Chancen und Krisen

 

Die Bankenkrise und die Wissenschaft

Die Wirtschaftswissenschaften stehen nach der Bankenkrise vor neuen Herausforderungen


Es begann mit einer Krise im Immobiliensektor in den Vereinigten Staaten und wuchs zu einer weltweiten Finanzkrise heran: die Bankenkrise von 2007/2008. Noch immer leiden die Weltwirtschaft und die Staaten unter den gewaltigen Summen, die zur Stützung maroder Banken aufgebracht werden mussten. Gegenmaßnahmen auf nationaler wie internationaler Ebene folgten: Das Basel III-Regelwerk präzisiert die Eigenkapitalvorschriften der Banken; ab 2011 soll das European System of Financial Supervision in Kraft treten.


Von Robert Hahn

Welche Rolle spielt die Wirtschaftswissenschaft im Ringen um die richtige Regulierung der Finanzmärkte? Welche Fehler wurden gemacht und welche müssen in Zukunft unbedingt vermieden werden?
Professor Thomas Hartmann-Wendels, Direktor des Seminars für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Bankbetriebslehre und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Finanzwirtschaft, sieht die Wissenschaft gefordert: Neue Methoden müssen entwickelt werden, um die komplexen internationalen Finanzmärkte zu regulieren.Thomas Hartmann-Wendels ist zurzeit ein gefragter Gesprächspartner. Denn das Fachgebiet des Kölner Wirtschaftswissenschaftlers ist die Theorie der Regulierung sowie das Risikomanagement bei Banken, insbesondere das Management von Kreditrisiken. Seine Schlussfolgerungen aus der Finanzkrise von 2007 führen ihn zu einer Neubetrachtung der Verteilung der Risiken in den Finanzmärkten: „Ich glaube, dass die Sichtweise, wie Märkte funktionieren, sich ändern muss“, so Hartmann-Wendels. „Bislang glaubte man an das Ideal der ‚invisible Hand‘ von Adam Smith, dass der Markt für eine optimale Verteilung der Risiken sorgt, dass die Risiken dorthin verteilt werden, wo sie am besten getragen werden können. Deshalb sei der Handel mit Risiken sinnvoll.“ Ein Ansatz, der sich als falsch herausstellte – es kam lokal zu einer Kumulation der Risiken. Die enge internationale Verknüpfung der Märkte wirkte sich weltweit ökonomisch auf Banken aus. Das System wurde instabil.



Systemrisiken betrachten


Wie lässt sich das komplexe Geflecht der internationalen Finanzmärkte analysieren? Bis zur Krise wurden weitgehend nur einzelne Banken kontrolliert. Gibt es dazu eine Alternative? „Das sind natürlich ganz neue Systemrisikokategorien, die man bislang unterschätzt hat“, antwortet Hartmann-Wendels. „Bislang hat man gesagt: Wenn wir jede einzelne Bank kontrollieren, dann haben wir das System auch im Griff. Wenn bei der einzelnen Bank nichts passiert, dann kann auch im System nichts passieren.“ Dabei übersah man, dass einzelne Banken eben doch durch das Netz der Kontrolle rutschen können, und dass die gegenseitige Abhängigkeit der Banken und ihre Abhängigkeit vom Finanzmarkt in den letzten Jahrzehnten sehr stark geworden war. Dadurch verminderte sich die Stabilität des Finanzsystems. „Man hat gedacht, man würde gerade durch den Handel mit Risiken die Finanzmärkte stabiler machen, weil man die Risiken breiter streut“, erklärt Hartmann-Wendels. „Es ist das Gegenteil eingetreten, die Abhängigkeiten sind größer geworden und damit auch die Systemrisiken.“



Wissenschaft ist gefordert

Gerade die Frage der systemischen Risiken stellt sich den Wissenschaften, denn wie kann man systemische Risiken eigentlich ermitteln? Ein völlig neues Feld tut sich für die Wirtschaftswissenschaften auf: Wie interagieren die Marktteilnehmer im Fall der Krise? Wie entstehen Dominoeffekte, die eine Krise erst wirklich anheizen? Beispiel Subprime-Krise: Die Reaktion der Banken auf den exogenen Schock der Subprime-Krise hat die Krise noch verstärkt. Um ihre Verluste auszugleichen, mussten die betroffenen Banken ihre Wertpapiere verkaufen. Daraufhin fielen die Papiere im Kurs, wovon dann andere, eigentlich völlig gesunde Banken betroffen waren, die dann ebenfalls ihre Wertpapiere verkaufen mussten. „Diese Systemzusammenhänge hat man vorher nicht gesehen. Da ist die Wissenschaft gefordert eine Methode zu entwickeln: Wie kann man die Systemrelevanz einer Bank eigentlich messen?“ Das Schlagwort „Too big to fail, too connected to fail“ müsse operationalisiert werden.

Solche systemimmanenten Risiken wurden bisher nicht betrachtet. Selbst in der Kontrolle der nationalen Banken waren BaFin und Bundesbank beschränkt. Beide sind an feste Regeln gebunden und können nur eingreifen, wenn es konkrete Verletzungen von aufsichtsrechtlichen Bestimmungen gibt. „Rechtzeitiges Eingreifen erfordert, dass man sehr frühzeitig bei bestimmten Geschäftsmodellen, die nicht tragfähig sind, eingreifen kann“, erklärt Hartmann-Wendels. „Da waren aber der BaFin die Hände gebunden.“ Das galt auch für die Frage der Unterlegung der Banken mit Eigenkapital. Die quantitativen Vorschriften der Eigenunterlegung seien im Prinzip zwar in Ordnung, so der  Wirtschaftswissenschaftler. „Aber sie sind natürlich mit Lücken behaftet, die ausgenutzt wurden.“

Neue europäische Instanzen

Mit der Schaffung des European System of Financial Supervision (ESFS), zu dem unter anderem auch die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA (European Banking Authority) und ein Ausschuss für Systemrisiken gehören werden, wird den Finanzmarktrisiken zumindest auf europäischer Ebene ab 2011 entgegengewirkt. Professor Hartmann-Wendels begrüßt die Konzeption der Behörde, mahnt allerdings auch zu einer europaweit einheitlichen praktischen Handhabung der Bankenaufsicht: „Nicht nur die Regeln müssen einheitlich sein, sondern auch deren Umsetzung. Denn sonst passiert das, was wir schon gesehen haben: dass das Geschäft dahin wandert, wo es am wenigsten reguliert wird.“ Da die Finanzmärkte international so eng verknüpft sind, schlagen Risiken, die im Ausland ihren Ursprung haben, auch in Deutschland durch. Wie im Falle der HypoReal Estate, deren irische Tochter Depfa in Refinanzierungsschwierigkeiten gekommen war und damit den Bestand der gesamten Holding bedrohte. Die eher liberale Handhabung der Bankenaufsicht war einer der Gründe für die Krise, die beschränkten Rechte der BaFin, ausländische Banken zu kontrollieren, ein anderer. „Da gibt es keine nationalen Grenzen, was die Sicherheit anbelangt“, so Hartmann-Wendels. „Das muss einheitlich gehandhabt werden.“

Andererseits sei aber auch eine gewisse Ortsnähe zu den Banken wichtig, um sie einschätzen zu können, so der Kölner Professor. Um die Banken, das Bankensystem und die Bankenstruktur in einem Land verstehen zu können, benötige man Fachwissen vor Ort. „Das ist durchaus unterschiedlich in Europa und da wäre nun eine zentrale europäische Bankenaufsicht ein bisschen weit weg von den Banken. Das wäre ebenfalls nicht gut. Insofern brauchen wir da eine Mischung.“



Was hätte anders laufen können?

Hätte die Bankenaufsicht über solche Möglichkeiten zur frühzeitigen Intervention verfügt, dann wäre es zum Beispiel im Fall der IKB nicht zur drohenden Zahlungsunfähigkeit gekommen. Ein Blick in die Bilanzen hätte gezeigt, in welchem hohen Umfang die IKB ihre Zusagen an ihre Zweckgesellschaften in Irland, die im Bereich des Subprimegeschäfts tätig waren, gegeben hatte. Doch die Überprüfung der Bank war an gesetzliche Bestimmungen gebunden. Schon bei der Bewertung der zwei Zweckgesellschaften der IKB hätte man bei anderer Gesetzeslage anders vorgehen können. „War das jetzt als ein Klumpenrisiko oder als zwei separate Risikopositionen zu sehen? Da gab es einen Dissens zwischen Bundesbank und BaFin“, so Hartmann-Wendels. „Letztlich hat sich die Sichtweise durchgesetzt: Ja, aus formalen Gründen müssen wir das als zwei Risiken sehen. Obwohl es faktisch wirtschaftlich ein Risiko war“, erklärt der Bankenexperte. „Das war alles sehr stark an formalen Kriterien ausgerichtet und nicht an ökonomischen.“



Gefangene der eigenen Philosophie

Auch das Ausmaß an Liquiditätszusagen hätte die Bank niemals einhalten können, weil sie im Vergleich zum Kapital der Bank viel zu hoch waren. „Aber es gab kein Gesetz, das das verbietet“, erklärt Hartmann-Wendels. „Dazu kommt, dass jede Bank natürlich gute Argumente dafür hat, dass das alles in Ordnung sei, dass das alles geprüft sei. Man hat ja schließlich ein Risikomanagement, das den Zahlenberg abbildet.“ Die Bankenaufsicht würde durch diesen Ansatz der Selbstkontrolle zum Gefangenen der eigenen Philosophie der Regulierung, so der Wirtschaftswissenschaftler. Einerseits sollten die Banken die Risiken quantitativ erfassen. Wenn eine Bank das dann aber andererseits getan habe, dann fühle sich die Bankenaufsicht dadurch veranlasst dem zu glauben, weil sonst der Sinn der Selbstkontrolle der Banken ad absurdum geführt werde. „Letztlich war man in der eigenen Regulierungsphilosophie gefangen in dem Glauben, man könne Risiken so berechnen, wie man Maße und Gewichte berechnet. Das geht eben nicht.“



Politische Rückendeckung

Hartmann-Wendels fordert deswegen eine Bankenaufsicht, die früher eingreifen kann. Mit den bisherigen Gesetzesänderungen und Basel III sieht der Bankenexperte die Politik auf einem guten Weg: „Inzwischen sind da die Weichen auch gestellt, das muss man schon sagen“, so Hartmann-Wendels. Aber: „Das setzt auch voraus, dass diese Bankenaufsicht auch die entsprechende politische Rückendeckung dazu hat. Wir hatten ja eine Gesamtströmung in den letzten zwanzig Jahren, dass Regulierung ein notwendiges Übel aber eben ein Übel sei. Und deshalb müsse man die Regulierung zurückfahren.“ Gerade Großbritannien und Irland, die die Regulierung des Bankensektors sehr liberal betrieben, seien als Vorbild dargestellt worden.

Die Abwanderung des Kapitals in diese Länder wurde als bedrohliches Szenario aufgebaut. Die internationale Konkurrenzfähigkeit der nationalen Bankenmärkte wurde nicht zuletzt im Licht eines Wettbewerbs um weniger Regulierung gesehen. „Vor diesem Hintergrund war die BaFin vielleicht etwas zurückhaltend mit der Ausnutzung von Spielräumen, die sie vielleicht gehabt hätte. Deswegen brauchen wir für die Bankenaufsicht eine dauerhafte politische Rückendeckung, damit rechtzeitig eingegriffen wird“, so der Kölner Wissenschaftler.



Wissenschaftliche Kommission soll Banken und BaFin schützen

Eine solche neu gestaltete Bankenaufsicht wäre sehr viel mächtiger und könnte direkt und frühzeitig in die Gestaltung der Geschäftsmodelle von Banken eingreifen. Eine mächtige BaFin trüge in sich allerdings auch die Gefahr, frühzeitig Geschäftsmodelle abzubrechen, ohne überhaupt das Ergebnis des Modells genau voraussagen zu können, erklärt Hartmann-Wendels: „Wenn man der Bankenaufsicht so viel Macht gibt, dass sie sagen kann: Diese Entwicklung gefällt uns nicht, wir können zwar nichts nachweisen, aber wir wollen das nicht, dann muss man natürlich auch die Banken vor der Bankenaufsicht schützen.“ Hartmann-Wendels schlägt deswegen eine wissenschaftliche Kommission vor, so wie es sie schon im Monopolbereich gibt. Die Kommission könnte die Arbeit der Bankenaufsicht untersuchen und in Zweifelsfällen oder Streitfragen ein Gutachten abgeben. „Die Kommission würde einerseits die Bankenaufsicht vor dem Lobbyismus der Banken, aber auch andererseits die Banken vor einer zu allmächtigen Bankenaufsicht schützen“, erklärt Hartmann-Wendels.



Internationale Zusammenarbeit ist gefordert

Aber nicht nur die Machtbalance zwischen Banken und Bankenaufsicht ist schwierig auszutarieren. Auch viele wichtige Fragen wird man in Zukunft nur international abstimmen können, so Hartmann-Wendels. Ob Hedgefonds für Großbritannien oder stille Beteiligungen für Deutschland – überall gibt es unterschiedliche Betroffenheiten. Denn jede Regulierung schadet oder nützt den Banken in einem bestimmten Staat. Wettbewerbsverzerrungen wären die Folge. Nur durch verbindliche Gesetze und eine gleiche Umsetzung derselben sei eine ähnliche Krise zu verhüten, so Thomas Hartmann-Wendels: „Wichtig ist, dass es nicht wieder einen Wettlauf um die lascheste Regulierung gibt.“

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