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04. Januar 2012

Alter: 1 Jahre

Vorbilder für Wissenschaftlerinnen

Von Robert Hahn

Die Vorlesungsreihe „Women in Science and Society“ präsentiert international angesehene Wissenschaftlerinnen als Vorbilder

Noch gibt es zu wenige Frauen in Führungspositionen. Dies ist auch in der Wissenschaft so. Gesellschaftliche Veränderungen beginnen im Kopf – das gilt auch für die Vorstellungen, die Frauen von ihren Geschlechterrollen haben. „Women in Science and Society“ heißt die Vorlesungsreihe, die dagegen vorgehen will. Initiert wurde sie vom Rektorat und dem SFB 829 „Molecular Mechanisms regulating Skin Homeostasis“. Professorin Carien Niessen, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie und das Zentrum für Molekulare Biologie Köln (ZMMK), organisiert Vorlesungen der besonderen Art.

Foto: Helmar Mildner

Die Biologin will mit dieser Vorlesungsreihe positive Vorbilder präsentieren. „Wir wollen sehr gute Wissenschaftlerinnen nach Köln holen. Nicht nur weil sie Frauen sind, sondern weil sie sehr gut sind“, erklärt sie. Denn noch immer gibt es einen Karrierestopp für Frauen: “Sobald es um Gruppenleiterposten geht, sinkt die Zahl der Frauen dramatisch.“ Einer der Gründe: „Frauen haben ein viel zu enges Spektrum an Vorbildern. Es  mehrere Wege nach oben.“ Traditionelle Bilder im Kopf kollidieren mit der Wirklichkeit. Ziel der Vorlesungsreihe ist es deshalb nicht zuletzt, den Nachwuchswissenschaftlerinnen die Vielfalt der Karrieremöglichkeiten vor Augen zu führen und erfolgreiche Wissenschaftlerinnen vorzustellen.

Internationale Gäste

Die Molekularbiologin kann bereits auf eine Reihe von interessanten Gästen verweisen. Seit 2010 besuchten vier Wissenschaftlerinnen von internationalem Rang das ZMMK. So zum Beispiel Fiona Watt, die stellvertretende Direktorin des Welcome Trust Centre for Stem Cell Research Cambridge oder Elisabetta Dejana die Leiterin des Angiogenesis Programms IFOM am FIRC, dem Institut für Molekulare Onkologie der Universität von Mailand. Bei beiden hat Niessen den richtigen Riecher gehabt. Mit Angela Christiano setzte sich die Reihe im Oktober fort. Die amerikanische Dermatologin ist eine der besonderen Persönlichkeiten in der internationalen dermatologischen Forschung, so Niessen: „Sie ist sehr authentisch. Sie ist hervorragend auf ihrem Gebiet und sie kann sehr gut erzählen.“ Das kam auch beim Publikum an. Sowohl die wissenschaftliche Vorlesung als auch die eher persönliche Vorlesung am Nachmittag waren gut besucht.

Mut haben und wagen

Zwei Vorlesungen halten die internationalen Gäste: eine über ihre Forschung und eine über ihre persönlichen Erfahrungen als Wissenschaftlerinnen, in der sie berichten, welche Maßnahmen zur Förderung von Frauen an ihren heimischen Universitäten getroffen werden. Dabei kommen die unterschiedlichsten Aspekte zur Sprache: Arbeitszeiten, Finanzmittel, Kinder und Familie. Gerade die Frage der Familiengründung hält noch viele junge Forscherinnen davon ab, mehr Verantwortung zu übernehmen, glaubt Niessen. Die strukturellen Möglichkeiten, eine angemessene Kinderbetreuung zu finden, müssten als Voraussetzung einfach da sein. Doch darüber hinaus fordert sie einen Wandel in den Köpfen: „Meine Einstellung ist: Wenn man etwas gerne will, dann muss man es einfach machen und nicht zuviel überlegen, was die Nach- und Vorteile sind.“ Ihre Empfehlung: „Ab und zu muss man einfach ein bisschen Mut haben, um etwas anzugehen.“ Wichtig sei es, dass sich die Mentalität verändere. Und zwar bei Frauen wie Männern: „Kinder sind etwas, was man zusammen macht. Das ist nicht eine Frauengeschichte oder eine Männergeschichte.“ Hier könne die Vorlesungsreihe ein bisschen helfen zu zeigen, dass Frauen genauso erfolgreich sein können wie Männer.

Karriereweg in die Männerwelt

Seit 2002 arbeitet die Molekulare Zellbiologin in Köln und ist W2-Professorin für Molekulare Dermatoonkologie, nitiell finanziert von der Deutschen Krebshilfe. Sie kennt aus eigener Anschauung die Schwierigkeiten und Fragen, die einer Nachwuchsforscherin auf ihrem Karriereweg begegnen können. Es habe immer wieder Momente gegeben, in denen sie ihren Weg neu bestimmen musste. Entscheidend war für die Wissenschaftlerin aber: „Mein Ziel war immer unabhängiger zu werden.“ Aber auch auf ihrem Karrierepfad galt: „Je höher man kommt, desto mehr wird es eine Männerwelt.“ Die Vorlesungsreihe soll nun zeigen, wie es auch anders geht. „Wir können von den Erfahrungen anderer Universitäten lernen und vielleicht etwas auf die lokale Situation übertragen.“

Von anderen lernen

Die Beispiele von Wissenschaftlerinnen aus den Vereinigten Staaten zeigen zum Beispiel, wie es in dem ansonsten durch harten Wettbewerb geprägten Land geht: Mit familienfreundlichen Zeiten. „Da ist es nicht möglich, dass ein Seminar um fünf oder sechs Uhr stattfindet, weil das als Familienzeit angesehen wird“, so Niessen. Wenn die Molekularbiologin auf ihre bisherige Laufbahn zurückschaut, kann sie ihre jungen Kolleginnen nur ermutigen, mehr Verantwortung zu wagen. Negative Erfahrungen habe sie niemals gemacht. Was zähle sei, dass man mit Leib und Seele Wissenschaftler sei. „Mein Herz schlägt für die Forschung. Für mich ist das eine große Liebe, wenn vielleicht auch eine etwas verrückte Liebe.“

Robert Hahn ist Redakteur in der Abteilung 81 Presse- und Kommunikation

KUZ 6/11