
11. April 2012
Alter: 1 JahreSpuk auf der Bühne
Geisterbeschwörungen hatten im 19. Jahrhundert vieles mit dem Showbusiness gemeinsam
Stimmen aus dem Jenseits, schwebende Möbel und mysteriöse Hintergrundmusik – Die Teilnahme an einer spiritistischen Séance war im Viktorianischen Zeitalter nichts Ungewöhnliches. Dr. Simone Natale untersucht den Zusammenhang zwischen Spiritismus mit Unterhaltungsmedien am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln. Gefördert wird er dabei durch ein Humboldt-Forschungsstipendium für Postdoktoranden.
Der Saal ist fast vollständig abgedunkelt, nur ein schwacher Kerzenschein lässt die Konturen der Einrichtung erahnen. Einige der Anwesenden sitzen um einen schmalen Holztisch auf der Bühne. Stille macht sich im Publikum breit. Dann legt eine junge Frau ihre zitternden Hände auf den Holztisch und beginnt, in einer unverständlichen Sprache zu reden. Darauf haben sie gewartet: Eusapia Palladino ist in Trance. Was für Außenstehende wie eine skurrile Theateraufführung ausgesehen haben mag, war für die Teilnehmer oft eine Erfahrung, die ihr Weltbild änderte.
Dr. Simone Natale erforscht den kommerziellen Charakter spiritistischer Séancen im viktorianischen Zeitalter. Der Italiener, der die Universität zu Köln bereits vor acht Jahren als Erasmus-Student kennenlernte, ist überzeugt, dass der Ablauf solcher Séancen mit der Entstehung des modernen Showbusiness im 19. Jahrhundert zusammenhängt. Letztes Jahr promovierte er an der Universität von Turin über das Thema „The Spectacular Supernatural: Spiritualism, Entertainment and the Invention of Cinema“. Durch ein Humboldt-Stipendium gefördert setzt er seine Forschung jetzt in Köln fort.
Je realistischer, desto besser
Im viktorianischen Zeitalter erfuhren Séancen einen regelrechten Boom.
Ein Medium, also eine Person, die angeblich den Kontakt zu den Verstorbenen herstellte, stand währen einer solchen Sitzung im Mittelpunkt des Geschehens. Einige dieser Mittler waren dabei so erfolgreich, dass ein einfaches Wohnzimmer nicht mehr genügend Platz für alle Teilnehmer bot. Dann wurden die Geisterbeschwörungen zu öffentlichen Veranstaltungen mit einer Bühne und zahlendem Publikum. „Geister und übernatürliche Erscheinungen wurden im 19. Jahrhundert ein Teil unserer Populärkultur. Dabei musste man nicht zwangsläufig daran glauben, es ging einfach eine Faszination von diesem Motiv aus“, erklärt Natale. Ähnlich wie bei Schauerromanen und später bei Horrorfilmen spielten auch in Séancen Neugier und Angst eine wichtige Rolle. Wenn ein Medium diese Gefühle der Teilnehmer zu nutzen wusste und zudem noch über schauspielerisches Talent verfügte, konnte es sehr schnell berühmt werden. Einige Mittler standen sogar schon vor ihrer Karriere als Geisterbeschwörer auf der Theaterbühne. Später nutzen sie dann die gleichen Techniken, um ihr spiritistisches Publikum während einer Séance zu überzeugen. Lichteffekte, Musik und Requisiten der großen Bühnen prägten dann die spiritistischen Rituale. Das Showbusiness änderte sich damals radikal. Kuriositäten wie Panoramen, Wachsmuseen, Menschen- und Tiershows wurden beliebte Attraktionen, die eine Menge Geld einbrachten. Dabei galt die Grundregel: je realistischer, desto besser. Auch bei einer Séance war deshalb die richtige Atmosphäre der Schlüssel zum Erfolg. Die Teilnehmer sollten möglichst mit allen Sinnen das Übernatürliche wahrnehmen. Das Spektrum reichte von angeblich von Geistern gespielten Musikinstrumenten bis hin zur Levitation, der Königsdisziplin erfolgreicher Medien. Bei der Levitation vermittelten die Geisterbeschwörer den Eindruck, Gegenstände oder sich selbst zum Schweben zu bringen. Konnte ein Medium damit überzeugen, war ein Publikum für die nächsten Séancen sicher.
Eusapia Palladino – ein Star ihrer Zeit
Ein solcher Star der Spiritistenszene war auch die Italienerin Eusapia Palladino. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie das bekannteste Medium weltweit. Sie verhielt sich wie eine Unterhaltungskünstlerin und ist daher auch für Natales Forschung interessant: „Palladino war auch außerhalb der Szene eine berühmte Person, über die in den Zeitungen viel geschrieben wurde. Außerdem hatte sie einen Manager, der ihre Geisterbeschwörungen als kommerzielle Veranstaltungen organisierte. Da musste man bis zu 300 Dollar bezahlen, wenn man sie live sehen wollte“, sagt Natale. In den USA und Europa gab es genügend überzeugte Spiritisten, die bereit waren, eine Solche Summe für eine Séance mit Eusapia Palladino auszugeben. Aber auch Skeptiker gehörten zum Klientel. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der italienische Wissenschaftler Cesare Lombroso, der erst nach einer Séance zum Spiritismus konvertierte. Zu Palladinos Veranstaltungen erschienen außerdem die Nobelpreisträger Pierre und Marie Curie. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, unternahm Palladino zahlreiche Tourneen. Dennoch waren Geisterbeschwörer und ihre Séancen sehr umstritten und manchmal flog auch der ein oder andere Trick auf. Während einer Sitzung entlarvte etwa ein Teilnehmer Palladino, als sie ihren Fuß heimlich unter ein Tischbein stellte, so dass sie den Tisch bewegen konnte. „Solche Vorfälle lösten dann Kontroversen in den Zeitungen aus“, erklärt Natale. „Doch wie auch immer ihr Bild in der Öffentlichkeit war, durch die Berichterstattung wurde Palladino zum Gespräch der Leute. Darum erfüllten auch die Kommentare der Skeptiker einen Werbeeffekt. Schließlich wollte man sich selbst davon überzeugen, was an den übernatürlichen Kräften dran war.“
Das Ende des Goldenen Zeitalters
Aber auch der Erfolg von Eusapia Palladino hielt nicht ewig an. Nach dem Tod ihres Managers und Assistenten, Ercole Chiaia, der sie über 20 Jahre begleitet hatte, fühlte sie sich nicht mehr in der Lage, auf Tourneen zu gehen. Sie kehrte in ihre Heimat nach Süditalien zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1918 noch einige Séancen im kleinen Kreis abhielt. Ihre besten Jahre waren damals aber vorbei. Schließlich nahm das Goldene Zeitalter der Spiritisten in Nordamerika und Europa einige Jahre nach Palladinos Tod sein Ende. „In anderen Regionen sind Geisterbeschwörungen dagegen immer noch populär“, betont Natale. „In Brasilien etwa gibt es heute eine richtige Massenbewegung im Spiritismus. Und wer weiß, vielleicht kommen Séancen auch bei uns früher oder später wieder in Mode. Die Faszination für das Übernatürliche ist jedenfalls nach wie vor fest in unserer Kultur verankert.“

