zum Inhalt springen

Die Wahl sprachlicher Ausdrücke

Linguist, Feldforscher, Radfahrer – es gibt viele Bezeichnungen, die auf Nikolaus Himmelmann zutreffen und genau hier liegt der aktuelle Forschungsschwerpunkt des seit 2010 an der Universität zu Köln tätigen Professors für Allgemeine Sprachwissenschaft: welche sprachlichen Ausdrücke wählt man in einem gegebenen Kontext und warum?

Für seine herausragenden Leistungen in der Forschung ist Professor Himmelmann in diesem Jahr mit dem Leo-Spitzer-Preis der Universität zu Köln in den Geisteswissenschaften ausgezeichnet worden. Im Interview erläutert er seinen Forschungsansatz, die interdisziplinäre Vernetzung an der Uni Köln und seine Tätigkeit im Ausland.

Das Interview führten Svenja Rausch und Nina Maria Kohl



Herr Professor Himmelmann, Sie sind Experte auf dem Gebiet der Linguistik. Wo liegt aktuell Ihr Forschungsschwerpunkt?

Die Grundfrage der Allgemeinen Sprachwissenschaft lautet: Welche Strukturoptionen gibt es in den Sprachen der Welt? Wie sind diese verteilt? Wie sind sie motiviert bzw. wie sind sie entstanden? Antworten auf diese Fragen lassen Rückschlüsse zu auf kognitive und soziale Fähigkeiten und Präferenzen des Menschen sowie über den Verlauf der Menschheitsgeschichte.

Aktuell liegt unser Forschungsschwerpunkt auf Auswahlprozessen sowohl in einer Mikro- wie einer Makroperspektive. Makro: Wenn zu einem gewissen Zeitpunkt mehrere Ausdrucksoptionen zur Verfügung stehen (z. B. während des Konzerts oder während dem Konzert), warum setzt sich auf Dauer eine davon durch? Mikro: In einer Konversation gibt es zu jedem Zeitpunkt verschiedene Möglichkeiten, den nächsten Beitrag zu gestalten. Zum Beispiel kann man eine bestimmte Person als meine Nachbarin, die Frau mit dem Hund, sie usw beschreiben. Welche Formulierung wählt man wann warum?



Interdisziplinarität ist auch in der Linguistik sehr wichtig. Welche Forschungsdisziplinen berühren speziell Ihre Forschung?

Die Sprachwissenschaft ist eine Schnittstellenwissenschaft par excellence und kooperiert mit praktisch allen großen Wissenschaftsbereichen: Die Physik (Naturwissenschaften) wird relevant, wenn es um die Eigenschaften von Schallwellen geht, mit denen sprachliche Signale transportiert werden.

Mit den Lebenswissenschaften kooperieren wir, wenn es um die Physiologie des Sprechapparats oder die Verarbeitung von Sprache im Hirn geht (da insbesondere auch Sprachstörungen vielfältiger Art). Mit der Psychologie teilen wir Interessen am Spracherwerb als Entwicklungsprozess und an der Sprachverarbeitung als kognitiver Leistung. Soziologie und Anthropologie helfen uns, die gesellschaftlichen und kulturellen Funktionen von Sprache zu erfassen, wie umgekehrt sprachliches Verhalten wichtige Hinweise auf gesellschaftliche und kulturelle Strukturen und Praktiken liefert.

In jüngster Zeit versuchen wir mit Genetikern, durch Anwendung bioinformatischer (phylogenetischer) Methoden auf sprachliche Daten zu neuen Einsichten zur Entwicklung menschlicher Sprachen in Raum und Zeit zu kommen.



Ihre Forschung betreiben Sie nicht nur hier in Köln, sondern vergleichend über Kontinente hinweg. Wo haben Sie zuletzt international geforscht und was war Gegenstand der Feldforschung?

vergrößern:
Pendler-Dasein in Westpapua. Professor Himmelmann auf dem Weg zur Arbeit.





Foto: Sonja Riesberg

vergrößern:
Professor Himmelmann mit dem Forschungsteam des Center for Endangered Languages Documentation der UNIPA Manokwari (Westpapua).

Foto: Sonja Riesberg

vergrößern:
Feldforschung bei Kerzenschein. Himmelmann arbeitet an der Dokumentation der über 250 noch gesprochenen, aber unbekannten Sprachen in Westpapua.

Foto: Sonja Riesberg

Ich arbeite seit einigen Jahren in West-Papua, dem politisch zu Indonesien gehörenden Teil der großen Insel New Guinea. Zusammen mit Yusuf Sawaki, einem Kollegen an der dort ansässigen Universitas Negeri (UNIPA) Manokwari, habe ich dort 2009 das Center for Endangered Languages Documentation gegründet. Dort arbeiten Kölner Doktoranden und Postdoktoranden zusammen mit einheimischen ForscherInnen und Studierenden an der Dokumentation der über 250 Sprachen, die in diesem Gebiet noch gesprochen werden, aber praktisch unbekannt sind.



Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Sprachwissenschaftler geworden wären?

Mein Studium habe ich mit Jura und Anglistik begonnen. Vielleicht wäre ich damit etwas in Wirtschaft oder Verwaltung geworden. Aber schon im ersten Semester hat mich dann die Sprachwissenschaft gepackt im Rahmen des Anglistikstudiums.