Wisenschaft und Zeitung: Wie viel Schule braucht das Kind?

Lernen in der globalisierten Welt
"Wie viel Schule braucht das Kind?" - Eine Diskussion zwischen Wissenschaftlern und Journalisten.

Die Debatte in der Reihe ?Zeitung und Wissenschaft? beschäftigte sich auch mit den kurz zuvor bekannt gewordenen Pisa- Ergebnissen.

VON RALF JOHNEN (Kölner Stadtanzeiger 07.12.07)

Alle bisherigen Reaktionen auf die Ergebnisse der Pisa-Studien haben Politiker, Lehrer und vor allem die Schüler mit einem unnötig großen Druck belastet. Solange in Deutschland nicht flächendeckend ein integratives Schulsystem eingeführt wird, werden in der Bildungslandschaft keine substanziellen Fortschritte sichtbar werden. Die Leidtragenden bleiben vor allem Kinder mit Migrationshintergrund und solche aus schwierigen Verhältnissen. Zudem müssen die Verantwortlichen den Mut aufbringen, das für den Lehrerberuf geeignete Personal nach strengen Kriterien zu rekrutieren und die Arbeit der Lehrer in den Klassenzimmern auf die Erfüllung von Qualitätsnormen zu überprüfen.

Zündstoff durch Pisa-Studie

Diese schlagzeilenträchtigen Schlussfolgerungen sind das Ergebnis der dritten Diskussionsrunde zwischen Wissenschaftlern der Kölner Universität und Redakteuren des ?Kölner Stadt-Anzeiger? ? eine Plattform, die in regelmäßigen Abständen unter dem Arbeitstitel ?Zeitung und Wissenschaft? verwendet wird, um das vor Ort vorhandene Experten-Know-how stärker ins mediale Rampenlicht zu rücken. Diesmal ist es die bildungspolitische Debatte, die im Schokoladenmuseum im Mittelpunkt steht ? ein Thema, das durch die scheibchenweise vorgenommene Publikation der zweiten Pisa-Studie neuen Zündstoff erhalten hat.

Vor diesem aktuellen Hintergrund will Christian Hümmeler, Bildungsexperte des ?Kölner Stadt- Anzeiger?, eingangs von den vier geladenen Hochschullehrern wissen, wie sie denn überhaupt die Aussagekraft eines solchen nationenübergreifenden Bildungssystemvergleichs bewerten. ?Es kann kein Zufall sein, dass Pisa so viel Staub aufgewirbelt hat?, antwortet Cristina Allemann-Ghionda, Professorin für Vergleichende Erziehungswissenschaften. Das universale Interesse weise auf das Bewusstsein dafür, dass irgendetwas im Argen liege: ?Viele Leute sind beunruhigt.? Glaubt man den Urteilen der Kölner Experten, sind sie das zu Recht. Der Psychiater Gerd Lehmkuhl, ehemaliger Dekan der Medizinischen Fakultät, stellt sogleich eine Schwachstelle heraus, indem er darauf hinweist, dass im Nachgang von Pisa I alles auf den Leistungsaspekt fokussiert wurde. Obschon an den Studien empirisch nichts zu beanstanden sei, beklagt auch der Pädagoge Gerd E. Schäfer einen allgemeinen Aktionismus: ?Ich wüsste nicht, was an den Schulen selbst verbessert wurde.?

Der Psychotherapeut Christoph Wewetzer stellt seinerseits die Aussagekraft von Rankings in Frage. Viel interessanter als die untersuchten Kerninhalte sind seiner Meinung nach vermeintliche Nebenaspekte.

"Giftige Kombination"

Eine wenn auch nicht neue, so doch absolut unverzichtbare Modifikation sieht Allemann-Ghionda in der Abschaffung ?des Anachronismus? eines dreigliedrigen Schulsystems, das schon nach vier Schuljahren ? meist endgültig ? selektiere. Immerhin kursiere gegenwärtig ein Aufruf namhafter Wissenschaftler, wenigstens eine zweigliedriges System zu etablieren. Solange diese Forderung jedoch nicht in die Tat umgesetzt werde, es also eine bestimmte Anzahl von Klassen in Haupt-, Förder- und Sonderschulen gebe, so lange müssten diese auch gefüllt werden: ?So etwas bestimmt das Denken und Handeln der Lehrpersonen.? Eine ihrer Meinung nach ?giftige Kombination?, die zum Beispiel in den skandinavischen Ländern erst gar nicht entstehen könne, weil es ?Sonderklassen? in unserem strengen Sinne nicht gebe.

Überhaupt sei es an der Zeit, dass der Lehrerberuf in andere Bahnen gelenkt werde. Schäfer etwa weiß aus dem Uni-Betrieb, dass die heutigen Lehrer in der Regel selber nicht die besten Schüler gewesen sind. Speziell für Grund- und Hauptschule rekrutiere sich das Personal überwiegend aus Personen, die ?nicht so recht wussten, wo sie hingehen sollen?. Sogar auf den Gymnasien seien häufig Lehrer anzutreffen, die in einem Fach gut gewesen seien und dort ihr Leben lang weitermachen, ohne sich der gesellschaftlichen Realität zu stellen.

Nicht einmal der zurzeit hoch angesiedelte Numerus clausus führe zu besseren Leistungen: ?Wenn ich sehe, wer alles Examen macht, und was diese Leute bringen, da raufe ich mir manchmal die Haare.? Allemann- Ghionda fordert daher ein Bildungssystem, in dem nicht jeder Lehrer werden darf, der möchte. Die unrestriktive Ausgangslage habe mangelnden Konkurrenzdruck zur Folge, der die Motivation senke. Und das führe etwa bei Konfliktsituationen im Klassenzimmer zu einfachen Lösungsansätzen: ?Dieses Kind passt mir nicht. Dann ab in die Förderklasse.? Der gegenwärtige Lehrermangel, weiß sie allerdings, steht einer Anhebung der Standards im Wege. Umso notwendiger aber sei die Einführung effektiver Kontrollmechanismen: ?Das ist der wichtigste Knoten. In Deutschland kann vor lauter Föderalismus niemand irgendetwas überprüfen.?

Ein anderer Aspekt, der einer florierenden Schullandschaft im Wege steht, ist die subtile Segregation der Gesellschaft. Allein die Definition des Begriffs ?Schule? ist laut Lehmkuhl kaum mehr möglich. So gebe es in Lindenthal Lehreinrichtungen, die überwiegend von wohlbetuchten Kindern besucht werden. In Chorweiler dominiere derweil eine ganz andere Klientel: Die Verteilung über die Stadt sei so heterogen, dass man wirklich fragen müsse, wer wo wohne und welche Schule besuche, um zu einem validen Urteil über Individuen zu gelangen.

Diese Ungleichheit erstrecke sich auch auf alle anderen Hilfsbereiche ? seien es nun Krankengymnastik oder Psychotherapie. So bleibt eine Schlussfolgerung, die sozialpolitischen Zündstoff birgt: ?In einigen Stadtteilen hat man einfach bessere Chancen, die Systeme zu erreichen als in anderen.? Diese Schichtung sei sehr schwer über Curricula zu ändern. Also müssten die Schulsysteme in größerem Kontext umstrukturiert werden, um die ?soziale Gettobildung? aufzuheben. Ein Eindruck übrigens, den der aus Würzburg stammende Wewetzer bestätigt. Er beobachtet in Köln Phänomene, die in Bayern undenkbar seien: ?Hauptschüler der 7. und 8. Klasse können nicht lesen. Sie haben aber trotzdem in Deutsch eine 3.?

Wie Wewetzer diagnostiziert, sind die Defizite der sozial benachteiligten Kinder in der Regel extern bedingt: ?Armut ist ein durchschlagender Faktor für Bildung, für Gesundheit und für psychische Belastbarkeit.? Die Patienten in seiner Klinik seien denn auch häufig von mannigfaltigen Schwierigkeiten gezeichnet: Neben Armut sind das vor allem psychische oder Suchterkrankungen im Elternhaus. Diese Kinder, so seine wenig hoffnungsfrohe Analyse, sind eigentlich von Beginn an abgehängt und machen ?mit Sicherheit? nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Hier also müsse das Bildungssystem ansetzen. Schichtübergreifend macht sich laut Lehmkuhl in der jüngeren Vergangenheit der steigende Leistungsdruck bemerkbar. Auch das bestätigt Wewetzer: Suizidversuche, selbst verletzendes Verhalten, Depressivität sowie Sucht nach Cannabis und Alkohol häufen sich zusehends. Ein Missstand, den Allemann- Ghionda mit dem steigenden Bewusstsein für die komplexen Anforderungen der globalisierten Welt erklärt: Jeder könne heutzutage seinen Arbeitsplatz verlieren, müsse mobil und zu Umschulungen bereit sein ? Vorstellungen, mit denen nicht jeder klarkomme.

Teilnehmer

 Christina Allemann-Ghionda

"Es kann kein Zufall sein,dass Pisa so viel Staubaufgewirbelt hat. VieleLeute sind beunruhigt" 

 Gerd Schäfer

"Wenn ich sehe, wer allesExamen macht und wasdie bringen, raufe ichmir manchmal die Haare" 

 Gerd Lehmkuhl

"In einigen Stadtteilenhat man einfach bessereChancen, die Systeme zuerreichen, als in anderen" 

Christoph Wewetzer

"Hauptschüler der 7. und8. Klasse können nichtlesen, haben aber trotzdemin Deutsch eine 3"

Fotos: Kölner Stadtanzeiger