Aussage gegen Aussage steht. Doch in Fällen, in denen tatsächlich belegbar Fehlverhalten oder gar eine Straftat vorliegt, reagiert die Universität mit aller Härte.« Zum Glück gehören solche Vorfälle nicht zur Regel.

Frauen stehen nicht mehr exklusiv im Vordergrund

Zunehmend Sorge bereitet Gäckle ein gesellschaftliches Klima, in dem heute wieder Äußerungen salonfähig sind, die vor einigen Jahren noch als inakzeptabel galten. In den USA, Brasilien und auf den Philippinen sind Präsidenten an die Macht gekommen, die offen Übergriffe gegen Frauen relativieren oder sogar gutheißen. Auch in Deutschland hat das Erstarken des Rechtspopulismus dazu geführt, dass viele Errungenschaften der Gleichstellung wieder grundsätzlich infrage gestellt werden. »In diesen Kreisen herrscht die Meinung vor, Frauen hätten schon viel zu viele Rechte und müssten wieder in ihre Schranken gewiesen werden«, so Gäckle. Einmal bekam sie sogar ein anonymes Paket. »Zum Glück enthielt es nur ein fundamental-christliches Buch und begleitende Parolen, die mich dazu bekehren sollten, von meinem sinnlosen, schändlichen und Steuergelder verschwendenden Tun abzulassen.«

Durch die weitreichenden Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte stehen Frauen heute nicht mehr exklusiv im Vordergrund der Gleichstellungsbemühungen, darüber ist Gäckle sehr froh. Heute setzt sie sich für diverse Gruppen von Menschen ein, die mit Benachteiligung, Diskriminierung und Übergriffen zu kämpfen haben – und dazu gehören nicht zuletzt auch Männer. Einmal kam ein verzweifelter Professor zu ihr, der von einer Studentin sexualisiert gestalkt wurde. Ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, war für Gäckle selbstverständlich. »Es macht mich stolz, dass heute so unterschiedliche Personen meine Beratung in Anspruch nehmen. Aber am besten wäre es natürlich, mein Amt würde irgendwann überflüssig.«

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news-5178 Mon, 07 Jan 2019 10:11:00 +0100 Sklaverei: Kein Ende nach dem Ende https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5178&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=f310e62d9ce2f1456f9ac06b662279ae Die Sklaverei wurde 1865 in den USA abgeschafft. Trotzdem gibt es sie bis heute weltweit. Die Sklaverei wurde infolge des amerikanischen Bürgerkriegs  am 18. Dezember 1865 in den USA abgeschafft.  Trotzdem gibt es sie bis heute weltweit. Und nicht nur im Süden der USA,  Brasilien oder der Karibik, sondern auch mitten in Europa.  Michael Zeuske, emeritierter Professor für Iberische und Lateinamerikanische  Geschichte, hat ein Buch über das Thema geschrieben. 

Herr Professor Zeuske, gibt es in Europa wirklich  noch Sklaven? 

Sklaverei ist heute weltweit verboten. Das heißt aber  nur, dass man Menschen offiziell, rechtlich nicht mehr  besitzen darf. Würden wir den Gesetzen der Staaten  glauben, gäbe es keine Sklaverei mehr. Ich definiere  Sklaverei – oder besser: Sklavereien – aber  nicht in erster Linie dem Gesetz nach, sondern  als meist mit Gewalt ausgeübte Kontrolle  eines Menschen oder einer Institution  über den Körper eines anderen Menschen  oder eines Kollektivs. Damit verbunden ist  eine Statusminderung und die Möglichkeit  des Halters, die Körper anderer Menschen  zu Arbeit, zum Beispiel zur Produktion, und  zu Dienstleistungen zu zwingen, etwa zur  Reproduktion, Sex, Vergnügen oder Ähnliches,  und das ohne festgelegte Begrenzung  der »Arbeits«-Zeit.

Buch zum Thema  — Zeuske,  Michael. Sklaverei.  Eine Menschheitsgeschichte  von der  Steinzeit bis heute,  Stuttgart: Reclam, 2018  (Übersetzung ins  Spanische: Bilbao 2018). 

In diesem Sinne gibt es auch in Europa  viele Sklavereien und sie sind alltäglicher  als wir es wissen und wünschen. Und die  Liste ist lang, Kindersklaverei, Sexsklaverei  (oft gemischt), Zwangsehe, zeitweilige Sklaverei  zum Beispiel während Migrationen,  illegale Beschäftigung in extremen Routinearbeiten,  hier die Landwirtschaft, vor allem im Süden Europas,  sweat shops, illegale Produktion,  etwa von Kleidung,  Schuld-Sklaverei, religiöse Sklaverei, hierzu zählen auch  die andauernden Skandale  in religiösen Orden und  Erziehungseinrichtungen. 

Wie viele Sklaven gibt es weltweit und in Europa  heute? 

Da es keine legale Definition existierender Sklavereien  mehr gibt – weil die legal nicht existieren, ist die  Spannbreite dessen, was zu »Sklaverei« gerechnet wird,  sehr weit – zwischen 27 und 270 Millionen Menschen  weltweit; für die EU werden zwischen 800.000 und einer  Million geschätzt. In Deutschland existiert formal keine  Sklaverei mehr – aber auch hier gibt es durchaus informelle  Sklavereien und Menschenhandel.  Wo gibt es die meisten Sklaven?  Die Walk Free Foundation, eine Nichtregierungsorganisation,  die sich gegen Sklaverei engagiert, schätzt die  Zahl der Menschen, die moderner Sklaverei ausgesetzt  sind, für das Jahr 2017 auf 35,8 Millionen. Davon entfallen  61 Prozent auf nur fünf Länder – Indien (Zwangsarbeit,  Zwangsprostitution, Schuldsklaverei), China (Zwangsarbeit  und Kinderhandel), Pakistan (Zwangsarbeit für  Schuldner), Usbekistan (Baumwollplantagen) und Russland  (Menschenhandel, Zwangsarbeit). 

In Deutschland gilt ein gesetzlicher Mindestlohn  von 8,84 Euro pro Stunde. Kann man Menschen die  unterhalb dieses Lohns arbeiten als Sklaven  bezeichnen? 

Nein. Aber es gibt durchaus eine Debatte, vor allem  in Brasilien, wieweit man die Definition von »moderner  Sklaverei« ziehen sollte, so zum Beispiel auch in Bezug  auf Selbstausbeutung / Selbstversklavung oder Kinder /  Eliten-Sklaverei im Sport oder für Models. Das Wichtigste  an der Debatte um moderne Sklaverei scheint mir  die Dimension von Arbeit »wie in der Sklaverei« zu sein.  Darunter fällt alles Dreckige, Schmutzige, Ungesunde,  Umweltzerstörerische unter Zwangsbedingungen. 

Und wer versklavt diese Menschen? 

Die historisch beste Antwort darauf ist: Marginalisierte.  Auch marginalisierte Eliten, die schnell und auf  Kosten anderer zu Macht, Status und Reichtum gelangen  wollen. 

Medien berichten immer wieder über Menschen, die  unter unsäglichen Bedingungen Kleidung für die  westliche Welt herstellen. Sind das unsere Sklaven  des 21. Jahrhunderts? 

Einige von ihnen, vor allem Kinder und  Jugendliche, die Schulden abarbeiten müssen,  gehören zu »unseren Sklaven des  21. Jahrhunderts«.  Bei »Abschaffung« wird immer über die USA gesprochen,  aber Brasilien beispielsweise hatte viel mehr  Versklavte. Sogar die Niederlande haben erst 1863 entsprechende  Gesetze verabschiedet. In Afrika, vielen  arabischen Ländern oder in China dauerte es noch bis  ins 20. Jahrhundert. In dem Buch analysiere ich das Verhältnis  von formaler Abschaffung, Verschleierung und  realer Weiterexistenz von Sklavereien: Kein Ende nach  dem Ende. 

Hat Zwangsarbeit nur mit wirtschaftlichem Profitstreben  zu tun oder gibt es auch andere Gründe  Menschen zu versklaven? 

Es hat immer auch mit Macht über andere Körper  und Status zu tun. 

Sie sagen, dass es Sklaverei schon in der Steinzeit  gab. Bedeutet das, dass es für bestimmte Bevölkerungsgruppen  immer ein Problem sein wird? 

Sklavereien haben sich natürlich historisch entwickelt  und sind nur selten ewig gewesen, wobei es für Familien  oder bestimmten Bevölkerungen die mutterrechtliche  Fixierung der Sklaverei durchaus gab: im Römischen  Recht etwa gab es eine Ewigkeitsklausel durch die Formel  »Sklavenbauch gebiert Sklaven«. Aber in der historischen  Abfolge und in der globalhistorischen Breite hat es bisher  immer mehr Sklavereien gegeben als wir wissen – in  immer neuen Formen. Ändern könnte sich das nur durch  wirklich klare globale Arbeitsregeln und -gesetze sowie –  noch wichtiger – ihre Durchsetzung. Aber das haben wir  ja noch nicht mal in der EU.  Glauben Sie, dass Sklaverei irgendwann verschwinden  wird?  Sklavereien sind nicht mehr so kompakt wie die großen  Sklavereien im Süden der USA bis 1865, oder auf  Kuba und in Brasilien. Dennoch gibt es absolut gesehen  heute sogar mehr versklavte Menschen als im 19. Jahrhundert.  Insofern sehe ich keinen Grund für übertriebenen  Optimismus. 

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Forschung
news-5179 Mon, 07 Jan 2019 10:09:00 +0100 Der a.r.t.e.s.-Effekt https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5179&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=9d518e9d0f02a928ed2d92b53acb14cf Seit 10 Jahren forschen junge Wissenschaftler­Innen an der Graduiertenschule Vor zehn Jahren wurde a.r.t.e.s., die Graduiertenschule  der Philosophischen Fakultät, gegründet.  Seitdem forschen dort junge Wissenschaftlerinnen  und Wissenschaftler und nutzen das umfassende  Angebot an Unterstützung und Förderung. 

Wenn Andreas Speer aus dem  Fenster seines Büros in den Hof  schaut, blickt er auf die Werkstatt  eines Steinmetzes, der die Grabmäler  auf dem Melatenfriedhof restauriert und  neugestaltet: Da sind Teile alter Grabmäler,  neue Skulpturen und Steinformen mitten  im Schaffensprozess. Künstlerische Erzeugnisse,  die die Komplexität von Ideen und  Ästhetiken widerspiegeln, die über Jahrhunderte  unsere Kultur prägten oder heute  aktuell sind. »Als wir hier einzogen fanden  wir, dass das ganz gut zu uns passt«, erinnert  sich der Leiter von a.r.t.e.s. 

Zehn Jahre ist das nun her, und seit zehn  Jahren unterstützt und fördert a.r.t.e.s. die  jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen  der Kultur- und Geisteswissenschaften,  die komplexe kultureller Phänomene  erforschen. 15.000 Studierende gibt  es an der Philosophischen Fakultät, etwa  800 Promovierende werden durchschnittlich  von a.r.t.e.s. betreut. »a.r.t.e.s. ist die  Graduiertenschule der gesamten Fakultät«,  erklärt Speer. »Das ist etwas Besonderes.  Es ist der Ort, an dem alle Doktorandinnen  und Doktoranden der Fakultät angesiedelt  sind. Sie melden sich bei uns an, werden  betreut und reichen schließlich ihre  Promotionen ein.« Das ist nicht nur viel  Arbeit, sondern bietet auch große Chancen:  »Wir möchten die disziplinäre Vielfalt der  Fakultät in den Dienst der Promovierenden  stellen«, so Speer. 

Speer geht es in der Graduiertenschule  darum, dass die »a.r.t.isten« und  »a.r.t.istinnen« die bestmögliche Unterstützung  für ihre wissenschaftlichen Arbeiten  erhalten. Zwei Modelle der Promotion  sind möglich: Die Individualpromotion  im Standardmodell »Regular Track« und  die Teilnahme am strukturierten Promotionsmodell  »Integrated Track«, das verschiedene  Förderprogramme umfasst.  Einer der jungen Wissenschaftler im Integrated  Track ist der Rechtsphilosoph Bodo  Bützler, der sich mit transnationalem Recht  in Bezug auf das Internet beschäftigt. Bützler  hat breit aufgestellte Interessen und  kommt schon als Person der interdisziplinären  Ausrichtung von a.r.t.e.s. entgegen: Studium  der Chemie und des Klavierspiels, der  Philosophie und der Rechtswissenschaften.  »Ich wollte eigentlich immer Philosophie  studieren«, so Bützler. Schnell wurde ihm  klar, dass es die politische Philosophie ist,  die ihn dabei am meisten interessiert. Bei  a.r.t.e.s. schreibt der junge Wissenschaftler  nun seine Doktorarbeit »Transnational Law  and Collective Accountability«. 

»Wer regiert das Internet?« 

Hinter dem Fachbegriff »Transnationales  Recht« verbirgt sich Recht, das nicht  mehr primär von den Nationalstaaten gesetzt wird. »Wer regiert das Internet?« Denn die  Staaten sind es im Zeiten von international agierenden  Unternehmen wie Google und Facebook nicht mehr  alleine, sondern vor allem diese privaten Organisationen.  Bützlers Frage ist: Wie werden Normen und Regeln  aufgestellt, wenn ein Staat fehlt? Und wie werden  sie legitimiert? Zu seinen Interessen gehört die ganze  Bandbreite des Internets: Physischer Zugang, Content-  Provider, die Navigation, die Vergabe von Domain-  Namen durch ICANN (Internet Corporation for Assigned  Names and Numbers), Intermediation im Internet,  etwa die Schnittstellen von Information durch Google  oder Kommunikation durch Facebook. »Traditionelle  Legitimationsvorstellungen werden gebrochen. Es finden  Standardisierungen und Normierungen statt«, so  Bützler. »Bei ICANN findet man zum Beispiel Vieles,  was man sonst bei einem Staat findet: ICANN legt in  seinen Regelwerken selber fest, nach welchen Grundsätzen  Domainstreitigkeiten zu entscheiden sind, es  akkreditiert Schiedsgerichte sowie Domainvergabestellen  und verpflichtet letztere, aus Schiedsurteilen elektronisch  zu vollstrecken, indem die streitgegenständliche  Domain übertragen oder gelöscht wird.« 

Von der Forschungsschule zur Exzellenz 

Die a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne  geht zurück auf die Erfahrungen und Strukturen  der vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten a.r.t.e.s.  Forschungsschule, die 2008 gegründet wurde. Im Juli  2012 wurde sie auch Teil der Exzellenzinitiative. Mit  dem Erfolg in der Exzellenzinitiative im Rücken hat  sich die Graduiertenschule zu einem Schwergewicht der  Förderung junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen  entwickelt. Besonders freut sich a.r.t.e.s-Direktor  Andreas Speer darüber, dass es gelungen ist, a.r.t.e.s innerhalb  der Fakultät zu verankern. »a.r.t.e.s. ist in der  Fakultät angekommen. Wir sind eine Institution nach  innen und ein Fenster nach außen geworden. Wir wünschen  uns, dass sich auch Kooperationen aus diesen  Begegnungen ergeben«, so Speer. 

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Hochschule
news-5180 Mon, 07 Jan 2019 10:00:00 +0100 Ein besonderes Hundehalsband https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5180&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=843949f6c6d190faab545d85e5f6c1d1 Myrle Dziak-Mahler, Leiterin Zentrum für LehrerInnenbildung, über fellige Familien­mitglieder Wer von uns kennt sie nicht? Diese  unerfüllten Wünsche, die wir als  Kinder hatten und an die man  sich sein Leben lang bitter-süß erinnert?  Meiner war es, einen Hund zu haben. Allerdings  hatte ich nie einen, nur einen Kanarienvogel  – das höchste, was meine Eltern mir  zugestanden. Bis zum Jahr 2006: Mein erster  Hund, der gerade mal 16 Wochen alte Boxerrüde  Fellini, zog bei uns ein.

Fell, wie wir ihn  nannten, war bedeutend mehr als ein süßes  Fellknäuel, mit dem man laufend raus musste.  Er war die Erfüllung eines Traums, der mir  Türen zu meiner Persönlichkeit öffnete, von  denen ich bis dato nicht einmal wusste, dass  es sie gab. Fell starb früh, er war unheilbar  krank. Ich war bei ihm, als er eingeschläfert  wurde. Was ich behielt, war sein Halsband.  Was ich lernte war Vertrauen in mich, zum  richtigen Zeitpunkt das Richtige zu entscheiden  und meinen geliebten ersten Hund auf  seinem Weg in den Tod zu begleiten. 

Der Tod von Fell war schrecklich, gleichzeitig  spürte ich nach wenigen Monaten,  dass mein Wunsch nach einem Leben mit  Hund nicht gestillt war. Nala kam zu uns:  eine quirlige, freche Ridgeback-Hündin. Puh!  Mehr als einmal fragte ich mich, was wir uns da ans Bein gebunden hatten. Wieder lernte  ich viel in den neun Jahren, die Nala bei uns  lebte – vor allem über Führung. Ridgebacks  haben neben ihrem sprichwörtlichen wilden  Mut vor Löwen auch einen höchst sensiblen  Charakter. Das zeigte mir eindrücklich,  dass ich bedingungsloses Vertrauen in  meinen Hund haben kann, ihm aber auch  eine ordentliche Portion Orientierung mit  auf den Weg geben musste. Zum Glück  hatte ich das Halsband von Fell noch – es  war erprobt und gab sowohl mir als auch  Nala das sichere Gefühl, dass ich im Zweifel  schon wusste, wohin es geht. 

Nala blieb Zeit ihres Lebens eine Herausforderung.  Kadavergehorsam war ihr fremd;  in jeder Situation musste man damit rechnen,  dass sie ihre eigenen Entscheidungen  traf. Das Halsband wurde unser Signal. Ich  musste nur meine Hand auf das Band legen  und sie wusste: Jetzt entscheidet Myrle.  Das half ihr sich zurechtzufinden. In unbekannten  Situationen war es der Griff ans  Halsband, der sie zu mir hochschauen ließ.  Und ich las in ihren Augen, dass sie froh  war, dass ich da war und entschied. Nala erkrankte  an Knochenkrebs. Wir erfuhren es  im Januar, Pfingsten starb sie. Wieder eine  schwere Entscheidung, und wieder behielt  ich das Halsband. 

Es lag monatelang zusammen mit einem  Foto von Nala in meinem Regal im Büro.  Bis Sam bei uns einzog. Sam, ein deutscher  Schäferhund, sollte eigentlich die Kölner  Polizeistaffel verstärken, musste aber abgegeben  werden, denn Sam wollte alles Mögliche,  nur beißen, das wollte er nicht. Sam  ist nicht frech wie Nala, er entscheidet auch  nicht hunde-intelligent wie die Hündin. Er  ist vielfach brav und gehorsam. Wenn allerdings  nicht, dann macht er, was ihm in den  Kopf kommt. Ohne Überlegung, einfach so.  Weil er es will. Und er hat Kraft – holla! Aber  ich habe ja das Halsband. Die Reaktion von  Sam ist nicht so feinfühlig wie die von Nala,  aber er weiß Bescheid. Und das Faszinierende  ist: Sam wird ruhiger, je stärker er spürt,  dass er im Zweifel mich an seiner Seite  hat. Ich weiß aber auch, Sam geht für mich,  für »seine Menschen« durchs Feuer. 

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Dinge, die uns wichtig sind
news-5182 Mon, 07 Jan 2019 09:59:00 +0100 Auf gute Nachbarschaft https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5182&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=d6ef0b0adb190a1334f0763abfc27854 Ein Kölner Forscherteeam untersucht die Haltung deutscher Bürger zu Flüchtlingen Beim Thema Flucht und Migration ist die öffentliche Debatte oft stark polarisiert zwischen Willkommenskultur und strikter Ablehnung. Ein Kölner Forschungsteam untersucht seit 2016, wie die Bevölkerung in Deutschland Flüchtlingen gegenüber steht. Die Ergebnisse sind differenzierter, als es manche Diskussionen vermuten lassen.

Eines der überraschenden Ergebnisse der Kölner Flüchtlingsstudie ist, dass es »eben nicht gleichgültig ist, wie und in welchen Wohngebieten man Flüchtlinge unterbringt«, sagt Jürgen Friedrichs. Er ist Professor am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie und leitet die Kölner Flüchtlingsstudien.

Ostheim beispielsweise liegt im Kölner Bezirk Kalk. Der Ruf des Stadtteils ist nicht der Beste. Die Arbeitslosenquote ist hoch, Polizei und Ordnungsamt zeigen verstärkt Präsenz, besonders die Hochhaussiedlung in der Gernsheimer Straße ist berüchtigt für Jugendkriminalität und Drogenhandel. Im krassen Gegensatz dazu steht Hamburg- Harvestehude, ein Viertel der Gebildeten und Besserverdienenden. Hier bleibt man in der Regel unter seinesgleichen. Zumindest bis zum Herbst 2015. Damals erreichte die »Flüchtlingskrise« ihren Höhepunkt und viele Menschen mussten zügig untergebracht werden. In beiden Vierteln, dem sozialen Brennpunkt in Köln auf der einen und dem Hamburger Nobelviertel auf der anderen Seite, sollten Flüchtlingsunterkünfte entstehen. »Zu diesem Zeitpunkt habe ich gedacht: Das müssen wir untersuchen!« sagt Friedrichs. »Ich habe mich dann direkt um eine Studienförderung bemüht und sehr schnell eine Zusage bekommen. Das zeigt, wie brisant das Thema war.«

Drei deutsche Modellstädte

In den Kölner Flüchtlingsstudien untersucht Friedrichs gemeinsam mit Vera Schwarzenberg und Felix Leßke die Einstellung in der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen in drei Städten: Köln, Hamburg und Mülheim an der Ruhr. Darüber hinaus führen sie Interviews mit Experten aus den Stadtverwaltungen und der Flüchtlingshilfe, sowie mit Flüchtlingen selbst. Für die Anwohnerbefragung hat die Forschungsgruppe in jeweils zwei Wohngebieten der Städte mit einer Flüchtlingsunterkunft rund 2.200 Anwohner befragt: Ostheim und Rondorf in Köln, in Harvestehude und Bergedorf in Hamburg und Mitte und Saarn in Mülheim an der Ruhr. »Wir hatten Adressen in einem Radius von 2,5 km um die Flüchtlingsunterkünfte «, sagt Felix Leßke. »Die erste Befragung fand 2016 in persönlichen Interviews statt, die Studierende vor Ort durchführten. Insgesamt hatten wir bestimmt über 100 Helferinnen und Helfer.« Im zweiten Durchgang im Frühjahr 2018 nutzte das Team schriftliche Fragebögen. Da die Befragung in mehreren Wellen stattfand, können sich die Forscherinnen und Forscher einen Überblick über den Verlauf der Einstellungen verschaffen. Wie werden Flüchtlinge in der eignen Nachbarschaft wahrgenommen? Und würden die Leute mit der Zeit ihre Meinung ändern? Die Ergebnisse waren überraschend.

Auf die Frage »Was denken Sie heute über Flüchtlinge?« zeigte die erste Welle, dass die meisten Menschen sehr positiv eingestellt waren. So empfanden 47,3 Prozent der Befragten Mitgefühl für Flüchtlinge in Deutschland, 26,5 Prozent sahen Flüchtlinge positiv. Nur 5,1 Prozent gaben an, dass sie Flüchtlingen negativ gegenüberstünden. Allerdings merkten 10 Prozent an, dass ihrer Meinung nach zu viele Flüchtlinge aufgenommen wurden. 12,1 Prozent forderten eine Zuzugskontrolle. »Das besondere und gleichzeitig auch schwierige an der Studie war, dass wir mit geschlossenen und offenen Fragen gearbeitet haben. Die Befragten konnten also teilweise ohne Vorgaben antworten und ihre Meinung frei formulieren«, sagt Vera Schwarzenberg. Das Team musste daher viel Arbeit investieren, um die Antworten zu kategorisieren und auswerten zu können.

Flüchtlinge – ja, aber auch vor der eigenen Haustür?

Im Verlauf der Auswertung mussten die Soziologen und Soziologinnen ihre ursprüngliche Hypothese überdenken: »Wir nahmen zunächst an, dass man zwar Flüchtlingen gegenüber generell positiv eingestellt sein könnte, vor der eigenen Haustür aber dennoch keine Flüchtlingsunterkunft akzeptieren würde. Das trifft aber nicht zu«, sagt Friedrichs. Insgesamt lehnten nur sechs Prozent die Unterkunft in unmittelbarer Nachbarschaft ab, während sich 72 Prozent positiv und offen zeigten. In der zweiten Welle waren diese Tendenzen sogar noch stärker ausgeprägt. Insgesamt lag hier die Quote für positive Antworten bei 94,9 Prozent. »Dies spricht dafür, dass sich die ohnehin große Akzeptanz der Flüchtlingsunterkünfte im Wohngebiet nach dem Einzug der Flüchtlinge im Laufe der Zeit durch Gewöhnungseffekte und positive Erfahrungen verstärkt hat – oder Befürchtungen nicht eingetreten sind«, so Friedrichs.

Dennoch haben sich die Meinungen im Verlauf der Zeit polarisiert. »Es ist gut möglich, dass die Medienberichterstattung einen Einfluss hat. Das ganze Thema bestimmt ja die Schlagzeilen und wird in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert«, sagt Vera Schwarzenberg. So hat das Team etwa gefragt, ob es den Befragten Angst mache, dass viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Dieser Aussage stimmten in der ersten Befragungswelle 26,9 Prozent der Befragten zu, 62 Prozent lehnten sie ab und elf Prozent antworteten mit »weder noch«. In der zweiten Befragungswelle hingegen gingen die Meinungen weiter auseinander. Zwar lehnten weiterhin knapp 60 Prozent die Aussage ab. Mittlerweile gaben aber beinahe 40 Prozent der Befragten an, dass es ihnen Angst mache, dass so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen.

Auf das Viertel kommt es an

Auch zwischen den Wohngebieten bestehen deutliche Unterschiede. »Das besondere an unserer Studie ist, dass wir ziemlich genau differenzieren können, zeitlich und auch örtlich«, so Felix Leßke. »Die positiven Einstellungen sind etwa in den Wohngebieten mit einem hohen sozialen Status besonders hoch.« In Hamburg-Harvestehude äußerten sich 84 Prozent der Befragten positiv über die Unterkunft. Mülheim-Mitte und Köln-Ostheim hingegen, die beiden weniger wohlhabenden Gebiete in der Umfrage, kamen auf 62 Prozent und 67 Prozent. Allerdings sagten die Bewohner von Mülheim- Mitte besonders häufig, dass es sich um eine gute Art der Unterbringung handle. Denn dies ist das einzige innenstädtische Wohngebiet, in dem die Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht sind, statt in Hallen, Containern oder Systembauten.

Auch zeigte sich, dass die Kölner Silvesternacht 2015 einen Einfluss auf die Stimmung in der Bevölkerung hatte. Auf die Frage, ob die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof die Einstellung zu Flüchtlingen verändert haben, antworteten 32,1 Prozent mit »Ja«, weitere 8,8 Prozent mit »vorübergehend«. Die Studienergebnisse sind deutlich und können auch als Empfehlung für die Politik dienen. Wohngebiete wie das wohlhabende Harvestehude sind besonders gut geeignet für eine Flüchtlingsunterkunft. »Hier haben anfangs zwar noch Anwohnerinnen und Anwohner gegen die Flüchtlingsunterkunft Klage eingereicht. Allerdings waren dies nur drei Personen. Ansonsten war auch dort die Zustimmung und das ehrenamtliche Engagement sehr hoch«, so Friedrichs.

In einem Wohngebiet wie Köln-Ostheim hingegen gab es zwar weniger öffentliche Proteste, dafür ist die Ablehnung gegenüber Flüchtlingen aber allgemein höher. Gebiete mit vergleichsweise niedrigem Bildungsniveau und einem hohen Anteil an Personen mit niedrigen Einkommen sind daher weniger geeignet. »Das zeigt aber auch, dass es sinnvoller ist, kleine Flüchtlingsunterkünfte in Mittel- und Oberschichtgebieten zu errichten anstatt in benachteiligten Wohngebieten. Ankerzentren sind das Gegenteil davon. Es ist eben nicht gleichgültig, wie und wo man Flüchtlinge unterbringt«, so Friedrichs.  

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