Aktuelle Meldungen / en-gb Uni Köln Wed, 22 Nov 2017 00:04:44 +0100 Wed, 22 Nov 2017 00:04:44 +0100 TYPO3 EXT:news news-4662 Thu, 17 Aug 2017 08:51:48 +0200 "I'm no hero. I'm a citizen. And so are you." /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4662&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=149477973852dba2edc7c540cc24f619 Edward Snowden bei einem KölnAlumni Livestream-Vortrag an der Uni Köln. 

Courage! Mut, sich gegen Missstände zur Wehr zu setzen und für die Moral einzustehen, daran appellierte Edward Snowden bei einem von KölnAlumni veranstalteten, live gestreamten Vortrag an der Uni Köln. Auf YouTube gibt es den Mitschnitt für alle, die das Ausnahmeevent verpasst haben, zum Nachsehen.

»Good evening, Mr. Snowden … a warm welcome from the University of Cologne!« – diese Worte von KölnAlumna Dr. Juliane Kronen, begleitet von tosendem Applaus, waren der Beginn eines Abends, den das Publikum in der voll besetzten Aula der Universität zu Köln so schnell nicht vergessen wird. Insgesamt über 2.000 Gäste verfolgten gebannt Edward Snowdens Gedanken zum Thema »Courage«. Wie erinnert sich der weltbekannte Whistleblower vier Jahre nach seinen Enthüllungen an seinen Mut und seine Motivation zurück? Wie bewertet er das aktuelle politische Weltgeschehen? Auf Einladung von Köln Alumni, dem Amerika Haus e.V. NRW und der Stiftung "The Right Livelihood Award« erhielt der noch immer im russischen Exil lebende Snowden ein seltenes öffentliches Forum, um seine Position zu Regierung und Gesellschaft im digitalen Zeitalter vor Publikum vorzutragen. 

Edward Snowden zeichnete das Bild einer neuen und ungewissen Zukunft: »It is a future, where the law is justifying bases to present thread towards us, where technology can be turned against us. Therefore, we need to look for new meanings of enforcing human rights!« Es sei eine außergewöhnliche Zeit, in der viele Ideologien und Standpunkte aufeinander klafften. Die größte Kluft befinde sich zwischen den etlichen normalen Bürgerinnen und Bürgern auf der einen und den wenigen Menschen mit Macht, Einfluss und Kontrolle auf der anderen Seite. Wenn Staaten den Weg für ihre Zukunft bereiteten, ginge es stets nur um die Wünsche der Regierung, nicht um die Bedürfnisse der Bevölkerung, kritisiert Snowden. Dies stelle erstaunlicherweise kaum wer in Frage. Stolz und Patriotismus hätten vielmehr eine Kultur hervorgebracht, die ohne Misstrauen und Skepsis auskomme. Für Snowden ist dies eine Tragödie: »If we allow the preferences of a few officials operating behind closed doors to replace the basic constitutional principles upon which our government was founded – the very idea of an enlightened civilization which generations of lifes have been sacrificed with – then we are not citizens, we are subjects. But we‘re meant to be partner to our government.« Herausforderungen sollen nicht entmutigen, sagt Snowden, sie sollen Ansporn bieten. Jede Bürgerin, jeder Bürger sei nur eine Entscheidung weit entfernt davon, etwas Großartiges für die Welt zu leisten. Niemand käme bereits als Held auf die Welt, Held sei, wer heldenhaft handle. 

Im Anschluss an den rund 40-minütigen Input bereitete eine Podiumsdiskussion die streitbaren Positionen Snowdens nach. Professor Dr. Ulrike Ackermann (Direktorin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung), Dr. Björn Schiffbauer (Institut für Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht, Universität zu Köln), Ole von Uexküll (Direktor der Stockholmer Right Livelihood Award Stiftung) und Professor Dr. Christiane Woopen (Vorsitzende der European Group on Ethics in Science and New Technologies) erörterten Maßstäbe für richtiges Handeln aus unterschiedlichen Perspektiven. Auch sie lieferten reichhaltiges »food for thought« für Studierende und Alumni an diesem Abend. 

Für das Team von KölnAlumni markierte der 30. Juni 2017 das große Finale einer intensiven Planungs- und Vorbereitungsphase, mit dem das neuaufgestellte Netzwerk für Studierende, Alumni und MitarbeiterInnen der UzK seinen Auftakt gefeiert hat. Strahlkräftige Veranstaltungen, fach- und generationenübergreifend zu gesellschaftsrelevanten Themen, sollen das Profil des Netzwerks auch in Zukunft prägen. 

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Alumni
news-4653 Tue, 15 Aug 2017 14:53:00 +0200 E-Mobilität in Städten & selbstfahrende Autos /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4653&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=df1c5e0f7bd6bd6da0a9927f2f1a2556 André Bresges über Roboterautos, Rasen und Unfälle.

Den Physiker der Uni Köln, André Bresges (46) fasziniert das Thema Mobilität. Mobilität ist ein gelungener Aufhänger, um Menschen an physikalische Prinzipien und Funktionsweisen heranzuführen, ist sich Bresges sicher. Denn Menschen fühlen sich vom Rausch der Geschwindigkeit angezogen - wie die frühkindliche Begeisterung für Autos und Flugzeuge zeigt. Mit selbstfahrenden Autos bricht ein neues Zeitalter an, das neue Regeln erfordert, sagt der Mobilitätsexperte. 

Herr Professor Bresges, was fahren Sie für ein Auto? 

Bresges: Für die Familie eine Mercedes C-Klasse mit ordentlich Gepäckraum und einem großen Motor mit viel Drehmoment. Für Fahrten alleine einen offenen SLK. 

Schon mal zu schnell gefahren? 

Bresges: Ja, einmal. Ich war mit dem Betreuer meiner Doktorarbeit von der Universität Duisburg-Essen unterwegs. Das Gespräch hat mich so stark abgelenkt, dass ich nicht genug auf die Geschwindigkeit geachtet habe. Ich habe daraus gelernt: Es gibt Themen, die einen so aufwühlen, dass man sie besser nicht mit ins Auto nimmt. 

Dann basiert Ihre Auffassung, dass Autofahren eine unterschätzte Gefahr ist, auch auf eigener Erfahrung? 

Bresges: Nicht nur. Wir wissen, dass Geschwindigkeit im Auto der Killer Nummer eins ist. Die häufigste Unfallursache ist Linksabbiegen, da sterben aber nicht so viele Menschen, weil das in der Regel mit geringerer Geschwindigkeit passiert. Unfälle mit hoher Geschwindigkeit sind zwar seltener, aber da kommen Menschen ums Leben. Die kinetische Energie oder Bewegungsenergie, die durch Masse und Geschwindigkeit beeinflusst wird, tötet. 

Gibt es eine physikalische Erklärung dazu? 

Bresges: Wenn ich statt 50 Kilometer pro Stunde 100 Kilometer pro Stunde fahre, dann speichere ich vier Mal mehr Energie mit dem Auto. Mein Auto ist dann vier Mal tödlicher als wenn ich mit zulässiger Geschwindigkeit fahre. Die Statistik ist da eindeutig: Das Auto ist fünf Mal gefährlicher als eine Schusswaffe. Das Auto ist das gefährlichste, was Menschen mit Technik machen. 

Haben wir uns so sehr an die Gefährdung gewöhnt, weil das Auto und die damit verbundene individuelle Mobilität unbestritten nützlich ist? 

Bresges: Das spielt eine Rolle. Wenn ich mit meinen Kindern an der Straße stehe und ein Auto nähert sich, schütze ich sie und denke mir aber nichts weiter dabei. Das gilt als normal. Wenn an der gleichen Stelle ein Mensch mit einem Sturmgewehr vorbeiläuft, würde jeder seine Kinder zuerst in Sicherheit bringen, dann fragen: Was hat der hier verloren und die Polizei rufen. Beim Auto stellen wir uns diese Frage gar nicht mehr. Dabei kann man mit Recht fragen, ob zum Beispiel Autos und Wohngebiete zusammenpassen. 

Raser sollen ja, nachdem der Bundestag im Juni die Gesetze verschärft hat, härter bestraft werden. Hilft das? 

Bresges: Wenn Raserei stärker kontrolliert wird, schreckt das ab. Wer mit seinem Auto beispielsweise in einer Innenstadt deutlich zu schnell fährt und sein KFZ wie eine Waffe benutzt, sollte sich bewusst sein, dass er rechtlich mit jemandem gleichgestellt wird, der eine Schusswaffe benutzt. 

Könnte es nicht helfen, wenn man den ja häufig jüngeren Menschen, die rasen, ein Sicherheitstraining auf einer Rennstrecke bietet, wo sie ihre Aggressionen kontrolliert abbauen könnten? 

Bresges: Wir haben in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gelernt, dass solche Trainings sogar das Gegenteil bewirken können. Einige Menschen fühlen sich nach einem solche Training richtig sicher und fahren dann erst recht schnell, weil sie glauben, sie beherrschen das jetzt. 

Moderne Autos haben mehr als zehn Airbags, Knautschzonen und Notbremsassistenten. Trotzdem sind wir von dem Ziel der Europäischen Kommission, die Unfallzahlen bis 2020 zu halbieren, weit entfernt. Hilft das automatisierte Fahren, also der Roboter, weil er sicherer fährt als der Mensch? 

Bresges: Wahrscheinlich ist es das alleinige Hilfsmittel. Aber es wird Blut, Schweiß und Tränen kosten. Denn nicht nur die passiven Sicherheitssysteme im Auto sind weitgehend ausgereizt. Die Zahl der Toten im Straßenverkehr sank bisher auch dadurch, dass zumindest in Zentraleuropa nach einem Unfall die Ersthelfer innerhalb weniger Minuten am Ort sind. Schwierig wird es heute durch die immer leistungsstärkeren Fahrzeuge, die schon in den Innenstädten hohe Geschwindigkeiten erreichen und Menschen gefährden. Und die Elektromobilität wird dieses Problem in den Städten noch verstärken. 

Wie das? 

Bresges: Wir hören sie nicht. Deshalb ist Elektromobilität in den Städten nur sinnvoll mit deutlichen Fortschritten beim autonomen Fahren. Die Elektroautos müssen Fußgänger warnen und im Ernstfall ausweichen können. 

Das wird noch eine Weile dauern. Noch kommen autonome Fahrzeuge mit dem Gewusel aus Fußgängern, Radfahrern, Autos, Betonpollern oder herumwehenden Plastiktüten nicht gut klar. Was passiert in der Übergangszeit? 

Bresges: Wenn alle Autos autonom fahren, gehen die Unfallzahlen sicher dramatisch zurück. Wenn sich herkömmliche Autos und selbstständig fahrende Autos die Straßen teilen, befürchte ich, dass es ganz schlimm wird. Roboter, die sich an Regeln halten und Autofahrer, die Fehler machen und Regeln brechen. 

Ist das lösbar? 

Bresges: Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs über Regeln für die Übergangszeit. Techniker können das nicht mehr alleine entscheiden. Bereits heutige Serienfahrzeuge können Fußgänger erkennen und ihnen auch automatisch ausweichen, wobei sie den Fahrer übersteuern müssten. Sie tun das aber nicht, weil bei Fahrsimulationen festgestellt wurde, dass einige Fahrer erschreckt gegenlenken und damit den Fußgänger aktiv überfahren, was sie in die Nähe einer Straftat bringen würde. Um die FahrerInnen bei der zur Zeit unklaren Rechtslage zu schützen, ist diese Funktion in der Software versteckt und ausgeschaltet. Das Fahrzeug verschließt quasi seine Augen und hält drauf. Sollte darüber nicht besser ein öffentlicher Diskurs stattfinden? 

Was würde helfen? 

Bresges: Wir kommen in eine neue Dimension der Verkehrssicherheit. Rasende Autofahrer gab es schon immer, sie sind womöglich auch durch Gesetze nicht abzuschrecken. Bis eine Neuregelung wie die Gurtpflicht sich durchgesetzt hat, sind Jahre vergangen. Wenn aber eine Automatik einen gefährlichen Fehler macht, oder eine Änderung des Gesetzes erfolgt, kann durch ein Update über Nacht dafür gesorgt werden, dass am nächsten Morgen alle 45 Millionen Autos sicherer und regelkonform unterwegs sind. 

Das klingt nach ziemlich viel staatlicher Bevormundung. 

Bresges: Ich möchte an der Stelle Elon Musk, den CEO von Tesla zitieren: Viele Menschen mögen Veränderungen nicht, aber Sie alle sollten eine Veränderung begrüßen, wenn die Alternative ein Desaster ist. Und mehr als 3.000 Verkehrstote jedes Jahr in Deutschland sind ein Desaster. 

Wäre der Roboter wirklich der bessere Autofahrer? 

Bresges: Heute noch nicht in allen Situationen. Unsere Forschung hat aber gezeigt, dass den Fahrer Routinesituationen wie die Geschwindigkeit wählen oder die Fahrspur im Auge behalten stark belasten. Da können Maschinen den Fahrer entlasten und unterstützen. Wenn Autos ähnlich wie Flugzeuge vollautomatisiert fahren, wird es deutlich weniger Unfälle geben. Aber es wird sie immer noch geben. 

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Forschung
news-4656 Tue, 15 Aug 2017 13:02:07 +0200 Ist der moderne Mensch älter als gedacht? /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4656&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=cce3e0a94be07fb23d846abad41dfd33 Der Homo sapiens machte sich vermutlich viel früher auf den Weg nach Europa und in die ganze Welt. Der Sonderforschungsbereich 806 untersucht die historische Route unserer Vorfahren.

Der Homo sapiens, einst Jäger und Sammler, eroberte von Süd- und Ostafrika aus die ganze Welt. Bisher dachten Forscherinnen und Forscher, dass die Erfolgsgeschichte unserer Spezies vor etwa 200.000 Jahren startete. Jetzt gibt es Hinweise, dass er sich schon viel früher auf Wanderschaft machte. Warum und auf welchen Wegen er Afrika verließ, ergründen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universität zu Köln im Sonderforschungsbereich 806 »Unser Weg nach Europa«, der gerade um weitere vier Jahre verlängert wurde. 

Ein schlanker drahtiger Mann mit dunkler Hautfarbe und hellgrauem Anzug, etwa 1,80 Meter groß, sitzt in Köln in der Straßenbahn: »Keiner der anderen Fahrgäste würde stutzig werden, obwohl unser ausgedachter Fahrgast rund 200.000 Jahre alt ist«, sagt Professor Frank Schäbitz, stellvertretender Sprecher des SFB. So ähnlich sind sich der Urahne des heutigen Menschen in Statur, Bewegung und Mimik mit seinen zeitgenössischen Nachkommen, also uns. 

Denn alle heutigen Menschen stammen vom frühen Homo sapiens ab, dessen Wiege – wie bis vor kurzem angenommen - in Ost- und Südafrika stand. In Äthiopien fanden Forscherinnen und Forscher beispielsweise rund 195.000 Jahre alte Fossilien. Eine der entscheidenden Fragen, mit denen sich ein Kölner Wissenschaftlerteam aus Archäologen, Paläogenetiker, Geologen und Anthropologen seit 2009 befasst, ist: Warum machte Homo sapiens sich auf den Weg nach Europa? Und wann genau? 

Über das wann ist unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gerade eine intensive Debatte im Gange. Forscherinnen und Forscher vom Max-Planck- Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Nationalen Instituts für Archäologie und kulturelles Erbe im marokkanischen Rabat sorgten mit ihren jüngsten Ergebnissen für Aufsehen: Danach ist der Homo sapiens 315.000 bis 340.000 Jahre alt. Das Team hatte Fossilienfunde aus den sechziger Jahren mit neuen Untersuchungsmethoden noch einmal zeitlich taxiert und stützt die überraschende zeitliche Einordung mit frischen Ausgrabungen. Die in Jebel Irhoud, ein Ort rund 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, gefundenen Knochen stammen demnach von fünf verschiedenen Individuen. Sie gehören trotz einiger archaischer Merkmale zweifelsfrei zum Homo sapiens, wenn auch einem sehr frühen Vertreter. 

Muss die Geschichte der Spezies Homo sapiens, seiner Menschwerdung, wie er kulturell gereift ist und sich ausgebreitet hat, damit neu geschrieben werden? »Der Zeitraum von rund 300.000 Jahren klingt realistisch «, sagt Professor Dr. Jürgen Richter, Sprecher des Kölner SFB. Allerdings basieren die Altersergebnisse aus Marokko auf einer einzigen Messmethode, der Lumineszenz, eine unabhängige Kontrolle mit anderer Messtechnik liegt nicht vor. 

»Wir müssen jetzt davon ausgehen, dass der moderne Mensch schon früher in Afrika unterwegs war«, sagt der Geograph Schäbitz. Schäbitz und Richter setzen bei ihren Studien unter anderem auf Sedimentbohrungen im Salzsee Chew Bahir (Stefaniesee) im Süden Äthiopiens. Da der Bohrkern aus 280 Meter Tiefe des Chew Bahir bis etwa 550.000 Jahre zurückreicht, decken sie auch den nun früheren Beginn der menschlichen Mobilität ab. »Wir werden ein spezielles Augenmerk auf die Klima- und Umweltbedingungen vor etwa 300.000 Jahren legen«, sagt Schäbitz. 

Der Chew Bahir im Entstehungsgebiet des Homo sapiens hat es den Kölner Geologen wie Archäologen besonders angetan: Denn durch Jahrhundertausende alte Ablagerungen auf dem Seegrund ist er so etwas wie ein Klimaarchiv. Die Sedimente vom Seegrund sind für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler voller Reichtümer: Sie finden gut erhaltene Reste ehemaliger Lebewesen, winzige Einzeller wie Kieselalgen, Muschelkrebse oder besondere Eigenschaften in der Sedimentzusammensetzung. So haben zum Beispiel die zwischen 0,4 und einem Millimeter großen Muschelkrebse trotz ihrer geringen Größe eine Menge zu erzählen. Ihre etwas bucklige Form kann dem geschulten Auge beispielsweise sagen, dass der Salzgehalt des Wassers zu einer bestimmten Zeit sehr hoch war. Das wiederum weist auf eine regenarme Periode hin. 

Es gibt viele verschiedene Arten von Muschelkrebsen, die ökologische Nischen etwa in flachen oder tiefen Gewässern, als Aas- oder Algenfresser besetzen. Aus allen diesen mühsam zusammen getragenen Informationen erschließen die Kölner Forscherinnen und Forscher ehemalige Klimazustände. Neues Klimawissen wiederum könnte das Rätsel lösen, warum und wann genau der Jäger und Sammler Homo sapiens sich auf Wanderschaft begab. Zur Diskussion stehen theoretisch mehrere Gründe:

  • Das Klima im Herkunftsgebiet änderte sich so dramatisch, dass unsere Vorfahren günstigere klimatische Bedingungen suchen mussten, um zu überleben.
  • Oder es herrschten gute Lebensbedingungen im ostäthiopischen Grabenbruch, sodass die Bevölkerung so stark anwuchs, dass nicht mehr genug Nahrung für alle da war. Deswegen sind junge Vertreter des Homo sapiens ihrem Jagdwild hinterhergewandert.
  • Neugier auf Neues war sicher auch ein Antrieb für den Aufbruch.

Tatsächlich geben die Bohrkerne der Kölner Forscherinnen und Forscher zu bestimmten Zeiten Hinweise auf intensive Klimaveränderungen in rascher Folge: Es gab beispielsweise heftige Schwankungen zwischen großer Trockenheit und extremer Nässe vor etwa 120.000 bis 70.000 Jahren. Vermutlich spielten aber mehrere dieser Gründe eine Rolle, um von Afrika aus die Welt zu besiedeln. Spuren der Wanderungsbewegungen finden sich jedenfalls zuhauf. Die oben erwähnten Funde aus Marokko legen nahe, dass der Homo sapiens durchaus auch den Weg durch die heutige Wüste Sahara gewählt haben könnte. Die war nachweislich zu bestimmten Zeiten nicht so lebensfeindlich wie heute, sondern feuchter, savannenartig und mit Wild zum Jagen.

Eine andere nachweisbare Route ist die über Ägypten, Israel und Jordanien. In Ost-Ägypten und im Jordaniengraben Wadi Sabra fanden Forscherinnen und Forscher Spuren menschlicher Anwesenheit, die etwa 40.000 Jahre alt sind. Auf dem Gebiet des heutigen Israel traf der Homo sapiens höchstwahrscheinlich erstmals vor ca. 100.000 Jahren auf den Neandertaler. Später, vor circa 40.000 Jahren, begegneten sie sich auf dem Balkan erneut.

Das jüngste Aufeinandertreffen ging für den Neandertaler nicht gut aus. Er starb etwas später aus. Die Vermutung der Wissenschaft: Der Homo sapiens war dem Neandertaler überlegen. Der maximal 1,70 Meter große, robuste und kräftige Neandertaler - mit weit ausladender Brust und zumindest die Männer bis zu 90 Kilogramm schwer - sah sich zwar einem schmalen graziler gebauten Homo sapiens gegenüber. Der verfügte aber wohl über bessere Jagd- und Kulturtechniken. Er konstruierte beispielsweise Angeln, fertigte aus Knochen, Schnecken und Steinen Schmuck sowie harte Pfeilspitzen aus Elfenbein und Knochen. Ein weiteres Plus: Er war wohl in der Lage untereinander besser zu kommunizieren. Doch hat die Begegnung zwischen Homo sapiens und Neandertaler genetisch Spuren hinterlassen: Heute hat der moderne Mensch noch bis zu drei bis vier Prozent des Erbgutes des ausgestorbenen Neandertalers in sich. 

Vermutlich wählte der Wanderer Homo sapiens vor 50.000 bis 60.000 Jahren den Weg über das Niltal und/oder das Rote Meer nach Eurasien, weiter über die heutige Türkei und den Balkan nach Mitteleuropa. 

Als der Homo sapiens schließlich vor etwa 40.000 Jahren in Europa ankam, herrschte dort Kaltzeit. Es war ungemütlich. In besonders kalten Phasen war es bis zu zehn Grad Celsius kälter als heute. Aber es gab auch kurze wärmere Abschnitte. Als zum Höhepunkt der letzten Eiszeit vor rund 20.000 Jahren die Gletscher jedoch bis etwa zur Elbe reichten, zog sich die europäische Homo sapiens-Population notgedrungen nach West- und Südeuropa zurück. Erst als sich das Klima vor etwa 14.500 Jahren wieder erwärmte, breitete sich der Homo sapiens wieder weiter nach Norden aus. 

Nicht alle Vertreter des modernen Menschen haben freilich in Süd- und Westeuropa der Kälte getrotzt. Schon vor etwa 50.000 Jahren schafften aus Afrika stammende »Auswanderer« auch den weiten Weg über Asien und letztlich vermutlich mit einfachen Booten/Flößen ins ferne Australien. Erst spät, etwa vor 15.000 Jahren, wanderten sie über Alaska nach Nord- und weiter nach Südamerika. 

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Forschung
news-4659 Mon, 14 Aug 2017 20:28:00 +0200 Die Schmitz-Säule /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4659&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=bb1c86d6189bb0e7a5d51e12f7b63333 Prof. Erwin Orywal, (Völkerkunde) über die Schmitz-Säule am Alter Markt

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Kölner Uni erforschen, erkunden und erleben Köln. Ihre Forschungen beschäftigen sich mit Flora, Fauna und nicht zuletzt den Bewohnern der Stadt gestern und heute.  Über Interessantes, Skurriles, Typisches oder auch weniger bekanntes berichten sie in dieser Rubrik.
Dr. Erwin Orywal, Professor für Völkerkunde erläutert, was es mit der Schmitz-Säule am Alter Markt auf sich hat. 

Haben Sie schon einmal von der Schmitz-Säule gehört? Wenn nicht, dann spazieren Sie doch einmal zur offiziellen Adresse dieser Säule am Alter Markt 30. Nicht gefunden? Das ist aber erstaunlich, denn die Säule ist ca. 4,50 m hoch und damit kaum zu übersehen.
Sucht man nun weiter, dann findet man den Hinweis, dass die Säule in der Nähe der Figuren von Tünnes und Schäl stehen. Deren offizielle Adresse ist die Lintgasse 9. Geht man vom Alter Markt in die Lintgasse, findet man auch diese Figuren nicht. Eine weitere Angabe lautet nun An Groß Sankt Martin. Diese Adresse aber ist die Schürmann Umbauung des ehemaligen Klostergeländes nördlich von Groß Sankt Martin. Mit viel Geduld steht man irgendwann auf der Westseite von Groß Sankt Martin und prüft nun die letzte Ortsangabe: „Vor der romanischen Kirche Groß Sankt Martin“, und dann könnte man mit etwas Glück die Säule entdecken.
Warum so kompliziert, würde der Kölner sagen, warum lautet die Ortsangebe nicht „Hinter dem Brauhaus zum Prinzen“, das vormalige Gaffel Brauhaus am Alter Markt? Das wäre die präzise mittelalterliche Angabe, als es noch kaum Straßennamen gab, aber jeder Kölner sofort Bescheid wusste. Somit gestaltet sich schon die Suche nach der Schmitz-Säule als ein etwas mysteriöses Unterfangen.

Noch mysteriöser aber ist für viele Kölner die Bedeutung dieser quadratischen, möglicherweise aus Steinen der römischen Hafenanlage erbauten Säule. Ihr Name lässt aber schon vermuten, dass sie in einer Verbindung mit dem Kölner Stammbaum steht, der nach kölscher Sichtweise von der Familie Schmitz gegründet wurde. Diese Vermutung bestätigt dann auch eine erste Inschrift auf der Westseite der Säule. Intensive Recherchen zur Entstehung des Stammbaums der Kölner Ur-Ahnen haben nun Folgendes ergeben: In römischer Zeit war das heutige Martins Viertel eine Insel, umgeben vom Hauptarm und einem Nebenarm. des Rheins. Auf dieser Insel standen römische Lagerhäuser. Diese wurden natürlich von schwarz gelockten, gut aussehenden römischen Legionären bewacht.

Ab und zu schauten dann dort blonde ubische Mädchen aus dem Oppidum Ubiorum vorbei, und es kam zu dem, was man in Köln ein „Fisternöllsche“ nennt, ein intimes Stelldichein. Als dann der erste kleine Schmitz das Licht der Welt erblickte, war der Stammbaum der Familie Schmitz begründet. 

Beweise hierfür sind heute in der Grabung unterhalb Groß Sankt Martins zu sehen, nämlich die Mauerreste eines der römischen Lagerhäuser. Da es zuvor auf dieser Insel schon ein römisches Schwimmbad gab, gleichfalls in der Grabung zu sehen, könnte es auch dort im sozusagen ersten Müngersdorfer Stadion zu entsprechenden „Fisematentsche“ gekommen sein. Der Nebenarm des Rheines wurde kurz vor dem Jahre 1000 unserer Zeitrechnung aufgeschüttet und es entstand der heutige Alter Markt und der Heumarkt. 

Nachdem nun diese historischen Erkenntnisse zur Entstehung des Stammbaums der Schmitzens bekannt geworden waren, sah es der Architekt und stadtgeschichtlich engagierte Kölner Jupp Engels (1909-1991) als dringend erforderlich an, dieser Entstehungsgeschichte auch architektonisch einen Ausdruck im kölnischen Raum zu verleihen, und er spendete 1965 das Geld für den Bau der Schmitz-Säule.

Erbaut wurde sie dann im Jahre 1969. Nun ereignete sich aber im Jahr der Erbauung der Säule noch ein weiteres weltbewegendes Ereignis. Ein Herr Neil Armstrong betrat während der Mondlandemission der NASA mit Wernher von Braun als einem ihrer Leiter als erster Mensch den Mond – genau in dem Jahr, als die Schmitz-Säule erbaut wurde. Dieses Ereignis empfand man in Köln als ebenso bedeutend wie den Bau der Schmitz-Säule, sodass man Herrn Neil Armstrong, Wernher von Braun und die gesamte NASA davon in Kenntnis setzte, gleichfalls mit einer Inschrift (Süd Seite) der Parallelität der Ereignisse zu gedenken.

Kölner wären jedoch nicht Kölner, wenn sie nicht noch einen drauf gesetzt hätten: Sie ließen nämlich vom Institut für Weltraumforschung in Bochum genau ausrechnen, wie weit der linke Fußabdruck von Herrn Neil Armstrong auf dem Mond von unserer Schmitz-Säule entfernt ist, nämlich 389 994 km und 100 Meter. 

Eine weitere Geschichte belegt ebenfalls die Entstehung des Kölner Stammbaums der Schmitzens in sehr frühen Zeiten. Es trafen sich der Bischof von Trier, von Mainz und von Köln auf einer Konferenz und unterhielten sich über ihre Herkunft. Der Bischof von Trier sagte „Liebe Kollegen, ihr wisst ja, dass Trier die älteste Stadt Deutschlands ist und somit geht auch mein Stammbaum zurück in die römische Zeit“. Der Bischof von Mainz sagte „Respekt, Herr Kollege, das ist wahrhaftig ein beeindruckender Stammbaum. Jedoch, mein Stammbaum geht schon zurück auf Adam und Eva“. Darauf sagte der Bischof von Köln „Wo Sie jerade sagen ´Eva´ – war dat nit ne jeborene Schmitz?“

Damit dürfte wohl das Mysterium der Schmitz-Säule gelöst sein. 

P.S. Inschriften und Bilder zu sehen unter:

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In Köln unterwegs
news-4654 Mon, 14 Aug 2017 18:16:33 +0200 Vertrauen fördert Behandlungserfolg /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4654&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=acec9ba2a962ca6e828b577462e29029 Kölner Versorgungsforschung untersucht, was eine patientenzentrierte Medizin leisten kann

Diagnose Brustkrebs. Wie geht es mit mir weiter? Muss ich jetzt zur Chemotherapie? Verliere ich die Brust? Auch wenn eine erkrankte Frau zunächst als Alleinkämpferin antritt – mit der Unterstützung aus der medizinischen Versorgung und aus ihrem privaten sozialen Umfeld ist das Ziel, den Krebs zu besiegen, ein gemeinschaftliches Anliegen. Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung können dazu beitragen, dass dieses System in gelenkten Bahnen verläuft. 

Verlässlichkeit in den Unterstützungsangeboten und Vertrauen in die bestmögliche Behandlung spielen eine entscheidende Rolle, weiß Professor Dr. Holger Pfaff. »Die Zufriedenheit einer Patientin ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Behandlungserfolg «, sagt der Medizinsoziologe. Zufriedenheit zu schaffen sei deshalb eine wichtige Aufgabe für Ärztinnen, Ärzte und Krankenhäuser mit ihren Versorgungsstrukturen – etwa durch intensive Aufklärung und passgenaue Therapien. 

Holger Pfaff leitet das Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Universität zu Köln. Das IMVR wird von der Humanwissenschaftlichen und der Medizinischen Fakultät gemeinsam getragen und führt regelmäßig Studien beispielsweise zur patientenzentrierten Versorgung durch. 

Beim Ansatz der patientenzentrierten oder auch werteorientierten Medizin geht es darum, die Patientin und den Patienten aktiv mit in die Planung von Behandlungsschritten einzubeziehen. Juniorprofessorin Dr. Lena Ansmann vom IMVR erklärt: »Die Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient wird in der patientenzentrierten Medizin gestärkt. Es entsteht eine positive Haltung zur Behandlung, die sich oft positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt.« 

Ob wirtschaftliche Zwänge oder der enge Rahmen von Standards und Leitlinien - im deutschen Gesundheitssystem sei es allerdings herausfordernd, eine Versorgung zu gewährleisten, die sich an den individuellen Bedürfnissen von Patienten ausrichtet, sagt Holger Pfaff: »Es gibt Konfliktpotentiale entlang der Versorgungskette, gerade wenn unterschiedliche Ärztinnen und Ärzte und Organisationen in einen Fall involviert sind. Mit unserer Forschung suchen wir nach guten strukturellen Lösungen dafür.« 

In Zeiten, in denen Suchmaschinen im Internet zu jedem Symptom die passende Krankheit parat halten, sind Patienten informierter und mündiger als früher. Dadurch hat sich die Basis für ein Gespräch und mithin auch die Erwartungshaltung an eine Behandlung geändert. 

Teilhabe und Transparenz sind gefragt 

Stichwort Partizipative Entscheidungsfindung (shared decision making): Beim patientenzentrierten Ansatz geht es auch um das, was der oder die Betroffene sich konkret wünscht. Ist beispielsweise das Ziel, möglichst lange zu überleben, oder ist ab einem gewissen Alter mit vielen Begleiterkrankungen die verbleibende Lebensqualität höher zu gewichten? Durch verfügbare Entscheidungsspielräume soll dem individuellen Wunsch verstärkt Rechnung getragen werden können, so das Konzept. 

Untersuchungen haben gezeigt, dass Krebspatientinnen und -patienten, deren Arztgespräch durch Anrufe oder hereinplatzendes Personal gestört wurden, eine größere Angst vor der Rückkehr des Tumors nannten als solche Patienten und Patientinnen, bei denen die Gesprächssituation ruhiger verlief, berichtet Holger Pfaff: »Das allein zeigt: Wer sich als behandelnder Arzt in einer für den Patienten extrem aufwühlenden Situation keine Zeit nimmt, wirkt auf sein Gegenüber weniger vertrauenswürdig.« Pfaff ergänzt, dass Studien des IMVR außerdem gezeigt hätten, dass das Vertrauen in die Ärztin und den Arzt steigt, wenn im Gespräch mit dem Patienten der Informationsbedarf des Patienten gedeckt wird. 

Wie sich Vertrauen, Kommunikation und Behandlungserfolg miteinander kombinieren lassen, überprüft Lena Ansmann gemeinsam mit Professor Dr. Nicole Ernstmann von der Uniklinik Bonn aktuell mit der PINTU-Studie (PINTU = Patient involvement in multidisciplinary tumor conferences in breast cancer care). Das Studienteam schaut, welche Vor- und Nachteile die Einbeziehung von Brustkrebs-Patientinnen in die Diskussion über die eigene Weiterbehandlung hat. 

Sogenannte multidisziplinäre Tumorkonferenzen finden an den Kliniken typischerweise ausschließlich mit Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen statt. Diese tauschen sich am runden Tisch gemeinsam zum Einzelfall aus und werfen Expertise etwa aus der Onkologie, der Radiologie oder der Pathologie in die Waagschale. So soll die bestmögliche Therapie gefunden werden. »Wir prüfen in der PINTU-Studie, ob es zielführend sein kann, wenn die betroffene Patientin selbst mit am Tisch sitzt«, sagt Lena Ansmann. Das strittige Teilnahme-Szenario wird derzeit an sechs NRW-Brustzentren auf Machbarkeit, Risiken und Nutzen untersucht. »Wir sind da ergebnisoffen. Es kann auch schlecht für die Patienten und Versorger sein, etwa, weil die Diskussion gehemmt ist, die Patientin dort zum ersten Mal ihre Prognose erfährt und Angst kriegen kann, oder weil sie die Fachsprache der Mediziner nicht versteht.« 

Bei den Tumorkonferenzen der Brustzentren geht es beispielsweise um die Frage, ob eine Brust komplett abgenommen werden soll (Mastektomie) oder nicht (Brusterhaltende Therapie). Eine patientenzentrierte Sicht der behandelnden Ärztin hieße, der Frau zu verdeutlichen, dass sie selbst entscheiden kann - denn in beiden Varianten sind die Überlebenschancen nahezu gleich. Noch ist das jedoch nicht üblich. 

Köln wird zum Labor 

Mit dem Cologne Research and Development Network, kurz CoRe-Net, gestaltet das Zentrum für Versorgungsforschung Köln (ZVFK) seit Anfang des Jahres ein innovatives Kompetenznetzwerk aus Praxis und Forschung für die Stadt Köln. CoRe-Net fördert die patientenorientierte Versorgung durch ein lernendes Netzwerk. Herzstück wird eine einzigartige Datenbank werden, die krankenkassenübergreifende Routinedaten, Sozialdaten und Primärdaten beinhaltet. 

»Wir wollen flächendeckend in ganz Köln – also in jedem Krankenhaus, jeder Arztpraxis, jedem Hospiz – untersuchen, wie die Organisationen Patientenzentrierung realisieren«, erläutert Lena Ansmann das datenintensive Vorhaben von OrgValue, einer Studie innerhalb von CoRe-Net. Befragt werden die Entscheidungsträger der Organisationen nach dem, was gut läuft, und dem, was noch nicht so gut läuft. »Wenn man weiß, welche Einflussfaktoren herrschen, dann kann man den Organisationen besser und gezielter beim Lernen helfen«, sei die Idee. 

Dr. Nadine Scholten, Koordinatorin von CoRe-Net, betont die Rolle des Netzwerks für das Vertrauen zwischen den beteiligten Organisationen und für künftige Forschungsfragen: »Wir wollen mit den Einrichtungen, Kostenträgern und Patienten ins offene Gespräch kommen und uns die Lage schildern lassen. So können wir gemeinsam beratschlagen, welchen Bereich wir als Versorgungsforschung in Zukunft beforschen sollten.« Das Netzwerk bildet die Grundlage für neue Kooperationen zwischen der Universität zu Köln, den versorgenden Organisationen und der Stadt Köln, auch um die patientenzentrierte Medizin gemeinsam nachhaltig weiterzuentwickeln.  

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Forschung
news-4651 Mon, 14 Aug 2017 14:24:00 +0200 Spuren im Sand /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4651&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=a023f471201559a43997e7fea923f593 Kölner Archäologen nutzen das Wissen von Jägern und Fährtenlesern aus Namibia, Nordkanada und Australien. Sie zeigen, was man aus simplen Fußspuren alles lesen kann und lösen Rätsel der Wissenschaft.

Thui Thao und Ui Kxunta vom Volk der San in Namibia gehören zu den besten Spurenlesern der Welt. Konzentriert blicken sie auf den Boden. Aber nicht im Norden Namibias, sondern in Köln-Ehrenfeld. Vor wenigen Minuten haben hier zwei Menschen ihre Fußabdrücke im weichen Sand hinterlassen. Deutlich zeichnen sich Ferse, Mittelfuß und Zehen ab. Aber wer hat die Spuren im Sand hinterlassen? Ein Mann oder eine Frau? Wie alt? War er oder sie verletzt oder krank? Hat er oder sie etwas Schweres getragen?  

Die Jäger besprechen sich leise in der klickenden und schnalzenden Sprache der San-Völker, die als Jäger und Sammler leben, worauf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes San (»jene, die etwas vom Boden auflesen«) hinweist. Gut zwei Dutzend Augenpaare beobachten ihre Diskussion im Hof der Forschungsstelle Afrika - hauptsächlich Archäologen und Anthropologen aus aller Welt, die gekommen sind, um von der Erfahrung indigener (»eingeborener«) Jäger zu lernen. 

Schon nach wenigen Minuten sind sich die beiden Spurenleser einig: Die eine Fährte stammt von einer Frau, die andere von einem Mann. Was Anthropologen oft nur mit aufwändigen Messungen herausbekommen, schöpfen die Jäger aus ihrem Reservoir praktischen Wissens. »Das war ein Mann«, stellt Thui Tao schließlich fest und zeigt auf eine Spur. »Er ist zügig über den Sand gelaufen«, fügt er hinzu und sagt den Wissenschaftlern, wie er darauf kommt. Mit seinen Fingern zeigt er auf Ferse und Vorderfuß. »Tief eingedrückt.« Dann zeigt er auf die andere Spur. »Eine Frau. Die Spuren sind sehr tief für eine Frau dieser Größe. Sie hat etwas getragen. Aber langsam.« Während der San intuitiv männliche und weibliche Spuren auseinanderhält, hört sich das beim Wissenschaftler so an: »Die Breite bestimmter Teile des Fußes vorne und hinten ist bei Männern proportional größer als bei Frauen. Es gibt auch einen anderen Winkel zwischen dem Vorderballen und dem Mittelfuß.« 

Menschliche Fußspuren als Wissensquelle 

Die Archäologen Tilman Lenssen-Erz von der Universität zu Köln und Andreas Pastoors, ehemals vom Neanderthal Museum in Mettmann (jetzt Friedrich- Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), haben den Workshop »Prehistoric Human Tracks« im Frühling organisiert, weil sie die Fähigkeiten der Spurenleser für die Archäologie nutzbar machen wollen. »Wir finden immer wieder menschliche Fußspuren aus der Steinzeit«, sagt Andreas Pastoors. Die stammen aus allen Kontinenten und aus einem Zeitraum von vor 3,7 Millionen Jahren, beispielsweise aus Laetoli im Norden von Tansania, bis vor gut 2.000 Jahren in Acahualinca in Nicaragua. 

Dass er sich mit Fußabdrücken beschäftigen würde, ahnte Pastoors einst nicht. Denn eigentlich sind die Malereien in den Höhlen von Tuc d’Audoubert und Les Trois-Frères in den Pyrenäen sein Forschungsgebiet. Dort finden sich fantastische Höhlenbilder, die Eiszeit- Jäger vor 17.000 Jahren hinterlassen haben: Bisons, Mammuts und Pferde leuchten an den Wänden der Höhlen. Weil es dort keinen Wind und keine Erosion gab, sind nicht nur die Malereien extrem gut erhalten, sondern auch die Fußspuren, bei denen manchmal sogar die Fußnägel identifizierbar sind. »Die Fußspuren wurden von Wissenschaftlern zwar untersucht und dokumentiert«, so Pastoors, »aber die Forscher konnten den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind, nicht erklären.« Alter, Geschlecht, Anzahl und Gesundheitszustand der paläolithischen »Künstler« interessieren ihn aber sehr. 

Deshalb führte Pastoors Wissensdurst ihn zu seinem Kollegen Tilman Lenssen-Erz an die Uni Köln. Lenssen-Erz ist durch ist durch seine Arbeit an den Felsbildern des Brandbergs in Namibia bekannt geworden. Dabei lernte er die Spurensucher der San kennen. Die San gehören wohl zu den ältesten indigenen Völkern im Südwesten Afrikas und leben noch heute teilweise als Jäger und Sammler. Manche verdienen heute ihr Geld als sogenannte Tracker, Fährtenleser für Touristen bei der Großwildjagd. Die San geben die Kunst eine Fährte zu lesen und zu interpretieren von Generation zu Generation weiter und üben sie täglich. 

Keine jahrelangen Messreihen 

»Die Grundlagen des Fährtenlesens haben einiges mit den Grundlagen von Wissenschaft gemein«, sagt der Kölner Archäologe Lenssen-Erz. »Man muss Daten sammeln, sich eine Hypothese bilden, schauen, ob die Hypothese anhand neuer Daten verifiziert werden kann oder nicht.« Insofern sind Ergebnisse der Spurenleser für die Wissenschaftler nachvollziehbar. »Wir bauen nicht auf Exotik. Auch unter den Wissenschaftlern gibt es gut ausgebildete Spurenleser, die die Fähigkeit für ihre Arbeit nutzen.« 

Die indigenen Spurenleser können allerdings aus winzigen Details der Spuren sehr viel herauslesen. Hier stecken große Möglichkeiten für die Wissenschaft, meint der Kölner Frühgeschichtsforscher. »Man muss nicht jahrelange Messreihen machen, sondern man hat Experten, die diese Messreihen intuitiv in sich angelegt haben«, so Lenssen-Erz. »Wenn wir naturwissenschaftliche Analyseverfahren verwenden, dann müssen wir auch den Ergebnissen anderer Experten vertrauen«, ergänzt sein Kollege Andreas Pastoors. »Das ist bei den Trackern nicht anders.« Zusammen führten die beiden Wissenschaftler bereits 2013 ein vielbeachtetes Projekt durch: Sie flogen nach Namibia und brachten die drei San-Jäger Thui Thao, Ui Kxunta und Tsamkxao Ciqae nach Europa zu den Höhlen in die Pyrenäen. 

Lehm statt Tanz 

Die Ergebnisse der indigenen Fährtenleser führten zu einer Neubewertung der Fußspuren in einer der Höhlen. Die Forscher glaubten lange, dass es sich eventuell um einen rituellen Tanz handelt. Die San kamen zu einem anderen Schluss: Sie lasen aus den Fußspuren, dass ein etwa 38-jähriger Erwachsener mit einem etwa 14-jährigen Kind dort Lehm entnommen hatte. 

Lenssen-Erz verfolgt nun zusammen mit den San- Jägern Tiere im Norden Namibias, um zu lernen. »Wenn man weiß, wie sich die San heute verhalten, hat man einen ganz guten Ansatz zu verstehen, was die Steinzeitjäger einst gemacht haben.« Vor allem die Jagdpfade der Steinzeitjäger will er so nach-modellieren und das Verhältnis von Mensch und Landschaft beschreiben. 

Frage des Überlebens 

Für Jäger und Sammler war die Kunst des Spurenlesens immer auch eine Frage des Überlebens. Die Aborigine Leah Umbagai, Malerin und Autorin, stammt vom Volk der Worrorra aus Mowanjum im Norden West-Australiens: »Das Wissen um das Spurenlesen ist gemeinschaftlich angesammelt. Wir lernen das von Kindesbeinen an. Es gehört zu den kulturellen Techniken, die uns helfen in unserer Umgebung zu überleben.« 

Ums Überleben geht es für George Aklah bei der Spurensuche noch heute. Der Inuit aus dem Nunavut- Territorium im Norden Kanadas ist Polarjäger und weiß viel über die Jagd seines Volkes auf Eisbären. Denn egal ob Sand oder Schnee und Eis: Die Details der Fährtenlese ändern sich, die Art zu interpretieren ähnelt sich aber weltweit. »Die Jagd ist immer noch Teil unseres Lebens«, erklärt Aklah. Die Jagd helfe ihm, seine Familie zu versorgen. »Ich habe es von meiner Mutter gelernt«, sagt er. »Jagen liegt uns im Blut, es gehört zu unseren Traditionen.« Was hält der Jäger des hohen Nordens von seinen Kollegen aus dem südlichen Afrika? »Ihre Methode unterscheidet sich von meiner. Sie erzählen eine ganze Geschichte zu der Spur.« 

Für Tsamkxao Ciqae, dem dritten San-Jäger, ist Jagen eine Selbstverständlichkeit: »Die Jagd ist Teil unseres Daseins, so wollen wir leben: im Feld sein und jagen.« Im Zentrum ihrer Kunst stehen deswegen natürlich Tierspuren. Doch auch menschliche Spuren sind wichtig: »Das ist so was wie eine Zeitung. Man liest auf dem Boden, wer da war und was er gemacht hat.« Denn an den Spuren erkennt man den Menschen: ob er hinkt, ob er etwas getragen hat, ob er es eilig hatte oder müde war. »Wir wissen immer ganz genau, wo unsere Frauen hingehen«, sagt er und lacht. »Und wen sie da getroffen haben natürlich auch.« 

Die San gehören zur ärmsten Bevölkerungsgruppe in Namibia, die Jagd sichert ihnen ein Minimaleinkommen. Gleichzeitig benützen auch sie Handys, um zu telefonieren, sie kennen Fernsehen und das Internet. In ihren Gesprächen taucht aber eine Frage immer wieder auf: Wozu soll Spurenlesen heute noch gut sein? Ist das nicht eine hoffnungslos veraltete Kunst? Lenssen-Erz will mit seinen Projekten den San auch zeigen, dass ihr Wissen gebraucht wird. »Das Wissen, Spuren lesen zu können, ist sehr aktuell. Man muss sehr vernetzt denken: Welches Tier ist das? Wie reagiert es auf seine unmittelbare Umwelt? Zeigt es Verhaltensabweichungen? Und vieles mehr. Wir sollten Fährtenleser darin trainieren und ihnen Arbeitsmöglichkeiten eröffnen, subtile Umweltveränderungen zu protokollieren und zu berichten. 

Erfahrungswissen zählt schließlich auch in den Wissenschaften und ein Argument spricht für dieses Wissen: »Die San haben bis heute überlebt«, so Pastoors. 

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Forschung
news-4658 Mon, 14 Aug 2017 13:45:00 +0200 Prominenter Besuch /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4658&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=fdf5e3abc88551421b0adb3085f0cc06 Carl Friedrich von Weizsäcker  Der Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker spricht während eines Symposiums zur Quanten-Logik im Jahr 1984 mit einem jüngeren Tagungsteilnehmer.

Das Treffen organisierten Professor Dr. Peter Mittelstaedt und Dr. Ernst-Walther Stachow. Es brachte 40 internationale Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachgebieten in Köln zusammen.

Carl-Friedrich von Weizsäcker eröffnete die erste Sitzung des Symposiums mit einem Vortrag. Quantenlogik versucht die Quantentheorie frei von Paradoxien darzustellen.

Das Symposium gilt heute in der Wissenschaftsgeschichte als einer der Marksteine der Entwicklung der Quantenlogik.

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Damals
news-4655 Mon, 14 Aug 2017 13:04:00 +0200 Warum hat die Kuli-Kappe ein Loch? /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4655&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=1a327b91057f94665832b8940ad9eb14 Es antwortet: Priv.-Doz. Dr. Ernst Rietschel, Leiter Pädiatrische Pneumologie und Allergologie, Klinik f. Kinder- und Jugendmedizin

Vielleicht sollten Sie, bevor Sie weiterlesen, Ihren Kugelschreiber zur Seite legen oder ihn wenigstens aus dem Mund nehmen.

Es wird nämlich allenthalben behauptet, dass von Kugelschreiberkappen eine tödliche Gefahr ausgeht, da sie sich gerade zu anbieten, von ihrem Nutzer verschluckt zu werden. Obwohl der französische Unternehmer Baron Marcel Bich (Gründer des Unternehmens BIC, dem weltweit größten Hersteller von Kugelschreibern und Feuerzeugen) das Prinzip des Kugelschreibers nicht erfunden hat – das war 1938 der Ungar László Bíró – war es sein Design eines ergonomisch perfekten Stifts, das dem Kugelschreiber zum Sieg über den Füllfederhalter verhalf. 

Das Design ist so vollendet, dass es über all die Jahrzehnte unverändert blieb. Bis auf ein winziges Detail: 1991 verpasste der Hersteller BIC seinem Klassiker ein kleines Loch an der Spitze der Kappe. Mit diesem Loch wirbt die Firma heute auf ihrer Internetseite und begründet diese Maßnahme damit, dass im Falle eines Verschluckens in die Atemwege dadurch die Luftzufuhr sichergestellt sei und somit eine Vielzahl von Menschenleben gerettet würde. 

Im Jahr 2005 wurden in den USA 19.000 sogenannte Fremdkörperaspirationen registriert, 160 Kinder unter 14 Jahren starben daran. Am häufigsten verschluckten sich Kinder unter drei Jahren, wobei Erdnüsse, Baumnüsse, Sonnenblumenkerne, Pistazien und Kleinteile von Spielzeugen am häufigsten in die Atemwege gelangten. Kappen von Kugelschreibern machten aber insgesamt nur acht Prozent der Verschluckunfälle aus – am häufigsten wurden die Kappen im Grundschulalter aspiriert. Alles in allem ist in der Fachliteratur bisher ein Todesfall beschrieben.

Somit können Sie jetzt beruhigt weiter an Ihrem Kugelschreiber kauen. Da im Grundschulalter die Luftröhre schon relativ groß ist, landen die meisten Kuli-Kappen in einer der sogenannten Hauptbronchien. Damit ist die Belüftung der Lunge erst mal nicht wesentlich eingeschränkt. Das winzige Loch in der Kappe bietet nun den großen Vorteil, dass eine Zange die Kappe besser fassen und sie damit leichter aus der Lunge entfernen kann. Wenn es auch den Erdnussproduzenten gelingen könnte, ihre Produkte mit Löchern zu versehen, würde manche Fremdkörperentfernung deutlich unproblematischer.

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Wissenschaft im Alltag
news-4657 Mon, 14 Aug 2017 12:58:00 +0200 2762 /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4657&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=1e0f170c17e387bd530a560edac7ee7c 2762 vollimmatrikulierte Studierende im Wintersemester 1937 / 38  2762 vollimmatrikulierte Studierende ohne die Zweit- und Gasthörer gab es im Wintersemester 1937 / 38 an der Universität zu Köln.

Die Studierenden verteilten sich auf folgende Fakultäten: In der WiSo-Fakultät studierten 1109 Vollimmatrikulierte, in der Rechtswissenschaft 358, in der Humanmedizin 785, in der Zahnmedizin 110 und in der Philosophischen Fakultät waren es 400.

Aufmerksame Leser merken, dass die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät und die Humanwissenschaftliche Fakultät nicht aufgeführt sind. Die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät existierte erst ab dem Jahr 1950 als eigenständige Fakultät. Vorher waren naturwissenschaftliche Fächer hauptsächlich der Philosophischen Fakultät zugeordnet.

1965 wurde die Pädagogische Hochschule Rheinland gegründet, die 1980 als Erziehungswissenschaftliche und Heilpädagogische Fakultät in die Universität integriert wurde. 2007 wurden die beiden Fakultäten zur Humanwissenschaftlichen Fakultät vereinigt.

Zum Vergleich: 50.617 Studierende (Haupt- und Nebenhörer, ohne Promotionsstudierende, inklusive Kurzzeitstudierende) studierten im Wintersemester 2016 / 17 an der Universität zu Köln.

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Uni in Zahlen
news-4661 Mon, 14 Aug 2017 12:56:00 +0200 Stipendienförderung: spannender Austausch /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4661&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=ee6b8d028217da2f7e339fc7a85415a8 Ein Interview zum Thema Stipendienförderung mit Sabine Berger von der Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG)

Frau Berger, die DEG fördert Deutschlandstipendien und Sozial- und Behindertenstipendien an der Uni Köln. Warum? 

Berger: Wir möchten Talente frühzeitig kennenlernen und für die DEG interessieren. Wir wollen darauf hinwirken, dass Absolventen uns als attraktiven Arbeitgeber wahrnehmen. Grundsätzlich geht es uns darum, Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Die Stipendiaten können sich intensiver auf das Studium konzentrieren und haben außerdem die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren oder außeruniversitäre Projekte voranzutreiben – beides halten wir für unterstützenswert. Als in Köln ansässiges Unternehmen möchten wir zudem die Region und ihre vielfältigen Talente stärken, da liegt die Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln nah. 

Haben Sie für die Stipendien bestimmte Studienfächer ausgewählt? Haben Sie andere Vorgaben gemacht? Wenn ja, warum? 

Berger: Ja, wir haben Fakultäten vorgegeben und Studiengänge gewählt, die gut zu uns als internationalem Entwicklungsfinanzierer passen. Schwerpunkte unserer Stipendiaten sind die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche und die philosophische Fakultät. Neben der fachlichen Ausrichtung zählen für uns auch Motivation und Engagement der Stipendiaten. Und wir legen Wert darauf, junge Frauen und Männer in gleichem Maße zu unterstützen. Wir haben Interesse an einer nachhaltigen Förderung und begleiten unsere Stipendiaten, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, bis zum Abschluss ihres Studiums. Alles zusammen führt zu einem bunten, vielfältigen Mix, der auch einen spannenden Austausch durch unterschiedliche Sichtweisen ermöglicht. 

Suchen Sie den persönlichen Kontakt zu den Stipendiaten? 

Berger: Unbedingt. Wir lernen die Stipendiaten zum ersten Mal im Rahmen der Urkundenübergabe beim feierlichen »Get Together« persönlich kennen. Dann laden wir alle Stipendiaten noch einmal in die DEG ein. Bei dieser Gelegenheit stellen wir uns als Unternehmen vor und nutzen die Zeit für intensive Gespräche. Wichtig ist mir an diesem Tag auch, zu erfahren, welche Erwartungen die Stipendiaten an uns als Förderer haben. Hier gibt es häufig konkrete Vorstellungen, die ganz unterschiedlich sein können und die wir auch berücksichtigen: vom Praktikum bis zur Teilnahme an DEG Events. Manchmal melden sich auch ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten und berichten, wie sich ihr Leben weiterentwickelt hat – das freut mich immer ganz besonders. 

Werden die Stipendiaten die Möglichkeit haben, bei der DEG ein Praktikum zu absolvieren? 

Berger: Ja. Für die Stipendiaten gibt es zwei Möglichkeiten im Rahmen ihres Studiums bei uns zu arbeiten: Zum einen kann man uns und unsere Arbeit in Form eines Praktikums kennen lernen. Das Praktikum findet über einen festgelegten Zeitraum und in Vollzeit statt. Wer sich im Studium etwas dazu verdienen möchte, kann mit begrenzter Stundenzahl als Werkstudentin oder Werkstudent einsteigen. Für beide Varianten schreiben wir regelmäßig Stellen aus. Über unsere Karriereseite können sich Interessenten direkt bewerben oder die »Alert-Funktion« nutzen. Unsere Stipendiaten berücksichtigen wir bei gleicher Qualifikation vorrangig. 

Sucht die DEG Nachwuchs in bestimmten Bereichen? 

Berger: Für Absolventen bietet die DEG verschiedene Traineeprogramme an, mit der Spezialisierung internationale Finanzierung, Risiko / Controlling und IT. Innerhalb der 15monatigen Training-on-the-Job-Programme kann man verschiedene Unternehmensbereiche intensiv kennen lernen und dort mitarbeiten – man bekommt einen guten Einblick in die gesamte Organisation. Für das Traineeprogramm suchen wir Generalisten mit erster Berufserfahrung. Alternativ gibt es den Direkteinstieg auf eine konkrete freie Stelle. 

Aus Ihrer Erfahrung als Personal-Expertin und mit Hinblick auf Ihren eigenen beruflichen Werdegang: Was möchten Sie den Stipendiaten persönlich mit auf den Weg geben? 

Berger: Folgen Sie Ihren Interessen und Ihrer Intuition und … bleiben Sie neugierig! 

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Stiften und Fördern
news-4652 Mon, 14 Aug 2017 12:46:39 +0200 Oh, wie schön ist Panama! /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4652&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=8088f8c1393707574931483439301350 Die Tiefsee ist das am wenigsten erforschte Ökosystem der Erde. Kölner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen die Funktion von mikrobiellen Lebensgemeinschaften entschlüsseln.

Oh, wie schön ist Panama! Doch das schmale Land zwischen Nord- und Südamerika verschwindet Stück für Stück am Horizont, als das deutsche Forschungsschiff METEOR langsam an Geschwindigkeit aufnimmt. Es geht auf hohe See für die Besatzung, die aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Universität zu Köln, der Universität Wien und vom GEOMAR – Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel besteht. 15 Frauen und 13 Männer brechen auf: zunächst in die Weiten des Karibischen Meeres und dann über den südlichen Nordatlantik bis nach Kap Verde, nahe der Westküste Afrikas. Mehr als 9.000 Kilometer liegen vor ihnen. Auf der vierwöchigen Expedition möchte das Forschungsteam dem Wasser und dem Sediment neue Geheimnisse über die bewegte Geschichte des Atlantischen Ozeans entlocken. In einem online zugänglichen Logbuch hält die Besatzung ihre Erlebnisse fest. 

8. JULI 2017
Nieselregen und Aufbruchstimmung. In weniger als 72 Stunden erreichen wir unsere erste Zwischenstation. Wir konnten etwas früher als geplant aus dem Hafen von Bahia las Minas, Panama, auslaufen und haben unsere erste Mahlzeit in der Schiffsmesse eingenommen. Vor uns liegt ein straffer Zeitplan, doch die Stimmung ist gut. 

Prof. Dr. Hartmut Arndt, Professor für Allgemeine Ökologie an der Universität zu Köln, leitet die Expedition »Mikrobielle Nahrungsketten in der Tiefsee und Vulkanismus im Atlantischen Ozean«, die unter der METEOR-Nummer M 139 läuft. »Wir interessieren uns für die Tiefen des Ozeans und hier vor allem für die darin enthaltenen Bakterien und andere Einzeller, von denen wir annehmen, dass sie den Hauptanteil der Stoffumsätze in der Tiefsee leisten«, erklärt Hartmut Arndt. Zuerst heißt es für das Forschungsteam der M 139 allerdings: aufbauen, vorbereiten, einleben. Frachtcontainer haben die technische Ausstattung mit ihren kostspieligen Gerätschaften bis zum Starthafen geschippt, von wo sie im Bauch der METEOR sorgfältig zu einem vorübergehenden Labor aufgebaut und zusammengefügt wird. Alle Technik soll fest an ihrem Platz bleiben, gerade wenn es an Bord mal kräftig schaukeln wird. Der Kapitän klärt die Mannschaft mit praktischen Übungen über die Sicherheitsbestimmungen auf und schärft ihr ein, wie jeder Einzelne sich im Notfall zu verhalten hat. 

10. JULI 2017
 Windstärke sieben und ein ungewöhnlich hoher Wellengang führen die ersten seekranken Patienten zu unserem Schiffsarzt. Unter diesen Bedingungen kommt das Schiff nur lang- sam voran, wir sind im Verzug. Die Zeit nutzen wir, um uns vom Anblick des karibischen Meeres verzaubern zu lassen und beobachten in den Wellen Delfine. 

Die Gruppe steuert den ersten Entnahmepunkt für die Beprobung von Sedimentschichten aus dem 4.000 Meter tiefen Meeresboden an. In den vergangenen Stunden übten die Forscherinnen und Forscher das Prozedere trocken: Welche Handgriffe sind zu tun, wenn das Gerät den Bohrkern aus dem Wasser hebt? Bei den aufwändig zu Tage geförderten Kernen ist es wichtig, sie sorgfältig und schnell für die Analyse aufzubereiten, ohne dass wertvolles Sediment verloren geht. Wenige Millimeter Boden sind schließlich der Fingerabdruck von mehreren tausend Jahren Geschichte! 

Im Nasslabor werden die Kerne aus der Röhre isoliert. Einige Analysen können die Biologinnen und Biologen mit den mitgebrachten Mikroskopen an Bord vornehmen. Für tiefergehende Messungen werden Teile der Bohrkerne direkt eingefroren und gut gekühlt weiter ans heimische Labor der Universität zu Köln geschickt. 

13. JULI 2017
An der Wasseroberfläche ziehen Straßen von Braunalgen an uns vorbei. Durch die ansteigende Temperatur des Ozeans haben sie sich dramatisch vermehrt. Der Teppich ist riesig. Mit einem Netz fischen wir einige Stränge ab, denn uns interessiert, was für mikroskopisch kleine Lebensgemeinschaften sich auf der Alge herausgebildet haben. 

Die Tiefsee ist das am wenigsten erforschte Ökosystem der Erde. Arndt und sein Team vermuten, dass etliche bisher noch unentdeckte Arten sie bevölkern. Besonderes Augenmerk liegt auf den Ziliaten, auch Wimperntierchen genannt. Diese Einzeller weisen eine bisher kaum untersuchte Biodiversität auf und sind offenbar sehr anpassungsfähig an extreme Bedingungen – wie wenig Nahrung, hoher Druck oder niedrige Temperaturen. 

Das Team misst die aktuelle Temperatur der Tiefsee: An der Wasseroberfläche beträgt sie 28 Grad Celsius, ab einer Tiefe von 1.000 bis 1.500 Metern beträgt sie konstante 4 Grad Celsius bis hinab zum Grund. Bei 60 Metern Tiefe stellen die Wissenschaftler das »Chlorophyll- Maximum« fest – an diesem Schwerpunkt der Algendichte wird die größte Zahl von Organismen wie Viren, Bakterien und Protisten, also Einzellern erwartet, denn hier finden sie beste Überlebensbedingungen vor. Je tiefer es geht, desto höher wird der Druck des Wassers, desto weniger Nahrung gibt es. Artenreichtum und die Zahl von Organismen nehmen rapide ab. Bis zu welcher Tiefe schaffen die zähen Wimperntierchen es zu überleben? 

15. JULI 2017
Wow! Wir haben in der Oberfläche des Sedimentkerns den ersten leben- den Ziliaten in über 4.000 Metern Tiefe gefunden! Damit haben wir den bisherigen Rekord von 2.000 Metern geknackt. Dieses Wimperntierchen muss besonders talentiert sein, sich an die Tiefe anzupassen. Wie macht es das bloß?
 

Neben den Sedimentkernen untersuchen die Expeditionsteilnehmerinnen und -teilnehmer auch die Verteilung von Organismen im Meereswasser. Mithilfe eines hinabgelassenen sogenannten Kranzwasserschöpfers können Wasserproben aus unterschiedlichen Tiefen genommen werden. Im Schiffslabor werden die Wasserportionen dann in einer langwierigen Prozedur gefiltert. Übrig bleiben die kleinsten Organismen, die fleißige Forscher nun identifizieren, zählen und genauer analysieren. Später im Kölner Labor soll dann auch noch ihre Erbsubstanz sequenziert werden, um ein umfassendes Bild von der Diversität in der Atlantischen Tiefsee zeichnen zu können. 

20. JULI 2017
Mit etwas Glück stolpert man bei seinem Spaziergang durch den Dschungel von Containern, Maschinen und Stahlgerüsten über einen fliegenden Fisch. Tiere wie Heuschrecken und Geckos nutzen unser Schiff vermutlich seit Panama als behagliche Ferienwohnung. Fasziniert schauen wir auch den schönen Seevögeln zu. Voraussichtlich nächste Nacht erreichen wir unsere zweite Station.

OZEANBLOG: www.oceanblogs.org/m139

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Forschung
news-4660 Mon, 14 Aug 2017 12:24:00 +0200 Vom Privileg denken und lesen zu können /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4660&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=2b3bc32daab4f135ff22525fd64e451a Prof. Dr. Dr. Maria Cristina Polidori über ein magisches Buch aus der großmütterlichen Bibliothek

Zu den ersten Erinnerungen, die ich von meiner Kindheit habe, gehören die vielen Bücher in meinem Elternhaus und die bücherarme Wohnung meiner Großmutter. Beide standen in der italienischen Stadt Perugia, einer Stadt, in der damals wie heute viele alte Menschen in vielen alten Gebäuden leben. Dass in der Wohnung meiner Großmutter vermeintlich keine Bücher waren, war das Ergebnis meiner kindlichen Interpretation, die die relative in eine absolute Bücherleere umgewandelt hatte. Doch Großmutters Weisheit zeigte mir, dass das Wissen eines Menschen nicht mit der bloßen Anzahl seiner Bücher korrespondiert. 

Ich war fast 22 Jahre alt, als die Großmutter 1991 verstarb. Wochen später besuchte ich ihre leergeräumte, jedoch weiterhin wunderschöne Wohnung. Insbesondere eine Ecke war sehr attraktiv, bot sie doch einen atemberaubenden Ausblick über die Glockentürme und Hügel von Perugia. Ich erinnere mich, an dem Nachmittag von dieser Ecke aus einen sehr langen Sonnenuntergang beobachtet zu haben. Als die Nacht einbrach, drehte ich mich vom Fenster weg, um zum Lichtschalter zu gehen. Plötzlich, zum allerersten Mal, sah ich ein winziges Bücherregal an der Wand stehen. Ich hatte es 21 Jahre lang übersehen. Unter den wenigen darin verstauten Büchern habe ich dann, ohne zu denken, nach einem gegriffen – es handelte sich um Dialoghi con Leucò (Dialoge mit Leuko) von Cesare Pavese. 

Auf der ersten Seite fand ich eine Widmung aus dem Jahr 1975: »Forza con la rivoluzione culturale!« (»Weiter mit der Kulturrevolution!«). Und: »Trovare tempo per leggere« (»Finde die Zeit zum Lesen«). Sowie: »Dare spazio al pensiero« (»Finde den Raum zum Denken«). In meiner Erinnerung haben sich diese wenigen Minuten, dieser Moment meines Fundes als einmalig herauskristallisiert.  Noch heute empfinde ich es als magisch, wenn ganz unterschiedliche Phänomene sich verbinden: Das sich ständige Erneuern der Natur in den grünen Hügeln, die ursprüngliche Dauerhaftigkeit der Renaissancegebäude, die ausbildungsunabhängige Weisheit der Menschen, unser Privileg, denken und lesen zu können. Dinge zusammenzubringen spiegelt sich wie ein Kontinuum unter anderem in meiner Tätigkeit in Klinik und Forschung wider. 

Im Dialoghi con Leucò erzählt der Autor Pavese vieles über das Leben. Dabei habe ich das Wort »teilen« (»condivisione«) im Sinne von gemeinsam nutzen, definitiv verinnerlicht. Der unbekannte Autor der drei Widmungen (Lesen! Denken! Kulturrevolution!) hat mich dazu angeregt, als Ärztin wie auch als Mutter dreier Töchter Wissen, Ergebnisse und Entscheidungen mit anderen zu teilen – um möglichst viele Instrumente für das Leben zur Verfügung zu haben. 

 


Jeder kennt sie, jeder hat sie.  Dinge, die unter den vielen Gegenständen, die sich im Laufe der Zeit in der Wohnung oder im Büro angesammelt haben, einen besonderen Stellenwert haben. Wir verbinden sie mit einer Person, einer Begegnung oder einem besonderen Augenblick im Leben, der uns in Erinnerung bleibt. Wir haben uns umgehört und gefragt, welche Dinge unseren Lesern besonders wichtig sind und uns ihre Geschichte erzählen lassen.

PROFESSOR DR. DR. MARIA CRISTINA POLIDORI ist Leiterin des Schwerpunkts Klinische Altersforschung an der Klinik II für Innere Medizin. Sie ist verheiratet und Mutter dreier Töchter. 

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Dinge, die uns wichtig sind
news-4650 Mon, 14 Aug 2017 11:59:00 +0200 Modernitätsfetisch Englisch? /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4650&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=67e2ec4f21b8b047e7b230b482d39845 Englisch dominiert zunehmend die Wissenschaft in den Hochschulen. Aber nicht jeder hält das für sinnvoll.

Die Ablösung des Latein als universelle Wissenschaftssprache hatte unbestreitbar große Vorteile: Sie führte seit der Renaissance zu einer Öffnung der Wissenschaften. Theologische, naturwissenschaftliche und philosophische Texte wurden nun breiteren Kreisen der Gesellschaft zugänglich. Heute ist Englisch die neue Lingua franca. Ist die Wissenschaft der Zukunft damit nur noch Teilöffentlichkeiten zugänglich? Der Arbeitskreis für Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) befürchtet, dass der Trend zu immer mehr Englisch in Forschung und Lehre die Vielfalt der akademischen Kulturen erneut einschränkt und das demokratische Grundprinzip der Wissenschaft infrage stellt. Eine Biomedizinerin und ein Soziologe der Uni Köln zeigen, wie die Wahl der Sprache Verständigung ermöglichen, Menschen aber auch vom wissenschaftlichen Diskurs ausschließen kann. 

Lecture Hall, Mentoring, Family Support und Keynote – an deutschen Universitäten wimmelt es nur so von Anglizismen und als Denglisch gebrandmarkten Wörtern. Es gibt Fachbereiche deren Internetseiten nur noch in Englisch verfügbar sind. Und öffentliche Tagungen finden in Englisch statt, obwohl weder die Redner noch das Publikum aus dem englischen Sprachraum kommen. Ist das sinnvoll oder doch ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins? 

Luca Pacioli, ein Pionier der modernen Mathematik und des Rechnungswesens, verabschiedete sich vor rund 500 Jahren von der damaligen Wissenschaftssprache Latein. Einhundert Jahre später tat das auch der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei. Sie schrieben fortan auf Italienisch, und ein Großteil ihrer Arbeit bestand darin, in der Landessprache erst einmal Begriffe für die neuen Ideen zu schaffen. Der Zugang zum Wissen sollte jedem offenstehen. 

Heute unterhalten sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt auf Englisch. Keine Frage: Internationalität ist für Universitäten eine große Bereicherung. Spitzenforschung profitiert von der Zusammenarbeit zwischen Experten aus unterschiedlichen Ländern, die die gleichen Fachbegriffe nutzen und verstehen. Das hat die Wissenschaft erheblich beschleunigt. Und für viele junge Menschen sind die internationalen Begegnungen während des Studiums nicht nur eine wichtige Lebenserfahrung. Sie stärken auch ein für das Berufsleben nützliches Netzwerk. In der akademischen Praxis ist Internationalisierung jedoch oft gleichbedeutend mit einer Hinwendung zur englischen Sprache und zur anglo-amerikanischen Wissenschaftskultur, kritisiert der Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS). 

Wer als Doktorand oder Postdoktorand nicht in den einschlägigen englischsprachigen Fachzeitschriften publiziert hat, hat kaum eine Chance auf dem Wissenschaftsmarkt. Manche dieser Zeitschriften verbieten sogar das Zitieren anderssprachiger Bücher oder Aufsätze. Dem Biowissenschaftler und Vorsitzenden des ADAWIS Ralph Mocikat zufolge führt diese Entwicklung dazu, dass Forschungsprojekte teilweise neu aufgelegt werden, weil nicht englischsprachige Publikationen zu demselben Thema ignoriert wurden. Außerdem beschränke sich die Wahrnehmung vieler Forscher dadurch auf die angloamerikanische Tradition. Dem Arbeitskreis geht es nicht allein um den Erhalt der deutschen Wissenschaftssprache, sondern um die Pflege unterschiedlicher Wissenschaftskulturen. Denn Sprache sei kein neutrales, austauschbares Vehikel, sondern stets mit einer bestimmten Geistestradition, mit bestimmten Denk- und Argumentationsmustern verbunden. Schwindet die sprachliche Vielfalt, so schwindet auch die Vielfalt der Ideen. 

Sprache kann Zugänge schaffen und ausgrenzen 

Dass Englisch in vielen Disziplinen längst die dominante Sprache der Forschung geworden ist, sei eine Realität, der man pragmatisch ins Auge blicken müsse, meint die CECAD-Forscherin Carien Niessen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Biomedizin seien nicht an einzelne Länder gebunden, sondern für ein globales Publikum relevant. Aus diesem Grund sollten sie auch so publiziert werden, dass sie einer breiten internationalen Öffentlichkeit zugänglich sind. »Eine Beschränkung auf die deutsche Sprache würde in meinem Fach bedeuten, dass man international abgehängt wird. Also haben wir auch eine Pflicht gegenüber unseren Studierenden, sie in der englischen Kommunikation zu trainieren «, sagt die Alternsforscherin. Auch Spitzentalente aus dem Ausland könne man nur mit englischsprachiger Kommunikation im Labor gewinnen. 

Dagegen sieht Wolfgang Streeck den Trend zur Anglisierung in den Geistes- und Sozialwissenschaften kritisch. Er ist Mitglied des ADAWIS, hat viele Jahre in den USA gelebt und gearbeitet und mehr als die Hälfte seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf Englisch verfasst. »An deutschen Hochschulen nimmt der Gebrauch des Englischen schon fast absurde Züge an, wenn Besprechungen unter deutschen Wissenschaftlern auf Englisch abgehalten werden. Der Gebrauch des Englischen ist kein Wert an sich, und die Anglisierung sollte nicht zu einem Modernitätsfetisch werden.« 

Streeck ist überzeugt, dass man in internationalen Kontexten grundsätzlich improvisieren muss. Bei einem internationalen Hegel-Kongress beispielsweise müsse man nicht darauf bestehen, dass alle Englisch sprechen. »Auf diesem Gebiet kann man zumindest ein passives Verständnis der deutschen Sprache voraussetzen.« In Deutschland würden die Sprachkenntnisse internationaler Gäste zudem oft unterschätzt – dass man ihnen offenbar von vornherein nicht zutraut, Deutsch zu verstehen, könne sogar als Beleidigung aufgefasst werden. In einem Punkt sind Niessen und Streeck sich einig: die Debatte um Sprachen in der Wissenschaft sollte pragmatisch geführt werden, nicht ideologisch. Auf den Kontext und auf das Fach komme es bei der Wahl der englischen oder einer anderen Sprache an. »In manchen Fächern, wie Medizin oder Jura, ist es sogar essentiell in der Landessprache zu kommunizieren,« sagt Carien Niessen. »Aber bei der biomedizinischen Forschung muss man nicht unbedingt Deutsch sprechen, um mitmachen zu können.« Grundsätzlich sollte die Wahl der Sprache möglichst niemanden ausschließen. Das kann in einem Fall den Gebrauch der Landessprache, in einem anderen den Gebrauch der neuen Lingua franca Englisch bedeuten. Wolfgang Streeck ist überzeugt, dass Studierende in ihrer Landessprache studieren sollten – wobei auch der Besuch von Lehrveranstaltungen in anderen Sprachen nicht schadet. Auf eine gute Mischung komme es an. 

Mit der Sprachenfrage in der Lehre befassen sich mittlerweile auch hochschulpolitische Gremien. Eine aktuelle Stellungnahme der Hochschulrektorenkonferenz zur Internationalisierung der Curricula thematisiert das nicht ganz eindeutige Verhältnis zwischen Sprache und Internationalität: Fremdsprachige Lehre allein, so die Autoren, sei kein Garant für die erfolgreiche Vermittlung internationaler und interkultureller Kompetenzen. Die Internationalisierung der Curricula sollte nicht zu einer generellen Abkehr vom Deutschen führen. 

Internationalität muss Vielfalt erhalten 

Ein weiterer Kritikpunkt des ADAWIS ist, dass die zunehmende Anglisierung Barrieren zwischen der Forschung und ihrer gesellschaftlichen Anwendung errichtet. Dieses Problem könnten zwar Übersetzungen zumindest teilweise lösen. Doch auch hier sehen die Vertreter des Arbeitskreises ein Problem: Wenn Forschung fast ausschließlich auf Englisch stattfindet, steht langfristig in den Landessprachen kein Fundus an wissenschaftlichen Begriffen mehr zur Verfügung. Nur Forschungsaktivitäten in den jeweiligen Sprachen können den Erhalt der nationalen Wissenschaftssprachen sichern. Geht dieser Fundus verloren, können Forschungsergebnisse aus dem Englischen auch nicht mehr in diese Sprachen – und Gesellschaften – übertragen werden. 

»Internationalisierung darf nicht heißen, dass wir alles einebnen«, resümiert Wolfgang Streeck. »Vielfalt – oder ›Diversity‹ – heißt ja, dass es tatsächlich auch Unterschiede geben muss.« Auch Streecks persönliche Erfahrung zeigt, dass die Anglisierung der Wissenschaft nicht der einzige Weg zur Internationalisierung ist. Sein Buch »Gekaufte Zeit« wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt – ein Zeichen, dass Menschen Wissenschaft durchaus in ihrer Landessprache rezipieren möchten. 

Carien Niessen kommt aus den Niederlanden. Für sie ist Englisch seit jeher die wichtigste Sprache in Forschung und Lehre. »In meinem Heimatland würde die Diskussion so nicht geführt werden. Dort ist die Pflege der Sprache auch ein großes Thema, aber es ist selbstverständlich, dass die biomedizinische Wissenschaft vom Englischen beherrscht wird.« 

Initiativen zur Pflege nationaler Wissenschaftssprachen gibt es auch in anderen Ländern – nicht zuletzt in den englischsprachigen. Im Gegensatz zum Latein ist Englisch keine rein akademische Lingua franca, sondern selbst eine lebendige Alltags- und Wissenschaftssprache. Nicht nur Linguisten beobachten mit Sorge die Vereinfachung, Verflachung und teilweise auch die Verfälschung der Sprache, die mit ihrer Universalisierung einhergeht. Die Pflege von Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft kommt also nicht zuletzt der englischen Sprache zugute. 

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Hochschule
news-4649 Mon, 14 Aug 2017 11:37:28 +0200 Wenn Wasser knapp ist /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4649&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=f49a30ee4a33c7f7d023cf1edeea9485 Der Sonderforschungsbereich 1211 untersucht wie Landschaften, Tiere und Pflanzen sich unter extremer Trockenheit entwickeln.

Wasser ist das definierende Element unseres Planeten. Es hinterlässt Spuren in der Landschaft, gestaltet so wesentlich das Erscheinungsbild der Erde und macht die Entwicklung von Pflanzen, Tieren und Menschen erst möglich. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen beiden Prozessen, der Landschaftsevolution sowie der Entwicklung des Lebens, untersucht der Sonderforschungsbereich 1211 »Earth – Evolution at the Dry Limit« an der Universität zu Köln. Geomorphologische Prozesse, also Veränderungen der Erdoberfläche, werden entscheidend durch die Verfügbarkeit und Abwesenheit von Wasser beeinflusst. Der Fokus der Forscherinnen und Forscher liegt hierbei auf extrem trockenen, sogenannten ariden und hyperariden Gebieten. Das klingt zunächst paradox, wo doch gerade das Wasser der essentielle Evolutionsbaustein ist. Allerdings tritt in diesen extrem trockenen Gebieten der Einfluss des Wassers besonders deutlich zu Tage. Ist es in einer ariden Region etwa nur kurzzeitig verfügbar, sind geomorphologische Veränderungen besonders ausgeprägt. Für die geowissenschaftliche Forschung können diese Gebiete somit spannende Archive über die Landschaftsentwicklung unter extrem trockenen Bedingungen darstellen. 

Auch für die Evolution des biologischen Lebens sind Trockengebiete vielversprechende Forschungsgebiete. Die Forscher und Forscherinnen des SFB 1211 versuchen etwa evolutionäre Schwellen zu ermitteln, so genannte ›tipping points‹. So wird erforscht, ab wann und unter welchen Bedingungen Leben überhaupt möglich ist, wie es sich entwickelt und welche Barrieren es gibt. 

Eine Kernregion, die vom SFB untersucht wird, ist die Atacama Wüste, in der die Forscher und Forscherinnen in Frühjahr 2017 erste Feldarbeiten durchgeführt haben. Sie ist neben den Polarregionen die weltweit trockenste Wüste und erstreckt sich vom Süden Perus über den Norden Chiles. Es gibt Gebiete, in denen jahrzehntelang kein Tropfen Regen fällt. So unwirtlich die Atacama auf den ersten Blick erscheint, gibt es aber auch hier Leben. Die Flora der Wüste ist mit rund 550 verschiedenen Pflanzenarten sogar erstaunlich vielfältig. Vor allem in den Küstenregionen finden sich Gräser, Pflanzen und Kakteen, die sich auf die kargen Lebensbedingungen eingestellt haben. Aber auch Insekten wie Käfer und sogar kleine Reptilien und Säugetiere haben sich hier ihre ökologische Nische gesucht. 

In der ersten Forschungsperiode des SFB sammeln die Forscher Wetterdaten und erstellen Klimamodelle. Zudem wird anhand geologischer Proben eine Chronologie der Landschaftsentwicklung ermittelt. So wird etwa aus dem Alter und der Zusammensetzung eines Bohrkerns, der aus einer zeitweilig wasserführenden Senke gezogen wird, rekonstruiert, wie sich das Klima im Verlauf der vergangenen Millionen Jahre verändert hat. Neben den vorwiegend geowissenschaftlichen Projekten beschäftigt sich ein Teilbereich des SFB mit der zeitlichen und räumlichen Ausbreitung der Flora und Fauna in der Atacama. 


Zahlen zur Atacama-Wüste:

Die Atacama an der Pazifikküste Südamerikas ist die trockenste Wüste der Welt.
In den zentralen Bereichen der Atacama herrscht bereits seit 15 Millionen Jahren beständig ein extrem trockenes (›hyperarides‹) Klima.
Klimadaten haben gezeigt, dass es Flussbetten gibt, die seit 120.000 Jahren kein Wasser mehr führen.
Im Vergleich zum Death Valley in den USA fällt in der Atacama im Jahresdurchschnitt nur etwa ein Fünfzigstel der Regenmenge.
Die Wüste nimmt eine Fläche von 75.573 km² ein. Zum Vergleich: Holland hat eine Fläche von nur rund 40.000 km².
Die Bedingungen in der Atacama sind denen auf dem Mars nicht unähnlich. Daher testet die NASA hier für ihre Mars-Rover-Missionen.
Die Atacama-Region ist sehr dünn besiedelt.  
Auf einen Quadratkilometer kommen durchschnittlich 3,4 Einwohner.

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Forschung