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Kleine Kölner Universitätsgeschichte

von Erich Meuthen

Inhalt: 

  • Vorwort.
  • Die Gründung.
  • Die Entfaltung der europäischen Wissenschaftswelt.
  • Die Generalstudien der Bettelorden.
  • Der "Kölner" Großraum.
  • Universität und Stadt.
  • Universität und Kirche.
  • Die Bursen.
  • Die Kölner Jurisprudenz.
  • Die Kölner Theologie.
  • Der "Wege"-Streit.
  • Thomisten und Albertisten.
  • Humanisten.
  • Die "Dunkelmännerbriefe".
  • Schulhumanismus.
  • Reformation und katholische Gegenbewegung.
  • Die Jesuiten im "Tricoronatum".
  • Tricoronatum. Montanum. Laurentianum.
  • Die höheren Fakultäten: Mediziner.
  • Juristen.
  • Theologen.
  • Modernisierung.
  • Das vorläufige Ende.
  • Das 19. Jahrhundert.
  • Der Kölner Neubeginn.
  • Von der Handelshochschule zur Universität.
  • Die "neue" Universität von 1919.
  • Äußere Entwicklung.
  • Bauten.
  • Das universitäre Selbstverständnis.
  • Praxisorientierung und Allgemeinbildung.
  • Gesellschaftliche Einbindung.
  • "Klassische Bildung".
  • Die Zeit des Nationalsozialismus.
  • Wiederaufnahme der Grundsatzdiskussion über die Aufgaben der Universität nach 1945.
  • Auswirkungen auf die wissenschaftliche Entwicklung.
  • Äußere Entwicklung in der Nachkriegszeit.
  • Bauliche Expansion.
  • Von der Stadt- zur Landesuniversität.
  • Die Einzelfächer im Fächerkosmos.
  • "1968".
  • Spitzenforschung.
  • Gegenwart und Rückblick.
  • Zum Weiterlesen.

 

 

Vorwort 

Aus Anlaß ihrer 600-Jahr-Feier hat die Universität 1988 im Böhlau-Verlag eine große dreibändige Kölner Universitätsgeschichte veröffentlicht, deren ersten Band Erich Meuthen verfaßt hat. Dieses von der Fachwelt mit großer Anerkennung aufgenommene Werk, das seither durch dreizehn weitere Studien zur Geschichte der Universität zu Köln, unter ihnen die wichtige Darstellung von Frank Golczewski, "Kölner Universitätslehrer und der Nationalsozialismus" (1988), ergänzt werden konnte, hat die Neufassung auch unserer Kleinen Kölner Universitätsgeschichte inspiriert. Niemand war zur Verwirklichung dieses Plans besser vorbereitet als Erich Meuthen, dem ich an dieser Stelle für sein Manuskript sehr herzlich danke.

Sein kurzgefaßter Überblick schildert zunächst die Geschichte der alten Universität (1388 bis 1798), die ihre Blütezeit im 15. Jahrhundert hatte und unter der Führung der Theologen stand. Sie gibt dann einen Eindruck von der Entwicklung der neuen Universität (seit 1919), die sich unter Führung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zunächst nicht als Fortsetzung der alten, sondern als "neuartige" Universität verstand und die von den drei Prinzipien Praxisbezug, Sozialbezug und Pluralismus beherrscht sein sollte. Im Zuge der notwendigen Neubesinnung nach 1945 kam es unter Führung der Philosophischen Fakultät dann allerdings zu einem Umschwung, in dessen Verlauf wieder verstärkt der Anschluß an die alte Universität und auch an die Universitätsideale des 19. Jahrhunderts gesucht wurde. Einen weiteren wichtigen Akzent setzten in der Folgezeit die Methoden der naturwissenschaftlichen Fächer, die auch den internationalen Ruf der Universität zunehmend bestimmten, sowie neuerdings die Denkweisen der Fachgebiete, die sich mit der Welt der Rechner und ihrem Zauber "virtueller" Wirklichkeiten befassen.

Heute sind die in sich unterschiedlichen Ideale und Traditionen nebeneinander in der Universität wirksam, so daß der Autor dieses historischen Überblicks - selbst Mitglied der Philosophischen Fakultät - angesichts der gleichzeitig wirkenden Ideenvielfalt am Schluß etwas resignierend nur noch einen Dienstleistungsbetrieb ohne charakteristisches Profil - wenn auch auf hervorragendem Niveau - zu erkennen glaubt. Zu Recht verweist er dabei allerdings auf die Einbettung der Universität in die Stadt Köln.

So wie sich in dieser Stadt Altes und Neues, Strenges und Laxes, Seriöses und nicht ganz so ernst zu Nehmendes zu einem schillernden und zugleich überaus anregendem Profil großer, unverwechselbarer Liberalität verbinden, so geht es auch der Universität: Sie ist wach, lebendig, flexibel und doch auch traditionsbewußt, streng und nüchtern, sie fühlt sich mit der Geschichte verbunden und doch auch allem Neuen zugewandt, sie ist in der Region verankert und pflegt zahlreiche nationale und internationale Kontakte, sie bildet in sich eine große und auch eine kleine Welt. Die Repräsentanten dieser Universität sind in der Geschichte häufig nicht an der Spitze des Fortschritts marschiert. Das hat ihnen gelegentlich den Ruf von "Dunkelmännern" eingetragen, hat sie leider auch in der NS-Zeit nicht vor verhängnisvollen Verirrungen bewahrt, hat aber insgesamt doch daran mitgewirkt, daß für die Kölner Universität bis heute ein ruhiges, besonnenes und aufgeregten Zuspitzungen eher abgeneigtes Klima charakteristisch ist. Die Aufgabe der Zukunft wird es sein, die große Offenheit für Altes und Neues, den hohen Standard des Forschens und Lehrens trotz aller von außen kommenden Restriktionen zu erhalten, der akademischen Individualität im Großbetrieb einer "anonymisierenden Masse" dennoch ein eigenständiges Profil zu sichern und dem Lebensraum Universität insgesamt ein menschliches Gesicht zu bewahren.

Mit dem nochmaligen Dank an den Autor verbinde ich den Dank an die Stadtsparkasse Köln, die den entscheidenden finanziellen Beitrag zur Veröffentlichung der Kleinen Kölner Universitätsgeschichte geliefert hat.

Professor Dr. Jens Peter Meincke
(z.Zt. der Herausgabe) Rektor der Universität zu Köln,

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Die Gründung 

Am 21. Mai 1388 billigte Papst Urban VI. das Ersuchen der Stadt Köln, ein "Generalstudium" einrichten zu dürfen. Nachdem die Stadt sich am 22. Dezember desselben Jahres zur Fundierung, Unterhaltung und Beschirmung verpflichtet hatte, nahm die neue "universitas", das heißt, eine sich korporativ zusammenschließende "Gemeinschaft" von Lehrenden und Lernenden, am 6. Januar 1389, dem Tag der Stadtpatrone, der Heiligen Drei Könige, den Vorlesungsbetrieb auf.

Nach den Fürstengründungen in Prag (1348) durch den böhmischen König Karl, als deutscher König Karl IV., und in Wien (1365) durch Herzog Rudolf IV. von Österreich, Initiativen, die aber nur mühsam reüssierten, sowie durch Kurfürst Ruprecht I. im pfälzischen Heidelberg (1386), wo es indes schon bald zu einer Krise kam, war die Kölner Universität nicht nur die erste, die im damaligen Reich von einer Bürgerschaft ins Leben gerufen wurde, sondern sie entsprach zugleich mit ihrem umfassenden Lehrangebot und einer für damalige Verhältnisse beeindruckenden Zahl von weit über 700 Immatrikulationen bereits im ersten Jahre und einer hinfort, wenngleich mit großen Ausschlägen, um 1000 pendelnden Studentenzahl durchaus dem Bild, das die schon zwei Jahrhunderte älteren west- und südeuropäischen Universitäten boten.

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Die Entfaltung der europäischen Wissenschaftswelt

Damit ist auch bereits die langfristige und zugleich umfassend europäische Entwicklung angedeutet, innerhalb deren die Kölner Gründung zu sehen ist.

Die europäische Universität ist ein Produkt jenes materiellen und geistigen Aufschwungs, der die abendländische Welt seit dem hohen Mittelalter immer stürmischer verändert hat. Man sieht in den hochmittelalterlichen Universitäten, wie sie sich seit dem 12. Jahrhundert, etwa in Bologna und Paris, entfalteten, herausragende Zeugen jener Verwissenschaftlichung des Denkens und Handelns, die seither unseren Kontinent und schließlich die gesamte Zivilisation in immer stärkerem Maße bestimmt hat. Sie ist unter anderem gekennzeichnet durch die Kombination von "Schulung" (daher die vorerst beherrschende Rolle der "Schola"stik) und Weiterfragen, Forschung.

Wichtig war auch, daß wissenschaftliche Bildung zugleich Bestandteil des allgemeinen gesellschaftlichen Prestiges wurde. Einem häufig belegten Dictum zufolge galt der ungebildete König als ein "gekrönter Esel": "Rex illitteratus quasi asinus coronatus". Andererseits war für die neue Universität charakteristisch, daß sie Allgemeinbildung und Fachwissenschaften eng verknüpfte. Zum Zwecke intensiverer Allgemeinbildung wurde der im früheren Mittelalter noch dürre und dürftige Stoff der sieben "artes liberales" (Kenntnisse, die einem Freien zustanden), als da Grammatik, Rhetorik und Dialektik (Logik), Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie waren, umfassend, wenngleich mit unterschiedlicher Gewichtung ausgebaut; das beherrschende Interesse galt dabei vor allem der sich aus der Logik heraus weiterentfaltenden Philosophie.

Rasch wurde dieses Grundwissen der "Artes" in europäischer Verbindlichkeit nicht nur als Teil jener Allgemeinbildung angesehen, sondern auch als Voraussetzung für die sich daran anschließenden Fachstudien der Theologie, der Jurisprudenz und der Medizin institutionalisiert. Diese Trias von "Fakultäten" (Fächern) war zwar mehr oder weniger das Ergebnis zufälliger Konstellationen. Zusammen mit der Fakultät der "Artes" bildeten sie aber nun für viele Jahrhunderte bis in unsere Zeit die maßgebliche Organisationsstruktur der europäischen Universität. Der Bedeutung gemäß, die in der Fakultät der "Artes" die Philosophie erlangte, wurde sie später auch "Philosophische" Fakultät genannt.

Die Fachwissenschaften verliehen den einzelnen Universitäten die ihnen eigenen Akzente; Bologna glänzte durch das Rechtsstudium, Paris durch Theologie. Um sich als - höheres - "Generalstudium" bezeichnen zu können, bedurfte es neben der Artes-Fakultät nicht mehr als einer der drei höheren Fakultäten, wenngleich sie seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, u. a. das Pariser Theologiemonopol immer mehr aufbrechend, zur Regel wurden; doch mußte etwa die 1409 gegründete Universität Leipzig 25 Jahre warten, ehe sie eine theologische Fakultät erhielt.

Die Kölner Universität war sogleich mit allen vier Fakultäten da; ja, die Juristen lehrten in einer Doppelfakultät nicht nur das allgemein gängige Kirchenrecht, sondern auch schon - und zwar mit bedeutenden Vertretern - das Römische, also weltliche Recht.

Die Leipziger Universität von 1409 erwähnen heißt aber auch daran erinnern, daß, über Heidelberg und Köln im deutschen Westen hinaus, mit Erfurt (1389/92), eben Leipzig, Rostock (1419) und anderen Gründungen nun auch der mitteleuropäische Raum akademisch aktiviert wurde. Köln war indessen schon anderthalb Jahrhunderte vorher mit der Entfaltung der Bettelorden wichtiger Stützpunkt dieser Expansion geworden.

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Die Generalstudien der Bettelorden 

Die zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründeten, ganz und gar städtisch orientierten Bettelorden konnten sich der allgemeinen Modernisierung und damit Effizienzsteigerung durch Wissenschaftlichkeit nicht entziehen, ja, förderten sie in überragender Weise und richteten für ihre Orden ebenfalls neue Studienzentren, "Generalstudien", ein. Wie die Universität war auch die Gründung der Bettelorden eine Leistung der europäischen Romania.

Die ersten deutschen "Generalstudien" der Bettelorden etablierten sich innerhalb einer Gesamtbewegung von Westen nach Osten, abgesehen von den Generalstudien der Minoriten, bezeichnenderweise aber zunächst in Köln, so vor allem das dominikanische. Hier fanden sich schon bald Spitzenkräfte der europäischen Geistigkeit wie Albertus Magnus ein, der 1248 das Kölner Generalstudium des Dominikanerordens ins Leben rief, an dem dann auch sein Meisterschüler Thomas von Aquin lehrte.

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Der "Kölner" Großraum 

Der im weiteren Sinne deutsche Nordwesten, die "niederen Lande", bildete damals den wirtschaftlich, gesellschaftlich und institutionell am intensivsten entwickelten Raum innerhalb des Reiches, und Köln galt darin offensichtlich als eine Art Metropole. Wenngleich die noch weiter westlichen südniederländischen Gegenden - Flandern, Brabant und das Land um Lüttich - neue Schwergewichte darauf legten und das dann konsequenterweise mit der, aber eben als "Tochter" der Kölner Universität, 1425 gegründeten Universität zu Löwen auch akademisch unterstrichen, so tat diese Neugründung der älteren Kölner dennoch keinen merklichen Eintrag, obgleich Löwen sogleich die größere Studentenzahl aufweisen und auch wissenschaftlich konkurrieren konnte. Das Nebeneinander beider Universitäten kann noch einmal die geschichtliche Potenz, speziell das materielle Gewicht dieses "niederländischen" Großraums, markieren und damit auch Sonderheiten Hintergrund verleihen, durch die sich die Kölner Universität, wie gleich noch zu erläutern ist, von anderen deutschen Universitäten abhob. 

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Universität und Stadt 

Der Stadtrat richtete als eine Art Aufsichtsorgan eine aus vier Provisoren bestehende Kommission ein, in die man besonders verdiente Ratsherren wählte. Das Amt galt als das vornehmste, das der Rat zu vergeben hatte.

Die Stadt besoldete durch feste Gehälter zunächst neun, später zwölf "professores publici et ordinarii", von denen vier Theologen, je drei Kanonisten und Mediziner sowie zwei Legisten waren, im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts gar deren drei. Die Gehälter dieser Professoren beliefen sich auf etwa 2 % der städtischen Auslagen, und das war wohl nicht wenig.

Vor allem aber erhielten andererseits Kölner Professoren städtische Ämter und wurden vom Rat mit vielerlei Sonderaufgaben betraut. Die Stadtsyndici hatten in der Regel eine "städtische" Professur in der Rechtswissenschaftlichen Fakultät inne. Schließlich saßen bis zu 40 % der an der Universität dozierenden Juristen im Stadtrat.

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Universität und Kirche 

Die enge Verbindung der Universität mit den Kölner Kirchen kam durch die päpstliche Reservierung von elf Kanonikatspfründen im Dom und den übrigen zehn Kölner Stiftskirchen für Professoren der Universität zum Ausdruck. Durch eine zweite "Gnade" gelangten 1437 noch einmal ebenso viele an denselben Kirchen hinzu. Immer wieder wurden Kölner Professoren Pfarrkirchen in der Stadt übertragen. Das sicherte den geistlich-seelsorgerischen Kontakt zur Bürgerschaft.

Der Erzbischof war seit dem Debakel von Worringen 1288 bis zum 19. Jahrhundert unwiderruflich aus der Stadt gewiesen. Das kirchliche Lehrmonopol, das auch Urban VI. mit seiner Urkunde wahrgenommen hatte, ließ an der Kirche allerdings nicht vorbeigehen. So wurde der Dompropst zum Universitätskanzler bestellt, der z. B. die Verleihung der akademischen Grade überwachte. Doch nahmen die Dompröpste das Amt in der Regel nicht selber wahr, sondern beauftragen damit Kölner Professoren als Vizekanzler.

Wie üblich setzte der Papst auch in Köln zur Sicherung der mit dem Gründungsprivileg verbundenen Rechte und Freiheiten der Universitätsangehörigen Konservatoren ein, nämlich den Abt von Groß St. Martin in Köln und die Dekane von St. Paul in Lüttich und St. Salvator in Utrecht. Ihre Amtssitze umschreiben noch einmal den niederländischen Einzugsraum der Kölner Universität.

Im übrigen nahmen die Rektoren einen hohen Rang in der kirchlichen Hierarchie in Anspruch, wenn sie sich, zumindest in späterer Zeit, unmittelbar nach dem Erzbischof und dem apostolischen Nuntius, aber vor allen anderen Geistlichen einordneten und damit den Zölibat als persönliche Voraussetzung für die Wahl ins Rektoramt begründeten, während diese Vorbedingung an anderen katholischen Universitäten bis zum 17. Jahrhundert allmählich entfallen war.

In Anlehnung an das Selbstverständnis der Stadt als "Romanae ecclesiae fidelis filia", wie das Stadtsiegel es verkündete, bezeichnete sich die Universität im Zeitalter der Glaubensspaltung gar als "fidelissima filia" des Papstes und als die "obtemperatissima" des Apostolischen Stuhls, womit sie ein weiteres prägendes Spezifikum ihrer geschichtlichen Existenz zum Ausdruck brachte.

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Die Bursen

War das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden im Mittelalter viel enger, als es heutzutage oft der Fall ist, so gilt das für die alte Kölner Universität in ganz besonderem Maße. Organisatorische Voraussetzung hierfür war die Entwicklung von Bursen und Kollegien, die in Köln universitätsprägende Bedeutung erlangten.

Das gilt besonders von den Bursen, für Scholaren der Artes-Fakultät eingerichtete Studienhäuser, die eine derart substantielle Bedeutung für das Studium insgesamt sonst in Deutschland, trotz entsprechender Tendenzen und Realisierungsansätze, nirgendwo erreichten. Sie wurden vornehmlich von Professoren gegründet, die sie auch unterhielten und leiteten. Neben den "öffentlichen", für alle Artes-Studenten verpflichtenden Lehrveranstaltungen entfalteten sich hier Begleitstudien, die von nicht unerheblicher Effizienz waren und immer stärker frequentiert wurden, zumal die Bursen mit führenden und in der Universität einflußreichen Gelehrten aufwarten konnten. Allmählich entwickelte sich ein Bursenzwang: Jeder Student der Artes hatte einer Burse anzugehören. So natürlich stets, wenn er dort wohnte. Doch auch Externe hatten im Laufe der Zeit die Lehrveranstaltungen der jeweils von ihnen gewählten Bursen zu verfolgen.

Durch immer neue Stiftungen expandierten die Bursen in der Weise regelrechter Unternehmen, die sich natürlich wechselseitig fruchtbar anspornende Konkurrenz machten. Kleinere Bursen gaben auf. Gegen die sich allmählich entwickelnden Großbursen kamen immer wieder versuchte Neugründungen nur noch schwer an. Bis 1524 waren vier übriggeblieben, von denen nun auch die einflußreiche Corneliana aufgab. Es hielten sich die Montanerburse, so genannt nach ihren maßgeblichen Förderern, den Theologieprofessoren Gerhard und Lambertus de Monte ('s-Heerenberg im Geldrischen), die Laurentiana, die der Friese Laurentius Buninch aus Groningen gründete, und die nach ihrem Gründer und Mitregenten der Laurentiana, dem Flamen Johann von Kuck, benannte Kuckanerburse. Cornelius Baldewini, der aus Dordrecht stammte, verlieh der Corneliana ihren Namen, und so sind diese Gründer allesamt Vertreter des schon in den Blick gerückten niederländischen Raumes. Auch die Cucana wäre untergegangen, wenn sie 1551 nicht von der Stadt übernommen worden wäre. Über der Türe des vom Rate angekauften neuen Hauses wurde, wie an städtischen Gebäuden üblich, das Wappen mir den drei Kronen angebracht, das der Burse den neuen Namen "Trium coronarum" verlieh. Aufstieg, Blüte und Konkurs also eben wie bei Großunternehmen: Man kann sich diesem Vergleich nur schwer entziehen.

Über den Bursenzwang hinaus setzte sich die Entwicklung bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts dann so weit fort, daß die Artes-Fakultät, 1577 auch satzungsmäßig festgeschrieben, identisch mit der Gesamtheit dieser drei Bursen wurde bzw. der von ihnen getragenen Schulen, die inzwischen in humanistischer Art - wir kommen noch darauf zurück - den Namen "Gymnasien" erhalten hatten. Eine derartige Bedeutung wie in Köln haben die auch an anderen deutschen Universitäten gegründeten Bursen nie gewonnen. Mit Blick nach Westen erinnern sie an College-Universitäten wie in Oxford und Cambridge.

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Die Kölner Jurisprudenz 

Eine weitere, schon berührte Kölner Sonderheit stellte die vergleichsweise starke Vertretung des Römischen Rechts im Studienbetrieb der rechtswissenschaftlichen Doppelfakultät dar. Sie bleibt unerklärlich ohne den offensichtlichen Bedarf an Juristen neuer Art, der wiederum die gesellschaftliche Dynamik des Nordwestens spiegelt. Die Jurisprudenz wies in Köln aber überhaupt recht hohe Studentenzahlen auf. Kennzeichnend für Kölner Rechtsprofessoren ist die von ihnen verfaßte juristische Einführungsliteratur, die sicher einer entsprechenden Nachfrage entgegenkam. Immer wieder begegnen Rechtsgutachten, "consilia", Kölner Juristen. Relativ früh sind unter ihnen solche von Kölner Legisten, also Lehrern des Römischen Rechts, dessen allgemeinere Rezeption in Deutschland damals begann. In Köln setzte 1424 auch der doctor in iure canonico Nikolaus von Kues seine in Padua eröffnete akademische Karriere fort, die er aber schon rasch abbrach, um in die Politik zu gehen.

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Die Kölner Theologie.

Für die Zeitgenossen war Köln allerdings die neben Paris bedeutendste Hochburg der Theologie. Vor dem Hintergrund der führenden Scholastiker ihrer Zeit, eines Albertus Magnus, eines Thomas von Aquin, hatten zunächst die Generalstudien der Bettelorden, sodann nicht weniger die Universität hohe Erwartungen zu erfüllen. Dominikaner wie jene war der ebenfalls in Köln lehrende bedeutendste deutsche Mystiker Meister Eckhart (? 1328). Aus dem Franziskanerorden stellte sich neben sie Johannes Duns Scotus, der nach allerdings nur kurzer Lehrtätigkeit 1307/8 in Köln schon bald starb und hier wie Albertus Magnus beigesetzt wurde.

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Der "Wege"-Streit 

Die Scholastiker haben Theologie und Philosophie eng miteinander verknüpft, wenngleich man sich über die unterschiedlichen Prinzipien beider Wissenschaften im klaren blieb; doch forderten sie sich vor allem auch wechselseitig heraus. In der philosophischen Diskussion des 14. Jahrhunderts ging es mit Vorrang darum, ob das Allgemeine reale Existenz besitze - so die "Realisten" der "via antiqua" nach der zunächst herrschenden Lehre -, oder ob es nur in Begriffen, ja, bloßen Zeichen, "nomina", existiere, wie die "Nominalisten" der "via moderna" annahmen. Man sieht die darin eingewobene Problematik heute im übrigen vielschichtiger, als die Schlagworte jener Zeit sie erscheinen lassen.

Um die allgemeine Bedeutung der Kölner Universität in dieser Auseinandersetzung angemessen einzuschätzen, reicht freilich schon die etwas plakative Verständnisweise. Bevorzugten die europäischen Universitäten bis ins 15. Jahrhundert hinein fast ausschließlich die "via moderna", so setzte nunmehr eine Gegenbewegung ein, in der die Kölner Universität eine maßgebliche Rolle spielte. Sie personifizierte sich zunächst in dem 1420 nach Köln berufenen Pariser Theologen Heinrich von Gorkum. Obwohl sich die deutschen Kurfürsten bei der Stadt in fast schon bedrohlicher Weise für die Vertreter der "via moderna" einsetzten, lehnte die Universität, der die Stadt das Schreiben weitergeleitet hatte, die kurfürstliche Intervention als eklatanten Eingriff in die Lehrfreiheit ab: Wenn die "via antiqua" die "via moderna" überflügele, habe diese das hinzunehmen.

Von nun an strahlte der Kölner Realismus auf viele andere Universitäten aus. Sie reichten von Löwen bis über Heidelberg und Freiburg nach Basel im Süden, Kopenhagen und Greifswald im Norden und Osten. Immer wieder handelte es sich hierbei um Neugründungen, die ihr Lehrpersonal und damit auch den Realismus aus Köln bezogen.

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Thomisten und Albertisten

Der Kölner Realismus stellte sich speziell in die Tradition des Thomas von Aquin. Bereits Heinrich von Gorkum war Thomist. Sein Kölner Schüler Johannes Tinctoris aus Tournai dürfte 1443 als erster die "Summa theologiae" in einer Lehrveranstaltung kommentiert haben. Ihm folgten weitere Kölner Thomisten wie Gerhard von Elten, und überall, wohin nun Kölner Thomisten kamen, geschah dies in derselben Weise. Das damals benutzte theologische Handbuch waren die aus dem 12. Jahrhundert stammenden "Sentenzen" des Petrus Lombardus. Wenn die spanische Scholastik des 16. Jahrhunderts die "Sentenzen" durch die "Summa" ersetzte - so der Dominikaner Petrus Franciscus de Vitoria -, dann liegt hier zwar kein "Kölner" Einfluß mehr vor. Dennoch bleibt aber bezeichnend, daß man in Köln schon fast ein Jahrhundert damit voranschritt.

Natürlich mußte auch der Realist Albertus Magnus das Interesse der Kölner wecken; verband sich hier doch das große Gelehrtengespräch über die Jahrhunderte hinweg mit der Lokaltradition. Schon um 1400 begegnen Pariser Albertisten. In Köln wirkte in diesem Sinne vor allem der bis dahin in Paris tätige Heymericus de Campo aus Brabant, den Heinrich von Gorkum 1422 nach Köln geholt hatte. Er wird dann der führende Albertist überhaupt, kehrte aber schon nach zehn Jahren in seine Heimat an die Universität Löwen zurück, an deren Gründung er neben anderen Kölnern großen Anteil hatte.

Dem Kölner Albertismus, der dann vor allem in Krakau Pflege fand, scheinen in Köln die führenden Köpfe nunmehr gefehlt zu haben, und so lebte Albert hier ohne größeren Einfluß nur im Bursenalbertismus der Laurentiana fort. Im übrigen rät die Forschung von dem Begriff "Albertismus" ab, da seinen angeblichen Vertretern die ihn als geschlossene Lehre darbietende Konsistenz mangele.

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Humanisten 

Doch schon bald standen der Kölner Universität zwei ganz neue Probleme ins Haus; das waren Humanismus und Reformation.

Der Humanismus, der von Italien aus seit der Mitte des 15. Jahrhunderts auch in Deutschland nach und nach Einzug hielt, setzte an die Stelle der Scholastik ein neues Bildungsverständnis. Insbesondere die spätmittelalterliche Scholastik hatte die kühle abstrakte Begrifflichkeit auf ein Höchstmaß gesteigert. Voller Überdruß entdeckte der Humanismus jetzt die konkrete Lebenswelt wieder, die in schöngeformter Sprachkunst zum Ausdruck kam. Als anregendes Vorbild diente dabei die Sprachgestaltung der Antike. Führte der mittelalterliche Sprachunterricht ohne tiefere philologische Durchdringung ins Lateinische ein, so forderten die Humanisten, die Werke der antiken Schriftsteller als solche zum Gegenstand intensiver Studien zu machen. Diese Lektüre sollte zu einer neuen Sprachbildung führen, die eine den Menschen insgesamt formende Allgemeinbildung und Kultur neuen Stils hervorbringen würde.

In der weltoffenen Großstadt Köln begegnen seit den vierziger Jahren des 15. Jahrhunderts ausländische Humanisten, die Klassikerhandschriften ausgraben. Doch auch innerhalb der Universität scheint schon recht früh humanistisches Interesse bestanden zu haben. Der als "Vorreformator" geltende Wessel Gansfort, der in den fünfziger Jahren als Magister artium in der Laurentianerburse tätig war, erinnerte sich später mit Dank seiner Lehrer, die ihn mit Plato vertraut gemacht hätten. Und zu diesen seinen Lehrern gehörte ausgerechnet der Realist Herwich von Amsterdam, der den Kölner Realismus nach Heidelberg brachte.

Die Kölner Matrikel vermerkt immer wieder die Namen gelehrter Humanisten, die teilweise sogar entsprechenden Einladungen gefolgt waren. Hielten sie zum Teil auch vielbeachtete öffentliche Vorlesungen, so dürfte von vor allem nachhaltiger Wirkung der Einzug des Humanismus in die Bursen gewesen sein. Allerdings scheint sich damit auch ein Generationsproblem angebahnt zu haben; waren es doch zumeist jüngere, teilweise mit italienischen Erfahrungen ausgestattete Lehrer der Artes, die nun den älteren Scholastikern Konkurrenz machten. Diesen kam der enorme Ruf zustatten, den die Kölner Scholastik erlangt hatte, so daß sie ihrerseits recht selbstbewußt auftreten konnten.

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Die "Dunkelmännerbriefe" 

In diesen Zusammenhang gehören die berüchtigten "Dunkelmännerbriefe" ("Epistolae Obscurorum Virorum") von 1515/1517. Es handelt sich um fingierte, angeblich von Kölner Theologen stammende Briefe, deren ersten Teil in der Hauptsache der Humanist Crotus Rubeanus schrieb, ehemals Mentor des einige Jahre jüngeren Ulrich von Hutten, der als maßgeblicher Mitarbeiter im besonderen dann Briefe eines zweiten Teiles verfaßte. Beide sind einige Jahre zuvor in Köln immatrikuliert gewesen.

Es wurde schon auf die große Kölner Studentenzahl hingewiesen, die ja in der Regel das Grundstudium der Artes absolvierten und dabei in die Anfangsgründe der Philosophie einzuführen waren. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, hatten führende Kölner Scholastiker philosophische Schulbücher verfaßt, sog. "Kopulate", in denen der Stoff übersichtlich, doch ohne höhere Ansprüche für den Massengebrauch zurechtgemacht war, was sich auch buchhändlerisch lohnte. Mit diesen Kölner Autoren rechneten die Humanisten nun ab, indem sie eine Reihe von ihnen als arrogante und zugleich ignorante, vor allem sprachlich unzureichende und im übrigen bedeutungslose Schwätzer lächerlich machten. "Dunkelheit" meint hier eben diese Bedeutungslosigkeit, die im Gegensatz zur Berühmtheit jener steht, die 1514 der Humanist Johannes Reuchlin in seinen "Clarorum virorum epistolae" zu Worte kommen ließ.

Adressat der "Dunkelmännerbriefe" war der sich selber als "Lehrer der Rhetorik und Poesie" bezeichnende Kuckaner Ortwinus Gratius, der in einer Kölner Druckerei als Korrektor für Scholastiker- wie für Klassikerausgaben arbeitete. Eben so wollte er auch der Sache nach scholastische Philosophie und literarische Bildung miteinander versöhnen, was den Autoren der "Dunkelmännerbriefe" zutiefst widerwärtig war.

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Schulhumanismus 

Ortwinus Gratius formulierte indessen genau jenen Weg, den man in Köln bei der Konfliktentschärfung gehen würde. Scholastik und Humanismus wurden kombiniert. So vor allem sichtbar in den Studienordnungen der Bursen. Dabei wurde aus dem Humanismus als gestalterischem Lebensprinzip allerdings jener Schulhumanismus, der sich aufs rein Literarische zurückzog.

Der Schulhumanismus verband sich gesamteuropäisch mit einer Neugestaltung des Schulunterrichts. Bestimmte Bücher, die erarbeitet wurden, bildeten den organisatorischen Rahmen für das mittelalterliche Artesstudium, wie dies auch für andere Studiengänge der Fall war. In den neuen Gymnasien wurde das Lernprogramm dagegen in "Klassen" unterrichtet, die eine didaktisch konsequente Entwicklung des Lehrstoffs sicherten. Das begann schon, erstmals 1377 an der Stadtschule zu Zwolle nachgewiesen, vor dem Eindringen des Humanismus, hatte also ursächlich noch nichts mit diesem zu tun, fing aber an, aktuell zu werden, als es darum ging, den humanistischen Lehrstoff organisatorisch unterzubringen.

Das geschah in Köln wie auch andernorts in unteren Klassen, von der "Sexta" an, während der philosophische Lehrstoff den beiden oberen Klassen, "Secunda" und "Prima", vorbehalten blieb. In die Universitätsmatrikel eingetragen wurden die Besucher der Gymnasien erst beim Eintritt in die "Secunda", die mit ihrer Bezeichnung als "Logica" den dort behandelten Lehrstoff beschrieb. Auf diese Weise gehörten, strenggenommen, die Humaniora in Köln denn doch nicht zum universitären Lehrstoff. Gleichwohl waren sie der Artes-Fakultät faktisch in hervorragender Weise eingebunden, insofern diese sich aus den drei Gymnasien in deren Gänze zusammensetzte. Die Kölner Universität bot damit den umfassendsten Bildungsplan an, der möglich war, von der untersten Grammatikklasse bis zur Promotion in den höheren Fakultäten. Das bedeutete eine Ganzheitlichkeit der Bildung, die insbesondere auch den Erfordernissen und Erwartungen des konfessionellen Zeitalters entgegenkam.

Damit zum zweitgenannten Kölner Problemfeld, der Reformation.

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Reformation und katholische Gegenbewegung

Die schon mehrfach unterstrichene Bedeutung der Kölner Theologen zeigt sich schlaglichtartig im Auftreten gegen Martin Luther, als die theologische Fakultät von Köln und, sich ihr darin anschließend, die Löwener Fakultät 1519 die ersten richtungweisenden altgläubigen Gutachten gegen ihn verfaßten. Die päpstliche Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" von 1520 nahm dann auf die beiden Gutachten ausdrücklich Bezug. Trotz einiger Versuche, die aber stets nur von einzelnen Professoren ausgingen, die evangelische Lehre in die Universität zu bringen, blieb sie die "fidelissima filia" der römischen Kirche.

Erst mit Verzögerung wurden 104 Sätze Luthers 1521 auch von der theologischen Fakultät schlechthin, nämlich der Pariser, verurteilt. Der katholische Kontroverstheologe Johannes Fabri wird in seiner Diskussion mit dem Reformator Ulrich Zwingli die Universitäten Paris, Köln und Löwen als die generell kompetenten Interpreten der Heiligen Schrift empfehlen. Unter den damals kontroverstheologisch wirkenden Theologen trat vor allem der als päpstlicher Inquisitor tätige Dominikaner Jakob Hoogstraten hervor.

Als der apostolische Nuntius Aleander von dem 1520 im Anschluß an seine Aachener Krönung in Köln weilenden Karl V. das Mandat erwirkte, in päpstlichem Auftrag die häretischen Schriften Luthers verbrennen zu lassen, und sich mit einem entsprechenden Ansinnen an die Kölner Universität wandte, bemühte diese sich energisch, davon verschont zu werden: Man wolle dem apostolischen Stuhl zwar in allem gehorsam sein, Bücherverbrennung sei aber nicht ihre Sache; die stehe nämlich dem Erzbischof, den weltlichen Fürsten und der dafür verantwortlichen Obrigkeit zu.

Die Verbrennung fand zwei Tage später auf Befehl des Nuntius freilich dann doch, und zwar auf dem Domhof, in Anwesenheit auch von persönlich zitierten Professoren der theologischen Fakultät statt. Der Sache nach, so ließ der Rektor im Rektoratsbuch ausdrücklich festhalten, war man sich jedoch katholisch ganz und gar einig. Damals weilte auch der Humanist Erasmus von Rotterdam in Köln und verwandte sich bei Aleander gegen die Bücherverbrennung. Sicher hat er die zögernden Professoren in ihrer Zurückhaltung bestärkt.

Damit ist der Blick auf die zum Ausgleich neigende, eben erasmianische Spielart der niederrheinischen Altgläubigkeit gelenkt. Die hier herausragende Persönlichkeit war Johannes Gropper, Inhaber einer "städtischen" Dekretalenprofessur in der rechtswissenschaftlichen Fakultät und zugleich engster Berater des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied. Freilich endete seine Politik dann doch in einer Sackgasse, als der Erzbischof sich immer stärker der Reformation annäherte, z. B. den evangelischen Theologen Martin Bucer zu sich berief, und Karl V. die protestantische Gefahr durch eine militärische Demonstration bannte.

Im Zuge der konfessionell nun weitaus eindeutigeren Entwicklung wurde die Universität jetzt stärker als zuvor zu einem Zentrum der Gegenreformation für jenen von uns schon hinreichend beschriebenen Großraum, nur mit dem Unterschied zu früher, daß dieser sich in der politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch konfessionellen Auflösung befand.

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Die Jesuiten im "Tricoronatum" 

Ein universitätsgeschichtlich wichtiges Datum stellt in diesem Zusammenhang die 1556 erfolgte Übertragung des Kölner Tricoronatum an die Jesuiten dar. Als die katholische Sache unter Hermann von Wied auf des Messers Schneide stand, sandte Ignatius von Loyola, der Gründer und erste Generalobere des der Gegenreformation verpflichteten Jesuitenordens, 1542 den Savoiarden Petrus Faber nach Deutschland. Dieser gewann in dem damaligen Kölner Montaner Petrus Canisius aus Nimwegen seinen wichtigsten Helfer, mit dem und mit zehn weiteren in Köln immatrikulierten Studenten Faber die erste Jesuitengemeinschaft auf deutschem Boden gründete. 1560 zählte die Kölner Jesuitengemeinschaft bereits 60 Mitglieder. In Köln bürgerte sich damals auch zuerst der Name "Jesuiten" für die Mitglieder der Gesellschaft ein.

Die Möglichkeit zu umfassenderem Einfluß auf die religiöse Entwicklung bot sich mit der die Kuckanerburse paralysierenden Krise, die das Gymnasium auch als städtisches Tricoronatum nicht zu meistern vermochte. Da trat der Kuckaner Johannes Rethius, Sohn des einflußreichen Kölner Bürgermeisters Johann von Reidt (der sich ebenfalls schon in der Universitätsreform engagiert hatte), in die Gemeinschaft der Kölner Jesuiten ein und ließ sich von der Stadt zunächst ad personam die Leitung des Tricoronatum übertragen, die nun faktisch, von der Stadt schon bald auch rechtlich sanktioniert, in der Hand der Jesuiten lag. In den beiden Reidt personifizierte sich die für die Zukunft der Kölner Universität charakteristische Verbindung eines breiteren, christlich-humanistischen Bildungsinteresses mit dem gegenreformatorisch-katholischen Glaubenselan.

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Tricoronatum Montanum Laurentianum 

Seiner Bedeutung nach setzte sich das Tricoronatum schon bald vor Montanum und Laurentianum an die Spitze der drei Kölner Gymnasien. Der Anstieg der Studentenzahlen war fast schon atemberaubend; 1560 zählte man 500 Tricoronaten, 1576 über 1000. Seit etwa 1570 hatte das Tricoronatum in der Regel so viele Graduierte vorzuweisen wie die beiden anderen Gymnasien zusammen.

Bei der Vereinheitlichung der gymnasialen Studienordnungen setzten sich die Jesuiten weitgehend und vorbildgebend durch. Die schon angemerkte Ausweitung des als gymnasial relevant angesehenen Unterrichtsstoffes in Anfängerklassen geht in starkem Maße auf die Vorstellungen der Jesuiten zurück.

Einig war man sich in der grundlegenden religiösen Zielsetzung, wie sie etwa der bedeutende Laurentianer-Regens Caspar Ulenberg um 1611 in einem Entwurf für sein Gymnasium betonte, die Studenten seien in der Frömmigkeit mit weitaus größerer Sorgfalt zu unterweisen, weil Frömmigkeit besser als gelehrte Bildung sei: "melior est pietas quam eruditio". Für die religiöse Erziehung in den Gymnasien bürgte nicht zuletzt die personelle Verbindung ihrer Professoren mit der theologischen Fakultät. Sie war de facto allerdings schon immer gegeben, indem die Magister, die Theologie studierten, zugleich weiterhin in den artistischen Fächern unterrichteten, ehe sie nach Abschluß ihres Theologiestudiums dann ganz in die theologische Fakultät überwechselten. Ulenberg schrieb vor, daß alle Kollegen, die der Regens seiner Burse kooptierte, diesem das künftige Theologiestudium zu versprechen hätten. In einem Maße, wie es im Mittelalter noch unbekannt war, steigerte und erweiterte sich die Schülerkontrolle über den schulischen Bereich hinaus in eine allgemeine Lebenskontrolle hinein.

Auch qualitativ konnte sich das Tricoronatum in ganz besonderer Weise blicken lassen. Eine überaus große Zahl bedeutender Bischöfe des 16. und 17. Jahrhunderts sind Schüler des Tricoronatum gewesen, wie ebenso viele prominente Stadtkölner, etwa die späteren Bürgermeister Melchior von Gail, Wilhelm Hackstein, Johann Hardenrath. So auch der Nationalökonom und Staatstheoretiker Adam Contzen, der Philologe und Staatstheoretiker Justus Lipsius, der in Köln wichtige Anregungen für seinen Neustoizismus erhielt, der Astronom und Berater des Kaisers von China, Johann Adam Schall von Bell, oder Georg Braun, der Verfasser des bekannten Städtebuchs.

Nur wenige bedeutende Jesuitengelehrte haben allerdings längere Zeit in Köln gewirkt wie der einflußreiche Schuldramatiker und Dichtungstheoretiker Jakob Masen aus Dahlen (heute Mönchengladbach), der mit seinem "Rusticus imperans" die meistgespielte lateinische Schulkomödie des 17. Jahrhunderts verfaßte.

Unfreiwilligerweise kurz weilte auch Friedrich Spee in Köln, der mit seiner wohl in Köln begonnenen "Cautio criminalis" das Ende des Hexenwahns einleitete. Er bekam deswegen mit anderen Kölner Professoren Scherereien, von denen der Theologe Heinrich Textorius Glimbach 1631 die Stadt aufgefordert hatte, sich von den ungleich zahlreicheren Hexenverbrennungen in protestantischen Ländern nicht in den Schatten stellen zu lassen. Von 1627 bis 1632 sind in Köln noch mindestens 20 angebliche Hexen verbrannt worden. Wenn der Hexenunfug in Köln seither merklich zurückging, dürfte das schon der "Cautio criminalis" anzurechnen sein.

Die ältere Forschung hat zwar den 1487 erschienenen "Hexenhammer", das von dort an maßgebliche Handbuch zur Aburteilung von Hexen, aufs engste mit Kölner Professoren und der theologischen Fakultät insgesamt in Verbindung gebracht; doch läßt die neuerliche kritische Nachprüfung den Kölner Anteil daran merklich in den Hintergrund treten.

Philosophisch vertrat man im Tricoronatum die spanische Jesuitenscholastik, die in Francisco Suárez (1548-1619) ihren Gipfel erreicht hatte. Kennzeichnend sind aber auch mathematisch-naturwissenschaftliche Interessen, die sich im 18. Jahrhundert fortsetzten. Im übrigen haben jüngste Forschungen dartun können, daß an der alten Kölner Universität die Naturwissenschaften allgemein weit stärker gepflegt wurden und deren europäische Entfaltung intensivere Aufmerksamkeit fand, als bislang angenommen wurde.

Als der Jesuitenorden 1773 aufgehoben wurde, übernahm die Stadt, von einzelnen Besitztiteln abgesehen, die gesamte Hinterlassenschaft. Der Schulbetrieb wurde dadurch nur wenig gestört, da die Stadt die Ex-Jesuiten als Lehrer in ihrer Schule beließ.

Weder das Laurentianum noch das Montanum konnten mit einer solchen Fülle wissenschaftlicher Leistungen aufwarten wie das Tricoronatum. Beide Gymnasien hielten jedenfalls sorgfältig fest, wie viele berühmte Persönlichkeiten auch aus ihnen hervorgegangen seien, und das waren nicht wenige. Alle drei Schulen haben eine aus dem katholischen Deutschland jener Jahrhunderte nicht wegzudenkende Bildungaufgabe wahrgenommen.

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Die höheren Fakultäten: Mediziner 

Unterschiedliche Bedeutung hatten die drei höheren Fakultäten. Die medizinische war, wie, vielleicht außer in Wien, auch an anderen deutschen Universitäten üblich, die kleinste, übertraf allerdings zunächst viele andere. An den führenden Rang der Wiener Medizin reichte Köln jedoch bei weiten nicht heran. Fast die Hälfte der bis 1559 nachweisbaren Professoren stammte aus der Diözese Utrecht, also den nördlichen Niederlanden. Die Fakultät geriet im 16. Jahrhundert dann in eine schwere Krise, bisweilen hatte sie nur einen einzigen Ordinarius, 1575 stand sie gar ohne Doktor da. Freilich ist aus dem recht frühen Jahre 1555 für Köln auch schon ein zu Lehrzwecken genutzter privater Kräutergarten eines Medizinprofessors belegt.

Obgleich man im Unterschied zu anderen Ländern an deutschen Universitäten der Sezierung von Leichen lange ablehnend gegenüberstand, brach sie sich im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts doch auch hier allenthalben Bahn. Für Köln läßt sich mit Sicherheit sagen, daß bis zum Ende des 17. Jahrhunderts keine öffentlichen Sektionen stattgefunden haben. Erst 1715 richtete man auf Veranlassung des in Padua promovierten Professors Thomas Steinhaus aus Köln definitiv Sektionen ein, wofür ein eigenes "Theatrum anatomicum" geschaffen wurde.

Die Chirurgie war in Köln, wie auch sonst überall, Sache der nicht wissenschaftlich-theoretisch, sondern "handwerklich" (eben "chir-urgisch") ausgebildeten und tätigen Wundärzte. Eine chirurgische Vorlesung begegnet in Köln zum erstenmal im Jahre 1684.

Die Verbindung zwischen den Universitätsmedizinern und der Stadt war recht eng. Zeitweise gehörten bis zu 50 % der Professoren dem Stadtrat an. Sie wurden von der Stadt z. B. für die Medizinalaufsicht herangezogen.

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Juristen 

Profilierter als die Mediziner treten die Kölner Rechtsprofessoren hervor. Das städtische Engagement war hier kaum noch steigerungsfähig. Die schon hohe Zahl der "städtischen" Rechtsprofessuren wuchs aber 1559 noch einmal auf nunmehr vier zivilistische und drei kanonistische Ordinariate, "dweil die studiosi in iure sich vilfeltig in universitate meren", wie es hieß. Außer in Leipzig scheint damals keine deutsche Rechtsfakultät auf so viele Ordinariate gekommen zu sein, die in anderen Ländern allerdings nicht so ungewöhnlich waren. Orléans, in Frankreich führend, hatte acht, Coimbra in Portugal gar 15.

Allerdings erstaunlich ist, daß nur relativ wenige Kölner Juristen in die geschichtlichen Darstellungen der Disziplin eingegangen sind. Doch sind die literarisch bekannten deutschen "Einführungswissenschaftler", wie Henricus Brunonis de Piro (vom Birnboeme), Loppo von Zierikzee, Nicasius de Voerda und Hermannus Sifridus Sinnema, fast alle gerade Kölner Professoren gewesen und unterstreichen damit die schon angemerkte rechtspraktische Bedeutung. Der prominenteste deutsche Jurist in der Mitte des 16. Jahrhunderts, Johannes Oldendorp, wurde 1538 zwar vom Kölner Rat an die Universität berufen, aber es hieß ausdrücklich, daß er hier nicht nur die "gentium leges Romanas" zu interpretieren habe, sondern zugleich "in causis rei publicae" zur Verfügung stehe. Ebendieses erwartete man natürlich von einem Juristen; aber so nachdrücklich denn doch nicht überall. Immerhin bleibt bemerkenswert und wohl auch für das Kölner Renommee bezeichnend, daß der aus Paris stammende Zivilist Denis Godefroy, der 1583 die erste, bis ins 18. Jahrhundert kanonische Geltung beanspruchende Gesamtausgabe des Corpus juris civilis herausgab, auch in Köln studiert hat.

Bei allem Praxisbezug war man in Köln im übrigen dennoch recht traditionell. Wie freilich auch anderenorts, aber nicht überall, gingen die Vorlesungen auch in Köln nur zögernd nicht mehr von der Legalordnung der Rechtscorpora, sondern von der Systematik einzelner Teildisziplinen aus. Erst 1732 setzte die Stadt ein festes Gehalt für eine Professur des Öffentlichen Rechts aus. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts trat man dann, vor allem unter Einfluß der Göttinger Schule, entschieden in die Modernisierung ein. Nun gab es Vorlesungen im Straf- und Prozeßrecht, aber z. B. auch im Wechselrecht.

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Theologen

Obenan stand in Köln indessen auch seit dem 16. Jahrhundert immer noch das Theologiestudium. Die Erfahrungen mit der Reformation hatten die katholische Kirchenleitung gelehrt, daß das Theologiestudium nicht so sehr auf wissenschaftliche Hochleistung auszugehen hatte, wie dies im Mittelalter der Fall war, sondern daß es vielmehr darum ging, dem gemeinen Klerus eine solide, praktisch verwertbare Schulung für die Breitenseelsorge mitzugeben. In diesem Zusammenhang fand im 16./17. Jahrhundert allenthalben eine Verkürzung des Theologiestudiums statt. So ging man in Löwen von zwölf Jahren auf sieben zurück, in Köln von zehn auf zunächst fünf und später gar auf vier.

Die Studentenzahlen, die zur Zeit der Reformation allgemein abgesackt waren, stiegen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wieder kontinuierlich an. Für 1654 sind - sicher ein Extremwert - 300 Theologiestudenten bezeugt. Bei der Aufhebung der Universität 1798 lasen 20 Theologieprofessoren.

Der Einfluß der Jesuiten war satzungsmäßig begrenzt. Je zwölf Professuren waren für Welt- und Ordensgeistliche bestimmt, und von diesen wurden den Jesuiten lediglich zwei zugeteilt. Neben den Bettelorden spielten die alten Mönchsorden benediktinischer Provenienz im katholischen Schulbetrieb der Barockzeit generell eine wichtige Rolle; so auch in Köln, wenngleich sie vor allem für Süddeutschland prägend wurden.

Der Einzug des Thomismus in die katholische Studienwelt ging vornehmlich auf Initiative der Jesuiten zurück. 1702 wurde von der theologischen Fakultät in Köln die Verbindlichkeit der thomasischen Doktrin für das Kölner Theologiestudium statuiert.

Bei innerkatholischen Kontroversen, wie sie durch den Jansenismus und den Probabilismus entfacht wurden, traten Kölner Theologen durchaus auch gegen die päpstlich Doktrin auf. Die Herausforderung der Kölner Professoren durch die Aufklärung läßt neben der grundsätzlichen Festigung eines sich an der Tradition orientierenden Konservatismus doch auch eine Reihe von kompromißbereiten Affinitäten und Zuneigungen erkennen.

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Modernisierung 

Diese Tendenzen sind im Rahmen einer allgemeinen Modernisierung zu sehen, die für die drei letzten Jahrzehnte der alten Kölner Universität insgesamt signifikant ist. Der letzte gewählte Rektor, Ferdinand Franz Wallraf, Professor für Botanik bzw. Naturgeschichte und Ästhetik in der medizinischen Fakultät, wurde einerseits der große Sammler und damit Retter einer vielfältigen Kölner Überlieferung. Weniger geläufig ist, daß er aber auch ein Protagonist der als immer dringlicher erkannten Reform der Universität war. So stellte er in seiner Antrittsrede 1786 die Bedeutung in den Vordergrund, die den Naturwissenschaften für die künftige Entwicklung der Universität zukomme. Die ihn kennzeichnende Pragmatik tritt auch in einem Gutachten hervor, in dem er die Einrichtung einer "Handlungsakademie für angehende Kaufleute" empfahl, als hätte er über ein Jahrhundert hinweg die Kölner Handelshochschule, Basis der neuen Universität des 20. Jahrhunderts, vorausnehmen wollen. Wallrafs Wünsche und Vorschläge sind im übrigen vor dem Hintergrund vielfältiger modernisierender Entwicklungen zu sehen, wie sie schon für die Medizin, für die Rechtswissenschaft, für das Tricoronatum anzumerken waren.

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Das vorläufige Ende 

Die große Herausforderung stellt aber gerade unter diesem Aspekt die von den Kölner Erzbischöfen Max Friedrich von Königseck bzw. Max Franz, Bruder der reformeifrigen Kaisers Joseph II., 1777 in Bonn ganz im Geiste der Aufklärung gegründete, 1786 zur Universität erhobene Akademie dar.

Der Entscheidung, ob man in Köln, soweit die katholische Lehre zur Rede stand, nun erst recht die orthodoxe Tradition betonen oder Bonn an Modernität noch überholen wollte, wurde man entzogen, da die französische Regierung 1798 die Universität in der von Frankreich 1794 besetzten Stadt im Rahmen der gesamtfranzösischen Unterrichtsorganisation, die generell keine Universitäten mehr vorsah, faktisch aufhob und an ihre Stelle eine Kölner "Zentralschule" für das neue Roer-Département setzte, wenngleich man sie sich auch weiterhin als "L'Université de Cologne organisée en école centrale" bezeichnen ließ.

Als die Zentralschulen 1802 in ganz Frankreich beseitigt und statt dessen (niedere) Sekundarschulen und (höhere) Lycées eingerichtet wurden, jedoch Bonn, aber nicht Köln ein Lycée erhielt, gewährte Napoleon auf Bitte der Bürgerschaft für Köln eine in ihrer Art, soweit bekannt, ganz singuläre Sekundarschule zweiten Grades, die ihrem Lehrplan zufolge dann doch dem Lycée gleichkam. Bonn war auf jeden Fall bevorzugt.

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Das 19. Jahrhundert 

Versuche der Stadt, wieder in den Besitz einer akademischen Ausbildungsstätte höchsten Ranges zu gelangen, blieben während der ganzen "französischen" Zeit erfolglos, fanden ihr vorläufiges Ende jedoch erst 1818, als der nunmehrige preußische Landesherr sich für Bonn als Standort der neuen Universität für die Westprovinzen entschied. Dabei dürften weniger weltanschaulich-politische Gründe maßgeblich gewesen sein, die Köln als reaktionär und "schwarz" erscheinen ließen, als vielmehr die örtlichen Vorteile, die sich in Bonn boten. Von kölnischer Seite wurde dann hinfort in starkem Maße ebenfalls "politisch", mit der überörtlichen Bedeutung der Stadt, argumentiert und von hier aus die Wiederbegründung als eine geradezu logische Notwendigkeit dargetan, nicht jedoch im Rückblick auf die untergegangene Universität ein sich damit verbindender historischer Anspruch angemeldet.

Maßgebender Träger neuer Kölner Initiative wurde seit der Mitte des Jahrhunderts der Kölner Kaufmann und Präsident der Handelskammer Gustav (von) Mevissen, ein für die wirtschaftliche wie geistige Entwicklung Kölns in vielerlei Hinsicht bedeutender Anreger, der 1856 erstmals seine Forderung formulierte, daß Köln wieder "zu einem Zentrum der Wissenschaft" werde.

Bekanntlich stieg die Bevölkerungszahl im 19. Jahrhundert rapide; so auch in Köln. Dementsprechend wuchsen in ganz Deutschland die Studentenzahlen von etwa 12 300 im Wintersemester 1840/41 bis auf 80 000 am Beginn der Ersten Weltkriegs. Dieser Sachverhalt hat jedoch nie als Begründung für eine Wiederbelebung der Kölner Universität gedient. Vielmehr wies man auf qualitativ prägende Entwicklungen hin.

Es war offenkundig, daß sich mit der Technisierung und Industrialisierung grundlegende Veränderungen abspielten, die Niederschlag nun auch in der Wissenschaftsorganisation der Zeit zu finden hatten. Die klassischen Naturwissenschaften entfalteten sich vorerst innerhalb des institutionalisierten Universitätsbetriebs, tendierten aber allmählich zu effizienteren außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wie sie unter dem Dach der 1911 in Berlin gegründeten "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften" mit den verschiedenen Kaiser-Wilhelm-Instituten ins Leben traten, damit aber auch die Problematik moderner Wissenschaftsorganisation im Hinblick auf die Funktion der Universitäten deutlich machten. Zunächst standen die neuen Bereiche Technik und Wirtschaft bei ihrem wissenschaftlichen Beginn noch außerhalb des akademischen Lebens und bemühten sich, wissenschaftsorganisatorisch integriert zu werden. Die Gründung der neuen Kölner Universität ist mit diesem Problem auf engste verknüpft gewesen.

Zunächst war fraglich, wie weit man diese sog. "praktischen" Wissenschaften überhaupt als "Wissenschaften" akzeptierte. Beide Bereiche, der technik- wie der handelswissenschaftliche, drängten indessen sehr rasch nach schulischer Vermittlung und entsprechenden Lehrinstitutionen, wie sie für die Technik erstmals in der 1794 zu Paris gegründeten "École Polytechnique" realisiert wurden. Nach Polytechniken in Prag (1806) und Wien (1815) folgten in Deutschland solche 1825 in Karlsruhe, 1827 in München, 1828 in Dresden usw. Die Bezeichnung als "Poly-Technikum" wollte kundgeben, daß man sich von technischen Fachschulen, wie etwa den schon bestehenden Bergbauschulen, unterschied, also wie die Universitäten ein umfassenderes, höheres Wissen vermittelte, wenngleich man von den Universitätswissenschaftlern als zweitklassig angesehen wurde.

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Der Kölner Neubeginn 

Es ist nun bezeichnend, daß sich die Stadt Köln seit der Mitte des Jahrhunderts, verstärkt seit 1858, um das für die beiden preußischen Westprovinzen vorgesehene Polytechnikum bemühte, das aber 1863 nicht nach Köln, sondern nach Aachen kam. War schon hier Mevissen für Köln tätig, so ließ das Scheitern der Polytechnikumspläne jetzt um so stärker sein praktisch-kaufmännisches Interesse auf die Einrichtung einer höherstufigen Schule in dem zweiten der genannten "praktischen" Bereiche lenken, nämlich der Handelswissenschaft.

Was in der Handels- und Wirtschaftskunde betrieben wurde, galt den Zeitgenossen allgemein, wie den Wissenschaftstheoretikern in specie, zunächst aber noch nicht als "Wissenschaft" im eigentlichen Sinne. Man unterschied sie von der sog. "reinen" Wissenschaft der Universitäten als, wie man sagte, "angewandte" Wissenschaft. Dementsprechend ging es zunächst generell um eine höherrangige, ja, akademische Anerkennung der Wirtschaftswissenschaften. Das konnte durch Anlehnung an eine Universität geschehen, so in der 1898 gegründeten Leipziger Handelshochschule.

Anders hingegen in Köln, wo 1901 die erste selbständige Handelshochschule gegründet wurde. Sie wäre allerdings undenkbar gewesen ohne das beträchtliche Stiftungsvermögen von 100 000 Mark, das schon 1879 Mevissen für die Errichtung einer "Kaiser-Wilhelm-Handelshochschule" zur Verfügung gestellt hatte.

Nicht uninteressant ist, daß weder der Staat noch aber auch die Stadt, die Provinzialverwaltung und die kaufmännischen Berufsverbände zunächst großes Interesse an Mevissens Hochschulplänen hatten. Immerhin dauerte es noch 22 Jahre, bis die Stadt unter Bereitstellung weiterer Mittel das Projekt realisierte und sich zu eigen machte. Man wird die Gründung um so mehr als wissenschafts- und speziell hochschulgeschichtlichen Markstein anzusehen haben. Rasch folgten ihr bis 1919 Handelshochschulen in Frankfurt, Berlin, Mannheim, München, Königsberg und Nürnberg. Im deutschsprachigen Ausland waren allerdings schon 1898 Wien und St. Gallen vorangegangen.

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Von der Handelshochschule zur Universität

Es ist müßig, näher zu ermitteln, ob man in Köln in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Universität überhaupt noch anstrebte oder ob die Einrichtung einer Handelshochschule lediglich zu den taktischen Schritten gehörte, um sie denn doch zu erlangen. Das Selbstbewußtsein der Handelshochschule war beträchtlich, als es darum ging, sich in der Universität als Fakultät zu etablieren.

Jedenfalls eröffnete die Gründung von 1901 einen regelrechten Einbruch allgemeiner praktischer Wissenschaftlichkeit in die akademische Welt. 1904 wurde in Köln die erste deutsche "Akademie für praktische Medizin" eröffnet, welche die klinischen Disziplinen anbot und dabei insbesondere der ärztlichen Aus- und Weiterbildung dienen sollte. 1912 trat eine "Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung" hinzu, deren Schwerpunkt auf der Rechtsausbildung von Kommunal- und Sozialbeamten lag. Doch nach wie vor litt man unter der Zweitrangigkeit im Verhältnis zu den Universitäten, vor allem etwa, da der Handelshochschule das Promotionsrecht verwehrt blieb, das der Frankfurter Handelshochschule ebenso wie ihre künftige Umwandlung in eine Universität zugesagt wurde.

Um so beachtlicher war die in Köln zunächst vorherrschende Tendenz, eigenständig und dementsprechend "neuartig" zu bleiben, ohne sich in den Rahmen einer herkömmlichen Universitätsverfassung einfügen zu müssen. Die Wendung in die Wege geleitet zu haben ist das wesentliche Verdienst des seit 1904 amtierenden Studiendirektors der Handelshochschule, Christian Eckert. Handelskammer und Industrieverbände mußten in langen Verhandlungen von der Notwendigkeit einer Universitätsgründung überzeugt werden.

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Die "neue" Universität von 1919 

Der politische Durchbruch erfolgte jedoch erst durch Oberbürgermeister Adenauer, der sich seit seiner Amtsübernahme 1917 den Universitätsplan voll zu eigen machte. Um die schon bestehende akademische Basis noch zu verbreitern, zog er die Gründung eines Kaiser-Wilhelm-Instituts für Ernährungsphysiologie in Betracht, die mißlang, sowie eines sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts, das 1918 ins Leben gerufen werden konnte und der maßgeblichen Leitung des Philosophen Max Scheler unterstellt wurde. Der Gedanke der Praxisorientierung verband sich mit der sog. "sozialen Frage", die durch den unglücklichen Kriegsausgang neue Akzente erhielt.

Adenauer konnte des weiteren auf die politische Notwendigkeit aufmerksam machen, durch die Gründung einer Kölner Universität die deutsche Position am Rhein zu stärken. Die Kölner Universität sollte die Tradition der 1872 gegründeten Universität Straßburg fortsetzen. Weiterblickend allerdings dann Adenauer, der das so nicht gelten lassen wollte. Vielmehr wies er der neuen Kölner Universität europäische Brückenfunktion, im besonderen zwischen Deutschland und Frankreich, zu.

Nicht zuletzt versicherte er sich der Zustimmung der politisch maßgeblichen Kräfte und führte die Verhandlungen mit dem Berliner Ministerium im Mai 1919 zu einem Vertrag der preußischen Staatsregierung mit der Stadt Köln über die Errichtung einer städtischen Universität, die mit der Unterzeichnung durch Adenauer am 29. Mai 1919 ihren Anfang nahm. Daß sie nicht nur formal städtisch war, kam in der starken Stellung zum Ausdruck, die als oberstes Verwaltungsorgan der Universität das gleichzeitig geschaffene Kuratorium besaß. Unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters gehörten ihm sieben Stadtverordnete an, aus dem Kreise der Universität außer dem Geschäftsführenden Vorsitzenden Professor Eckert nur Rektor und Prorektor. Das Kuratorium hatte das Recht, zu allen Berufungsvorschlägen der Fakultäten an das Ministerium Stellung zu nehmen. Auseinandersetzungen Adenauers mit einem unvermeidlichen Staatskommissar, als welcher damals der Oberpräsident der Rheinprovinz amtete, machen deutlich, wie eifersüchtig die Stadt über ihre Universität wachte.

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Äußere Entwicklung 

Die neue Alma mater bestand aus vier Fakultäten. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät ging aus der Handelshochschule hervor und ist daher in der Reihenfolge der Fakultäten bis heute die erste. Die Akademie für praktische Medizin wurde in eine Medizinische Fakultät umgewandelt, die 1925 um die vorklinischen Fächer ergänzt wurde. 1920 erfolgte die Konstituierung einer Rechtswissenschaftlichen sowie einer Philosophischen Fakultät.

Das erste Jahrzehnt der neuen Universität präsentiert sich als überaus dynamisch. Führende, im besonderen junge Wissenschaftler konnten gewonnen werden, worauf gleich noch näher einzugehen ist. Bis zum Ende der zwanziger Jahre hatte sich die Zahl der Lehrstühle auf 65 verdoppelt, die Studentenzahl stieg auf über 5000. Schon im Jahre 1925 zählte die Kölner Universität in Preußen nach Berlin die meisten Studenten. Auf Deutschland insgesamt gesehen lag sie nach Berlin, München und Leipzig an vierter Stelle.

Sehr hoch war der Anteil der Studenten aus der Mittelschicht der kleineren Kaufleute, Handwerker, Landwirte, mittleren Beamten und Angestellten; er lag etwa 20 % über dem an anderen deutschen Universitäten üblichen Durchschnitt. Die verkehrsgünstige Lage förderte das Fahrstudententum; die Verwurzelung der Studenten in der Stadt war infolgedessen schwächer, als es in kleineren Universitätsstädten der Fall zu sein pflegt. Die sich auch dank dieser günstigen Lagevorteile weit in den Mittelstand erstreckende Breite der gesellschaftlichen Herkunft verband sich am Universitätsort selbst mit einer gewissen Anonymität, wie sie nicht erst für die Gegenwart kennzeichnend ist.

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Bauten 

Was aber aus jener Zeit immer stärker in den Blick fällt, sind die Universitätsbauten. Die mittelalterlich-frühneuzeitliche Stadtuniversität besaß kein repräsentatives Zentralgebäude. Neben Räumlichkeiten, die für einzelne Fakultäten gebaut oder von ihnen lediglich genutzt wurden, wie die Aula Theologica im Hause des Domkapitels, erwarben bzw. bauten die Bursen und andere Kollegialstiftungen größere Gebäude. Sie konzentrierten sich in einem Geviert westlich des Doms.

Dagegen machte sich die neue Universität durch Großgebäude nun auch städtebaulich bemerkbar. 1905-1907 wurde am Südrand der Altstadt ein repräsentativer Bau für die Handelshochschule errichtet, der zunächst dann auch als Universität diente. Doch schon in den zwanziger Jahren erwies er sich als zu klein. 1929 begann man mit einem umfangreichen Neubau im Westen der Stadt innerhalb des großräumig geplanten Grüngürtels. Die Arbeiten wurden 1931 im Gefolge der Weltwirtschaftskrise vorübergehend eingestellt, jedoch schon 1933 wiederaufgenommen und 1935 mit der Einweihung des heute sog. "Hauptgebäudes" vollendet. Die im wesentlichen auf Adenauer zurückgehende Grünanlagenplanung hatte entsprechenden Einfluß auf die Wahl des neuen Standortes.

Eine zusätzliche Orientierungsrichtung boten die westlich gelegenen medizinischen Einrichtungen der Lindenburg, die mit dem Neubau durch eine beidseitig von weiteren Universitätsgebäuden flankierte repräsentative Allee verbunden werden sollte, woraus sich dann ein relativ geschlossenes Universitätsviertel gebildet hätte. Die Grundstücksverhältnisse ließen diesen Plan zwar scheitern, doch konnte er in Kompromißform später, wie noch zu zeigen ist, durchaus wiederaufgenommen werden.

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Das universitäre Selbstverständnis 

Wie die Gründer der von ihnen selbst als "neuartig" bezeichneten Universität von 1919 sie verstanden, sollte sie durch die drei Prinzipien Praxisbezug, Sozialbezug und Pluralismus bestimmt sein. Der Pluralismus sollte zugleich die Verfachlichung und allgemeine Sektorierung der Wissenschaften, aber auch der Gesellschaft überhaupt auffangen. Allerdings mußte gefragt werden, ob der wissenschaftliche und weltanschauliche Pluralismus als solcher dazu in der Lage war, ob man ihn nicht sachlich näher zu bestimmen hätte, wie es z. B. geschah, wenn man die Notwendigkeit klassischer Bildung vertrat. Der Einkapselung, die durch zu starke Fachbetonung zu befürchten stand, suchte man durch ein nachdrücklich gefördertes Studium Generale beizukommen.

Damit sind die wichtigsten Akzente gesetzt, die das Selbstverständnis der neuen Universität und ihr entsprechendes Lehrangebot kennzeichneten und auf das zumindest in einigen exemplarischen Details im folgenden noch etwas näher eingegangen werden soll.

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Praxisorientierung und Allgemeinbildung 

Einen instruktiven Einstieg in die Kölner Problematik bietet schon das Lehrprogramm der Handelshochschule und der sie fortsetzenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Zunächst vermittelte die Handelshochschule vorrangig Nationalökonomie und einschlägige Rechtswissenschaft, das heißt, Fächer und Lehrinhalte, die bereits eine gewisse Tradition hatten, wenngleich unter Zurichtung auf die handelswirtschaftliche Praxis. Als Wissenschaft neu entwickelt wurde die Betriebswirtschaftslehre durch den 1904 nach Köln berufenen Eugen Schmalenbach, der sie als praxisorientierte "Kunstlehre" freilich vom Ideal der reinen Wissenschaft abhob. Sein Schüler Ernst Walb, der 1911-1920 und dann wieder 1926-1945 in Köln lehrte, arbeitete über das betriebliche Rechnungswesen und entwickelte die Bankbetriebslehre. Daneben entfaltete sich verstärkt die Versicherungswissenschaft. Die weitere Verfachlichung zeigte sich, als 1925/26 auf Initiative Schmalenbachs die Betriebswirtschaftslehre in den etatisierten Teildisziplinen Treuhandwesen, Handelsbetriebslehre und Bankbetrieb sowie in einem Betriebswirtschaftlichen Indurstrieseminar und in einem Handelslehrerseminar Ausgestaltung fand.

Andererseits hielten die Einzeldisziplinen engen Kontakt mit der außeruniversitären Praxis. Forschungsinstitute verschiedenster Art entstanden, die jene Brücke von der Lehre zur Praxis und wieder zurück schlugen. Die wachsende Bedeutung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften spiegelte sich auch in der Öffnung anderer Fakultäten, wie sie etwa in der Entwicklung des Handels- und Industrierechts, des Arbeitsrechts, des Bank- und Börsenrechts innerhalb der Rechtswissenschaftlichen Fakultät zum Ausdruck kam. Wirtschaftsgeschichte und Politikwissenschaft lenkten desgleichen auf Zusammenhänge über das Fachliche hinaus. 1917 wurde in Köln der erste deutsche Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte eingerichtet.

Mit Interesse liest man, daß schon das Lehrprogramm der Handelshochschule um allgemeine Geisteswissenschaften ergänzt wurde. Von Anfang an gab es Professuren für Französische und Englische Sprache und Literatur, die also nicht nur wirtschaftssprachlich orientiert waren, und seit 1914 auch für Philosophie und Ästhetik. Diese Vorlesungen, die "publice" gehalten wurden, legte man bewußt in die Abendstunden. Den allgemeinbildenden historischen, philologischen und philosophischen Themen kam nachdrücklich vertretene Bedeutung zu. Indem sie für breitere Kreise auch außerhalb der Universität gedacht waren, erinnern sie an Volkshochschultendenzen. Es ist nicht zufällig, daß Paul Honigsheim, ein Pionier der Volkshochschulbewegung, seit 1927 in der Philosophischen Fakultät eine Professur für Philosophie, Soziologie und Sozialpädagogik besaß, nachdem ihm Adenauer schon 1920 hauptamtlich die Leitung der Kölner Volkshochschule übertragen hatte. Ins Leben gerufen wurde sie im übrigen von dem Soziologen Leopold von Wiese, der zu den führenden Köpfen der Handelshochschule und sodann der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zählte.

Er gehört zu den Begründern der sich von den Bindungen an Sozialphilosophie, Nationalökonomie und Psychologie lösenden und sich als eigene Disziplin konstituierenden Soziologie. In seiner Kölner Universitätsrede von 1919 betonte er, daß die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät "in erster Linie die gradlinige Fortsetzung der Handelshochschule" sei. Wenn jedoch der bisherige Hauptakzent auf der Berufsausbildung gelegen habe, so wolle man sich nun stärker der persönlichen Bildung widmen; damit erst werde man in der Lage sein, das Testament Mevissens zu erfüllen. Privatwirtschaftslehre und Soziologie hätten Eckpfeiler der neuen Fakultät zu sein.

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Gesellschaftliche Einbindung 

Die hier apostrophierte Persönlichkeitsbildung wurde dementsprechend in zahlreichen damaligen Äußerungen und Erläuterungen immer wieder als im weitesten Sinne "soziale", nicht also als klassisch-individuelle gefordert. Nachdem schon 1912 die Hochschule für kommunale und - eben bezeichnenderweise: "soziale" - Verwaltung gegründet worden war, stellte die Stadt 1918 die notwendigen Mittel für die Errichtung eines Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften bereit. Es gliederte sich in eine Soziologische Abteilung, deren Direktoren Leopold von Wiese und der Philosoph Max Scheler wurden (der zu den dominierenden Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens in den zwanziger Jahren gehörte), in eine der Soziologischen Abteilung zur Seite tretende Sozialpolitisch-Kommunalpolitische unter der Leitung des Sozialdemokraten Hugo Lindemann sowie in eine Sozialpolitisch-Sozialrechtliche unter Theodor Brauer, welcher der katholischen Soziallehre verpflichtet war. Beide wurden nach 1933 abgesetzt bzw. zur Aufgabe ihrer Ämter gezwungen. Lindemann bezog u. a. Frauenforschung in seine Studien ein, veröffentlichte z. B. eine Enquête "über das Berufs- und Lebensschicksal der weiblichen Angestellten".

Die politisch-weltanschauliche Zuordnung dieser Gelehrten erfolgt hier ganz bewußt, weil sie Adenauers entsprechende Auffassung von der "modernen" Kölner Universität wiedergibt, daß sie nämlich pluralistisch die herrschenden Strömungen der Zeit zu repräsentieren habe, die liberale, die sozialdemokratische und die katholische. Immer wieder beschwor er den "weltanschaulichen Pluralismus", der sich in der neuen Kölner Universität niederzuschlagen habe.

Das entsprach natürlich dem grundsätzlichen Bestreben nach gesellschaftlicher Einbindung. Doch ergab sich zugleich die Frage nach der Beeinträchtigung der Wissenschaftlichkeit, die sich im Gefolge einstellen konnte. Die lebhafte Diskussion lief letzten Endes darauf hinaus, daß sich bei kluger Austarierung der politischen Kräfte eine wissenschaftlich läuternde und traditionsbildende Toleranz entwickeln werde, die, wenngleich oft nur verdeckt, in der neuen Universität bis in die Gegenwart hinein fortlebt.

Beim Blick auf die Anfänge dieser Kölner Entwicklung sticht ein damaliges Schlagwort hervor, das gerade in seiner Zeitgebundenheit griffig war, nämlich die sog. "soziale Frage". Sie konnte für eine sich auf sie einrichtende Gestaltung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, der Rechtswissenschaft und auch der Medizin wegweisend sein. Allerdings nicht für den universitären Fächerkanon insgesamt. Im besonderen die Naturwissenschaften, aber auch manche geisteswissenschaftlichen Disziplinen der klassischen Philosophischen Fakultät mußten somit außerhalb des vordringlichsten Interesses liegen. Man scheute sich regelrecht vor der Bezeichnung "Philosophische Fakultät" und sprach zunächst vornehmlich von einer "Kulturwissenschaftlichen Fakultät", was ohne Zweifel besser in das Grundkonzept paßte. "Alte Philologie" - so hieß es in einer Denkschrift - "alte Geschichte und Archäologie, reine Mathematik und dergleichen mehr" wollte man im Hinblick auf deren Pflege in Bonn an der Kölner Universität zurücktreten lassen. Damit war ein Grundgedanke der klassischen Universität, nämlich das Streben nach Universalität, aufgegeben. Doch man merkte dazu an, daß wohl gerade umgekehrt viele neue Wissenschaftsbereiche von den Universitäten bislang nicht berücksichtigt worden seien.

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"Klassische Bildung" 

Die Problematik zeigte sich an der Klassischen Philologie. Von dem auf der Berufungsliste 1922 Zweitplazierten, dem in Basel lehrenden Johannes Stroux, hieß es in der Begründung, er sei "als Lehrer in Volkshochschulvorträgen ... eifrig und mit Erfolg tätig" gewesen. Der Berufene, Joseph Kroll, einflußreich als Kölner Rektor nach 1945, äußerte 1964 in einem Rückblick ironisch, man habe von ihm 1922 "bessere Unterhaltungsvorlesungen über die Antike" erwartet. Kroll war Gräzist. Zunächst sollte es mit ihm genug sein. Durch die Einrichtung eines dennoch weiteren Lehrstuhls mit Schwergewicht auf dem Lateinischen wurde die Klassische Philologie nun aber auch in Köln so ausgebaut, wie es an den älteren Universitäten üblich war. Berufen wurde der streng philologisch ausgerichtete Günther Jachmann, womit die sog. "kulturwissenschaftliche" Konzeption denn wohl aufgegeben wurde. Immerhin kam auf den althistorischen Lehrstuhl Johannes Hasebroek, der sich in besonderer Weise der antiken Wirtschaftsgeschichte annahm.

Die in Köln geführte bildungstheoretische Diskussion hat ihren bildungsgeschichtlichen Ort innerhalb eines größeren Verständnisrahmens jener Zeit. In Korrektur zu Humboldts Grundprinzipien der Bildung, als da seien: Individualismus, Totalität, Universalität, erklärte der Bildungswissenschaftler Georg Kerschensteiner: "Der Weg der Bildung geht über die Arbeit". Ähnlich Eduard Spranger: "Der Weg zur höheren Allgemeinbildung führt über den Beruf und nur über den Beruf." Umgekehrt die idealistische Universitäts- und Bildungskonzeption, bei der die Allgemeinbildung am Anfang steht. Trotz dieser Umkehrung geht es beiden darum, die Allgemeinbildung zu retten. Humanistische und technisch-ökonomische Bildung sollten also miteinander versöhnt werden. Dabei nehmen nach Auffassung der "neuartigen" Universität die Sozialwissenschaften mit offensichtlich integrativer Wirkkraft eine Schlüsselstellung ein.

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Die Zeit des Nationalsozialismus 

Die Kölner Spezifika waren allerdings zu Beginn der dreißiger Jahre dabei, sich abzuschleifen, als der Nationalsozialismus alle Diskussionsstränge brutal durchschnitt. Es erstaunt, wie gering die Abwehrkräfte waren, die von der Kölner Universität dem Nationalsozialismus entgegengestellt wurden, obwohl sie ihrer Intention und Struktur nach zu den demokratischsten Institutionen der Zeit gehörte. Sie war sogar die erste, die sich 1933 "gleichschalten" ließ und ei-nen opportunistischen Führungswechsel betrieb, wenngleich in der Absicht, dadurch zu retten, was vielleicht zu retten wäre.

In der Tat gelang es ihr auf diese Weise denn auch, sich in einen gewissen Windschatten zu flüchten, der sie die Stürme der nächsten zwölf Jahre passabler als manch andere Universität überstehen ließ. Die Zahl der entlassenen Professoren lag mit etwa 20 % zwar über dem deutschen Durchschnitt; zwei Professoren zahlten für ihre Gesinnung mit dem Leben: der Ordinarius für Sozialpolitik Benedikt Schmittmann und der Mittellateiner Goswin Frenken. Bezeichnend für das damalige Kölner Klima ist jedoch, daß die Rückrufbriefe, die nach dem Kriegsende durch die Dekane im Auftrag ihrer Fakultäten an die vertriebenen Kollegen ergingen, lediglich in einem nachweisbaren Fall ein ablehnend-negatives Echo fanden, wenngleich nur wenige tatsächlich zurückgekehrt sind.

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Wiederaufnahme der Grundsatzdiskussion über die Aufgaben der Universität nach 1945 

Die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus ließen nach 1945 die Grundsatzdiskussion wieder aufleben, welchen Charakter die Universität zu besitzen habe. Die Spannungsproblematik der Zeit vor 1933 war den Wiederaufbauenden von 1945 natürlich noch präsent. Beide Zielrichtungen von damals wurden erneut formuliert und im Unterschied zu früher durchaus kämpferisch gegeneinander aufgebaut.

Die zunächst am stärksten prägende Gestalt war der schon genannte Gräzist und jetzt erste Nachkriegsrektor Joseph Kroll. Er machte kein Hehl aus seiner Ablehnung der "praxisorientierten", "neuen" Universität von 1919. "Ich befand mich", so äußerte er zu den zwanziger Jahren, "an einer Universität, deren immenses Leben ich täglich spürte. Einer Universität aber, die von den Humaniora nichts wissen wollte." Doch die Universität sei nun einmal keine Fachschule. Vielmehr sollten die Studenten zum "Ideal des reinen Menschentums" "auf dem akademischen Wege herangebildet werden." "Es ist im Griechentum konzipiert worden, hat mit seiner schöpferischen Kraft das Abendland gestaltet, auf ihm beruht die Kultur der Menschheit." "Dafür mit allen Kräften zu arbeiten, ist die besondere Aufgabe unserer Universität."

Diese Gedankengänge entsprachen einer nach 1945 gängigen Interpretation des seit 1933 Geschehenen aus der Geschichte heraus: Die Abwendung von der auch durch Kroll beschworenen antik-christlichen oder, zusammengefaßt, "abendländischen Tradition" habe zur Barbarei des Nationalsozialismus geführt.

Man bezeichnet die damit verbundenen Zielsetzungen der Nachkriegsjahre als "restaurativ". Dieser Begriff ist keineswegs bloß diffamierendes Plakat der kritischen Gegenseite. Kroll selbst sagt nämlich, es sei nicht um Wiedererziehung in diesem oder jenem Sinne gegangen, "sondern" um "Restauration". Er wandte daher - da "restauratio" ja Wiedererneuerung bedeute - das uns aus der Kölner Universitätsgeschichte inzwischen geläufige Epitheton "neu" nunmehr auf die Universität der Nachkriegszeit an: "Die neue Universität hat ein ganz anderes Gesicht ... als zu Anfang des Jahrhunderts." Andererseits war sie aber noch einmal in starkem Maße der Humboldtschen Universalität verpflichtet. Von dieser Position aus lehnte Kroll z. B. 1953 die Teilung der Philosophischen Fakultät in eine Philosophische und eine Mathematisch-Naturwissenschaftliche lebhaft ab. Solcherart Spezialisierung habe die "neue" Universität entgegenzuwirken.

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Auswirkungen auf die wissenschaftliche Entwicklung 

In dieser universalen Tradition ortete man vor allem auch das Mittelalter. So nimmt es nicht wunder, wenn man es stärker im Lehrprogramm berücksichtigt wissen wollte, als es schon in den zwanziger Jahren der Fall war. Verschiedene, teilweise sehr heterogene Gründe hatten es damals zu keiner Katholisch-Theologischen Fakultät kommen lassen, die ja, der allgemeinen Zielsetzung entsprechend, etwa pastoralpraktisch hätte gewichtet werden können, zumal die katholische Weltanschauungskomponente das skizzierte Farbenspektrum mitgestaltete. 1947 kam es statt dessen zu einem neuen Lehrstuhl für mittelalterliche Philosophie samt Gründung eines sie besonders pflegenden und bis heute blühenden Thomas-Instituts.

Wenn seine Einrichtung durch den sozialdemokratischen Kölner Bürgermeister Görlinger damals auf einer Kuratoriumssitzung mit der Bemerkung abgelehnt wurde, was eine solche Gründung denn solle; gehe sie doch von einer Einstellung aus, "die sich vor den Notwendigkeiten des heutigen Lebens verschließe", so versetzt uns der Grundton der Diskussion unschwer in die zwanziger Jahre, an die hier offenkundig angeknüpft wurde. Und so machten denn beide Seiten im Geiste des Pluralismus ein Geschäft ab: Die einen billigten nun ebenfalls die Mediävistik, wofür die anderen auf derselben Sitzung einem Ordinariat samt Seminar für Politische Wissenschaften zustimmten. Und um die Sache gut "kölsch" zu machen, berief man auf diesen Lehrstuhl zwar den Zentrumsreichskanzler Heinrich Brüning. Doch im gleichen Jahre 1947 errichtete man in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein "Forschungsinstitut für Sozial- und Verwaltungswissenschaften", mit dem ausdrücklich das 1934 aufgelöste "Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften" wiederbelebt werden sollte; in Fortsetzung des Usus der zwanziger Jahre wurde es politisch von der Kölner Sozialdemokratie gestützt.

In der Universität war der Jurist Hans-Carl Nipperdey ihr wichtigster Förderer, Mitbegründer der modernen Arbeitsrechtswissenschaft und seit 1954 erster Präsident des Bundesarbeitsgerichts in Kassel, im Kölner Lehrkörper der große Gegenspieler von Joseph Kroll. Mit ihm und mit Nipperdey standen sich zwei Universitätspolitiker gegenüber, die zwar zwei recht unterschiedliche, für die Kölner Universität insgesamt indessen überaus charakteristische Traditionen repräsentierten. Das Miteinander beider Positionen gab der Kölner Universität nicht nur weiterhin Profil, sondern wirkte in deren wechselseitigem Ausgleich, wie "1968" offenkundig wurde, auch allgemein stabilisierend, nicht also sprengend.

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Äußere Entwicklung in der Nachkriegszeit 

Nach einjähriger Unterbrechung wurde die Universität durch Erlaß der Britischen Militärregierung vom 24. Oktober 1945 wiedereröffnet, am 26. November wurde mit den Vorlesungen begonnen. Bereits im August hatte eine Personalkommission der Professoren Richtlinien für die politische Beurteilung des Universitätspersonals ausgearbeitet. Die Entnazifizierung umfaßte auch die Studenten; sie wurden erst immatrikuliert, wenn sie einen politischen Unbedenklichkeitsausweis vorweisen konnten. Ohne eine entsprechende Bestätigung der Militärregierung durfte keine Bescheinigung über bestandene Prüfungen ausgestellt werden.

Insgesamt wurden die dreißiger und vierziger Jahre als eine Art Intermezzo wohl zu leicht vergessen. Die Nachkriegsgeschichte ist auch in Köln von demselben hektischen Ausbau bestimmt, über den man in historischen Darstellungen auch anderer deutscher Universitäten regelmäßig nachlesen kann. Die Studentenzahl war 1935 in nationalsozialistischer Zeit auf 2300 begrenzt worden. Beim Wiederbeginn 1945/46 wurden zunächst 1450, im folgenden Semester sodann wieder 2300 Studenten zugelassen. Diese Zahl wuchs bis 1950 auf 5000. 1960 hatte man schon fast 14 000 erreicht. Zehn Jahre später zählte man 19 000. Allein im letzten Jahrzwölft ist die Zahl von 48 000 im Jahre 1985 auf 62 000 im Jahre 1997 gestiegen und ließ Köln in Konkurrenz mit der Universität München um den ersten Platz in der Bundesrepublik treten.

Eine sprunghafte Steigerung erfolgte 1980 durch die Angliederung der beiden in Köln ansässigen Abteilungen der Pädagogischen Hochschule Rheinland als Erziehungswissenschaftliche bzw. als Erziehungswissenschaftlich-Heilpädagogische, seit 1987 Heilpädagogische Fakultät, wodurch sich die Studentenzahl außerhalb des kontinuierlichen Wachstums zusätzlich erhöhte. Besonders die letztgenannte Fakultät zeigt eine überdurchschnittlich hohe Entwicklung der Studentenzahl; von 1985 bis 1997 stieg sie um 130 %. An zweiter Stelle folgt ihr mit 63 % Steigerung in derselben Zeit die Philosophische Fakultät, die es inzwischen als überhaupt stärkste Fakultät auf mehr als 20 000 gebracht hat, während die Zahl der Mediziner sich andererseits um etwa 22 % auf knapp über 3500 verringerte.

Alle diese Zahlen sind zusätzlich vor dem Hintergrund des Numerus clausus zu sehen, der immer mehr Studiengänge erfaßt. Über 12 000 Bewerbungen um einen Studienplatz an der Kölner Universität mußten im Wintersemester 1997/98 abschlägig beschieden werden. Mit 54 zulassungsbeschränkten Studiengängen nimmt sie eine Spitzenstellung in der Bundesrepublik ein. Um über 100 % ist in den letzten zwölf Jahren auch die Zahl der ausländischen Studenten gestiegen; sie beträgt bereits knapp 6000.

Die Entwicklung des Lehrkörpers folgte den Studentenzahlen mit gewissen Abweichungen. Bei Kriegsende gab es 86 planmäßig etatisierte Professoren. Nachdem man 1945 mit zunächst 46 Professoren begonnen hatte, wurde die frühere Zahl 1948 wieder erreicht. Die 5000 Studenten, die 1950 immatrikuliert waren, konnten die Lehrveranstaltungen von 125 beamteten Professoren nutzen, das heißt: Ein Professor betreute im Schnitt 40 Studenten. Für die 19 000 Studenten im Jahre 1970 gab es zwar 270 hauptamtliche Professoren, aber auf jeden von ihnen entfielen nunmehr etwa 70 Studenten. Für 1985 ergibt sich dann mit 528 Professoren eine Relation von 1:91, und die 62 000 Studenten von 1997 verteilen sich auf 527 Professoren im Verhältnis 1:117, während der Bundesdurchschnitt bei 1:55 liegt. Mit einer Auslastung von über 300 % hat die Kölner Universiät die bundesweit höchste Überlastquote.

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Bauliche Expansion 

Die Expansion der Universität wird äußerlich am sichtbarsten durch ihre bauliche Entfaltung. Die ursprüngliche Großplanung mit Einschluß der Lindenburg ließ sich, wie schon gesagt, nicht verwirklichen. Statt dessen wurde dem Hauptgebäude, das in nördlicher Richtung schon 1956-1960 durch einen Annexbau für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät erweitert worden war, nach Westen hin ein Forum vorgelagert, das 1964-68 durch ein neues Hörsaalgebäude, 1971-74 durch ein Philosophikum für die immer mehr Raum beanspruchende Philosophische Fakultät umrahmt wurde. Südlich des Hörsaalgebäudes schloß die 1968 fertiggestellte neue Universitäts- und Stadtbibliothek eine gartenarchitektonisch durchgestaltete Grünfläche ab, die den schonenden Umgang mit der Grüngürtelkonzeption zeigt. Die 1968-1975 errichteten Physikalischen und Chemischen Institute sind, wieder näher zur Stadt hin orientiert, ebenfalls in Grünanlagen eingebettet wie auch die nunmehr neugestaltete Mensa. Es dürfte keine deutsche Großstadt-Universität geben, die einen derart aufgelockerten und dennoch stadtnahen Campus vorweist.

Weiter westlich bildet das umfangreiche Klinikareal, dominiert von dem 1974 bezugsfertigen Bettenhaus des Zentralklinikums, einen städtebaulichen Kontrapunkt und trägt so zur Prägung des gesamten Stadtteils Lindenthal bei, der eine Reihe weiterer Universitätsbauten wie vor allem für die Erziehungswissenschaftliche und für die Heilpädagogische Fakultät vorweist. Eben hier finden sich auch zahlreiche Studentenwohnheime, die darüber hinaus teilweise, wie das größte in Efferen, weiter außerhalb liegen.

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Von der Stadt- zur Landesuniversität 

Das Jahr 1945 brachte für die Universität keine größeren organisatorischen Umbrüche. Am 7. Mai 1946 konstituierte sich das Kuratorium auf seiner ersten Sitzung nach dem Kriege unter Leitung des Kölner Oberbürgermeisters und wurde dann auch personalpolitisch recht aktiv.

Freilich zeichnete sich schon rasch die Belastung ab, die der Stadt mit dem Neuaufbau und den Ansprüchen einer modernen Universität aufgebürdet werden müßten. Noch stellte der Oberbürgermeister auf einer Kuratoriumssitzung am 14. Mai 1947 fest, es wolle sich wegen eines Zuschusses an die Universität nicht an die nordrhein-westfälische Landesregierung wenden, um so die Selbständigkeit der städtischen Einrichtung zu erhalten. Doch das ließ sich nicht durchhalten. Am 20. Juli 1948 gab Bürgermeister Görlinger im Kuratorium bekannt, seine sozialdemokratische Fraktion im Stadtrat habe beantragt, das Land solle die Universitätskosten wenigstens teilweise übernehmen, wenngleich der Senat der Universität sich wenige Tage später dafür aussprach, daß die Stadt Finanzträger bleibe.

Nachdem im Juli 1950 das Finanzministerium Mittel für den Neubau einer Orthopädischen Klinik in Aussicht gestellt hatte, beauftragte das Kuratorium am 7. August 1950 den Kölner Oberstadtdirektor, Verhandlungen mit der Landesregierung aufzunehmen, um den Staatsvertrag von 1919 hinsichtlich der finanziellen Beteiligung des Landes an den wachsenden Kosten entsprechend anzupassen. Verhandlungen zwischen Vertretern der Landesregierung, der Stadt und der Universität von Januar bis Anfang Mai 1952 führten zu der Vereinbarung, daß die Universität mit Wirkung vom 1. April 1953 in den Haushaltsplan des Landes aufgenommen werde und die Stadt 50 % des jährlichen Zuschußbedarfs an das Land zahle. Die offizielle Übernahme durch das Land erfolgte am 1. April 1954 mit Wirkung vom 1. April 1953.

Eine ergänzende Vereinbarung vom 24. Oktober 1960 sah vor, daß das Land in den nächsten fünf Jahren, jährlich um 10 % steigend, den gesamten Zuschußbedarf für die laufenden Kosten der Universität übernahm. Dafür übereignete die Stadt der Universität weiteren Grundbesitz zur Errichtung neuer Institutsbauten. Sie verpflichtete sich ferner, 20 % des Zuschußbedarfs der Universitätskliniken zu tragen.

Das Kuratorium wurde um den Regierungspräsidenten als Vertreter des Landes ergänzt. Den Vorsitz hatte weiterhin der Oberbürgermeister. Stadt und Stifter blieben durch mehrere Vertreter im Kuratorium präsent.

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Die Einzelfächer im Fächerkosmos 

Inneruniversitär bildete die bemerkenswerteste organisatorische Veränderung die - wie schon angedeutet - erst nach einer Grundsatzkontroverse erfolgte Teilung der Philosophischen Fakultät in eine Philosophische und eine Mathematisch-Naturwissenschaftliche seit 1. April 1955.

Das Fächerangebot wurde vom 1. April 1980 an mit der schon erwähnten Eingliederung der beiden Kölner Abteilungen der Pädagogischen Hochschule Rheinland als Erziehungswissenschaftliche bzw. Erziehungswissenschaftlich-Heilpädagogische, seit 1987 Heilpädagogische Fakultät, erweitert. Die bei dieser Gelegenheit diskutierte Von-Fach-zu-Fach-Zuordnung wurde aus denselben Gründen abgelehnt wie die an fast allen anderen Universitäten erfolgte Zerschlagung der Fakultäten in Fachbereiche. Die Einbettung auch der exzellent vertretenen Fachwissenschaften in größere wissenschaftliche Zusammenhänge wird in Köln mit Nachdruck ebenso betrieben und gefördert wie die schon zur Tradition gewordene Verbindung der Universität mit der außeruniversitären Praxis, die sich in "angegliederten" Instituten realisiert.

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"1968" 

Die Jahreszahl "1968" verbindet sich in der Geschichte der einzelnen Universitäten in der Regel mit Umbrüchen, die historische Zäsuren zur Folge hatten und manche von ihnen mit bis heute fortwirkenden Schäden gebeutelt und geschwächt haben. Nicht so in Köln. Auch hier gab es 1968 eine Rektoratsbesetzung, der sich in den folgenden Jahren weitere Übergriffe auf einzelne Institute und Ausschreitungen gegen Professoren bis zu einem tätlichen Angriff auf den Rektor anschlossen. Standfestigkeit, Konsequenz, Vernunft und nicht zuletzt die kompromißoffene kölnische Mentalität konnten bereits im Jahresbericht des Rektors von 1971 den Rückgang unnötiger inneruniversitärer Provokationen als ersten Erfolg verbuchen lassen. Die Universität hatte sich als stabil erwiesen.

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Spitzenforschung 

Die jüngste Weiterentwicklung der fachlichen Breite gebührend würdigen hieße an dieser Stelle eine überlange Zahl von Institutionen und Projekten aneinanderreihen, die den politischen und technologischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte ebenso Rechnung tragen, wie sie der Tradierung unserer Zivilisation verpflichtet sind. Ich nenne mehr willkürlich die Biowissenschaften, Umwelt- und Weltraumforschung, Afrikaforschung, Informatik, moderne Sinologie, Lateinamerikanische Regionalwissenschaft, Europaforschung. Der Kölner Chemiker Kurt Alder erhielt 1950 den Nobelpreis für Chemie. Die Breite sei exemplarisch angedeutet, indem einerseits das Genetische Institut als Bestandteil des Kölner Genforschungs-Zentrums genannt wird (es gibt deren nur wenige in der Bundesrepublik), andererseits die Erschließung unveröffentlichter Papyri der ägyptisch-römischen Antike im Institut für Altertumskunde. Daß die Kölner Forschung über die Spezialisierung hinaus auch institutionell wissenschaftsprägend geworden ist, zeigt die Einrichtung des ersten deutschen Graduierten-Kollegs, die 1985 eben in Köln erfolgte und Bedeutung als Modell erhielt.

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Gegenwart und Rückblick 

Allerdings sei nicht verkannt, daß die Kölner Universität, wie alle großen Universitäten, auch eine andere Seite hat, die aber ein allgemeines Signum ausufernder moderner Massenuniversitäten ist, daß nämlich die akademische Individualität bis zur Unkenntlichkeit in einer anonymisierenden Masse zu verkommen droht und sie selbst nur noch ein Dienstleistungsbetrieb ohne charakteristisches Profil ist, wenngleich auch jetzt noch auf hervorragendem Niveau. Aber bereits die Kölner Universität des Mittelalters hat belehrt, daß es in Köln kaum etwas anderes als eine große Universität geben könne, und zwar unter ungeniertem Bekenntnis hierzu.

Um so denn zu dem entsprechend guten Schluß zu kommen: Ohne Zweifel lebt die Attraktivität der Universität seit dem Mittelalter von der Attraktivität dieser großen Stadt, und insofern gehören beide auch weiterhin eng zusammen.

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Zum Weiterlesen 

Zur wissenschaftlichen Erschließung und Darstellung der Kölner Universitätsgeschichte.

  • Kölner Universitätsgeschichte. Herausgegeben von der Senatskommission für die Geschichte der Universität zu Köln. Band I. Die alte Universität, von Erich Meuthen. Band II. Das 19. und 20. Jahrhundert, von Bernd Heimbüchel und Klaus Pabst. Band III. Die neue Universität. Daten und Fakten, unter Mitarbeit von Karl-Heinrich Hansmeyer, Friedrich-Wilhelm Henning, Manfred Kops, Bernd Kranski, Peter Lauf, Hannelore Ludwig, Peter Peil herausgegeben von Erich Meuthen, Köln, Wien 1988.
  • Älteste Stadtuniversität Nordwesteuropas. 600 Jahre Kölner Universität. Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln 4. Oktober bis 14. Dezember 1988, Köln 1988 (Zusammenstellung der Ausstellung, Katalogtext: Manfred Groten).
  • Die Matrikel der Universität Köln, bearbeitet von Hermann Keussen. Erster Band 1389-1475, 2. verm. u. erw. Auflage, Bonn 1928. Zweiter Band 1476-1539, Bonn 1919 (Nachdruck beider Bände, Düsseldorf 1979). Dritter Band. Nachträge 1389-1559 und Register zu Band I und II, Bonn 1931. Vierter Band 1559-1675 und Fünfter Band 1675-1797, vorbereitet von Hermann Keussen, bearbeitet von Ulrike Nyassi und Mechtild Wilkes, Düsseldorf 1981. Sechster Band und Siebenter Band, Register 1559-1797, vorbereitet von Hermann Keussen und Philipp Nottbrock, bearbeitet von Manfred Groten und Manfred Huiskes, Düsseldorf 1981 (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde VIII).
  • Hermann Keussen, Die alte Universität Köln. Grundzüge ihrer Verfassung und Geschichte, Köln 1934.
  • Festschrift zur Erinnerung an die Gründung der alten Universität Köln im Jahre 1388, Köln 1938.
  • Rainer Christoph Schwinges, Deutsche Universitätsbesucher im 14. und 15. Jahrhundert, Stuttgart 1986; darin S. 221-486: Universitätsbesuch in Köln.
  • Frank Rexroth, Deutsche Universitätsstiftungen von Prag bis Köln, Köln, Weimar, Wien 1992.
  • Hans-Jürgen Becker, Die Entwicklung der juristischen Fakultät in Köln bis zum Jahre 1600, in: Der Humanismus und die oberen Fakultäten (Mitteilung XIV der Kommission für Humanismusforschung), Weinheim 1987, S. 43 - 64.
  • Markus Bernhardt, Gelehrte Mediziner des späten Mittelalters: Köln 1388-1520. Zugang und Studium ? Cay-Rüdiger Prüll, Die "Karriere" der Heilkundigen an der Kölner Universität zwischen 1389 und 1520 in: Gelehrte im Reich. Hg. von Rainer Christoph Schwinges (Zeitschrift für Historische Forschung. Beiheft 18), Berlin 1996, S. 113-158.
  • Günther Binding und Georg Müller, Die Bauten der Universität zu Köln, Köln 1988.
  • Studien zur Geschichte der Universität zu Köln. Herausgegeben von der Senatskommission für die Geschichte der Universität zu Köln, Köln, Wien 1985, Band 1: Margaret Asmuth, Die Studentenschaft der Handelshochschule Köln 1901 bis 1919 (1985); Band 2: Naturwissenschaften und Naturwissenschaftler in Köln zwischen der alten und der neuen Universität (1798-1919), hg. von Martin Schwarzbach (1985); Band 3: Rolf Ortmann, Die jüngere Geschichte des Anatomischen Instituts der Universität zu Köln 1919-1984 (1986); Band 4: Jochen Bolten, Hochschulstudium für kommunale und soziale Verwaltung in Köln 1912-1929 (1987); Band 5: Luitwin Mallmann, Französische Juristenausbildung im Rheinland 1794-1814 (1987); Band 6: Betriebswirte in Köln, hg. von Friedrich-Wilhelm Henning (1988); Band 7: Kölner Volkswirte und Sozialwissenschaftler, hg. von Friedrich-Wilhelm Henning (1988); Band 8: Frank Golczewski, Kölner Universitätslehrer und der Nationalsozialismus (1988); Band 9: Handelsakademie - Handelshochschule - Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, hg. von Friedrich-Wilhelm Henning (1990); Band 10: Humanismus in Köln, hg. von James V. Mehl (1991); Band 11: Peter Lauf, Jüdische Studierende an der Universität zu Köln 1919-1934 (1991); Band 12: Hannelore Ludwig, Die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Lehre in Köln von 1901 bis 1989/1990 (1991); Band 13: Götz-Rüdiger Tewes, Die Bursen der Kölner Artisten-Fakultät bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts (1993); Band 14: Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (1996); Band 15: Dorothea Fellmann, Das Gymnasium Montanum in Köln 1550-1798 (1999).
  • 600 Jahre Kölner Universität 1388/1988. Reden und Berichte zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Universität, hg. von Karl-Heinrich Hansmeyer und Friedrich-Wilhelm Henning, Köln 1989.

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