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Aufstehen, anstellen, Lernplatz ergattern

Wegen der motivierenden Arbeitsatmosphäre kommen viele Studierende in die USB. Gerade in der Klausurenphase allerdings kann es ganz schön voll werden. Grund dafür ist nicht nur das gemeinsame Lernen.

Melinda Burmeister-Neuls

Dienstagmorgen, 08:45 Uhr, Eingang der Universitäts- und Stadtbibliothek (USB): Eine bunt gemischte Menschenmenge gesellt sich wie jeden Tag vor den Haupteingang der USB. Man sieht junge Menschen mit schweren Rucksäcken, Laptop-Taschen und dicken Schals, in Gruppen oder alleine, die laut telefonieren oder ins Smartphone tippen, sich begrüßen und unterhalten oder einfach nur still abwarten. Mit jeder Minute stoßen neue Menschen dazu. Es gibt Gedränge in den vorderen Reihen.

Dienstagmorgen, 09:00 Uhr, Eingang der USB: Die Tore öffnen sich und wie ein Fluss ergießt sich die Masse ins USB-Hauptgebäude, in den Eingangsbereich und die Flure, am Schalter vorbei die Treppe hinauf in die Lesesäle. Wer zuerst da ist, bekommt die guten Plätze – zum Beispiel im neu renovierten Lesesaal IV. Wer später kommt, muss schon mal auf einen Randplatz zurückgreifen – oder im schlimmsten Fall warten, bis ein Arbeitsplatz frei wird.

Platznot in Prüfungsphasen

„Gerade in den Prüfungsphasen haben wir in der USB ein Platzproblem“, sagt Tatjana Mrowka, Dezernentin für Benutzung der Universitäts- und Stadtbibliothek. „Unsere knapp 700 Arbeitsplätze sind nicht mehr ausreichend für die heutige Lernsituation der Studierenden. Damit stoßen wir regelmäßig an unsere Kapazitätsgrenzen.“

Auch die Ergebnisse einer Studierenden-Umfrage, die im Sommer 2017 vom Zentrum für Hochschul- und Qualitätsentwicklung der Universität Duisburg-Essen an allen Universitätsbibliotheken in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde, sprechen eine klare Sprache: Im Bereich Platzangebot schneidet die USB schlechter ab als der Landesdurchschnitt der Universitätsbibliotheken. Doch woher kommt der akute Platzmangel in der Bibliothek?

Arbeitsplätze heiß begehrt – trotz Mängeln

 „Als das USB-Gebäude in den 50er-Jahren geplant wurde, hatte die Uni Köln gerade einmal 15.000 eingeschriebene Studierende. Mittlerweile sind es mehr als dreimal so viele. Doch entscheidend ist, dass sich das Leben an den Universitäten verändert hat. Studierende verbringen heute mehr Zeit in der Bibliothek als früher und nutzen sie auch ganz anders.“, führt Mrowka an.  
                                                 
Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass sich das Lern- und Arbeitsverhalten der Studierenden an Hochschulen in den letzten Jahren grundlegend geändert hat. Sie verbringen heute längere Zeitabschnitte in Hochschulbibliotheken und kommen häufiger. Zum einen ist dies die Konsequenz aus einer stärker verschulten Hochschulbildung, so dass viele den ganzen Tag an der Uni verbringen und sich zwischendurch irgendwo aufhalten müssen. Zum anderen verschwimmen private und studienbezogene Aktivitäten zunehmend.

„Wir beobachten, dass die USB zunehmend auch sozialer Aufenthaltsort wird. Hier wird nicht mehr nur still gelernt und gearbeitet, sondern unsere Nutzerinnen und Nutzer schreiben genauso private E-Mails, chatten oder surfen, verabreden sich zum Kaffee oder überbrücken Zeit bis zur nächsten Vorlesung“, erklärt Mrowka. „Ruhigere Wochen zum Beispiel in den Semesterferien, wie es früher üblich war, erleben wir kaum mehr.“

Bibliothek als Lernheimat

Aus diesem Grund ist es auch seit dem Sommer 2017 in fast allen Bereichen erlaubt, sich selber Essen und Getränke mitzubringen und zu verzehren. „Wir passen uns damit an einen häufig geäußerten Wunsch unserer Benutzerinnen und Benutzer an“, sagt Mrowka. So wird die Bibliothek immer mehr zu einer Lernheimat, einer Art zweitem Zuhause für die Klausurenphasen. „Mein Eindruck ist, dass bei dem Massenansturm zur Prüfungszeit auch ein Gruppeneffekt entsteht – wenn viele Kommilitonen zum Lernen in die Bib gehen, dann gehe ich auch hin.“

Die Bibliothek ist aber auch deshalb als Lern- und Arbeitsort heute so bedeutsam, weil aktuelle Lehrmethoden selbst erarbeiteten Lernstoff in den Mittelpunkt stellen. Dadurch, dass Bachelor- und Master-Studierende sich immer mehr Themen eigenständig erschließen müssen – sei es durch Hausarbeiten, Präsentationen, Projekte oder Gruppenarbeiten – brauchen sie eine Lernumgebung und Ausstattung, mit der das möglich ist, sowie Zugang zu Medien.

„Uns erwarten hier große Aufgaben“, sagt Dr. Hubertus Neuhausen, Direktor der USB. „Wir versuchen bereits mit kleineren Umbauten und Aktionen wie den ‚Langen Lernnächten‘ in Kooperation mit dem AStA auf die zunehmenden Bedürfnisse nach Arbeitsraum einzugehen. Leider sind die Baurichtlinien zur Berechnung des Platzbedarfs in Bibliotheken auf die veränderte Situation nicht eingestellt. Wirklich Abhilfe schaffen kann nur ein grundlegender Umbau, der konsequent auf die Bedürfnisse unserer Studierenden eingeht.“

Bis dahin bleibt wohl nur: früh aufstehen und einen guten Platz ergattern. Zusammen mit den anderen Menschen vor der Bibliothek.
Informationen zu zusätzlichen Lernplätzen am Sonntag, 4.2.2018 gibt es hier: https://www.ub.uni-koeln.de/res/aktuell/pruefungsphase/index_ger.html