Aktuelle Meldungen / en-gb Uni Köln Sat, 18 Aug 2018 03:28:35 +0200 Sat, 18 Aug 2018 03:28:35 +0200 TYPO3 EXT:news news-4954 Wed, 27 Jun 2018 09:34:43 +0200 Verlage in der Krise https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4954&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=9313aff0781b1f859122ecc795a59e16 19 Kölner Studierende fragten bei führenden Medienunternehmen in Köln und Hamburg nach. Die Digitalisierung macht deutschen Verlagshäusern zu schaffen. Sinkende Verkaufszahlen, geringere Werbeerlöse und eine mangelnde Zahlungsbereitschaft für Onlinejournalismus stellen sie vor neue Herausforderungen. 19 Kölner Studierende fragten bei führenden Medienunternehmen in Köln und Hamburg nach.

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der verkauften Zeitungen in Deutschland von 23,9 Millionen auf 15,3 Millionen im Jahr 2016 gesunken. Das führt zu schrumpfenden Werbeerlösen: Die Netto-Werbeeinnahmen gingen von rund 6,557 Milliarden Euro auf rund 2,651 Milliarden Euro zurück. Die deutsche Zeitungslandschaft ist in der Krise und versucht ihre Nutzer dort abzuholen, wo sie ihre Zeit verbringen: im Internet. Doch dort sind klassische Verlagshäuser schon lange nicht mehr die einzigen Akteure, die journalistische Inhalte anbieten. Die Konkurrenz durch Webseiten wie T-Online.de und ard.de steigt ständig. Die schiere Masse an kostenlos zugänglichen Nachrichten macht es zudem schwierig, die Nutzer zu motivieren, für hochwertige Berichterstattung online zu bezahlen.

Die weltweit größte Nachrichtenagentur Reuters hat im Digital News Report 2017 herausgefunden, dass 90  Prozent der Deutschen auch in Zukunft nicht für Journalismus im Internet bezahlen wollen. Und nicht nur bei Nachrichten ist das kostenlose Onlineangebot riesig. Stellenangebote, Wetter, Wohnungsannoncen und Kleinanzeigen – früher ein klassisches Geschäft der Zeitungen und Anzeigenblättern – lassen sich mittlerweile kostenlos im Netz finden. Das macht Qualitätsjournalismus immer schwieriger zu finanzieren. In einer Exkursion im Rahmen des Kurses »Management of Journalism« von Professor Dr. Christian Wellbrock haben Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in Köln und Hamburg führende Medienunternehmen besucht, um mehr über ihre Strategien im Umgang mit dieser neuen Realität zu erfahren.

Öffentlich-Rechtlich und Privat im Kampf um Aufmerksamkeit

Institutionen, die bis dato klar definierte Märkte und Einflussbereiche hatten, konkurrieren heute im Internet miteinander. Zuvor hatten Verlage den Printmarkt unter sich aufgeteilt, während das duale Rundfunksystem die Beziehung zwischen privaten und öffentlichrechtlichen Anbietern in Hörfunk und Fernsehen regelte. Gerade für die öffentlich-rechtlichen Anbieter ist es aber schwierig relevant zu bleiben, ein breites Publikum zu erreichen, weil beispielsweise junge Nutzer nicht mehr linear fernsehen, sondern sich nur das, was sie sehen wollen, auf neuen Plattformen wie Netflix oder Amazon abholen. Deshalb setzen die Öffentlich-Rechtlichen zunehmend auf digitale Verbreitungswege, um junge Nutzer dort abzuholen, wo sie Informationsangebote nutzen.

Verlage sehen hierin jedoch einen unzulässigen Eingriff in den digitalen Markt für journalistische Erzeugnisse: Sie wollen nicht mit zwangsbeitragsfinanzierten Inhalten in Konkurrenz treten müssen. Eine entscheidende Rolle spielt in diesem Konflikt der langjährige Rechtsstreit um die Tagesschau App (seit 2010). Die Verlage monieren, dass die ARD mit den Artikeln in der App in den Markt des Verlagswesens eindringe. Entschieden wurde, dass öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten ihr Programm durch digital verbreitete Texte ergänzen können, solange diese Inhalte nicht »presseähnlich« sind. Mit diesem Begriff sollen vage jene Texte gefasst werden, die das Potenzial haben, mit den Artikeln von Bild.de, Spiegel Online und ähnlichen Anbietern in Wettbewerb zu treten. Die juristische Ausdifferenzierung dessen, was »Presseähnlichkeit« genau bedeutet, wird die Gerichte jedoch noch einige Jahre beschäftigen.

Verlage versus Google

Ein weiteres Konfliktfeld entstand vor zehn Jahren zwischen den Verlagen und dem Internet-Giganten Google. Google nutzte über Portale wie Google News Teile der journalistischen Inhalte der Verlage kostenlos, um damit eigene Werbeerlöse zu erzielen. Diese sogenannten News-Aggregatoren bedienen sich der Überschriften und Textausschnitte anderer Webseiten, um dem Nutzer ein personalisierbares Nachrichtenportal anzubieten und auf die Artikel in vollem Umfang zu verlinken. Das Verlagswesen bangte um seine Werbeerlöse aus dem Onlineangebot.

News-Aggregatoren
Ein Aggregator (lateinisch aggregare für »ansammeln«) ist eine Software oder ein Dienstleister, der digitale Medieninhalte sammelt, aufbereitet und abschließend kategorisiert. Beispiele für Inhalte sind digitale Filme, Fotos, Musik und Nachrichten. Die Aggregatoren sollen der Leserin und dem Leser Zeit sparen.

Im August 2012 wurde dann auf das Bestreben der Verlage hin das »Leistungsschutzgesetz« in Deutschland durchgesetzt, das vorsah, dass Suchmaschinen wie Google journalistische Inhalte bei den Verlagen lizenzieren müssen. Bevor das Gesetz in Kraft trat, stellte Google die großen Verlage jedoch vor eine Entscheidung: Entweder sie verzichteten vollends darauf, dass ihre Inhalte auf der Plattform auftauchen, oder sie erteilen Google eine Blankolizenz, mit der das Unternehmen die Inhalte wie bisher nutzen konnte. Am Ende lehnte kein Verlag das Angebot ab – auch aufgrund der Konkurrenz untereinander. Einige Verlage versuchen seitdem durch die Kombination von freien und kostenpflichtigen Angeboten die Reichweite der News-Aggregatoren zu nutzen, um dann zahlungsbereiten Nutzern weitere Angebote oder Abonnements zu verkaufen.

Funke und DuMont: Lokale Zeitungen im World Wide Web

Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, fürchtet Google nicht. Auch am Kiosk könne man sich die Schlagzeilen verschiedener Zeitungen ansehen. Der Hamburger entscheide sich dann aber trotzdem für das Hamburger Abendblatt – auch online, obwohl die Zeitung nie kostenlose Inhalte im Netz verbreitet habe. Diese Gelassenheit gründet in seiner Marktsituation: Das Hamburger Abendblatt will lokalen Qualitätsjournalismus bieten und konkurriert auf diesem Gebiet mit keinem anderen Hamburger Blatt.

Die Funke Mediengruppe mit Hauptsitz in Essen – zu der auch das Hamburger Abendblatt gehört – verfolgt allerdings nicht mit allen Produkten diese Strategie der Spezialisierung: Die Berliner Morgenpost beispielsweise konkurriert mit anderen Lokalzeitungen in der Hauptstadt und bietet deswegen weiterhin kostenlose Artikel an. Ähnlich sieht es für die Zeitungen des Kölner Verlagshauses DuMont aus: Aufgrund der Konkurrenz mit anderen Zeitungen für den Kölner Raum setzen Express und Kölner Stadtanzeiger mit ihren Onlineangeboten auf Reichweite. Sie bieten ihre Inhalte dort komplett kostenlos an.

Magazine: Springer und Gruner + Jahr setzen auf spezielle Zielgruppen

Etwas anders entwickelt sich der Markt für Zeitschriften – in Richtung einer Ausdifferenzierung nach speziellen Interessen. Während die Werbeeinnahmen allgemein informierender Magazine wie Focus, Spiegel und Stern von 2000 bis 2016 um rund 27 Prozent zurückgegangen sind und die Auflagen sinken, wächst die Zahl der Nischenprodukte. So auch beim Berliner Axel-Springer-Verlag: Zusätzlich zu Auto- und Computer Bild, die ohnehin spezielle Zielgruppen haben, setzt der Konzern auf weniger häufig erscheinende Blätter zu besonderen Themen: zu Oldtimern, Caravans und Sportwagen.

Springer hat auf die Veränderungen des Marktes radikal reagiert: 2013 trennte sich das Unternehmen von seinen regionalen Tageszeitungen und investierte in digitale Plattformen wie immowelt und stepstone. Deshalb machte der Springer-Verlag beispielsweise im ersten Quartal 2018 bereits 70  Prozent seines Gesamtumsatzes von 773 Millionen Euro mit Digitalangeboten.

Das Hamburger Medienunternehmen Gruner + Jahr, eins der größten Verlagshäuser Europas, möchte sich das Auflösen der Grenzen zwischen Medienformen zunutze machen. Das G + J Greenhouse Innovation Lab soll das Angebot neben den Printangeboten auf Plattformen wie YouTube-Kanälen oder Apps erweitern. Dadurch entstehen ganz neue Verbreitungswege.

Kooperation statt Konkurrenz?

Es gibt keinen Masterplan Angesichts der Ressourcenknappheit wäre eine mögliche Lösung für die Verlage, sich in einer Plattform zusammenzutun, in der sich Nutzer digital die Artikel verschiedener Verlage zu einer personalisierten digitalen Zeitung zusammenstellen können. Jens Uehlecke vom G + J Greenhouse Innovation Lab sieht das kritisch: Es fände keinen Anklang bei den Lesern. Das Nutzungsverhalten bezüglich journalistischer Inhalte sei zu verschieden zu dem von Musik oder Film, bei dem sich Streamingplattformen bereits etabliert haben. Das Produkt würde hier nur einmalig konsumiert und der Nutzer würde keinen Mehrwert erhalten, wie beispielsweise beim Sammeln von Musik.

Eins wurde den Studierenden in den vielen Gesprächen klar: Es gibt keine allgemeingültigen Antworten auf den Wandel der Medienmärkte. So unterschiedlich die Unternehmen sind, so verschieden sind auch ihre Strategien. Meist verfolgen sie mehrere Strategien gleichzeitig. Kaum einer setzt ausschließlich auf Print, Online-Werbeerlöse oder Bezahlschranken. Vielmehr versuchen sie, die Umsatzquellen neu zu verteilen.

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Studierende
news-4952 Wed, 27 Jun 2018 09:05:23 +0200 Die Sache mit dem Flipper https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4952&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=5b8c0f80c6299cf7d8b7c5d4c61afd7e Das Verschwinden des Flipperautomaten ist Sinnbild eines Unterhaltungswandels. Das Verschwinden des Flipperautomaten ist Sinnbild eines Unterhaltungswandels. Trifft das einsame Spielen einfach nicht mehr den Nerv der Zeit? Flipperforscher Dennis Göttel lernt in einer Kölner Kneipe zufällig den Champion „Win“ kennen – und staunt über Körpereinsatz der alten Schule.

Der Groschen fällt durch den Münzschacht des Flippers. Win, ein Kölner Urgestein, wärmt sich auf: tzackk schnellt die Feder die eiserne Spielkugel in die labyrinthartige Spielwelt hinein. Gemächlich passiert der Ball die oberen Elemente, nimmt die ersten Punkte mit und legt an Tempo zu. Dingdingdingdingding boing dingding boingboing ding. Es gluckst und ruckelt im Retrosound entlang der Rampen, Bumper, der farbig blinkenden Felder. Win nimmt einen beiläufigen Schluck von seinem Dunkelbier und widmet sich fachmännisch wieder den Flipperhebeln – das harte Ballspiel braucht Fingerspitzengefühl.

Verbissene Pressgeräusche gibt Win von sich, er gnarzt, ächzt und lamentiert: »Nnnoo!«, »God damn…!« Fällt die Kugel dann ins Aus, treibt es dem Mann mit der Schiebermütze und dem Seidenschal Zorn ins Gesicht. Er schlägt mit Wucht auf den Metallkorpus, fasst sich wortlos an den Kopf und muss kurz mal durchatmen. »Ja, ich lasse an der Kiste Dampf ab – besser hier, als an jemand anderem«, sagt er und grinst. Ein bisschen Spaß scheint dem galanten Dandy und ehemaligen Showproduzenten selbst das Verlieren zu machen. Als er mit triumphalem Singsang »Extraball« verkündet, scheint aller Ärger vergessen.

438.417.980 Punkte beträgt der Rekord beim Addam’s Family-Flipper in der »Tankstelle« auf der Kyffhäuser Straße in Köln. Der Apparat blinkt, klingt und kommuniziert, erregt Aufmerksamkeit, lockt an wie eine Jahrmarktbude. Mit dem Einwurf von bereits einem Euro können Spieler den Jackpot herausfordern. Win ist davon angefixt. Er selbst war es, der ihn aufgestellt hat. Name verpflichtet.

Bei allem Unterhaltungswert gibt es Fragen: Wieso ist das altehrwürdige Flipperspielen aus der Mode gekommen? Sind andere Wege der Zerstreuung heute einfach interessanter? Diesen Themen geht der Juniorprofessor für die Geschichte und Geschichtsschreibung der technischen Bildmedien, Dr. Dennis Göttel, seit dem Wintersemester 2017/18 am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln nach.

Wenn man Win, der einst an der Uni Köln studiert hatte, beobachtet, scheint Flippern eine theatrale Männerdomäne zu sein. Zumindest ist das Spiel kulturell tatsächlich mit Diskursen von Männlichkeit verbunden, weiß Göttel. Der Flipperforscher befindet sich auch gerade in der »Tankstelle« – aber rein beruflich. Neu in der Stadt, hat er sich noch nicht eingehender mit der Flipper-Infrastruktur Kölns beschäftigt. Dem Addam’s Family-Automaten bescheinigt er jedoch einen tadellos gewarteten Zustand. Win pflichtet ihm bei: »Mit Abstand der beste Flipper der Stadt.« An diesem allein durch seine Ausmaße außergewöhnlichen Gerät treffen wissenschaftliche Theoriebildung und lebendige Praxis sicher nicht sehr oft aufeinander.

Was genau er forsche, fragt Win den Juniorprofessor und zeigt aufrichtige Begeisterung, dass das geliebte Hobby es auf den universitären Lehrplan geschafft hat. Göttel berichtet von einem seiner Schwerpunktthemen, nämlich der Diskursgeschichte des Automaten, die er erstmals in Form einer Monographie rekonstruieren möchte: »Im engeren Sinne schreibe ich keine Technikgeschichte des Flippers. Das heißt aber nicht, dass das eigentliche Objekt gar keine Rolle spielt.«

Der Mensch an der Maschine

Der Flipperdiskurs sei eng mit Themen wie Sprache und Sprachlosigkeit, Jugend und Adoleszenz, Urbanität und Delinquenz oder den Geschlechterverhältnissen verwandt. Dieses vielschichtige Bedeutungsnetz untersucht der Medienwissenschaftler in kulturellen Erzeugnissen wie Film, Theater, Lyrik oder Bildender Kunst. Welche Funktion übernimmt der Flipper im Werk? Welche Symbolkraft hat er als Zeichen und Motiv, als kulturelle Praxis? Wie interagieren Personen mit dem Automaten, in welchem Verhältnis stehen Maschine und Mensch zueinander?

Göttels Motivation hat sich zunächst aus der Leidenschaft für das Medium Film entwickelt – im schwarz-weiß-Kino der Nouvelle Vague waren Flipper beliebte klein auf: »Mein Vater hatte einen IndianaJones-Flipper im Partykeller, an dem habe ich früher gespielt. Aber heutzutage gibt es kaum noch zugängliche Automaten, und ich bin auch kein besonders guter Spieler«, sagt er taktisch bescheiden und staunt, an einer Coca-Cola nippend, über den virtuosen Win, der sich in Fahrt spielt.

Verheißungsvolle Verlautbarungen

1979 (Göttels Geburtsjahr) war das Jahr mit der höchsten Flipperdichte. Allein in Deutschland gab es rund 200.000 Geräte im öffentlichen Raum. Davon ist heute bloß ein Bruchteil übriggeblieben. Anfang der 1930er Jahre entstanden die ersten »pinball machines«, wie sie im amerikanischen Raum heißen. Die Bezeichnung »Flipper« hingegen ist typisch für Deutschland, Frankreich und England. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Vorläufermodelle so weiterentwickelt, Requisiten, doch in wissenschaftlichen Analysen wurden sie nur am Rande erwähnt. Den Automaten kennt er trotzdem schon von dass sie den Prinzipien des heute bekannten Flippers entsprechen. »Humpty Dumpty« hieß dieser erste Flipperautomat aus dem Jahr 1947, angepriesen als »the sensationally new player-controlled flipper bumpers«. Neu an Humpty Dumpty war, dass dem Spieler nun Hebel – die Flipper – zur Verfügung standen, um die Kugel möglichst lang am Rollen zu halten.

Auch wenn Humpty Dumpty als Name einem Kinderreim entnommen ist, trägt der historische Erstling ein lautmalerisches Moment in sich. Gerade sein Sound habe den Flipper für die Künste anschlussfähig gemacht, sagt Göttel: »Seine Laute sind elektromechanisch und auf eine bestimmte Menge an Tönen begrenzt. Seine Verlautbarungen gehorchen der Ökonomie des Kleingelds im Münzschlitz. Gerade in dieser standardisierten Kommunikationsfähigkeit erklingt der Sound des Spätkapitalismus.« Ist der Apparat mit seinen automatisierten Klängen Abbild einer zeithistorischen Sprachkrise?

Man schweigt oder spricht

Das Theaterstück »Ping-Pong« (1955) des französischen Dramatikers Arthur Adamov ist ein gutes Beispiel für den sprachlich wirschen Schauplatz des Flippers: Die gesamte Handlung kreist um den Flipperautomaten, was in seiner Ausführlichkeit mehr und mehr absurd wirke, so Göttel: »In dem Stück wird durch die Flipperrequisite die Alltagssprache ausgestellt. Etwas, das eigentlich kein Bühnenstoff ist, wird auf die Bühne gebracht. Das hat in der Nachkriegszeit extrem polarisiert.« Adamov inszenierte den Flipperautomaten als Zentrum, um das Gefühle, Sexuelles, Soziales und Wirtschaftliches kreisten. Als Ansammlung von »zaghaften Gemeinplätzen, halben Binsenwahrheiten« und Floskeln beschreibt der französische Literaturtheoretiker Roland Barthes die »Ping-Pong«-Sprache, eine Sprache, so Barthes, die aus dem »Theater des Lebens« hervorgegangen wäre.

Weniger an der rauen Realität orientiert kommt die 1969 erschienene Rockoper »Tommy« von der englischen Band The Who daher. Darin wird die Heldengeschichte des Jungen Tommy Walker erzählt, der sich taub, stumm und blind zum Flipperchampion hochspielt. In der Filmversion von 1975 tritt Tommy in der letzten Szene gegen den amtierenden Champ (gespielt von Elton John) an, der auch den gleichnamigen Song interpretiert: »He stands like a statue /Becomes part of the machine / Feeling all the bumpers /Always playing clean/ Plays by intuition/The digit counters fall/That deaf, dumb, and blind kid / Sure plays a mean pinball.« Beide stehen auf einer Bühne und werden von hunderten jungen Mädchen mit Plakaten bejubelt und vergöttert wie Musikstars. Göttel sagt: »Der Film spitzt den Topos zur nonverbalen Kommunikation im Flipperdiskurs zu – Tommy kann als Taubstummer nicht verbal kommunizieren und findet dadurch gerade im Flipper sein persönliches Glück.«

Die Oper »Tommy« sei auch Indiz einer in den 1970er Jahren neu aufkommenden Flipperfaszination: »Schon damals trug Flipperkult nostalgische Züge – nicht zu vergleichen aber mit der Retromanie, die bei uns in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren stattfindet«, erläutert Göttel. Man denke allein an die Renaissance der Schallplatten und Sofortbildkameras.

Gemeinsam einsam und doch dabei

Im Laufe der 1980er Jahre verschwanden Flipper allmählich. Nicht schlagartig, aber schleichend – für Göttel jedoch allemal eine wundersame Wende: »Mich interessiert, wieso die ein halbes Jahrhundert lang so zentralen und äußerst populären Objekte wie Flipperautomaten aus den Kneipen, Raststätten und Pommesbuden verschwunden sind und seitdem maximal in Kellerräumen weiter existieren durften.« Weiß man’s? Für Win, der dem Gespräch lauscht, ist die Antwort klar: »Flippern ist zu teuer geworden. Die Instandhaltung kostet eine Menge Geld, das hat sich irgendwann nicht mehr gerechnet. Die Teile gehen kaputt, keiner kann sie reparieren, und man verdient nix mehr damit.« Göttel nickt.

Neben dem ökonomischen Faktor habe natürlich auch die Einführung digitaler Spielealternativen ihr übriges getan, ergänzt der Wissenschaftler. Diese Entwicklung sieht Göttel als Teil eines generellen Kulturwandels: »Beim Flipper spielt man zwar isoliert, aber das Spiel findet im öffentlichen Raum statt. Heutzutage spielt man in der digitalen Game-Kultur oft gemeinschaftlich, aber das Spiel findet meistens isoliert im Privaten statt – oder im virtuellen Raum.« Die DeIndustrialisierung habe darüber hinaus in westlichen Ländern zu einem Strukturwandel der Ökonomien geführt. Das mache auch die schwere Spielmaschine zum Anachronismus – so zumindest argumentiert der italienische Marxist Paolo Virno.

Von der limitierten Welt eines wuchtigen Metallkastens, der keine Überraschungen und keine Updates bereithält, haben sich die meisten zeitgenössischen Spiele entfernt. 2018 sind schier unendliche Welten, vernetztes Gaming, Austausch und Avatare die Realität und bieten mannigfaltige Möglichkeiten der Zerstreuung – auch mobil und oft gratis. Der Flipper schafft es mit ganz anderen, aber vergleichsweise schlichten Mitteln, der Spielerin und dem Spieler das Theater des Lebens, die Ups and Downs, leibhaftig vorzuführen. Damit werden die bunten Automaten ihrem Wesen in einer Eckkneipe auf jeden Fall gerechter als in einem Museum. Win und Göttel arbeiten daran, dass aus dem Verschwinden des Automaten kein Game Over wird. The show must go on.

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Forschung
news-4951 Wed, 27 Jun 2018 08:51:47 +0200 Lautstarke Immis https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4951&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=1c24b072017f43a2443929fb6a95016a Der Vogelforscher Dr. Michael Braun hat sich mit den Kölner Papageien beschäftigt. Köln gilt als Hochburg des Karnevals, der Kirchen und der Regenbogenkultur. Bunte Farben und exotische Laute gibt es aber auch in der Tierwelt. Köln ist nämlich auch die Hochburg der wilden Papageien in Deutschland. Mehr als tausend Tiere sind es im Umland der Rhein-Metropole. Doch wie kam es dazu und wo lassen sich die wilden Papageien am besten beobachten?

Zoodirektor Professor Theo Pagel und Kurator Bernd Marcordes sind sicherlich diejenigen, die die Papageien am häufigsten zu Gesicht bekommen. Auf dem Gelände des Zoos und der Flora lassen sich die Papageien einfach und sehr zuverlässig beobachten.

Die Geschichte geht zurück bis ins Jahr 1967. Die ersten Halsbandsittiche – grüne Papageien aus Indien mit langem Schwanz und roten Schnäbeln – hatten sich den Weg in die Freiheit verschafft: Ob sie nun im Freiflug gehalten wurden oder durch einen Sturm den Weg in die Freiheit geschafft haben, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Sie überlebten dank des vergleichsweise milden Klimas und der Vielzahl exotischer Gehölze im Stadtgebiet von Köln.

Im Winter gehen die Papageien gerne an Vogelfutterstellen, zum Beispiel mit Erdnüssen oder Sonnenblumenkernen. 1967 wurden die ersten freilebenden Halsbandsittiche in Köln beobachtet, 1969 fand dann die erste Freilandbrut auf dem Gelände des Zoos statt. In den Jahren 1993/94 untersuchte die Biologin Ulrike Ernst die Population der Halsbandsittiche in Köln und fand heraus, dass sich unbemerkt eine zweite Papageienart als Brutvogel in Köln eingenistet hatte: der Große Alexandersittich. Mitte der 1990er Jahre gab es in Köln etwa 500 Papageien.

Ihre Schlafplätze wechselten die Halsbandsittiche von den Riehler Heimstätten zu den Bayer-Werken nach Leverkusen und schließlich zur Haltestelle Rheinauhafen bei den Kranhäusern. Ihre Zahl liegt heute zwischen 1.000 und 1.500 Tieren. Anwohner wollen die Vögel aufgrund von Lärm und Schmutz von dem allabendlich genutzten Schlafplatz vertreiben – was Fachleute kritisch sehen.

Mittlerweile kommen in Zoo und Flora kaum noch Halsbandsittiche vor, sondern überwiegend die Großen Alexandersittiche. Um zu erforschen, warum dies so ist, sollen die Großen Alexandersittiche erstmals wissenschaftlich markiert und untersucht werden. In der U-Bahnstation Breslauer Platz können Passanten Präparate (Schädel, Flügel, Schwanz, Eier, Embryo) und ein Buch zu den Sittichen in zwei Vitrinen besichtigen.

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In Köln unterwegs
news-4950 Wed, 27 Jun 2018 07:55:07 +0200 Loblied auf den Plagegeist https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4950&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=9185b687c72f19c4e08011239b92f6af Die Alternsforscherin Mirka Uhlirova (CECAD) erklärt, was die Fruchtfliege Drosophila so besonders macht. Zu Hause gehasst, in der Forschung geliebt: Die Fruchtfliege Drosophila ist Liebling und Haustier in vielen Laboren. Die Alternsforscherin Mirka Uhlirova vom Exzellenzcluster CECAD ist eine der Verehrerinnen und erklärt, was den kleinen Modellorganismus so besonders macht.

Die nur zwei bis drei Millimeter kleinen Viecher mit ihren leuchtend roten Augen stürzen sich nicht nur im Herbst auf faulendes Obst und Essensreste. Dabei verspeisen sie nicht das Obst an sich, sondern bevorzugen die Hefen, die die Frucht zersetzen. Jedes Weibchen kann täglich bis zu 40 Eier legen, aus denen binnen zehn Tagen neue Fruchtfliegen werden – ein Grund, warum die Fliegen so schnell zur Plage werden.

Mit anderen Augen betrachtet Professorin Dr. Mirka Uhlirova ihr Haustier – die Fruchtfliege mit dem lateinischen Namen Drosophila melanogaster. Uhlirova ist Alternsforscherin am Exzellenzcluster CECAD und strahlt, wenn sie auf die Fruchtfliege angesprochen wird: »Drosophila ist ein idealer Organismus für die Forschung. Die Tiere haben Flügel, Beine, Komplexaugen und innere Organe. Das Genom ist komplett entschlüsselt, wir kennen die Gene – und jede Änderung des Genoms kann irgendwo beobachtet werden.« Da ¬ rüber hinaus sind die Tiere sehr leicht zu halten. Wer schon einmal die Gelegenheit hatte eine Fliegenzucht zu besuchen, wird den Geruch sofort wieder in der Nase haben. Der Futterbrei besteht zu großen Teilen aus Hefe und erinnert geruchlich stark an eine Brauerei.

Der Durchbruch der Fruchtfliege als Forschungsobjekt begann im Jahr 1910, als sich der amerikanische Zoologe und Genetiker Thomas Hunt Morgan kein geringeres Ziel setzte als die Theorien von Charles Darwin zu widerlegen. Anders als Darwin glaubte er nicht an das Prinzip der natürlichen Selektion und das Durchsetzen des besser angepassten Organismus. Morgan züchtete Drosophila über unzählige Generationen in kompletter Dunkelheit und erwartete, dass sie dadurch ihren Instinkt verlieren von Licht angezogen zu werden. Nachdem diese Experimente scheiterten, setzte er die Fliegen verschiedenen Stressfaktoren wie Hitze oder Kälte aus und hoffte, so Mutationen erzwingen zu können. Seine Experimente scheiterten – brachten ihm im Jahr 1933 letztlich aber doch den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ein. Morgan hatte während des Experiments auf einmal Drosophila mit weißen Augen entdeckt. Diese Mutation, white (w) genannt, war die erste Veränderung des Erbguts, die mit dem Geschlecht zu tun hatte, wie Morgan in weiteren Experimenten zeigen konnte.

Auch Fruchtfliegen leiden unter Schlaflosigkeit, Jetlag und Alkoholismus

»Es ist fast so, als sei die Fliege gemacht, um den Forschenden zu helfen«, sagte der Genetiker und Direktor des Instituts für Biologie am University College London, Steve Jones. Tatsächlich teilen sich Fruchtfliege und Menschen etwa 60 Prozent ihrer Gene, 77 Prozent der bekannten Gene für menschliche Erkrankungen haben ein Pendant in der Fliege. Vor langer, langer Zeit hat es einmal einen gemeinsamen Vorfahren gegeben. Wie der aussah, was er war, ist unklar – aber die Ähnlichkeit bleibt.

Es gibt Fliegen, die unter Schlaflosigkeit leiden, Alkoholismus kann auftreten und ebenso wie wir brauchen die Tiere Zeit, um sich nach einer Zeitumstellung wieder anzupassen. In ihrem Labor beschäftigt sich Mirka Uhlirova unter anderem mit der menschlichen Augenerkrankung Retinitis pigmentosa. Weltweit sind drei Millionen Menschen betroffen, in Deutschland vermutlich 30.000 bis 40.000. Die Erkrankung tritt meist im Jugendalter ein und beginnt mit zunehmender Nachtblindheit. Nach und nach werden die Photorezeptoren in der Netzhaut zerstört. Allmählich lässt die Sehkraft weiter nach, Tunnelblick und Erblindung sind im weiteren Verlauf die Folge. Bisher sind 45 Gene bekannt, die im Zusammenhang mit der Erkrankung stehen. Werden einzelne dieser Gene in der Fruchtfliege eingesetzt, entwickelt auch die Drosophila eine Augenerkrankung. Hier sucht die Forschung nach Wegen die Erkrankung zu stoppen oder rückgängig machen zu können.

Sogar in den Weltraum hat es die Fruchtfliege geschafft

Inzwischen hat es die Drosophila schon bis auf die Weltraumstation ISS geschafft. Nicht als Plagegeist, sondern als Forschungsobjekt in der Mikrogravitation. Über mehrere Generationen wurde untersucht, wie sich Schwerelosigkeit auf Muskelwachstum, den Alterungsprozess und das Immunsystem auswirken. Ähnlich wie bei Astronauten wurde festgestellt, dass die Körperabwehr unter den Weltraumbedingungen leidet.

Auch in der personalisierten Medizin spielen Fruchtfliegen eine zunehmend wichtige Rolle. Darmkrebs ist weltweit eine der häufigsten Krebsarten. Professor Ross Cagan (Leiter des Institus für personalisierte Krebstherapie, Icahn School of Medicine, Mount Sinai, New York) hat begonnen den genetischen Code der Tumoren seiner Patienten zu entschlüsseln und setzt dann Teile der Gene in Fruchtfliegen ein. Anschließend werden an den Tieren verschiedene Chemotherapien getestet und so ein individuell wirksames Medikament gefunden, welches eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit verspricht. »Das ist das Tolle an der Drosophila«, sagt Mirka Uhlirova, »man kann sie unheimlich schnell genetisch verändern und züchten. Es gibt kaum einen anderen Organismus, für den wir ein solches Repertoire an Werkzeugen haben, um ihn anzupassen.«

Sechs Nobelpreise gehen auf das Konto der Drosophila

Die Vielseitigkeit der Drosophila als Forschungsobjekt wird auch bei den Nobelpreisen sichtbar: Insgesamt sechs Nobelpreise gehen auf ihr Konto. Unter anderem erhielt die deutsche Forscherin Christiane Nüsslein Volhard 1995 den höchsten Forschungspreis. Loslassen kann sie die Forschung offenbar noch nicht: Trotz ihres Alters von 75 Jahren kommt sie noch immer täglich in ihr Büro am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen.

Obwohl auch Uhlirova die Drosophila als Forschungsobjekt so schätzt, möchte sie zu Hause von ihnen lieber verschont bleiben und bastelt Fallen. Ihr Tipp: Ein Schälchen mit Rotwein und ein Tropfen Spülmittel, um die Oberflächenspannung des Wassers zu reduzieren. Eines kann sie aber nicht lassen: »Ich muss den Tieren einen Blick ins Auge werfen. Wer weiß, vielleicht sehe ich auf einmal ein weißes statt ein rotes.« Und vielleicht werden auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, die »Plagegeister« ab sofort mit anderen Augen sehen.


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Forschung
news-4948 Mon, 25 Jun 2018 10:02:53 +0200 1.077.296 Menschen https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4948&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=63ca88541048c356e911d0d33a6e2db1 1.077.296 Menschen, die über 80 Jahre alt sind, leben derzeit in NRW. In der Studie NRW80+ untersuchen Forscherinnen und Forscher des Cologne Center for Ethics, Rights, Economics and Social Sciences of Health (ceres) die Lebensqualität und das subjektive Wohlbefinden dieser Gruppe. Die Studie wird über drei Jahre vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Denn trotz des demographischen Wandels liegen selbst in der Alternsforschung noch erstaunlich wenige Informationen über die Lebenssituationen der Hochaltrigen vor. Die Ergebnisse sollen auch der Politik helfen, die Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe besser zu verstehen.

In 94 nordrhein-westfälischen Gemeinden wurden 8.040 zufällig ausgewählte Hochaltrige angesprochen. 23,4 Prozent erklärten sich zu einer Befragung bereit. Die Interviewerinnen und Interviewer führten in mehr als sechs Monaten 1.863 Gespräche. Diese hohe Zahl an Interviews war notwendig, um zu gewährleisten, dass von der Stichprobe gültige Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Hochaltrigen in NRW gezogen werden können, die erhobenen Daten also repräsentativ sind.

Im Durchschnitt beantworteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer 384 Fragen zu ihrem körperlichen und geistigen Gesundheitszustand, ihrer Familien- und Wohnsituation, ihrem Freizeitverhalten oder ihrem Musikgeschmack. Auch existentielle Fragen und Belastungen wie die eigene Pflegebedürftigkeit, Konflikte mit Menschen in ihrem Umfeld oder der möglicherweise nahende Tod wurden in den durchschnittlich 1 Stunde und 24 Minuten dauernden Interviews thematisiert.

Insgesamt berichteten die Interviewten über Erfahrungen aus beeindruckenden 161.527,6 Jahren Lebenszeit. Derzeit werten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Daten aus.

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Uni in Zahlen
news-4947 Mon, 25 Jun 2018 09:43:44 +0200 Das Bild vom tumben Neandertaler wandelt sich https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4947&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=099bb99785420bbf9f5c5a6f5e22ad17 Kunst galt als Domäne des Homo sapiens. Höhlenmalereien in Andalusien widerlegen dies nun. Kunst galt bisher als Domäne des Homo sapiens. Die Forschung ging lange davon aus, dass nur der moderne Mensch in der Lage war, sich in abstrakten Symbolen auszudrücken. Höhlenmalereien in Andalusien erzählen nun eine andere Geschichte.

Eine steile, glitschige Treppe aus groben Steinen führt ins Höhleninnere. Schritt für Schritt geht es vorsichtig hinab in die Cueva Ardales im andalusischen Süden Spaniens. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass Kameraobjektiv und Brille beschlagen. Erst nach einigen Minuten wird der trübe Blick wieder klarer. Düster und schwül bleibt es in der Höhle dennoch. Nach einigem Gekraxel durch enge Gänge und über rutschige Steine tut sich ein großer Raum auf. Das Licht der Stirnlampe an den Wänden lässt nun erahnen, dass die Cueva Ardales etwas ganz Besonderes ist.

Es glitzert und funkelt, wenn das Licht die Wände streift. Kleine Kristalle reflektieren wie ein unterirdischer Sternenhimmel an den Höhlenwänden, den Stalagmiten und Stalaktiten. Doch das eigentlich Spektakuläre der Höhle ist unscheinbar und entgeht dem ersten Blick. Hier und da sind an den Wänden ein paar rote Farbtupfer zu sehen. Es sind Finger- und Handabdrücke, mit roter Farbe auf die Wand aufgetragen. Diese Tupfer sind es, die ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Beteiligung des Sonderforschungsbereichs 806 »Our Way to Europe« der Uni zu Köln untersucht hat.
Die Ergebnisse sind eine wissenschaftliche Sensation und werfen ein ganz neues Licht auf die Menschheitsgeschichte, denn die Spuren stammen offenbar von Neandertalern. Ergeben haben das archäologische Ausgrabungen und modernsten Datierungsmethoden.

Dem Homo sapiens ebenbürtig

Bisher galt, dass nur anatomisch moderne Menschen in der Lage gewesen sind, Kunst herzustellen. Das macht diesen Befund so besonders. Professor Dr. Gerd-Christian Weniger leitet für den SFB 806 in der Cueva Ardales eine archäologische Ausgrabung. »Alles, was mit künstlerischem Ausdruck verbunden ist – symbolisches und abstraktes Denken – wurde ausschließlich dem Homo sapiens zugeschrieben«, sagt Weniger. »Tatsächlich müssen wir aber davon ausgehen, dass auch Neandertaler entsprechende intellektuelle Fähigkeiten hatten.«

Multimedia
Die Forschung in der Cueva Ardales als Multimediastory

Das Bild vom Neandertaler als tumbem, keulenschwingenden Gesellen geriet bereits in den letzten Jahren durch archäologische Funde und genetische Analysen immer mehr ins Wanken. So stellte sich heraus, dass er etwa aufwändige Werkzeuge herstellte oder für kranke Gruppenmitglieder sorgte. Die Höhlenmalereien rehabilitieren ihn noch ein gutes Stück mehr. Die Fähigkeit, sich die Welt symbolisch vorzustellen und auf einer abs trakten Ebene zu kommunizieren, legt nahe, dass der Neandertaler alles andere als dumm war. Im Gegenteil: Offenbar war er dem Homo sapiens intellektuell sogar ebenbürtig

Es sind einfache Malereien, die die Wände in Ardales zieren. Große Flecken, Streifen und kleine Punkte. Zum Teil sind zwei oder drei Fingerspitzen nebeneinander abgebildet. Alle Darstellungen sind in rot gehalten, da die Zeichen mit Ocker direkt mit der Hand auf die Wand aufgebracht wurden. »Es wurden keine besonderen Pinsel oder Werkzeuge benutzt. Zudem sind klare Strukturen zu erkennen. Das ist nichts Zufälliges«, sagt Weniger. Die recht einfache Machart der Zeichen lässt darauf schließen, dass sie so etwas wie den Beginn der Höhlenkunst darstellen. Spannend ist, dass man in der Cueva Ardales auch ihre weitere Evolution beobachten kann. In versteckteren Abschnitten, noch weiter im Höhleninneren, gibt es bildliche Darstellungen, etwa von Huftieren und Fischen. Allerdings sind diese Bilder einige Jahrtausende jünger als die einfachen Fingerund Handabdrücke, die derzeit für Aufsehen sorgen. Die andalusische Höhle ist also auch ein beeindruckendes Zeugnis der menschlichen Entwicklung und Siedlungsgeschichte.

Neue Methoden erlauben die Datierung

Insgesamt gibt es in der Cueva Ardales an rund vierzig Stellen eiszeitliche Höhlenmalereien. Die Kunst selbst war schon lange bekannt. Erstmals wurde sie 1822 entdeckt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dokumentierte dann der französische Archäologe Henri Breuil – in der Wissenschaft so etwas wie der Papst der Höhlenforschung – die Malereien. Allerdings war es bis vor kurzem noch unmöglich, das Alter zu bestimmen, ohne die eiszeitliche Kunst zu zerstören.

Modernste technische Methoden bieten der Wissenschaft heute neue Möglichkeiten. Mit Hilfe der Uran-Thorium-Methode können Karbonatkrusten auf den Farbpigmenten datiert werden. Durch Messung der Ausgangs- und Zerfallsisotope können die Forscherinnen und Forscher das Alter der Kalkbildung bestimmen. Dies ist eine sehr genaue Datierungstechnik, die Kalkablagerungen bis zu einem Maximalalter von etwa 500.000 Jahren bestimmen kann. So reicht sie erheblich weiter zurück als die ansonsten gängige Radiokarbonmethode. In der Cueva Ardales ermittelte das Team nun jeweils ein Alter von über 60.000 Jahren für Darstellungen der Wandkunst. Die ersten anatomisch modernen Menschen erreichten Südwesteuropa aber erst vor 40.000 Jahren.

Uran-Thorium-Methode
Die Datierung basiert auf dem radioaktiven Zerfall von Uranisotopen, die sich dabei in das chemische ElementThorium umwandeln.

Die Malereien entstanden nicht zufällig

Das Team um Weniger stützt mit ihren Ausgrabungen den Befund der Datierung: Die Archäologen belegten durch Bodenfunde die Anwesenheit von Neandertalern zur der Zeit, in der die Wandkunst entstanden sein muss. Sie bargen eiszeitliche Werkzeuge wie bearbeitete Knochen und Steinklingen sowie ein komplett erhaltenes Stück Ocker in der Größe eines Spielwürfels, mit dem wahrscheinlich gemalt wurde.

Alle Funde stammen aus Erdschichten, die mindestens 50.000 Jahre alt sind und damit weit vor der Ankunft des Homo sapiens liegen. Zudem kommt Ocker in der Höhle nicht vor, er muss also gezielt hineingebracht worden sein. »Dabei ist auch interessant, dass wir keine Siedlungsspuren gefunden haben«, sagt Weniger. »Die Cueva Ardales wurde sicher nicht als Wohnhöhle genutzt, an der man sich mehrere Tage an einem Lagerfeuer aufgehalten hat.« Die Malereien sind also keine Zufallsprodukte. Vielmehr kamen unsere Vorfahren ganz gezielt in diese Höhle, um ihre Kunst an den Wänden aufzutragen.

Professor Weniger ist sich sicher: »Mit den Datierungen und den archäologischen Funden schlagen wir ein völlig neues Kapitel in der Erforschung der eiszeitlichen Höhlenkunst auf.« Auf der Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen müssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb viel weiter in die Vergangenheit zurückblicken. Ardales nimmt dabei eine Schlüsselposition ein. Denn die Fähigkeit, sich nicht nur in sprachlichen Lauten auszudrücken ist ein enormer Schritt in der menschlichen Entwicklung. »Und das hier, das ist der Anfang«, sagt Weniger.

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Forschung
news-4953 Mon, 25 Jun 2018 09:25:00 +0200 Die besondere Münze aus dem Spielerparadies Las Vegas https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4953&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=4333bd67a93ddbde01eeac54c92d8775 Dr. Benjamin Rott, Professor für Mathematik und ihre Didaktik, über eine ganz besondere Münze Die besondere Münze aus dem Spielerparadies Las Vegas

Im Herbst 1995 war ich als Jugendlicher das erste Mal in den USA, ich habe dort mit meinen Eltern, Onkel und Tante Urlaub gemacht. Startpunkt der Reise war Las Vegas (Flug dahin und zwei Übernachtungen in einem großen Casino-Hotel waren ein Sonderangebot), danach ging es Rundreise durch verschiedene Nationalparks.

Die Widersprüche in Las Vegas, der Stadt der Spieler, sind mir noch heute deutlich vor Augen: Auf der Straße lockten mich »Anwerber« mit Flyern und mit Gutscheinen für Freispiele, Casinowürfel und anderem Kleinkram in die Casinos.

In den Casinos selbst wurde ich von den Ordnern dann immer sehr schnell mit der Frage »Are you twenty-one?« rausgezogen. Ich war deutlich jünger als 21 Jahre und musste den Bereich mit den Einarmigen Banditen, Roulette- und Kartentischen und vielen weiteren Glücksspielen umgehend verlassen – aus Jugendschutzgründen.

Ich wurde dann entweder vor die Tür gesetzt oder in den »Kinderbereich« geleitet. Dort gab es dann kostenlose Spieleautomaten mit den realistischsten Ego-Shooter-Spielen, die mir je untergekommen sind. So viel zum Thema »Jugendschutz«. Die abgebildete Münze aus einem Casino am Hoover Dam, wenige Kilometer von Las Vegas entfernt, habe ich seitdem immer im Portemonnaie bei mir.

In der Schule und Hochschule zücke ich diese Münze immer, wenn ich Münzwürfe oder andere passende stochastische Experimente vorführe oder Studierende »auslosen« möchte. Aufgrund ihrer Größe ist die Münze beim Münzwurf auch in den hinteren Bereichen eines Seminarraums noch gut sichtbar. Aufgrund des Ursprungs der Münze ist mir die Aufmerksamkeit der Schüler und Studierenden jedes Mal sicher.

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Dinge, die uns wichtig sind
news-4946 Mon, 25 Jun 2018 07:48:47 +0200 Woher hat die Meteorologie ihren Namen? https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4946&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=b6aebbc6650c4c455707a6fc06b170d5 Es antwortet Dr. Bernhard Pospichal,  Institut für Geophysik und Meteorologie. Meteorologie wird heute meistens mit Wetter und Klima assoziiert. Doch woher stammt diese Bezeichnung? Und was umfasst der Begriff Meteorologie?

Vielen ist wohl das Wort Meteor für eine Sternschnuppe bekannt – und tatsächlich kommt beides vom selben Ursprung, nämlich dem griechischen Wort meteoros.

Die wörtliche Übersetzung davon ist »in die Höhe gehoben, in der Luft schwebend, überirdisch« – und tatsächlich wurde und wird Meteor für die Beschreibung von verschiedenen Himmelserscheinungen verwendet.

Man unterscheidet zwischen Hydrometeoren (Wolken, Regen, Schnee), Elektrometeoren (Blitze, Polarlichter), Lithometeoren (Staubteilchen) oder Photometeoren (Regenbogen). Aber nun zurück zum Begriff Meteorologie: Die älteste Erwähnung stammt von Aristoteles, der um 350 v. Chr. sein Werk »Meteorologica« verfasst hat, in dem er die Atmosphäre und den Wasserkreislauf der Erde zu verstehen versuchte.

Heute wird die Meteorologie als die Lehre von Physik, Chemie und Dynamik der Atmosphäre bezeichnet, dies umfasst auch die zugehörigen (Austausch-)Prozesse an der Grenze zur Erdoberfläche, sowohl über Land wie auch über den Ozeanen. Das Ziel der Meteorologie ist das umfassende Verständnis sowie die Beschreibung des atmosphärischen Zustandes mit allen Prozessen und Bewegungen. Ein weiterer großer Bereich ist die möglichst akkurate Vorhersage von atmosphärischen Phänomenen.

Die Meteorologie umfasst das Wetter, also den aktuellen Zustand der Atmosphäre und dessen Prognose. Andererseits sind meteorologische Prozesse auch ein wesentlicher Bestandteil der Klimaforschung, welche darüber hinaus noch langzeitliche Änderungen des mittleren Zustands der Atmosphäre sowie deren Wechselwirkungen mit anderen Komponenten des Erdsystems betrachtet.

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Wissenschaft im Alltag
news-4945 Thu, 21 Jun 2018 16:40:41 +0200 Gute Unternehmenskultur fördert die Gesundheit https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4945&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=4f8970fe6ce8e5af1275f318536b7c96 Betriebliches Gesundheitsmanagement an der Uni Köln Seit 2016 hat die Uni Köln ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Aber was ist das eigentlich? Das neue Gesundheitsportal gibt Auskunft und zeigt, warum BGM mehr ist als nur »Rücken«.

Sitz gerade, sonst bekommst du eine krumme Haltung! Das möchte Heike Breuer dem Denkmal von Albertus Magnus am liebsten jedes Mal zurufen, wenn sie am Uni-Hauptgebäude vorbeikommt. Die Diplom-Sportlehrerin und stellvertretende Leiterin des UniSport kennt sich mit Problemen von Hals, Wirbelsäule und Rücken aus. Der »Geierhals«, den wir bei Albertus Magnus sehen, ist ein Risiko bei der Bildschirmarbeit. »Diese Haltungsschwäche mit nach vorne geneigtem Kopf, verkrampften Schultern und Beugung der Wirbelsäule ist oft erst der Anfang«, sagt Breuer. »Es folgen quälende Schmerzen, Bandscheibenprobleme oder ein Buckel als dauerhafter Haltungsschaden.« Und das ist nicht die einzige Krankheit, die langes und schlechtes Sitzen begünstigt.

Psychische Belastungen nehmen zu

Viele Akteurinnen und Akteure an der Uni Köln sollen dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen die Gesundheit der Beschäftigten fördern. Das Angebot reicht vom UniSport über Beratung bei psychosozialen Problemen oder Sucht bis hin zu Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder bei der beruflichen Weiterqualifizierung. Denn auch Zufriedenheit und Zukunftsperspektiven wirken sich positiv auf die Gesundheit aus. Mit dem Thema »Rücken« – und anderen physischen Aspekten der Arbeitssituation – befassen sich beispielsweise neben dem UniSport auch die Arbeitsmedizin und der Arbeitsschutz. Fragen rund um Ergonomie, Lärm, Schmutz oder langes Sitzen sind in der Arbeitsstättenverordnung und dem Arbeitsschutzgesetz geregelt. Das kennen die meisten Beschäftigten, denn hier geht es um messbare Dimensionen von Gesundheit.

Weniger bekannt ist bisher, dass zu den Risiken am Arbeitsplatz auch psychosoziale Belastungen gehören. Statistiken von 2017 zeigen, dass psychische Erkrankungen (16,7 Prozent) nach Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (21,8 Prozent) heute als Grund für Arbeitsunfähigkeit bereits an zweiter Stelle stehen. Und sie sind weiter auf dem Vormarsch. Auf diese Entwicklung reagierte 2013 eine Neuerung im Arbeitsschutzgesetz. Seither sind Arbeitgeber verpflichtet, auch eine psychische Gefährdungsbeurteilung der Arbeitsplätze durchzuführen.

2015 brachte die Uni Köln ein Projekt zur Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements auf den Weg. Denn die Angebote zur Gesundheitsförderung befassen sich meist nur mit Teilbereichen von Gesundheit am Arbeitsplatz. Das Projekt soll eine präventive Gesamtstrategie für die Uni erarbeiten und die bestehenden Angebote bündeln und weiterentwickeln.

Gesundheitsmanagement und Gesundheitsförderung – zwei unterschiedliche Paar Schuhe

Tanja Becker und Tanja Notthoff koordinieren das Projekt.  Anfangs waren sie dabei oft mit einem grundsätzlichen Missverständnis konfrontiert: »Betriebliches Gesundheitsmanagement wurde oft mit Gesundheitsförderung verwechselt«, sagt Becker. »Mittlerweile hat sich das Verständnis davon, was BGM ist, aber deutlich verbessert.« Denn im Gegensatz zur Gesundheitsförderung ist BGM ein Managementprozess. Doch auf diejenigen, die sich bereits seit Jahren in der Gesundheitsförderung engagieren, will die Universität dabei nicht verzichten: sie sind als Expertenpanel in den Prozess eingebunden.

Um dem gesetzlichen Auftrag nachzukommen, die psychische Gefährdung der Arbeitsplätze zu beurteilen, musste die Universität erst einmal einen Überblick über die Problemlagen in den einzelnen Organisationseinheiten bekommen. Dazu gehören die Fakultäten, die Zentralverwaltung und die zentralen Einrichtungen. Deshalb führte sie im Frühjahr 2016 eine Vollbefragung aller Beschäftigten zur psychosozialen Belastungssituation durch: den Bielefelder Fragebogen. Insgesamt beteiligten sich mehr als 1.400 Menschen, was einem Rücklauf von 27,3 Prozent entspricht. Die Ergebnisse für die Universität insgesamt sind für alle Beschäftigten, die sich mit ihrem Uni-Account einloggen, auf dem neuen Gesundheitsportal einsehbar (siehe Informationskasten).

Wo lauert die Gefahr?

Grundsätzlich beeinflussen drei Aspekte die psychosoziale Gesundheit am Arbeitsplatz: Werte und Kultur, Führung und Zusammenarbeit. »Gesundheitlich wirksame Faktoren wie Wohlbefinden und Zufriedenheit mit der eigenen Leistung werden überwiegend positiv bewertet«, sagt Becker. Die Befragten identifizieren sich offensichtlich stark mit der Uni Köln. Außerdem gibt es große Zufriedenheit mit der kollegialen Zusammenarbeit und den Spielräumen bei der Arbeit. »Es bestehen aber auch Handlungsbedarfe – oft in Zusammenhang mit Führung«, so Becker.
Die Fakultäten, die Verwaltung und die zentralen Einrichtungen stehen dabei vor unterschiedlichen Herausforderungen. Es gibt Unterschiede je nach Art der Tätigkeit, Statusgruppenzugehörigkeit oder Fachkultur. Während viele Beschäftigte in Wissenschaft und Verwaltung einen Sinn in ihrer Arbeit sehen, der sie motiviert, finden sich andererseits Belastungen durch mangelnde Partizipationsmöglichkeiten oder fehlende Transparenz über Vorgänge im eigenen Arbeitsbereich. Die Befragten gaben an, dass manche Entscheidungen nicht nachvollziehbar seien. Auch mangelnde Rück¬meldung zur Arbeit empfinden viele als problematisch. Gründe hierfür können unklare Arbeitsanweisungen, lückenhafte Kommunikation oder fehlende Einbeziehung in den Gesamtzusammenhang einer Aufgabe sein.

306 Ideen gesammelt

Um dieser diversen Landschaft Rechnung zu tragen, fanden insgesamt elf Werkstätten zur Entwicklung von Lösungsvorschlägen zur Reduzierung von Belastungen statt. Insgesamt 196 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft und Verwaltung haben dabei gemeinsam mit dem BGM-Team 306 Ideen gesammelt. Diese reichen von der Einführung von Mitarbeitergesprächen in der Wissenschaft über die Stärkung partizipativer Teamformate bis zur Überarbeitung des Aufgabenportfolios für Leitungskräfte. Und die Ideen sollen nicht auf Hochglanzpapier stehen bleiben – das ist den Projektverantwortlichen sehr wichtig.

Dr. Alan Hansen leitet die Personalentwicklung Wissenschaft, wo das BGM-Projekt angesiedelt ist. Er bekräftigt: »Zur Umsetzung ihrer Ziele haben sich die Fakultäten, die Verwaltung und zentralen Einrichtungen selbst verpflichtet. Die Personalentwicklung bietet dabei Unterstützung an, zum Beispiel durch Führungskräfte-Programme in Wissenschaft und Verwaltung.«

2020 wird es wieder eine Befragung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen geben. Damit möchte die Universität einerseits herausfinden, ob die vereinbarten Prozesse Früchte tragen, und andererseits, ob sich nicht ganz neue Belastungsfaktoren ergeben haben. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist also ein Prozess, der in einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt mögliche Belastungen immer wieder überprüft.

»Es geht grundsätzlich darum, ein ganzheitliches Leitbild von Gesundheit am Arbeitsplatz für die Universität zu finden. Unser Ziel ist es, hier Standards zu definieren«, sagt Becker. Zum Beispiel ist es nicht selbstverständlich, dass jedes Jahr verbindlich Mitarbeitergespräche stattfinden. In der Zentralverwaltung sind sie bereits als Instrument der Kommunikation und der Zielvereinbarung zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Führungskraft bewährt, an vielen Lehrstühlen jedoch noch wenig verbreitet.

Tanja Becker und das gesamte Team sind davon überzeugt, dass sich der Erfolg von BGM nicht nur an einer Reduzierung von Krankmeldungen und anderen Kennzahlen messen lässt. Es geht ihr in erster Linie um einen Kulturwandel, und der braucht Zeit. »Wenn wir wertschätzend miteinander umgehen, klar und verbindlich kommunizieren und keinen abhängen, wirkt sich das für alle Beteiligten positiv auf die Gesundheit aus.«

Effizienzsteigerung? Nicht um jeden Preis

Nicht zuletzt führen gute Arbeitsbeziehungen auch zu besserer Arbeitsqualität. Geht es also nur um Effizienzsteigerung? Möchte die Universität ihre Beschäftigten lediglich fit halten, damit sie in Zukunft noch mehr und noch länger arbeiten können? Das hält Becker schon durch den Prozess für widerlegt: »Sowohl die Leitungen der Organisationseinheiten als auch die Hochschulleitung hören genau zu und kümmern sich verantwortungsvoll um die Bedarfe der Beschäftigten.« Es bleibt spannend: Die nächste Mitarbeiterbefragung 2020 wird zeigen, wie sich die Lage verändert hat.

Psychosoziale Belastungen können sich übrigens auch körperlich auswirken – oft durch Rückenschmerzen oder Beschwerden in Hals und Schultern. Wer bereits heute etwas für seine Gesundheit tun möchte, kann sich beim Halswirbelsäulentraining und Rückenfitness im Kursprogramm des UniSport anmelden. Denn das eigene Gesundheitsverhalten kann den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen kein noch so gutes BGM abnehmen. Die krumme Haltung des Albertus Magnus beim Denken großer Gedanken sollten wir also auf keinen Fall nachahmen.

 

Gesundheitsportal
Das neue Gesundheitsportal informiert rund um das Betriebliche Gesundheitsmanagement und den Bielefelder Fragebogen. Angebote der Gesundheitsförderung sind im Beratungswegweiser schnell zu finden.

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Hochschule
news-4944 Wed, 20 Jun 2018 12:28:04 +0200 Die Anderen sind schlechter als wir https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4944&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=2dc43207e6689a02b4e9253b5a4d6c3b Kognitionspsychologen erklären, warum Menschen andere Gruppen so negativ einschätzen Konflikte zwischen Gruppen sind allgegenwärtig: von rivalisierenden Sportvereinen über politische Parteien bis hin zu multinationalen kriegerischen Auseinandersetzungen. In fast allen diesen Konflikten wird die andere Gruppe abgewertet. Kölner Kognitionspsychologen haben eine neue Erklärung, warum Menschen andere Gruppen so negativ einschätzen.

Im Filmklassiker »Das Leben des Brian« von Monty Python aus dem Jahr 1979 plant die »Volksfront von Judäa« die Entführung der Frau des Pontius Pilatus. Ihre Forderung: Die Besatzer sollen binnen zwei Tagen den gesamten »römisch-imperialistischen Staatsapparat « auflösen. Die Römer hätten sie und ihre Väter und Vätersväter und Vätersvätersväter ausbluten lassen. »Was haben sie dafür als Gegenleistung erbracht, frage ich?«, fragt der Anführer der »Volksfront« in die Runde. »Den Aquädukt«, meldet sich eine zaghafte Stimme zu Wort. »Und die sanitären Einrichtungen«, erwähnt ein Anderer. Irgendwann reicht es dem Anführer: »Na gut! Mal abgesehen von sanitären Einrichtungen, der Medizin, dem Schulwesen, Wein, der öffentlichen Ordnung, Bewässerung, Straßen, der Wasseraufbereitung und den allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan?«

Andere Gruppen sind erst mal schlecht – egal, wie viele positive Eigenschaften sie möglicherweise »objektiv « besitzen oder in welchem Verhältnis sie zur eigenen Gruppe stehen. Die eigene Gruppe hingegen bewerten wir grundsätzlich positiv. Dabei reicht schon die eine einzige negative Eigenschaft, um die andere Gruppe als anders zu markieren und alles Positive in den Schatten zu stellen.

Die Kognitionspsychologen Professor Dr. Christian Unkelbach und Dr. Anne Gast untersuchen in der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschergruppe 2150 »Die Relativität sozialer Kognition«, wie Menschen und Menschengruppen sich miteinander vergleichen und voneinander abgrenzen: »Sehr viele soziale Realitäten ergeben sich erst durch Vergleiche«, sagt Unkelbach. »Wenn man 20 Liegestützen machen kann, dann ist das nur viel oder wenig, wenn man es mit einem bestimmten Standard vergleicht.« Die Forschergruppe ist am Social Cognition Center Cologne (SCCC), einer Einrichtung der Humanwissenschaftlichen Fakultät, angesiedelt. Insbesondere interessiert Unkelbach und das Team am SCCC, warum Menschen andere Gruppen bei einem solchen Vergleich immer negativer als ihre eigene einschätzen: Warum werden andere Gruppen von Menschen so gerne mit schlechten Eigenschaften verbunden?

Man muss nur eine Linie auf dem Tisch ziehen

Wenn sich zwei Gruppen vergleichen, dann findet sich fast immer jede Gruppe selber besser als die andere, so Unkelbach. »Fußballvereine, Mädchen und Jungen, Schulklassen, politische Parteien. Es können in der Realität natürlich nicht beide besser sein.«

Wie kommt es zu diesem Fehler in der menschlichen Wahrnehmung? Die Diskussion über die sogenannte outgroup derogation, die Abwertung von Außengruppen, ist ein altes Phänomen der Sozialpsychologie. Ist es ein realer Konflikt, der stattfindet? Beispiele wie der Bürgerkrieg in Syrien, bei dem viele Gruppierungen auftreten, die alle historische Ungerechtigkeiten erfahren oder materielle Schäden erlitten haben, finden sich zuhauf. Doch Unkelbach und Gast geht es um Grundsätzlicheres: »Man weiß schon seit langem, dass Gruppen sich auch gegenseitig abwerten, wenn sie keinen Konflikt miteinander haben. Man muss nur eine Linie auf dem Tisch ziehen und schafft damit eine soziale Identität in der Gruppe, die den Mitgliedern hilft, sich besser zu fühlen. « Das wäre dann eine individuelle Motivation, die Anderen abzuwerten.

Die Gründe liegen tiefer

Der Ansatz von Gast und Unkelbach beschreitet neue Pfade. Die Gründe für die menschliche Neigung, andere abzuwerten, liegen für sie in der grundlegenden Verteilung und Ähnlichkeit von guten und schlechten Eigenschaften. »Eine durchschnittliche Person hat mehr positive als negative Eigenschaften«, so Anne Gast. »Diese positiven Eigenschaften sind sich zudem sehr ähnlich: Die meisten Menschen sind sehr freundlich, höflich, hilfsbereit, nicht gewalttätig, nicht psychopathisch; die meisten Menschen sind empathisch.« Mit anderen Worten: Eine große Zahl von Menschen hat viele positive Eigenschaften gemeinsam, und diese positiven Eigenschaften sind auch noch schwer auseinanderzuhalten.

Negative Eigenschaften grenzen Gruppen voneinander ab

Gruppen, die in der Welt existieren, werden jedoch aufgrund ihrer Unterschiede, nicht aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten definiert: 1. FC Köln versus Fortuna Düsseldorf, FDP versus Die Grünen, Russland versus USA. Und da die meisten positiven Eigenschaften Gemeinsamkeiten der Gruppen sind, sind es die negativen Eigenschaften, welche die Gruppen voneinander abgrenzen. Werden aus Menschen soziale Gruppen, werden diese über Unterschiede definiert, und das sind mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechte Eigenschaften. Die jeweils eigene Gruppe ist deshalb davon weniger betroffen, weil man Vergleiche aus der eigenen Perspektive trifft: Wie unterscheiden sich die Anderen von uns? Nicht: Wie unterscheiden wir uns von den Anderen? Damit werden die negativen Unterschiede der anderen Gruppe zugeschrieben.

Bei den schlechten Eigenschaften gibt es ein größeres Spektrum als bei den positiven. Sie sind einzigartig, während die positiven sich stärker ähneln. Eine Reihe von Experimenten belegt diese These der Kölner Psychologen. So baten sie zum Beispiel amerikanische Probanden, die zehn schlechtesten und die zehn besten Personen zu benennen, die ihnen einfielen. »Heraus kamen die üblichen Verdächtigen: Hitler, der Teufel, Osama Bin Laden. Auf der anderen Seite Jesus Christus, Martin Luther King und Gandhi «, sagt Unkelbach. »Nur Mickey Maus haben wir herausgenommen. Die wurde auch genannt.« Danach bewerteten andere Probanden die Ähnlichkeit dieser »guten« und »schlechten« Menschen. Wie erwartet waren die »guten« Menschen sich untereinander sehr viel ähnlicher als die »schlechten « Menschen. Gute Menschen scheinen alle auf ähnliche Weise gut zu sein, während Menschen auf einzigartige Weise schlecht sein können. Dieses Phänomen findet sich auch in der Sprache: Die schlechten Eigenschaftswörter sind einzigartig und selten, die guten sind häufig und einander ähnlich.

Laborstudien in virtuellen Welten

Diese Ergebnisse können die Abwertung der anderen Gruppen erklären: »Was Kategorien begründet, sind die Unterschiede. Und was uns unterschiedlich macht, das ist das Negative «, so Unkelbach. So ist die eine Gruppe vielleicht freundlich, warmherzig, hilfsbereit aber ein bisschen arrogant. Die andere ist freundlich, warmherzig, hilfsbereit aber chaotisch. Dadurch machen die negativen Eigenschaften die Gruppen unterscheidbar. »Ihr seid so positiv wie wir, aber dadurch kann ich Euch nicht unterscheiden«, erklärt Unkelbach den Gedankengang. »Die negative Eigenschaft trennt uns.« Gast: »Natürlich ist das nicht komplett schwarzweiß. Man weiß auch um die eigenen negativen Eigenschaften.« Allerdings fanden die Psychologen heraus, dass es für die eigene Gruppe dann mit drei guten Eigenschaften zu einer schlechten Eigenschaft steht, bei den anderen Gruppe ist dieses Verhältnis jedoch 0 zu 1. »Dann heißt es: Aha, Ihr seid die Arroganten, Chaotischen, Frechen und so weiter,« ergänzt Unkelbach.

Eine der Stärken der Psychologen in Köln ist die experimentelle Psychologie. Unkelbach und Gast untersuchen Kausalbeziehungen im Labor. Wichtige Faktoren sind dabei Reaktionszeiten, Blickbewegungen und Bewertungen. Dabei bevorzugen die Psychologen Umwelten, die sie komplett selber herstellen: virtuelle Welten, in denen Effekte einzeln untersucht werden können. Im Labor können sie die Umwelt und den Dateninput bess reit aber ein bisschen arrogant. Die andere ist freundlich, warmherzig, hilfsbereit aber chaotisch. Dadurch machen die negativen Eigenschaften die Gruppen unterscheidbar. »Ihr seid so positiv wie wir, aber dadurch kann ich Euch nicht unterscheiden«, erklärt Unkelbach den Gedankengang. »Die negative Eigenschaft trennt uns.« Gast: »Natürlich ist das nicht komplett schwarzweiß. Man weiß auch um die eigenen negativen Eigenschaften.«

Allerdings fanden die Psychologen heraus, dass es für die eigene Gruppe dann mit drei guten Eigenschaften zu einer schlechten Eigenschaft steht, bei den anderen Gruppe ist dieses Verhältnis jedoch 0 zu 1. »Dann heißt es: Aha, Ihr seid die Arroganten, Chaotischen, Frechen und so weiter,« ergänzt Unkelbach. Eine der Stärken der Psychologen in Köln ist die experimentelle Psychologie. Unkelbach und Gast untersuchen Kausalbeziehungen im Labor. Wichtige Faktoren sind dabei Reaktionszeiten, Blickbewegungen und Bewertungen. Dabei bevorzugen die Psychologen Umwelten, die sie komplett selber herstellen: virtuelle Welten, in denen Effekte einzeln untersucht werden können. Im Labor können sie die Umwelt und den Dateninput besser kontrollieren. »Wir stellen die Ökologie, die sozialeer kontrollieren. »Wir stellen die Ökologie, die soziale Umwelt her. Das Verhältnis vom 1. FC Köln zu Fortuna Düsseldorf in der realen Welt zu untersuchen, wäre zweifellos sehr interessant, aber auch von zu vielen zusätzlichen Effekten überlagert«, so Unkelbach.

Dabei werden Probanden beispielsweise in die Rolle von Weltraumentdeckern versetzt, die auf einem fernen Planeten zwei Gruppen bewerten müssen. Bei solchen Untersuchungen fanden die Psychologen heraus, dass es besonders darauf ankommt, wie distinkt – also abgrenzend – oder wie selten die negative Information ist, um die Unterscheidung zu machen.

Was einzigartig ist, beeinflusst unsere Einstellungen stärker

Anne Gast interessiert sich besonders für die Lernprozesse von Menschen in Bezug auf ihre Einstellungen: das sogenannte Evaluative Konditionieren. Wenn man etwas Positives gemeinsam mit etwas Neutralem beobachtet, dann wird das Neutrale positiver. Genauso verhält es sich umgekehrt: Wenn man etwas Negatives mit etwas Neutralem beobachte, dann wird das Neutrale negativer. Positive oder negative Aufladungen gehen auf neutrale Sachverhalte über. »Wenn Sie ein Ihnen unverständliches chinesisches Schriftzeichen sehen und dazu eine schöne Landschaft, dann wird das Schriftzeichen für Sie positiver besetzt sein«, sagt Gast. Das ist ein basaler Lerneffekt, der in vielen Situationen auftritt. In Untersuchungen mit Dr. Hans Alves und Fabia Högden wiesen Gast und Unkelbach nach, dass auch dieser Effekt davon abhängt, welche Information einzigartig ist. Er ist dann besonders ausgeprägt, wenn nur das chinesische Schriftzeichen mit der schönen Landschaft auftaucht und alle anderen Schriftzeichen mit anderen Bildern.

Wenn Menschen derart stark dazu neigen, Unterschiede zu machen, wenn sie Gutes und Böses gar nicht objektiv lernen – was treibt sie, andere Menschengruppen abzuwerten? »Der negative Eindruck von anderen Gruppen entsteht vollkommen ›unschuldig‹. Er resultiert zunächst nicht daraus, dass Menschen andere Gruppen abwerten möchten, sondern vielmehr aus der Struktur der Umwelt. Man muss niemandem eine böse Intention oder Motivation unterstellen«, sagt Unkelbach. »Gruppen entstehen, weil Menschen die Welt einteilen müssen und möchten. Und die negativen Eigenschaften einer Gruppe erlauben diese Unterteilung; im Guten sind wir uns alle ähnlich, im schlechten unterscheiden wir uns.«

Bei Monty Python bleiben die Römer und Judäer verfeindet bis zum bitteren Ende. Obwohl die Römer zuweilen sogar hilfsbereit waren: einwandfreies Latein lernte man bei ihnen allemal.

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Forschung
news-4925 Wed, 06 Jun 2018 10:29:31 +0200 Teures Vergnügen https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4925&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=de9b940fff5e07427a54cc71e232d69f Lars Schmitz hat ausgerechnet, was es kostet, alle Panini-Sammelbilder zu ergattern. Mit dem Mathematiker sprach Anneliese Odenthal

Herr Schmitz, pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland bricht wieder das große Panini-Fieber aus. Für das neue Sammelalbum des italienischen Unternehmens gilt es 682 Sticker zu sammeln. Wie viel kostet der Spaß, wenn das Heft vollständig sein soll?

Je nachdem, ob man annimmt, dass ein Fünferpäckchen doppelte Sticker enthalten darf oder nicht, muss ein einzelner Sammler im Mittel 4.844 bzw. 4.832 Sticker kaufen. Da ein Fünferpäckchen 0,90 Euro kostet, belaufen sich die Kosten also auf rund 872 Euro oder 870 Euro.

Ganz schön viel Geld. Gibt es die Möglichkeit zu sparen?

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit zu tauschen. Wenn sich beispielsweise 30 Personen die Kosten für ihre Hefte teilen und alle so lange sammeln, bis jedes Heft voll ist, belaufen sich die Kosten auf rund 205 Euro pro Person. Eine weitere Möglichkeit, die Kosten zu reduzieren, ist das gezielte Nachkaufen von fehlenden Stickern.
Die Zahlen sind aber mit Vorsicht zu genießen: In den Berechnungen wird angenommen, dass alle Sticker gleich wahrscheinlich sind. »Im Mittel« bedeutet, dass manche Sammler mehr, andere aber weniger Glück haben. Rund 95 Prozent aller Sammler müssen zwischen 560 Euro und 1185 Euro ausgeben, wenn sie alleine das Stickeralbum vervollständigen möchten.

Wie sind Sie vorgegangen?

Für die Kosten, die ein einzelner Sammler im Mittel tragen muss, kann man wie folgt argumentieren: Wenn man das Stickeralbum bis auf einen letzten Sticker befüllt hat, ist die Chance, mit dem letzten Sticker seinen Wunschsticker zu kaufen, sehr gering, nämlich 1 zu 682. Man muss also im Mittel 682 Sticker für den letzten freien Platz im Heft investieren. Um einen der letzten beiden Sticker zu erhalten, muss man noch halb so viel investieren, also 682/2 = 341 Sticker. Für einen der letzten drei Sticker muss man noch 682/3 = 227,3 Sticker investieren und so weiter. Wenn man diese Zahlen zusammenrechnet, erhält man das Ergebnis und damit die angegebenen Kosten.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich wurde vom WDR im Rahmen eines Beitrages über das Panini-Sammelfieber gefragt, ob und wie man die Kosten reduzieren kann, wenn man tauscht. Obwohl das Thema nichts mit meiner Forschung zu tun hat, war die Recherche interessant. Das Problem ist schon sehr alt und es gibt reichhaltige Literatur zu verwandten Fragestellungen.

Sammeln Sie eigentlich selbst?

Nein. Gerade weil ich ein großer Fußball- Fan bin: Nach der Erkenntnis, dass die Kosten für ein volles Heft ausufern, wollte ich mein Geld doch eher in andere WM-bezogene Utensilien wie Grillgut investieren.

Ihr Tipp fürs Endspiel?


Deutschland-Frankreich 2:1

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Wissenschaft im Alltag
news-4907 Thu, 24 May 2018 13:24:05 +0200 Was zählt, sind Werte und Inhalte https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=8506&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4907&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=bd88457df1231a6ffc9ec36ca79bf599 Interview mit Köln-Alumna Sandra Navidi, Gründerin der Consultingfirma BeyondGlobal Die Köln-Alumna Sandra Navidi gehört zur globalen Finanzelite. 2017 wurde die Juristin, Profi-Netzwerkerin und Buchautorin in die exklusive Liste der LinkedIn Influencer aufgenommen. Im Interview verrät sie, worauf es beim Netzwerken ankommt.

Frau Navidi, Sie haben in den 1990er Jahren an der Uni Köln Jura studiert. Haben Sie von Anfang an auf ein starkes Netzwerk gesetzt?

Nein, ich habe eigentlich erst gemerkt, wie wichtig das ist, als ich vor 17 Jahren nach New York kam. Damals kannte ich kaum jemanden in der Stadt und musste proaktiv auf Menschen zugehen. Mit den technischen Netzwerken wachsen junge Menschen heute ja selbstverständlich auf. Aber was wir oft vergessen, übersehen oder sogar verlernen, ist wie wichtig persönliche Kontakte sind. Hier in New York habe ich gemerkt, wie sehr sich im Grunde alles auf persönliche Kontakte reduziert.

Ist die Qualität von Beziehungen also wichtiger als die Größe eines Netzwerks?

Nein, es kommt auf beides an. Die Tiefe eines Netzwerks ist natürlich wichtig. Auf der anderen Seite sind gerade die schwachen Verbindungen – die „weak links“ – oft entscheidend. Das zeigt sich in allen Arten von Netzwerken. Mit Leuten, die wir gut kennen, haben wir viel gemeinsam. Sie haben Zugang zu den gleichen Informationen und denken wie wir. Aber gerade bei der Jobsuche verhelfen die schwachen Verbindungen oft zum Erfolg. Sie haben andere Kontakte, haben andere Leute und Themen auf dem Radar.

Sandra Navidi
Die Juristin Sandra Navidi ist Gründerin der Consultingfirma BeyondGlobal. Davor war sie bei der Finanz- und Wirtschaftsberatung Roubini Global Economics für die Forschungsstrategie und das Beziehungsmanagement verantwortlich. Berufliche Erfahrungen hat sie auch als Investmentbankerin bei Scarsdale Equities, als Justiziarin bei dem Vermögensverwalter Muzinich & Co. und als Rechtsanwältin bei der Unternehmensberatung Deloitte gesammelt. Sie ist sowohl in Deutschland als auch im Bundesstaat New York als Rechtsanwältin zugelassen. Als Kommentatorin zu den Finanzmärkten hat Navidi über 600 Interviews in internationalen Medien gegeben. Ihr Buch „Super-hubs“ wurde zu einem internationalen Bestseller.


Die Pflege eines Netzwerks ist sehr zeitaufwendig. Wie schaffen Sie das neben all Ihren anderen Verpflichtungen?

Das ist auch für mich eine Herausforderung. Ich bin eher introvertiert und muss mich immer wieder selbst zum Netzwerken motivieren. Man kann es nicht outsourcen und es gibt auch kein Geheimrezept dafür. Je weiter man im Berufsleben kommt, desto mehr Leute kennt man natürlich. Die Beziehungen, die tief und gut sind, kann man dann schon mal länger vernachlässigen. Aber neue Kontakte brauchen mehr Pflege. Trifft man jemanden bei einer Konferenz wieder, sollte man noch mal speziell auf die Person zugehen, sie als Kontakt anerkennen, sich Zeit für einen Kaffee nehmen. Mit einmal Treffen und Visitenkarten austauschen ist es nicht getan.

Wie kann ein Netzwerk wie KölnAlumni seine Mitglieder am effektivsten unterstützen?

Netzwerke sind erfolgreich, wenn Sie gewisse Werte und eine übergeordnete Idee teilen. Natürlich müssen sie auch eine ganz konkrete Plattform für Austausch schaffen. Aber Menschen verbinden sich immer über Inhalte. Plattformen, die nur Events anbieten, die offensichtlich dem Zweck des Netzwerkens dienen, haben oft langfristig keinen Erfolg. Das ist zu oberflächlich. Das Weltwirtschaftsforum im Davos beispielsweise arbeitet sehr stark über Inhalte. Auch deshalb ist es zur wichtigsten Plattform der globalen Wirtschaftselite geworden. Was zählt sind also Werte und Inhalte. Sinnvoll ist aber auch, in einer Art Kontaktbörse gezieltes „Matchmaking“ anzubieten.

Aber Netzwerke sind nicht alles. Was ist für junge Menschen am Anfang des Berufslebens heute noch wichtig?

Netzwerke werden natürlich auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Aber die Arbeitswelt wandelt sich rasant. Das ist die Grundannahme meines zweiten Buchs, an dem ich gerade schreibe. Teilbereiche vieler – auch höherqualifizierter – Tätigkeiten fallen im Zuge der Digitalisierung weg.

Was bedeutet das?

Viele der heutigen Berufsanfänger werden am Ende ihrer Karriere Berufe ausüben, die es heute noch gar nicht gibt. Es wird eine Übergangszeit der Anpassung geben, in der viele Menschen ihren Job verlieren und mehr Menschen um vorhandene Jobs konkurrieren – auch global. Deswegen braucht man heute von Anfang an eine andere Einstellung. Wir können uns in Zukunft nicht mehr auf spezifische Jobs vorbereiten. Aber wir können durchaus Qualifikationen identifizieren, die wichtig sein werden, und sie kultivieren.

Was sind das für Qualifikationen?

Ich habe beispielsweise schon früh in meinem Studium die kommende Internationalisierung erkannt. Bei dem Vorgespräch zur mündlichen Prüfung zu meinem zweiten Staatsexamen saß ich vor einem Richter. Der fragte mich, was ich denn jetzt machen wollte. Ich antwortete, dass ich als nächstes nach Amerika gehen und einen Master of Law machen werde. Ich war ganz stolz und aufgeregt, aber er sagte nur herablassend: „Das können Sie sich sparen, das bringt überhaupt nichts.“ Damals konnte man vielleicht noch nicht absehen, dass internationale Erfahrung auch für Juristen sehr wichtig sein würde. Diese internationale Ausrichtung haben die Studierenden heute eh viel stärker.

Sie haben ja nicht nur das Land, sondern auch einige Male die Tätigkeit gewechselt. Wann lohnt es sich, einen radikalen Wechsel zu wagen?

Ich hatte keinen Masterplan, habe mir aber immer geistig Raum für Flexibilität gelassen. Ich bin wahrscheinlich einfach auch ein risikofreudigerer Mensch. Und obwohl ich die Felder stets aus Interesse gewechselt habe, wurden sie oft erst durch meine Netzwerkkontakte ermöglicht. So war ich bereit interessante Gelegenheiten zu ergreifen, wenn sie sich boten.

Also sollte man immer vorbereitet sein.
 
Ich glaube, dass Tätigkeitswechsel in Zukunft immer mehr die Norm sein werden, denn die Arbeitswelt entwickelt sich nicht mehr starr und linear, sondern dynamisch und teilweise unvorhersehbar. Auch äußere Faktoren spielen eine Rolle: In welchem Stadium der professionellen Laufbahn ist man? Wie ist man persönlich aufgestellt? Hat man eine Familie und entsprechende finanzielle Verpflichtungen? Das alles beeinflusst natürlich die Risikobereitschaft. Solche Entscheidungen werden Menschen in Zukunft immer mehr abgenommen, und Risikofreudigkeit wird dabei eher belohnt werden.

In Ihrem Bestseller von 2016 beschreiben Sie die am besten vernetzten Akteure der globalen Finanzwelt: sogenannte „Super-hubs“. Durch ihre starken Netzwerkpositionen häufen diese Akteure immer mehr Wissen, Kapital und Macht an, womit sie sie das gesamte Finanzsystem dominieren. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Ich habe das Buch geschrieben, weil viele meiner Bekannten und Beratungsklienten wissen wollten, wie es in der Finanzwelt hinter den Kulissen zugeht. Und sie waren neugierig auf meine eigenen Netzwerke und das Netzwerken allgemein. Das Buch hat zwei Stränge: einen sozialkritischen und, indirekt, einen karrieretechnischen. Ich setze mich einerseits damit auseinander, wohin es führt, wenn sehr wenige Menschen aufgrund ihrer Netzwerke den Hauptteil der Macht besitzen. Andererseits musste ich aber auch erklären, wie die Super-hubs zu Super-hubs geworden sind. Also schildere ich anekdotisch, wie Persönlichkeiten wie der Finanzinvestor George Soros, der Top-Manager Jamie Dimon von JPMorgan Chase oder Klaus Schwab, der Begründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, strategisch ihre Netzwerke aufgebaut haben.

Sie gewähren in dem Buch tiefe Einblicke in die informellen Funktionsweisen des internationalen Finanzsystems. Haben Ihnen das die Menschen, die Sie porträtieren, nicht übelgenommen?

Das globale Finanzsystem ist immer ein großes Reizthema, aber die Insider waren sehr unterstützend. Ich glaube, dass heute niemand mehr die offensichtlichen Fehler dieses Systems abstreiten kann. Es ist in den letzten Jahren immer instabiler geworden. Ich werde Anfang nächsten Jahres auch in einem internationalen Dokumentarfilm zu sehen sein, der sich kritisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzt. Das Filmteam hat mich unter anderem zum Weltwirtschaftsforum nach Davos begleitet. Dort habe ich ihnen einige meiner Kontakte vorgestellt. Der Regisseur war selbst sehr überrascht, wie freizügig die „Super-hubs“ ihm nicht nur Auskunft gegeben, sondern ihm auch Zutritt zu ihren eigenen Netzwerke gewährt haben.

Können diese mächtigen Insider-Netzwerke dann nicht selbst dazu beitragen, das System zu verbessern?

Netzwerke können sowohl zu guten als auch zu negativen Zwecken genutzt werden. Outsider-Netzwerke können gegen die Establishment-Netzwerke mobilmachen, um als „checks and balances“, als Kontrollmechanismus zu fungieren und Druck auszuüben. Von innen ist das schwieriger: Wenn man einmal in diesem System drin ist und es gut für einen läuft, ist es realistischerweise immer schwierig, sich frei zu machen von den Systemdynamiken. Solange das System so ist, wie es ist, benutzen es die Super-hubs natürlich zu ihrem Vorteil. Zum Teil arbeiten Sie aber auch auf Veränderungen hin. Die Schlüsselfrage, die ich auch im Buch stelle, ist: Wer trägt die Verantwortung, das System oder die Super-hubs? Das ist nicht leicht zu beantworten, im Endeffekt ist es sicherlich ihr Zusammenspiel.

Also haben Netzwerke ein demokratisches Potential, das aktiv genutzt werden muss?


Das Potential haben sie sicherlich, aber in den vergangenen Jahren haben wir gesehen, dass Netzwerke auch immer wieder dazu benutzt werden, die Demokratie zu unterwandern. Hier in den USA haben wir den Skandal um Facebook, Cambridge Analytica und die Wahl Trumps. Aber auch der Brexit scheint beeinflusst worden zu sein und bei den Wahlen in Frankreich wurde versucht, Einfluss zu nehmen. Wir sehen also einen Angriff auf die Demokratie, bei dem vor allem die technischen Netzwerke massiv für negative Zwecke genutzt werden.
Dabei sind die technischen und die menschlichen Netzwerke eng miteinander verwoben. Das macht eine klare Abgrenzung schwierig. Facebook beruhte ja am Anfang auf persönlichen Kontakten und weitete sich dann überproportional auf vorher unbekannte, digitale Kontakte aus. Wir müssen also kritisch bleiben und dürfen die menschlichen Kontakte jenseits der sozialen Netzwerke nicht vernachlässigen.

Das Interview führte Eva Schissler


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