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Inklusion: Ob ein Schüler oder eine Schülerin ungenügend fähig ist, wird erst im Klassenraum konstruiert

Beitrag zu Unterrichtsforschung und Disability Studies erschienen / Empirische Befunde zur Umsetzung von inklusivem Unterricht

Ungleichheit ist nicht naturgegeben, sondern wird auch im inklusiven Unterricht alltäglich hergestellt. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Erziehungswissenschaftlers Dr. Thorsten Merl von der Universität zu Köln.

Deutlich werde dies beispielsweise an der Grenzziehung zwischen „genügend fähigen“ und „ungenügend fähigen“ Schülerinnen und Schülern in der Unterrichtsstunde: So ergab die empirische Studie, dass Lehrkräfte störendes Verhalten von Kindern legitimieren, wenn sie ihnen ungenügende Fähigkeiten zuschreiben (wenn die Kinder eben „nicht anders können“). Zugleich würden aber Störungen von solchen Kindern sanktioniert, die als genügend fähig gelten.

„Gerade durch diese pädagogische Unterscheidung wird schulisch erst eine scheinbar objektive Ordnung hergestellt, wer fähig und wer behindert ist“, sagt Merl. Diese für die gesamte Klasse sichtbar gemachte Unterscheidung sei ein wichtiger Faktor für das Miteinander im inklusiven Unterricht, bei dem es um die gleichberechtigte Teilhabe Aller geht. Merl sagt: „Die Analysen zeigen: Nur wer kann, was zu können erwartet wird, kann vollumfänglich teilhaben! So führt der Selektionsauftrag der Schulen auch in vermeintlich inklusiven Kontexten dazu, dass die volle Teilhabe am Unterricht abhängig von Leistung ist.“

In seinem Band „un/genügend fähig. Zur Herstellung von Differenz im Unterricht inklusiver Schulklassen“ hat Merl den Unterricht inklusiver Schulklassen der Sekundarstufe I ethnographisch beforscht. Er erklärt: „Die Ursache für die Herstellung von Behinderung im inklusiven Unterricht liegt gerade nicht bei den Lehrkräften, sondern in den gesellschaftlichen und schulstrukturell verankerten Leistungserwartungen: Diese führen dazu, dass Lehrkräfte im Unterricht Anforderungen stellen müssen, denen gar nicht alle Schülerinnen und Schüler genügen können.“ Angehende Lehrkräfte sollten sich deshalb in ihrem Studium mit den strukturellen Ursachen der Reproduktion von Behinderung beschäftigen. Um allerdings das Ziel schulischer Inklusion – die gleichberechtigte Teilhabe Aller – erreichen zu können, müssten sich schulische Leistungserwartungen grundlegend verändern, so Merl.


Inhaltlicher Kontakt:     
Thorsten Merl
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften
+49 162 6821158
thorsten.merlSpamProtectionuni-koeln.de


Zur Veröffentlichung:
Merl, Thorsten: „un/genügend fähig. Zur Herstellung von Differenz im Unterricht inklusiver Schulklassen“. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2019. - (Studien zur Professionsforschung und Lehrerbildung ; forschung klinkhardt) - (Zugl.: Köln, Univ., Diss., 2018)
https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=16757