Aktuelle Meldungen / en-gb Uni Köln Sun, 22 Apr 2018 00:15:28 +0200 Sun, 22 Apr 2018 00:15:28 +0200 TYPO3 EXT:news news-4843 Wed, 07 Mar 2018 16:38:58 +0100 Das älteste Auge /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4843&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=e2d55a83b43cfce252ac0b2302c3c8d1 Wann sind die ersten Augen entstanden und wie funktionierten sie? Die Zoologin Dr. Brigitte Schoenemann erforscht die Fossilien uralter Gliederfüßer (Trilobit). Nun hat sie das bislang älteste Facettenauge bei einem Trilobiten entdeckt. Das steckt voller Überraschungen. Ein Rüssel mit Zangen, Würmer, die auf Füßen laufen, schwimmende Blätter: Die Meerestiere des Kambriums vor 520 Millionen Jahren sahen eher wie bizarre Prototypen als wie Erfolgsmodelle aus. In dem Erdzeitalter entstanden eine Vielzahl verschiedenster Lebewesen im Meer. »Kambrische Explosion« nennen Wissenschaftler dieses plötzliche biologische Wettrüsten, an dem auch die Trilobiten teilnahmen – Gliederfüßer, die im Gegensatz zu vielen ihrer frühen Mitgeschöpfe zu einem evolutionären Dauerbrenner wurden. 250 Millionen Jahre lang krabbelten die krebsähnlichen Tiere mit dem dreiteiligen Körper (griech. trilobos) durch praktisch alle Ozeane des Planeten, bevor sie ausstarben.

Die Privatdozentin Dr. Brigitte Schoenemann arbeitet seit den 1990er Jahren an der Erforschung von fossilen Trilobiten. Sie ist Tierphysiologin und ihre wissenschaftliche Neugier gilt der Evolution des Sehens. Wie sind die Organe entstanden, die uns heute ein so scharfes und genaues Bild unserer Umwelt geben? Was konnten die frühen Augen abbilden? Kann man anhand der Augen den Lebensraum der Tiere beschreiben?

Blick ins Innere des Auges

Bei vielen fossilen Gliederfüßern erforschte Schoenemann bereits den äußeren Aufbau und berechnete die sogenannten lichtökologischen Habitate, also ob ihr Lebensraum die sonnendurchfluteten seichten Gewässer waren oder die finstere Tiefsee: »Man kann für heutige Tiere aufgrund der Geometrie ihrer Augen berechnen, wie viel Licht die Tiere zum Sehen brauchten. Ich habe diese Verfahren auf die fossilen Augen angepasst«, so Schoenemann.

Als die Zoologin 2015 ein Foto eines sehr alten Trilobiten aus Tallinn (Estland) zugeschickt bekam, machte das 500 Millionen Jahre alte Fossil sie neugierig: »Ein Auge war beschädigt. So konnte man in das Innere schauen. Das schien mir sehr vielversprechend, also haben wir um genauere Fotos gebeten.«

»Bis vor einigen Jahren glaubte man noch, dass man in Fossilien keine Weichteile oder zelluläre Strukturen nachweisen kann, weil nur die äußere Schale, Knochen oder Zähne fossilisieren«, sagt die Tierphysiologin. Möglich wurde in diesem Fall die Fossilisierung der Weichteile durch Bakterien, die sich an den Organen ansetzten und Mineralstoffe hinterließen.

Schmidtiellus reetae nennt sich diese besondere Trilobiten- Art und ist gut 500 Millionen Jahre alt. »Unterhalb dieser Fundschichten gibt es nur noch Spurenfossilien, die Schale der Trilobiten war noch nicht hart genug, um zu fossilisieren«, so Schoenemann.

Mit ihren Kollegen Helje Pärnaste (Tallinn / Estland) und Euan Clarkson (Edinburgh / Schottland) gelang es ihr, die Struktur, und damit auch die Funktionsweise des wohl ältesten bisher gefundenen Facettenauges aufzuklären.

Sehen wie die Trilobiten

Libellen haben sie, Bienen oder Fliegen: Facettenaugen. Sie bestehen aus hunderten oder sogar zehntausenden Einzelaugen, sogenannten Ommatidien. Der Aufbau eines solchen Einzelauges moderner Gliederfüßer besteht aus einer Linse, die das Licht über einen darunterliegenden optischen Kegel auf das Lichtleiterstäbchen (Rhabdom) überträgt. Dort nehmen acht bis neun Sinneszellen die Reize auf und übertragen sie in das Gehirn. »Das Tier hatte im Prinzip ein Auge, das demjenigen entspricht, das heute noch Bienen oder Libellen haben«, erklärt Schoenemann. »Es unterscheidet sich nur dadurch, dass es keinen optischen Apparat besitzt: die Linse fehlt.« Diese entstand erst, als die Trilobiten sich eine weitere Panzerschicht zulegten, aus der dann auch die Linsen entstanden. Das Auge konnte trotzdem sehen, weil im Wasser das Lichtleiterstäbchen ausreicht. »Diese alten Trilobiten besitzen ein typisches Facettenauge, das aus etwa 100 Untereinheiten bestand, die im Vergleich zu modernen Formen relativ weit auseinander standen.«

Ursprüngliches Niveau des Sehens

Das zentrale Lichtleiterstäbchen sorgt durch seine physikalischen Eigenschaften dafür, dass jede Facette nur ein bestimmtes Blickfeld umfängt und dass das insgesamt entstehende Bild, das dieser Trilobit sehen konnte, bereits den mosaikartigen Charakter eines modernen Facettenauges erreicht. Die Genauigkeit eines solchen Auges wird unter anderem durch die Anzahl der Facetten bestimmt, ähnlich, wie Pixel die Genauigkeit einer Computergraphik bestimmen. »Mit etwa 100  Pixeln  ist die Leistung dieses mehr als eine halbe Milliarden Jahre alten Auges nicht sehr exzellent. Sie reichte aber aus, dem Trilobiten Information über Bewegungen innerhalb seines Blickfelds, etwa sich nähernder Fressfeinde, zu vermitteln. Er nahm eine grobe Helligkeitsverteilung in seiner Umwelt wahr, oder wich Hindernissen aus«, erklärt Schoenemann.

In der Kinderstube des Auges

Vielleicht gab es ähnliche Augen schon vorher, mutmaßt Schoenemann. Zum Leidwesen der Tierphysiologin Sind diese aber nicht versteinert. »Die Lage der acht Sinneszellen in einem heute nicht mehr typischen Zellkörbchen ist ein schon recht entwickeltes System. Man muss davon ausgehen, dass auch ältere, nicht fossilisierte Tiere, die wir nicht mehr auffinden können, schon so ein Auge hatten.«

Das Prinzip des modernen Facettenauges sei wahrscheinlich schon vor dem ersten Fossilienbefund entstand. »Es befand sich aber vor einer halben Milliarde Jahre noch quasi in den Kinderschuhen. Mit dieser Arbeit werden wir Zeuge der ersten Schritte dieses so erfolgreichen visuellen Prinzips«, so Schoenemann.

Die Biologin und ihr Team zeigten in ihrer Arbeit ebenfalls bei einem baltischen Trilobiten, Holmia kjerulfi, dass nur wenige Millionen Jahre nach Schmidtiellus schon weiterentwickelte, hochauflösendere Facettenaugen existierten, die denen heutiger Libellen nicht oder nur kaum nachstehen.

Auch die lichtökologischen Habitate ließen sich berechnen. Das Ergebnis für beide Trilobiten: Sie lebten in lichtdurchfluteten Gewässern, wahrscheinlich im küstennahen Schelfbereich eines paläozoischen Ozeans. 

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Forschung
news-4842 Wed, 07 Mar 2018 14:57:49 +0100 Verlockende Düfte aus dem Labor /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4842&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=ee015fd99938f11fde2bfeab2577e60d Ortstermin: Schiller-Gymnasium in Köln Sülz. Lehramtstudierende der Institute für Chemie- und Biologiedidaktik der Uni Köln arbeiten mit jugendlichen Flüchtlingen, um sie für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Ahmed* (*Namen geändert), ein 13-jähriger Schüler aus Syrien, pipettiert eine Flüssigkeit in ein Reagenzglas und sagt: »Chemie war schon in Syrien mein Lieblingsfach. Jetzt muss ich zwar alles auf Deutsch machen, aber die Regeln der Chemie sind ja überall die gleichen.« Im Klassenzimmer des Schiller-Gymnasiums herrscht eine erwartungsvolle Emsigkeit. Die Schülerinnen und Schüler machen Geheimbotschaften mit Jod-Lösung sichtbar, zaubern mit Säure-Base-Gemischen in Reagenzgläsern ein Regenbogenspektrum, bestimmen die verschiedenen Gase in Luftballons und reinigen Wasser in mehreren Schritten.

Kann man es jetzt trinken? Die Mitschülerinnen und Mitschüler von Ahmed haben im Verlauf dieser Lehreinheit deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen. Sie führen nicht nur Pipetten, sondern setzen auch Trichter in Erlenmeyerkolben und entzünden Glimmspäne.

»Der Titel MINTegration ist Programm: Es geht um die Integration jugendlicher Flüchtlinge verknüpft mit der Nachwuchsförderung in den MINT-Fächern«, sagt Juniorprofessor Dr. Amitabh Banerji, Projektverantwortlicher am Institut für Chemiedidaktik. Es gibt in Deutschland zu wenig junge Leute, die die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) studieren. Die AbsolventInnen dieser Fächer werden auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht. Ziel des Projektes ist es, für die Gruppe der jugendlichen Flüchtlinge geeignetes Lehrmaterial für den MINT-Unterricht zu entwickeln und dieses gemeinsam mit ihnen zu erproben. Das entwickelte Material nützt nicht nur den Schülerinnen und Schülern: Es wird später zum einen Lehrerinnen und Lehrern und Schulen zur Verfügung gestellt und zum anderen in den Schülerlaboren der Universität zu Köln regelmäßig zum Einsatz kommen. Die Schülerinnen und Schüler gehen derzeit in die Vorbereitungsklassen des Schiller-Gymnasiums in Sülz und sind zwischen 13 und 17 Jahre alt. Sie kommen aus Syrien, Irak, Somalia, Afghanistan.

Vorbereitungsklassen
An den Schulen besuchen die geflüchteten Kinder und Jugendlichen zunächst die Vorbereitungsklassen. Die zeichnen sich durch sehr heterogene Lerngruppen mit bis zu 18 Schülerinnen und Schülern aus, die mit den unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen die deutsche Sprache erwerben. Nach einer Phase intensiver Sprachförderung werden die Kinder und Jugendlichen auf den Wechsel in eine reguläre Klasse vorbereitet. Ziel ist eine schnellstmögliche Integration in den Regelunterricht, um den bestmöglichen Schulabschluss zu erreichen.


»Heute sind die Studierenden unsere Lehrer für Biologie und Chemie. Ich bin gespannt, was wir machen werden. Ich hoffe, dass ich alles verstehen kann«, sagt Alia*, ein 16-jähriges Mädchen aus dem Irak. Sie sorgt sich, ob ihre Deutschkenntnisse ausreichen, den Anleitungen der Lehramtsstudierenden zu folgen. Die Experimente drehen sich in der Biologie um biologische, chemische und mechanische Wasserreinigung und in der Chemie um Geheimschrift, Rotkohlindikator und Gase in Luftballons. Die Schülerinnen und Schüler müssen den Aufbau der Experimente verstehen. Das ist gar nicht so einfach, da alles auf Deutsch ist. Doch viele der Schülerinnen und Schüler haben in der kurzen Zeit in Deutschland schon gut Deutsch gelernt. Selbst so schwierige Wörter wie »Schutzbrille«, »Speisestärke « und »Glimmspan« gehen ihnen flüssig von den Lippen. »Ich bin überrascht, wie gut ich mich mit den Schülern verständigen kann«, beschreibt Studentin Lena Schmidt ihre Erfahrung.

Wer steckt hinter dem Projekt? Angefangen hat es vor einem Jahr an der Uni Köln mit der Kartoffel. Victoria Hollmann, Lehrkraft am Institut für Biologiedidaktik und am Mercator-Institut, hat die Kartoffel als erstes Thema für die Jugendlichen ausgewählt. Ihre Studentinnen und Studenten haben sich im Vorfeld Aufgaben und Experimente rund um die Kartoffel überlegt, die sie dann gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern durchgeführt haben. Teil dieses Curriculums war auch das Kochen mit der Kartoffel. Hollmann erklärt: »Je besser wir den Bogen von den biologischen Grundlagen zum Alltag der Schüler schlagen können, umso leichter ist es, die Schüler zu motivieren und für biologische Themen zu begeistern. Durch das gemeinsame Erleben erwerben sie leichter sprachliche und fachliche Kompetenzen.

Mercator-Institut Köln
Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache ist ein von der Stiftung Mercator initiiertes und gefördertes Institut an der Universität zu Köln. Es will die sprachliche Bildung und die Sprachförderung entlang des gesamten Bildungswegs und insbesondere in der Schule verbessern.


Naturwissenschaften und Integration lassen sich so ideal miteinander verbinden.« Von den Düften aus dem Nachbarinstitut angelockt, war auch Amitabh Banerji schnell Feuer und Flamme für das Projekt: »Im nächsten Schritt haben wir die Versuchsanleitung digitalisiert und mit Videos hinterlegt, um die Sprachbarriere dieser Schüler im Umgang mit naturwissenschaftlichen Fächern weiter abzubauen. Wir können so unseren Studierenden einen praxisbezogenen Zugang zu digitalen Medien und ein Lernerlebnis mit sofortiger Anwendung bieten. Die gewonnenen Daten lassen sich sehr gut wissenschaftlich für die Evaluation der Lehrmethodik verwerten.«

Über den Einsatz und die Motivation der Schülerinnen und Schüler freut sich auch Dr. Wolfgang Hennig, Programm-Manager bei der Ford-Werke GmbH: »Das Projekt MINTegration passt genau in unser Förderungsprofil, mit dem wir Kinder und Jugendliche für MINT-Fächer begeistern wollen.« Die Ford Stiftung »Ford Motor Company Fund« hat die Summe von rund 31.000 Euro für die Umsetzung des MINTegration-Projektes den involvierten Instituten zugewiesen. 

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Studierende
news-4841 Wed, 07 Mar 2018 14:41:50 +0100 Gut für den Kreislauf /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4841&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=23b6ee3adbdbc2d66b1540d6590c3703 Alles Gute liegt in der Alge: Auch für die industrielle Zucht von Fischen, Krabben und Muscheln werden Mikroalgen benötigt. Ein Start-up ehemaliger Kölner Studenten bringt die erste Aquaponikanlage zur Massenproduktion von Mikroalgen auf den Markt. In transparenten Röhren leuchtet in sattem Grün ein Teppich aus mikroskopisch kleinen Mikroalgen, die dort dank einer ausgeklügelten Technik wachsen. Sie sind das Herzstück eines Systems, mit dem Mikroalgen kostengünstiger und umweltschonender gezüchtet werden sollen. Mit dieser neuen Entwicklung wollen sich vier ehemalige Studenten der Uni Köln und der TH Köln selbstständig machen. Mithilfe des GATEWAY Gründungsservice der Uni Köln haben sie ein Start-up namens  Phytolinc  gegründet. Sie wollen mit der weltweit ersten Aquaponikanlage für die Produktion von Mikroalgen ein sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch interessantes Produkt auf den Markt bringen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn die Verschmutzung der Meere schreitet genauso voran wie deren Überfischung. Gleichzeitig steigt die Lust der Verbraucher auf Fisch, Krebse und Muscheln weiter an. Daher kommen immer mehr Meerestiere aus industrieller Zucht – aus Aquakulturen. Der landbasierte Aquakulturmarkt ist im Zeitraum von 2010 bis 2016 um mehr als 30 Prozent auf eine Produktion von 80 Millionen Tonnen weltweit angestiegen. Für die Aufzucht der Jungtiere benötigen die Betreiber große Mengen von Mikroalgen als Nahrung. Die gängigen Verfahren, um die Mikroalgen zu züchten, sind jedoch teuer, ineffizient und haben sich in den vergangenen Jahren kaum weiterentwickelt.

Gateway
Das GATEWAY ist ein Gründungsservice der Universität zu Köln. Es wurde als Anlaufstelle für alle Gründungsinteressierten aus den Kölner Hochschulen geschaffen, die sich mit dem Thema Selbstständigkeit beschäftigen und mit dem Gedanken spielen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Das GATEWAY feierte im Januar 2018 sein dreijähriges Bestehen.


Da setzen die Forscher an: An der Uni Köln hat ein Team um Professor Dr. Michael Melkonian und Dr. Björn Podola am Botanischen Institut in jahrelanger Arbeit das sogenannte Twin-Layer-System entwickelt. Das darf das Phytolinc-Team nutzen, um ihr Produkt zu entwickeln: die sogenannte PhytoBoX, eine Art Photobioreaktor.  Im Twin-Layer-System werden die Mikroalgen auf feinporösen Membranen gezüchtet. In der Natur ist dieses Prinzip unter dem Begriff der phototrophen Biofilme bekannt , erläutert Jan Zaabe, der Algen-Spezialist im Phytolinc-Team, die neuartige Methode.  Biofilme zählen in der Natur zu den produktivsten pflanzlichen Systemen, deren Vorkommen sich von Bodenoberflächen über Gletschereis bis hin zu Schleimhäuten erstreckt.  Durch die Kultivierung auf Membranen wachsen bestimmte Mikroalgen besser und sie verhindern die Verunreinigung durch störende Organismen wie Amöben oder Bakterien.


Eines unserer Top-Argumente für eine Aquaponikanlage mit unserem Twin-Layer- System ist, dass der Wasserverbrauch um bis zu 90 Prozent gegenüber herkömmlichen Kultivierungsmethoden reduziert werden kann , sagt Silvan Geara, der Verfahrenstechniker im Team.  Die bisherigen Anlagen benötigen bis zu 2.000 Liter Wasser pro Kilogramm Algenproduktion. Durch die Errichtung einer Algen-Aquaponikanlage kommen wir mit unserem System praktisch ohne zusätzliches Wasser aus. Das kostet nicht nur weniger Geld, sondern ist auch besser für die Umwelt , sagt Geara.

Ein weiterer Vorteil ist, dass das Twin-Layer-System die Kultivierung zusätzlicher Algenarten ermöglicht. So zum Beispiel die Zucht der Dinoflagellaten. Das sind winzig kleine bis zwei Millimeter große Einzeller mit typischen Geißeln (Flagellen). Sie dienen vielen Meeresorganismen als Nahrung und bilden einen Großteil des Phytoplanktons. Generell bietet das sehr breite Spektrum an Mikroalgen die Möglichkeit, die Pflanzenkomponente individuell auf die Gegebenheiten der Fischzucht, zum Beispiel den pH-Wert und dem Salzgehalt des Wassers, anzupassen. Derzeit lassen sich mit den am Markt befindlichen Systemen nur unter einem Prozent der möglichen insgesamt über eine Million verschiedener Mikroalgen- Arten effizient züchten.

Bisher funktionieren Aquaponik- Kreislaufsysteme nur für Süßwasserfische. Alle Meerestiere, zu denen auch die besonders beliebten Krustentiere und besonders schmackhafte Fischarten zählen, konnten bisher ausschließlich in Kreislaufanlagen ohne den pflanzlichen Anteil aufgezogen werden. Der Grund dafür: Praktisch keine Pflanzenart lässt sich mit Salzwasser züchten. Algen hingegen wachsen in Salzwasser. Das Phytolinc- Team will mit seiner Lösung eine Marktlücke schließen.  Nur noch 6,7 Prozent der weltweit verfügbaren Garnelen stammen aus dem Wildfang. Die restlichen 93,3 Prozent werden in Aquakulturanlagen gezüchtet , sagt Dennis Prausse, der Aquakultur-Experte des Teams.  Mikroalgen sind eine bisher noch weitgehend ungenutzte Ressource , ordnet Professor Michael Melkonian, pensionierter Hochschullehrer am Botanischen Institut, den Tätigkeitsbereich des Existenzgründer-Teams ein.  Daher eignen sich Mikroalgen hervorragend für neue Entwicklungen in den biologischen und umweltrelevanten Technologien. 

Und wann soll die PhytoBoX in den Markt eingeführt werden?  Wir sind noch in der Existenzgründungsphase und haben uns auf ein EXIST-Gründerstipendium beworben  , sagt Arne Maercker, der Finanzund Wirtschaftsexperte im Team.  Wir haben ein Netzwerk an Partnern aufbauen können, das uns sowohl die praktische Anwendung unseres Produktes in Aquakulturanlagen als auch den Zugang zum Markt ermöglicht.   Eine ausführliche Marktanalyse und der Aufbau eines Kooperationsnetzwerks sind unverzichtbar für den Schritt in die Selbständigkeit , sagt Professor Dr. Mark Ebers von der WiSo-Fakultät und Mentor des Phytolinc-Teams.  Danach ist die Fähigkeit des Start-ups, sich dynamisch an Marktveränderungen anzupassen, von großer Bedeutung.  Die vier Gründer sitzen in den Büros des GATEWAY Gründungsservice der Uni Köln und arbeiten intensiv an ihrem Ziel, den Schritt von der Hochschule direkt ins eigene Unternehmen zu machen:  Es ist aufregend, macht aber auch Spaß. Wir sind als Team gut aufgestellt. Jeder hat seinen eigenen Fachbereich und so ergänzen wir uns optimal , sagt Maercker. 

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Forschung
news-4840 Wed, 07 Mar 2018 14:18:37 +0100 Die Jagd nach der Quelle für das Leben /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4840&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=aadeadc6a977a1a44831cb792e244289 Wissenschaftler suchen in unserem Sonnensystem nach Wasser, weil das als eine der wichtigsten Grundlagen für biologisches Leben gilt. Joachim Saur gehört zu den wenigen Menschen, deretwegen eine amerikanische Raumsonde schon mal einen kleineren Umweg macht. Die Geschichte geht so: Im Jahre 2004 schwenkte die Forschungssonde Cassini in einem Manöver in die Umlaufbahn um den Saturn ein. Bei ihrem Flug durch das Magnetfeld des Gasriesen stellte Cassini auffällige magnetische Störungen fest. Saur erinnert sich, wie er und sein Team den besonderen Werten auf die Schliche kamen: »Wir haben damals berechnet, dass eine Gaswolke die Störungen hervorgerufen haben musste. Diese Wolke musste sich am Südpol vom Saturnmond Enceladus befinden. Daraufhin hat die NASA Cassinis Route verändert, damit sie Enceladus besser beobachten kann«, berichtet der Kölner Geophysiker.

Die Berechnungen Saurs und seines Teams erwiesen sich als zielführend: Auf angepasster Bahn identifizierte die Sonde erstmals riesige Geysire aus gasförmigem Wasser auf dem eigentlich als Eismond bekannten Enceladus. Die Geysire schleuderten zwischen den Eisschollen Wasser in Wolkenform ins All - ein flüssiger Ozean schien unter dem Eispanzer zu wogen.

Geysire – gute Bedingungen für Leben

Die Kursänderung der Sonde mit initiiert zu haben, war ein erster Höhepunkt in der Forscherlaufbahn des Geophysikers aus Köln. »Seit meinem Studium habe ich mich für die Frage interessiert, ob es flüssiges Wasser in unserem Sonnensystem gibt«, so Saur. »Bei Enceladus wurde diese Existenz auch dank unseres Hinweises bewiesen.«

Spannend ist die Suche nach flüssigem Wasser, weil damit auch die Möglichkeit von Leben einhergeht, erklärt der Geophysiker das Prinzip: »Wenn es biologisches Leben ist, wie wir es kennen, dann ist die Grundlage einfach: Man braucht Wärme, man braucht flüssiges Wasser und man braucht darin gelöst die Mineralstoffe, die das Leben zum Aufbau benötigt. Das muss man dann in Ruhe lassen. Vielleicht eine Million Jahre, genau was das niemand.« Ist anderswo als auf der Erde auf diese Weise Leben entstanden? Der Nachweis von extraterrestrischem Leben wäre eine Sensation – nicht umsonst widmen sich etliche Forschergruppen den weiteren Monden der gigantischen Gasplaneten Jupiter und Saturn. Was, wenn nicht nur unter der Eiskruste des Enceladus flüssiges Wasser schlummert, sondern auch unter den Eispanzern des Ganymed (dritter Jupitermond) oder von Europa (zweiter Jupitermond)?

Das nächste Ziel der Kölner Geophysiker war deshalb der Jupitermond Europa, der bei einer Oberflächentemperatur von minus 160 Grad Celsius ebenso mit einem Eispanzer bekleidet ist. Hier lagen bereits Hinweise auf einen Ozean, ein sogenanntes subglaziales Meer, vor. Mithilfe des Weltraumteleskops Hubble wiesen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von der Uni Köln auch hier einen Geysir und damit flüssiges Wasser nach. Doch woher nimmt der Mond die Energie, seine gigantischen Eismassen punktuell zu schmelzen und flüssig zu halten?

Die Gezeiten des Jupiter Weit draußen im Sonnensystem kreisen die Gasgiganten Jupiter und Saturn um die Sonne. Jupiter, der größte Planet des Sonnensystems, ist knapp zweieinhalbmal so schwer wie alle anderen Planeten des Sonnensystems zusammen, sein Durchmesser ist mit knapp 143.000 Kilometern etwa elfmal größer als der der Erde. Für seine Monde ist er das, was die Sonne für die Planeten ist: eine Quelle der Wärme. Allerdings nicht, weil er Wärme abstrahlen würde. »Es sind die Gezeitenkräfte des Planeten, die auf die Monde wirken«, erklärt Saur. »Durch Jupiters enorme Anziehungskraft wird viel Wärme erzeugt, weil das Innere der Monde gedehnt und gestaucht wird. Dabei entsteht Reibung.«

Gleiches gilt für die Monde des Saturn, wie zum Beispiel Enceladus. Nur Ganymed, selber mit über 5.200 Kilometern der größte Mond im Sonnensystem, sticht dabei etwas heraus: »Bei Ganymed stellen natürliche radioaktive Zerfallsprozesse, die im Kern des Mondes stattfinden, die wichtigste Wärmequelle dar«, so Saur. Ergebnis dieser Prozesse ist ein flüssiger heißer Kern aus Eisen. Ganymed stellt eine Ausnahmeerscheinung unter den Monden der Gasriesen dar, weil der Eisenkern ein eigenes Magnetfeld erzeugt. Sogar Polarlichter konnten dort schon beobachtet werden.

Die Polarlichter Ganymeds waren die Spur

Da war also das Rätsel Ganymed mit den Puzzlestücken Eisenkern, Magnetfeld, Polarlichter. Es gibt diese besonderen Momente im Leben eines Wissenschaftlers, wenn die Fakten sich in seinem Kopf zu einer richtig guten Idee ordnen, erinnert sich Joachim Saur: »Plötzlich gab es so einen Heureka-Moment für mich: Mir wurde klar, sollte Ganymed einen Ozean haben, dann müssten Salze darin gelöst sein. Salzwasser ist elektrisch leitfähig und beeinflusst das Magnetfeld des Mondes und seiner Umgebung, und damit auch die Polarlichter«, sagt der Physiker. »Wir mussten also herausfinden, wie Polarlichter auf einem Planeten mit Ozean aussehen und wie auf einem Planeten ohne.«

Vom Geistesblitz bis zum Ergebnis dauerte es. Daten mussten gesammelt und aufbereitet werden, Simulationsprogramme wurden geschrieben und Simulationen durchgeführt. Von 2011 bis 2014 arbeitete Saur mit seinem Team an dem Problem. Bis das Ergebnis schließlich feststand: Ganymed hat einen Salzwasser-Ozean unter seiner Eiskruste. Die Arbeit fand international große Aufmerksamkeit, und die Nachricht ging weltweit nicht nur in der Wissenschaftler-Community um: »Ganymede has a salty ocean.«

Und ein anderer Kandidat ist es dann eher doch nicht

Die international intensive Forschung an den Eismonden setzt sich weiter fort. Neben Ganymed, Europa und Enceladus werden immer wieder auch die Saturnmonde Titan, Dione und Mimas als mögliche Kandidaten für das flüssige Wasser gehandelt. Ob die bestehenden Hinweise darauf auch stimmen, konnte aber noch nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Nach dem größten Mond des Jupiter, Ganymed, hat sich Saur deswegen dem zweitgrößten zugewandt, Kallisto. Auch bei Kallisto gab es Unregelmäßigkeiten im Magnetfeld, die auf flüssiges Wasser auf dem Jupitermond hinweisen könnten. Im Fall Kallisto ist der Experte Saur allerdings skeptisch: »Unsere Arbeiten deuten eher darauf hin, dass die Störungen im Magnetfeld hier eher auf Effekte in der Ionosphäre des Mondes zurückgehen – das ist ein oberer Teil der Atmosphäre, in dem Gasatome elektrisch aufgeladen werden.«

Gibt es Leben auf den Monden?

2018 wird Joachim Saur mit dem Hubble-Teleskop wieder den Mond Europa beobachten – diesmal unter anderen Gesichtspunkten. »Die Beobachtungen mit Hubble finden im ultravioletten Spektrum des Lichts statt«, sagt Saur. »Damit kann man nur einzelne Atome feststellen, also Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und so weiter. Was das Leben ausmacht, sind aber komplexe Moleküle. Die finden wir mit Hubble nicht.«

Sowohl die amerikanische Raumfahrtorganisation NASA als auch das europäische Gegenstück ESA wollen deshalb Raumsonden zum Jupiter starten, um langfristig den Nachweis von Leben zu erbringen. Die Amerikaner visieren den Mond Europa an, die Europäer wollen Ganymed unter die Lupe nehmen. In beiden Teams ist Saur mit dabei: »Das sind vorbereitende Arbeiten. Die Sonden werden erst so um das Jahr 2030 herum ankommen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist von uns die intellektuelle Vorarbeit gefragt.« Bis dahin werden die Ozeane der Jupitermonde noch ihre Geheimnisse für sich behalten. 

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Forschung
news-4838 Wed, 07 Mar 2018 13:13:00 +0100 Echt Kölnisch Wasser? /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4838&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=acabd9e589cce9a0eaa0672866e3bcec Dr. Erwin Orywal, Professor für Völkerkunde erzählt die Geschichte des Kölnisch Wassers. Bei der überwiegenden Mehrheit der Köln Touristen, ja selbst bei den meisten Kölnern, herrscht Einigkeit: 4711 ist das original Kölnisch Wasser. Diese Überzeugung ist nicht verwunderlich, denn 4711 war und ist ein Global Seller und ein Markenzeichen, das wie der Dom unmittelbar mit Köln verbunden ist. Auch jedem Zugreisenden wird diese Botschaft in übergroßen gelben und türkisfarbenen Leuchtbuchstaben am Abschluss des Glasdaches des Kölner Hauptbahnhofs mit auf den Weg gegeben, „4711 – Echt Kölnisch Wasser.“ Noch bevor ein Reisender den Dom sieht, schwebt schon seit den fünfziger Jahren insbesondere in der dunklen Jahreszeit die Botschaft leuchtend über ihm. Kann es daher sein, dass 4711 zwar ein „echt“ kölnisch Wasser ist, aber nicht das „original“ kölnisch Wasser?

Die Geschichte des Kölnisch Wassers beginnt vor über 300 Jahren mit der Herstellung und Verkauf eines Wunderwassers – das „Aqua Mirabilis“. In dieser Zeit war aqua mirabilis eine Sammelbezeichnung für alkoholische Wässer zur medizinischen, kosmetischen oder parfümistischen Anwendung. Die große Kunst dieser Zeit war die Erzeugung reinen Alkohols (Weingeist, Ethanol), dem man dann Duftöle zur Herstellung von Parfüm beigeben konnte. Im Jahre 1709 gründeten zwei italienischstämmige Brüder, Giovanni Battista (1683–1751) und Giovanni Maria Farina (1685–1766), die noch heute existierende, älteste Parfümfabrik der Welt in der Kölner Altstadt (Unter Goldschmied, Farina gegenüber dem Jülischs-Platz, heute Obermarspforten 21). Als zunächst „Außerstädtischer“ erhielt Johann Baptist Farina zunächst das kleine, dann das große Bürgerrecht, mit dem er sich in Köln als „Händler mit französisch Kram“ (Seidenwaren, Taschentücher, Tabakdosen, Federn, Perücken oder Puder) selbstständig machen durfte. Katholisch waren sie ja, die Farinas, denn dies war eine weitere Voraussetzung für das Kölner Bürgerrecht und die Aufnahme in eine der Kölner Gaffeln. Gemäß des Zeitgeistes benannte er nun sein aqua mirabilis in das modern klingende französische „Eau de Cologne“ um, und das „original“ Kölnisch Wasser war geboren.

In der Folgezeit wurde das Eau de Cologne der Firma Farina ein Global Seller, nicht nur an den Adelshöfen Europas, sondern auch in den bürgerlichen Mittelschichten. Dieser Erfolg verleitete nun Nachahmer dazu, sich mit dem Namen Farina einen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg in der, nach dem süd-französischen Grasse, Stadt der Parfümeure zu sichern. Im Jahr 1792 soll der Kölner Kaufmann Wilhelm Mülhens, tätig in „Spekulationsgeschäften“, ein Hochzeitsgeschenk bekommen haben, nämlich das Rezept für ein Aqua Mirabilis, angeblich von einem Mönch namens Farina. 1803 soll dann Mülhens die Namensrechte von einem Bonner oder Düsseldorfer Herrn mit Namen Carl Franz Maria Farina, der aber nicht mit der Parfümeur Familie verwandt war, gekauft und folglich bis 1881 sein Duftwasser unter dem Namen Franz Maria Farina vermarktet haben. Dies war zwar ein klarer Fall von Markenpiraterie, der allerdings damals noch nicht illegal war. Markenrechte kannte man noch nicht.

Wie aber kam es denn nun zum Markennamen 4711? Auch dies ist wiederum eine wundersame, aber schöne Geschichte. Im Jahr 1794 wurde Köln von den Franzosen besetzt. Es soll eine Hauszählung stattgefunden haben, und ein in Köln allseits bekannter französischer Reiter auf seinem Schimmel zeichnete mit einem Stift die Hausnummer „4711“ an das Haus in der Glockengasse, dem Stammsitz der Firma Mülhens. Diesen Reiter hat es wohl nie gegeben, auch wenn er ab 1949 zum Werbeträger der Firma wurde. Im Jahr 1881 wurde der Firma Mülhens vom Königlichen Oberlandesgericht endgültig untersagt, mit dem Namen Farina zu werben. Es erfolgte daher die Umbenennung in „4711“ bzw. in den genauen Handelsregistereintrag „Eau de Cologne & Parfümerie Fabrik Glockengasse 4711 gegenüber der Pferdepost von Ferd. Mülhens in Köln am Rhein“. Dies war die Geburtsstunde einer weiteren Weltmarke aus Köln. Ferdinand Mülhens, der Chef des Hauses und Gründer der modernen Produktionstätte im Jahr 1874 in Ehrenfeld, bekam aufgrund der nun beginnenden Erfolgsgeschichte des Hauses den typisch kölschen Spitznamen „De Naas vun Kölle.“

Diese leicht verwunderliche Geschichte wird abgerundet durch die Tatsache, dass das zu Beginn der 1850er Jahre im neugotischen Stil erbaute heutige Haus in der Glockengasse nicht das Originalgebäude der Firma ist, obwohl tausende Touristen jährlich dorthin pilgern. Köln kann sich jedoch weiterhin rühmen, die Stadt zweier weltberühmter Düfte zu sein.

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In Köln unterwegs
news-4839 Wed, 07 Mar 2018 11:57:29 +0100 Das Wunderwerk Niere /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4839&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=827d3caab53442066fffa96299168acf Die Niere ist von großer Bedeutung für den Körper - und für die Alternsforschung. Eine neue Klinische Forschergruppe will für Patientinnen und Patienten mit Nierenversagen maßgeschneiderte Therapien weiterentwickeln. Die Nieren sind wichtige Organe, ohne die die Menschen nicht leben können – und sie leisten jeden Tag Großartiges. Etwa 300 Mal am Tag filtern sie das gesamte Blut des Menschen und bilden aus diesen 1.500 Litern Flüssigkeit rund 180 Liter Primärharn, also noch unkonzentrierten Harn. Der größte Anteil davon wird wieder gefiltert und zurückgehalten – bis auf die 1,5 Liter Urin, die wir täglich ausscheiden. Aber die Nieren sind weit mehr als nur Filter. Sie regulieren unter anderem den Blutdruck, den Salzhaushalt, die Bildung von Blut und den Knochenstoffwechsel. Dabei sind die Nieren durch viele Funktionen mit anderen Organen verbunden.

Zehn Prozent der Bevölkerung leiden an Niereninsuffizienz

Gerade mit steigendem Lebensalter lässt die Funktion der Nieren jedoch nach – die sogenannte Niereninsuffizienz ist die Folge. »Etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an chronischen Nierenerkrankungen – oft ohne davon zu wissen«, sagt Professor Thomas Benzing vom Universitätsklinikum Köln. Ein Teil der Nierenfunktionen kann technisch ersetzt werden, zum Beispiel die Entgiftung oder Volumenregulation. Dieses »Dialyse« genannte Verfahren, bei dem das Blut maschinell gewaschen wird, ist aber für die Patienten physisch wie psychisch anstrengend. Nur eine Nierentransplantation sichert dann die volle Leistungsfähigkeit und das Überleben. Ziel der Forschung ist es daher, eine Niereninsuffizienz frühestmöglich zu verhindern – denn mit der gestörten Funktion der Niere steigt das Risiko für Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle deutlich an. »Wenn Sie zwei 75-Jährige untersuchen, einer mit und einer ohne Störung der Nierenfunktion, können zwar beide ohne Dialyse leben. Dennoch hat der mit eingeschränkter Funktion ein deutlich höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen «, sagt der Nierenforscher. Der genaue Grund ist unbekannt; vermutet wird ein Zusammenhang mit dem Kalzium-Phosphatstoffwechsel. »Das ist eine der vielen Stoffwechselfragen, die wir noch nicht richtig verstehen «, sagt Benzing.

Millionenförderung für Nierenforschung

Um solche und andere Fragen zu klären, fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Uniklinik Köln eine neue Klinische Forschergruppe (KFO 329: »Molekulare Mechanismen von Podozyten- Erkrankungen – die Nephrologie auf dem Weg zur Präzisionsmedizin «). Knapp fünf Millionen Euro fließen bis 2020 von der DFG an die KFO. Das Team, bestehend aus Biologen und Biologinnen sowie klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten, versucht die Lücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Anwendung zu schließen. Dazu wollen die Forscher Erkenntnisse über Signalwege sowie Genmutationen, die an der Entwicklung von Nierenerkrankungen beteiligt sind, nutzen, um neue diagnostische und therapeutische Ansätze zu etablieren. Benzing, Sprecher der neuen KFO 329, erklärt: »Wir werden Kräfte bündeln, um Prinzipien, die an Modellorganismen untersucht wurden, und neu identifizierte genomische Veränderungen bei Menschen in die Krankenversorgung zu übertragen.  Es gehe darum, neue diagnostische und therapeutische Verfahren für Patienten zu entwickeln. Dies ermöglicht ein besseres Verständnis der individuellen Krankheitsmechanismen bei Podozyten-Erkrankungen und die Identifizierung von Markern dieser Veränderungen für unsere Diagnostik.  Basierend auf dem besseren Verständnis dieser Störungen bei einzelnen Patienten, hoffen wir schnellere maßgeschneiderte therapeutische Maßnahmen entwickeln zu können,« sagt Benzing. Podozyten sind ein spezieller Typ von Zellen, die im Nierenfilter vorkommen. Ihre Besonderheit: Sie können sich nicht selbst regenerieren. »Wir sind geboren mit einer limitierten Zahl von Podozyten. Weil sie für die Filterfunktion so wichtig sind, stehen sie im Zentrum unserer Forschung «, so Benzing weiter.

Sein Kollege Professor Dr. Paul Brinkkötter, Forschungskoordinator der KFO 329, sagt: »Das Ziel ist es bei erwachsenen Patienten mithilfe von genetischen Untersuchungen Mutationen zu entdecken, die für die Nierenstörungen verantwortlich sind.« Unterschiedliche Mutationen würden unterschiedliche Behandlungen erfordern. »Die oft übliche Chemotherapie mit Kortisonbehandlung ist nicht immer Mittel der Wahl.«

Nierenforschung als Teil des Exzellenzclusters

Eingebettet ist die Nierenforschung nicht nur in die Uniklinik Köln, sondern auch in das Exzellenzcluster CECAD für Alternsforschung. Eine Vielzahl von Alternserkrankungen steht mit einer nachlassenden Funktion der Nieren in Zusammenhang, unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz. Eines der Teilprojekte der KFO wird sich ausschließlich mit der Rolle der Energieproduzenten der Zelle, den Mitochondrien, beschäftigen. Die enge Verknüpfung von biologischer Grundlagenforschung und klinischer Anwendung soll möglichst patientennah sein. Zwar dauert die Entwicklung eines neuen Medikaments oft mehr als ein Jahrzehnt – Benzing macht sich und seinen Patienten aber Hoffnung: »Viele Signalwege, an denen wir interessiert sind, kennen wir zum Beispiel schon aus der Onkologie und Therapien sind bekannt. Von daher glaube ich, dass wir nicht komplett neue Medikamente entwickeln müssen, sondern auf vorhandene Therapien für andere Erkrankungen zurückgreifen können.« Wichtig sei dabei die genaue Charakterisierung der Erkrankung. Viele im Ergebnis ähnlich aussehende Krankheiten haben völlig unterschiedliche molekulare Grundlagen. »Daher brauchen wir angepasste Präzisionsmedizin in der Nephrologie, damit die Therapie anschlägt«, so Benzing. Seine Erfahrung aus über 20 Jahren Nierenforschung stimmt ihn aber positiv: »Wir haben mit internationalen Kollegen schon Wesentliches erreicht – in den nächsten vier Jahren stehen wir vor dem Durchbruch.« 

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Forschung
news-4837 Tue, 06 Mar 2018 12:58:00 +0100 Wasser kommt, Wasser geht /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4837&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=88c13c40ff87be7a349b056250aa868a Das Leben an einem Flussdelta ist von Unbeständigkeit geprägt. Der Kölner Ethnologe Dr. Franz Krause hat den Alltag einer Dorfgemeinschaft in Kanada beobachtet. Dabei lernte er auch eine besondere Form des Glücksspiels kennen. Als Souvenir von seinem letzten Feldaufenthalt hat Dr. Franz Krause eine maßgeschneiderte Mütze mitgebracht. »Es ist die wärmste Mütze der Welt«, versichert er. Sie ist aus Bisamrattenpelz handgefertigt und kommt aus der »Bisamrattenhauptstadt«, dem 600-Seelen-Dorf Aklavik in der Kanadischen Arktis, 6.400 Kilometer Luftlinie von Köln entfernt. Die Temperaturen fallen in Aklavik im Winter gewöhnlich auf minus 35 Grad Celsius, sinken manchmal sogar auf minus 50 Grad. Die Bisamratte, die lange Zeit die Lebensgrundlage der Aklaviker sicherte, schmückt daher neben der Bibel auch das Ortswappen. Doch weil Pelz aus der Mode gekommen ist, heißt es für die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Gemeinde: Umdenken.

Kreativität und Flexibilität ist in Aklavik in vielerlei Hinsicht gefragt. Der Ort liegt am knapp 2.000 Kilometer langen Mackenzie River inmitten einer erstaunlichen Landschaft von Wasser- und Landzungen. Hier im Mackenzie-Delta breitet sich der Fluss in unzählbare Verästelungen und Nebenflüsse aus. Der Rhythmus des Wassers changiert mit den Jahreszeiten von einer dicken Eiskruste zu Tauwasser und bestimmt das Tagewerk, dominiert Alltagsentscheidungen, er prägt die lokalen Infrastrukturen. Für Krause ist das abgelegene Dorf deshalb ein idealer Untersuchungsgegenstand.

Familie, fischen, fernsehen

Der Ethnologe interessiert sich für die sogenannten hydrosozialen Beziehungen, die zwischen Menschen und Wasser entstehen.  Wasser ist keine stabile, keine beständige Ressource, sondern immer in Bewegung. Irgendwo gräbt es Dinge fort, anderswo schafft es neues Land. Menschen entwickeln verschiedene Strategien, um mit dieser Ungewissheit umzugehen , erklärt Krause.

Von August bis Dezember 2017 war der Nachwuchsgruppenleiter des Projektes Delta gemeinsam mit seiner Frau und den Zwillingen in Aklavik einquartiert. Der nächstgrößere Ort mit Anbindung an das kanadische Flugliniennetz heißt Inuvik. Von dort sind es etwa 120 Kilometer entlang der Flüsse und Kanäle des Deltas. Im Sommer führt der Weg mit dem Boot über den Fluss, im Winter, sobald das Eis eine Dicke von mindestens 35 Zentimetern erreicht hat, wird der gefrorene Fluss offiziell zu einer Eisstraße ernannt. Dann fährt sogar ein Eistaxi hin und her.

»Was ich dort als Ethnologe mache, nennt sich teilnehmende Beobachtung. Ich bin beim Fischen, Jagen, bei Dorfversammlungen, beim Familienleben und Fernsehen, oder im Kindergarten dabei und erlebe die sozialen Interaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner aus persönlicher Perspektive.  Auf diese Weise wertet Krause aus, welche Rolle der Fluss für die Menschen im Ort spielt, das heißt, welche hydrosozialen Strukturen sich herausgebildet haben.

Abgeschnitten heißt jetzt abhängig Ursprünglich lebten die Menschen in Aklavik nomadisch. Wenn sich abzeichnete, dass das Wasser steigt, packten sie ihr Hab und Gut zügig zusammen und siedelten mit den Schlittenhunden auf höhergelegene Regionen um. Heutzutage sind sie sesshaft, bequemer unterwegs, und haben die Schlittenhunde gegen kraftvolle Motoren ausgetauscht. Diese treiben die großen Schlitten, schnellen Boote und PS-starken Geländewagen an, die nun einfach dazugehören.

Nicht nur durch die technologische Aufrüstung seien ganz andere Formen der Abhängigkeit entstanden – auch die kanadische Regierung habe viel zur neuen Realität in Aklavik beigetragen, reflektiert Krause:  Ich hätte nicht gedacht, wie sehr die eigentlich total abgeschnittene indigene Gruppe vom Rest von Kanada abhängig ist , sagt er.

Als Beispiel führt Krause den Sozialen Wohnungsbau an. Viele Menschen in Aklavik leben aufgrund des geringen Einkommensniveaus in diesen bereitgestellten Häusern, die sie weder selbst besitzen noch selbst gebaut haben. Die Sesshaftigkeit führte einerseits zu einer Art modernen Komforts, andererseits auch zu Kontrollverlusten, beschreibt Krause:  Wenn dann mal der Strom ausfällt oder die Wasserpumpe nicht funktioniert, wissen die Leute nicht, wie man das repariert. Da muss dann erstmal jemand aus Inuvik kommen. Und das kann Tage dauern, wenn bei schlechtem Wetter keine Flugzeuge fliegen. 

Kultureller Überlegenheitsdünkel im Kolonialismus

Für die Bewältigung des modernen Alltags hat traditionelles Wissen an Bedeutung verloren. Diese Entwicklung kam allerdings nicht aus eigenem Antrieb zustande, sondern wurde den Bewohnern Aklaviks mehr oder weniger staatlich aufgezwungen.

Der Verlust indigener Identität ist ein weiteres Beispiel für diese politische Steuerung, berichtet Krause von seinen gesammelten Einblicken.  Man hat den Bewohnerinnen und Bewohnern ihren ursprünglichen Lebensstil schwergemacht oder ihn für falsch erklärt.  

Vorangetrieben hat das unter anderem eine stark durchgreifende staatliche Schulpolitik seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Ziel der Aktion war es, so Krause, dass man, wie es damals hieß, den ›Indianer aus dem Kind bekommen‹ wollte. Die Kinder sollten zu modernen kanadischen Staatsbürgern werden und wurden aus ihren Familien geholt und in Internate gesteckt.  

Diese sogenannten  residential schools  waren in kirchlicher Trägerschaft. Reden in der Muttersprache oder das Verfolgen kultureller Riten war in den Internaten strengstens untersagt, es drohten Demütigungen, Schläge bis hin zu Folter. Die viele Jahrzehnte später eingesetzte  Royal Commission on Aboriginal Peoples  befand, zutiefst erschüttert, eine Zeit geprägt von  Verunglimpfung der Kultur, Zerstörung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, Zerstörung von Familien . Sie kritisierte  die Auswirkungen dieser Traumata auf nachfolgende Generationen und die Ungeheuerlichkeit kultureller Überlegenheitsdünkel, die hinter dem ganzen Unternehmen steckten.  2005 verabschiedete die kanadische Regierung ein Wiedergutmachungsprogramm in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar für die indigene Bevölkerung.

Aklavik, die kleine Gemeinde in den kanadischen Nordwest-Territorien im Delta des Mackenzie Rivers, ist Teil einer weltweiten Geschichte des Kolonialismus. So betrachtet, erscheint es auch schlüssig, dass Arktisforscher Krause – der Mann fürs Kalte – mit seiner Emmy Noether-Gruppe am Global South Studies Center (GSSC) der Universität zu Köln angedockt ist. Der große Forschungsverbund beschäftigt sich ›eigentlich‹ mit dem Globalen Süden.  Ich fülle am GSSC eine Lücke, weil sich niemand mit der Arktis befasst. Aber die Erfahrungen und Diskurse von Abhängigkeit und Kolonialismus sind recht ähnlich zu Afrika, Asien und Co. Es geht doch immer um die Rechte indigener Gruppen , erklärt er und fügt hinzu:  Vielleicht bietet meine Forschung einen Anreiz, den ›Süden‹ nicht nur geographisch zu denken, sondern auch thematisch mit Blick auf koloniale Abhängigkeiten, Handel und Landrecht.«

Wetten auf die Flut In Köln, nahe seiner Heimatstadt Aachen, fühlt sich der Wissenschaftler bis jetzt jedenfalls sehr gut aufgehoben. Einen Fluss gibt es hier auch – Anfang 2018 ist der Rhein sogar um einige Zentimeter über die Promenade gekrochen. Krause brachte das natürlich nicht aus der Fassung.  Was am Rhein ein seltenes Event mit vielen Schaulustigen ist, gehört in Aklavik einfach dazu , weiß der Flussforscher:  Überschwemmung ist sogar ›so‹ normal, dass jedes Jahr im Frühjahr eine Wette organisiert wird, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit denn die große Eisschmelze dieses Mal einsetzen wird. Man wartet nur auf die Flut. Dieses Tippspiel hat eine etwas andere Art von Eventcharakter als das Hochwasser in Köln. 

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Forschung
news-4833 Mon, 05 Mar 2018 14:35:15 +0100 Leidenschaft für Chemie und Fußball /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4833&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=5f6e7e144a6e48c4c1fd271570c93ac6  Die Chemiedidaktikerin Katharina Groß über ein fußballgroßes Modell auf ihrem Schreibtisch Zum Abschluss meiner Promotion in der Chemiedidaktik hat mir meine Doktormutter ein fußballgroßes Fulleren-Modell geschenkt. Dieses Modell steht immer an meinem Schreibtisch, da es meine berufliche und private Seite so schön miteinander verbindet. Als Fullerene bezeichnen Chemiker und Chemikerinnen hohle, geschlossene Moleküle aus Kohlenstoffatomen, die sich in Fünf- und Sechsecken anordnen. Sie stellen neben Diamant, Graphit, Kohlenstoffnanoröhren und Graphen eine weitere Modifikation des chemischen Elements Kohlenstoff dar.

Als »chemischer Fußball« repräsentiert das Modell einerseits meine Leidenschaft zum Fach Chemie und andererseits zum Fußballspielen. Darüber hinaus symbolisiert es als Anschauungsmodell die Bedeutung der Chemiedidaktik, also des Wissens um die vielfältigen Möglichkeiten, die häufig abstrakten chemischen Fachinhalte sinnvoll zu vermitteln. Wenn ich es also mal nicht zum Fußballtraining schaffe, bleibt mir immer noch genau dieses Modell im Büro, das mir das ein oder andere Mal beim (aktiven) Nachdenken geholfen hat. Und dass man auch mit Pumps Fußball spielen kann, hat mir meine Doktormutter am Promotionstag eindrucksvoll bewiesen.

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Dinge, die uns wichtig sind
news-4828 Mon, 05 Mar 2018 10:34:00 +0100 Versicherung für das Jenseits /index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4828&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=de839bfe7901df5fa9af5e8469bdc561 Ein 500 Jahre altes Ablassplakat hat vermutlich zur Finanzierung des Kölner Doms beigetragen. Wer reichlich spendete, konnte dem Fegefeuer entgehen. Jetzt wurde das außergewöhnliche Dokument in der Universitäts- und Stadtbibliothek in einem Buch aufgefunden – als Altpapier. Bedeutende Dinge können auf den ersten Blick unscheinbar wirken. So war die Bibliothekarin Irene Bischoff zuerst nicht überrascht, als sie einen der zahlreichen historischen Bände aus einem Regal im Magazin der Universitäts- und Stadtbibliothek (USB) nahm, und in diesem Band ein ebenso altes Schriftstück entdeckte. Der gut erhaltene Einblattdruck mit dem Wappen des Kölner Doms und dem des Erzbischofs von Wied machte sie dann aber doch neugierig. Was hatte es damit auf sich?

»Unsere Mitarbeiterin Frau Bischoff hat zufällig ein etwa 500 Jahre altes Dokument entdeckt, das in seiner geschichtlichen und wissenschaftlichen Relevanz außergewöhnlich ist«, sagt Christiane Hoffrath, Dezernentin für Historische Bestände und Sammlungen, Bestandserhaltung und Digitalisierung der USB. »Es handelt sich um ein Plakat, das vermutlich Anfang des 16. Jahrhunderts im Kölner Dom hing und den Ablasshandel bewarb, mit dem man sich nach Ansicht der katholischen Kirche von Sündenstrafen freikaufen konnte.«

Die wissenschaftliche Untersuchung des Schriftstückes hat begonnen: Vieles weist darauf hin, dass das Plakat mit seinem Text in Kirchenlatein dazu diente, Gläubige zu einer Spende für den Bau des Kölner Doms aufzurufen. Im Gegenzug würden die Spender im Jenseits frei von aller Strafe sein. Wahrscheinlich hing das Ablassplakat im Dom selber, dessen Langhaus und die Seitenschiffe zu jener Zeit schon standen. Das Wappen der Kathedrale auf dem Plakat mache das deutlich, so Hoffrath. Möglicherweise hing der Aufruf direkt neben einem Kasten, in den man seine Spende gleich einwerfen konnte.

»Der Ablasshandel war eine Art Versicherung für das Jenseits – das war im 15. und 16. Jahrhundert sehr weit verbreitet«, erklärt Hoffrath. Der Dominikanermönch und Widersacher Martin Luthers, Johann Tetzel, soll das Prinzip wie folgt auf den Punkt gebracht haben: »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!« Auch der Petersdom in Rom wurde durch so gewonnene »Spenden« mitfinanziert. Die theologische Idee dahinter ist, erklärt Hoffrath, dass Würdenträger der Kirche den Gnadenschatz Christi verwalten und gegen eine Gegenleistung verteilen können. Sündiger konnten im Austausch für einen Geldbetrag einen Teil des Sündenerlasses erhalten, den Jesus durch seinen Tod am Kreuz für die gesamte Menschheit erwarb. Dieses Prinzip galt nicht nur für selbst begangene Sünden – auch verstorbene Angehörige konnte man dadurch von ihren Strafen im Fegefeuer befreien.

Warum das wertvolle Dokument gerade jetzt entdeckt wurde, hat einen Grund: »Wir sind im Moment dabei, nicht katalogisierte Fragmente zu dokumentieren und erschließen. Das können alte Teile von Hand- und Druckschriften, Plakate oder andere lose Schriftstücke sein, die bisher nicht separat erfasst sind, sich aber in vielen historischen Bänden befinden. Wir machen derzeit eine Art Entdeckungsreise durch die USB, auf der durchaus noch andere wertvolle Stücke auftauchen können«, so Hoffrath.

Das 18,5 mal 25,5 Zentimeter große Schriftstück aus dem Kölner Dom ist der bisher spektakulärste Fund auf dieser Suche nach Fragmenten. »Die Spuren im Buch weisen darauf hin, dass das Ablassplakat als Altpapier, oder auch Makulatur, für den Einband des Bandes verwendet worden war. Die Wiederverwendung alten Papiers war früher nichts Ungewöhnliches. Das alte Plakat wurde beiseitegelegt und dann als Stabilisierung des Buchdeckels verwendet. Glücklicherweise wurde es bei der Verarbeitung nicht zerschnitten«, so Hoffrath.

Aus welchem Jahr genau das Dokument stammt, ist auch interessant, weil Martin Luther in seinen 95 Thesen aus dem Jahr 1517 den Ablasshandel der Kirche stark kritisierte. Möglicherweise stammt das Plakat aus der Anfangszeit der Reformation. Dennoch dauerte es noch bis zum Jahr 1562, bis die römisch-katholische Kirche den Ablasshandel unter Strafe stellte. Das Plakat ist im Bestand des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds aufgefunden worden. Die USB verwahrt den Bestand des Fonds, seit die Bibliotheken vor rund einhundert Jahren zusammengelegt wurden. Damit gehört der Fund zu den Kulturgütern der ehemaligen Kölner Jesuiten.  

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