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Geheimdienst in der Krise

Nachrichtendienste sind nicht nur für Beschaffung geheimer Informationen zuständig, sie schotten sich und ihr Innenleben daher üblicherweise stärker nach außen als jede andere Behörde ab. Dennoch sollten nicht nur der laufenden Kontrolle durch entsprechende staatliche oder parlamentarische Gremien unterliegen, sondern in Demokratien auch mit zeitlichem Abstand der historischen quellengestützten Analyse. Das geschieht in dem folgend genannten Projekt.

Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes untersucht

In einem in diesem Rahmen auch international einmaligen Projekt hat eine unabhängige Historikerkommission (UHK) die Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes mit Zugang zu allen internen Quellen untersuchen können. Dem 1956 gegründeten Bundesnachrichtendienst (BND) ging nach dem Zweiten Weltkrieg eine von den Amerikanern unterhaltene Organisation Gehlen voraus, eines Generals der Wehrmacht, der bis 1968 erster Präsident des BND wurde. Somit bildeten die Jahre 1945 bis 1968 den Kernbereich der Forschungen.

Die UHK mit den Professoren Jost Dülffer (Köln), Klaus-Dietmar Henke (Dresden), Wolfgang Krieger (Marburg) und Rolf-Dieter Müller (Potsdam) hat auf dieser Basis eine umfassende Geschichte in Angriff genommen. Sie behandelt u.a. die personellen und mentalen Kontinuitäten und Brüche zur NS-Zeit, die Auslandsaufklärung im Geiste des Antikommunismus und des Kalten Krieges und vor allem die innenpolitische Entstehung und Entwicklung, seine Bindungen, Kontrollen. Gefragt wird nach der Regierungsberatung und seinen weit über den Auftrag hinausgehenden innen- und medienpolitischen Aktivitäten.
In diesem Zusammenhang legt Jost Dülffer (Historisches Institut) als Band 8 der Reihe eine umfassende Darstellung der innenpolitischen Einbindung des BND in den 1960er-Jahren vor.

Illoyalität und Verrat im Dienst

Der BND verlor in den letzten Amtsjahren Konrad Adenauers bis 1963 das Vertrauen der Bonner Regierung. Ausschlaggebend waren für den Kanzler Illoyalität und Verrat im Dienst, NS-Belastung und Leistungsschwäche. Dennoch gelang es dem BND-Präsidenten Reinhard Gehlen, sich bis 1968 weiterhin der politischen Kontrolle durch Regierung und Parlament weitgehend zu entziehen und nach außen ein positives Image zu bewahren. Dabei entglitt ihm die Führung des Nachrichtendienstes nach innen. Medienpolitik in der bundesdeutschen Öffentlichkeit und Lobbyismus gegenüber Kanzleramt und Kontrollgremien ersetzten weitgehend die nachrichtendienstliche Aufklärung. Erst durch die Reformen der Großen Koalition (1966-1969) und vor allem der sozialliberalen Koalition ab 1969 gelang es nach Gehlens Abgang, unter dem zweiten Präsidenten Gerhard Wessel den BND zu einer wirksamen Behörde der Auslandsaufklärung zu machen.

Jost Dülffer konnte wie alle anderen Studien der UHK u.a. die Akten des BND-Archivs und des Kanzleramts uneingeschränkt einsehen und legt hier eine umfassende Geschichte der Spätphase der Ära Gehlen vor.