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14. Februar 2012

Alter: 1 Jahre

Ein unattraktives Angebot

Von Robert Hahn

Kölner Erziehungspsychologe findet Integrationshemmnisse durch deutsche Selbstzweifel

Wie sehen wir Deutsche uns? Welche positiven Selbstbilder können wir Migranten anbieten? In seiner Studie „Die Deutschen und ihre Migranten - Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie“ vergleicht Professor Dr. Ulrich Schmidt-Denter vom Lehrstuhl für Entwicklungs- und Erziehungspsychologie die Einstellungen zweier Generationen in Deutschland mit derjenigen von zehn europäischen Nachbarländern. Die Studie zeigt: Die Deutschen zweifeln an sich und bieten den Migranten kein positives Selbstbild zur Identifikation an. Den Grund sieht der Wissenschaftler im einseitigen Geschichtsunterricht in Deutschland und Europa.

Professor Schmidt-Denter, was haben Sie in Ihrer Studie untersucht?

Wir haben eine kulturvergleichende Studie zur  personalen und sozialen Identität von Jugendlichen und ihren Eltern durchgeführt. Untersucht wurden Deutschland und alle angrenzenden Länder.


Was bedeutet personale und soziale Identität?

Unter personaler Identität versteht man die Beschreibung der eigenen Person. Man geht aus von der Frage: Wer bin ich? Die soziale Identität ergibt sich aus der  Frage nach den Gruppen, denen man sich zugehörig fühlt, und solchen, von denen man sich abgrenzen möchte. Also die Frage: Wozu gehöre ich, wozu gehöre ich nicht? Ausgangspunkt der Studie waren die unübersehbaren Europäisierungs- und Internationalisierungstendenzen, aus denen man ableiten konnte, dass sich solche Identitäten mindestens innerhalb eines  Kulturkreises wie dem europäischen    zunehmend annähern müssten.


Gibt es solche Tendenzen?

Solche Annäherungstendenzen haben wir auch in einigen Bereichen gefunden. Meistens in Bezug auf die personale Identität: Wie man seine Fähigkeiten und persönlichen Eigenarten (z.B. Selbstwertgefühl, Leistungsehrgeiz oder Depressionswerte)  einschätzt. Bei der personalen Identität kam als durchschlagender Effekt eigentlich nur heraus, dass die Deutschen häufiger eine kritische Selbstreflexion angeben als die Befragten in allen anderen Ländern. Zahlreichere Unterschiede gab es dagegen bei der sozialen Identität. In diesem Bereich fanden wir viele unserer Erwartungen nicht bestätigt. 


Was heißt das?

Zum Thema Fremdenfeindlichkeit gibt es z.B. in Deutschland eine sehr viel intensivere Forschungstätigkeit als bei unseren Nachbarn. Wir dachten somit, dass dies ein spezifisches deutsches Problem darstellt und dass die Deutschen  da schlecht abschneiden würden. Das war nicht der Fall, da lagen wir im europäischen Mittelfeld. Bei der Xenophilie, der Offenheit gegenüber allem Fremden,  war es sogar so, dass die Deutschen eine sehr starke Ausprägung aufwiesen und einen europäischen Spitzenplatz einnahmen. Besonders interessant war die Beschreibung der Eigengruppe. Wir wussten aufgrund von sozialpsychologischen Theorien, dass Menschen eigentlich dazu neigen, sich mit der eigenen Gruppe zu identifizieren und diese aufzuwerten, weil man natürlich lieber einer attraktiven als einer unattraktiven Gruppe angehört. Da ist es aber so, dass sich die Deutschen selbst abwerten, also eine geringe Eigengruppenfavorisierung aufweisen.


Sie haben auch Migranten befragt. Was bedeutet diese deutsche Eigenart für sie?

Für die Migranten stellt die Eigenart, das Eigene eher skeptisch zu betrachten und ständig zu problematisieren, ein Integrationshemmnis dar.  Man mutet ihnen sozusagen zu, sich mit etwas zu identifizieren, was  wenig attraktiv ist.  Das ist besonders dann eine schwierige Aufgabe, wenn sie aus Ländern kommen, in denen es absolut selbstverständlich ist, das eigene Land hoch zu schätzen. Eine positiv besetzte soziale Identität soll dann gegen eine negativ besetzte ausgetauscht werden. Und das ist ja wirklich ein unattraktives Angebot.


Müsste es da nicht andere positive Angebote geben, im Sinne eines positiven Selbstbildes?

Dem würde ich zustimmen. Die Art, wie Deutsche mit Patriotismus umgehen,  macht auch für die deutschen Jungendlichen  die Entwicklung einer sozialen Identität schwieriger. Wir haben ja nicht ohne Grund speziell Jugendliche untersucht. Sie befinden sich nach entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten in der  Altersphase, in der sich die Identität formt. Wir haben dabei gesehen, dass  viele Jugendliche darunter leiden, dass sie so eine unattraktive Identität zugeschoben bekommen. Sie würden lieber eine andere Nationalität haben. Wir haben die Frage gestellt: Wenn es die Möglichkeit einer „Wiedergeburt“ gäbe  – möchten Sie da wieder Deutsche/r sein oder lieber etwas anderes. Da sagen  rund 70 Prozent, sie würden lieber als jemand anderes geboren werden. Von den jugendlichen Migranten möchten 84 Prozent  nicht als Deutsche geboren werden.


Wo ergeben sich besondere Unterschiede zwischen Erwachsenen und Jugendlichen?

Die größten Unterschiede ergeben sich zwischen den erwachsenen und jugendlichen Migranten. Bei vielen erwachsenen Migranten wird durchaus Nationalstolz in Bezug auf Deutschland geäußert. Sie liegen diesbezüglich sogar über den erwachsenen Deutschen. Die jugendlichen Migranten weisen dagegen eine noch niedrigere Ausprägung auf als die deutschen Jugendlichen. Daraus habe ich geschlossen, dass es keine familiären Transmissionsprozesse sein können, die die Jugendlichen dazu bringen, die deutsche Identität abzulehnen, sondern dass sie das von woanders her nehmen.


Woher?

Wichtige Einflußfaktoren bilden sicherlich die Medien und die Schule. Dort herrschen negative Selbstdarstellungen in Bezug auf die nationale Identität vor.


Wie sieht es bei den deutschen Jugendlichen aus?

Bei den deutschen Jugendlichen ist das Thema Nummer Eins die gefühlte Beeinträchtigung der nationalen Identität, die mit der „Holocaust Education“, das heißt dem Geschichtsunterricht über das Dritte Reich und den Holocaust, in Verbindung gebracht wird.


Konnten Sie den Zusammenhang belegen?


Es gibt subjektive und objektive Anhaltspunkte dafür. Zum einen haben  wir gefunden, dass die Jugendlichen das als Grund nennen. Das heißt, die erleben das so. Zum anderen zeigen statistische  Korrelationen, dass diejenigen, die sich stark betroffen fühlen, auch einen geringeren Nationalstolz aufweisen. Bei dem ohnehin im internationalen Vergleich schwach ausgeprägten Nationalstolz der deutschen Jugendlichen findet sich noch mal ein Knick nach unten im Alter von 15 Jahren - und das ist genau das Alter, in dem dieses Thema im Geschichtsunterricht besonders intensiv behandelt wird. Dieser „Identitätsknick“ ist nur für Deutschland typisch. Die „Holocaust Education“ wirkt also nicht in allen Ländern gleich.


Ist denn ein anderer Geschichtsunterricht notwendig?

Ich hielte es für wichtig, neben der Vermittlung der Geschichte des Holocaust und des „Dritten Reiches“, was ein wichtiges Thema ist und von daher immer gewichtig bleiben wird,  auch die anderen historischen Epochen angemessen zu berücksichtigen und bindungsstiftend nahe zu bringen. Dazu gehören die Epochen davor aber insbesondere auch die Nachkriegsgeschichte, die häufig vernachlässigt wird. Das gilt in besonderem Maße für die Jugendlichen in unseren  europäischen Nachbarländern, die von deutscher Geschichte oft nichts anderes mitbekommen als das „Dritte Reich“ und den Holocaust. Dies führt dann dazu, dass die Stereotype und Vorurteile über das heutige Deutschland direkt aus der Nazi-Zeit abgeleitet werden.


Wie ist es zu dieser einseitigen Geschichtsbetrachtung gekommen?


Wir haben die vorhandene Forschungsliteratur zur „Holocaust Education“ sehr genau durchgesehen und nirgendwo gefunden, dass die erheblichen psychischen Belastungen der jungen Menschen und die Beeinträchtigungen der sozialen Identitätsentwicklung explizit angestrebt werden. Wir haben die Richtlinien der Bundesländer und sonstiger involvierter Institutionen zur Kenntnis genommen und nirgendwo steht: Ja, das wollen wir erreichen!  Es werden nur unterstützenswerte Erziehungsziele formuliert. Von daher ergibt sich eine  beachtliche Diskrepanz zwischen der erzieherischen Intention und dem erzieherischen Effekt.  Diese Diskrepanz sollte der Ausgangspunkt für eine selbstkritische pädagogische Reflexion sein.


Gab es im Zusammenhang mit dem deutschen Selbstbild auch positive Erkenntnisse?

Wenn es um Beziehungsprobleme zwischen Individuen geht, betonen alle Psychologen gegenüber ihren Klienten unisono:  Man kann Sie erst lieben wenn Sie sich selbst lieben können. Und das fällt den Deutschen als Gruppe sehr schwer: sich selbst zu lieben. Für die Untersuchung war sehr wertvoll, dass das sogenannte „Sommermärchen“ der Fußball-WM 2006 in den Untersuchungszeitraum fiel. Da konnte man sehen, dass die lockere Selbstliebe der Deutschen bzw. besser die Fähigkeit, sich selbst zu feiern, bei den Migranten und Gästen aus dem Ausland erstaunlich gut ankam. Man kann daraus schließen, dass wir kollektive Identitätskonstruktionen benötigen, die positive Inhalte aufweisen und die Deutsche und Migranten zusammenführen.

 

Das Interview führte Robert Hahn, Presse und Kommunikation

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