Wisenschaft und Zeitung: Die Zukunft der Energie ist heiß
Forscher der Universität zu Köln diskutierten am 27. März mit Redakteuren des "Kölner Stadt-Anzeiger" über die Energie der Zukunft.
VON MICHAEL AUST, Kölner Stadtanzeiger, 28.03.07
Was haben die Gasquellen im Sudan mit dem Preis für ein Vollbad zu tun? Wie teuer muss Kerosin werden, damit Hamburg nicht in 100 Jahren im Meer versinkt? Und welche Auswirkungen hätte der sofortige Umstieg auf erneuerbare Energien auf den Preis eines U-Bahn-Tickets? Zweierlei zeigen diese Fragen: Energie ist ein Thema, das alle betrifft - und es ist äußerst komplex. Die Antwort auf die Frage, mit welchem Strom wir unsere Elektrogeräte in Zukunft betreiben wollen und woher unsere Heizenergie kommen soll, ist für die meisten eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Mit anderen Worten: Ein Fall für die Wissenschaft.
Weil die Erkenntnisse von Forschern keine ?stille Post? sein sollten, die nur zwischen Fachzeitschrift und Politikerbüro kursiert, hat der ?Kölner Stadt-Anzeiger? zusammen mit der Universität zu Köln die Diskussionsplattform ?Zeitung & Wissenschaft? gegründet. Am Dienstag diskutierten Experten aus Energiewirtschaft, Energierecht und Klimaforschung mit Redakteuren des ?Kölner Stadt-Anzeiger? zum Thema ?Energie der Zukunft - Zukunft der Energie?.
?Diese Gesprächsrunde ist ein Experiment?, eröffnete Chefredakteur Franz Sommerfeld als Moderator die Diskussion im studio dumont. Erstes Ergebnis des Experiments: Das Thema war gut gewählt, denn es brennt vielen auf den Nägeln. ?Die Zukunft der Energie wird heiß - in jeder Hinsicht?, sagte Professor Marc Oliver Bettzüge. Kaum ein Thema sei in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion zu solcher Prominenz aufgestiegen. Der Grund dafür seien vor allem die stetig wachsenden Kosten für ein immer knapper werdendes Gut. ?Die Preise für Energie sind deutlich gestiegen?, sagte der Energiewirtschaftler. Es gebe kaum Anzeichen dafür, dass sich an dieser Verteuerung etwas ändere. ?Insbesondere, wenn man daran festhält, dass man über den Preis die Energienachfrage senken will.?
Die hohen Preise für Strom und Gas sind eine politische Antwort auf ein drängendes Problem. Denn die fossilen Energiereserven wie Kohle und Gas gehen langsam, aber sicher zur Neige, sie schädigen zudem das Klima, weil bei ihrer Nutzung COfreigesetzt wird. Atomenergie ist kein sicherer Ausweg, zumal das Problem der Endlagerung nicht gelöst ist. Und die massenweise Erzeugung von erneuerbarer Energie ist noch nicht möglich. ?Ich gehe mit einem Großteil der Wissenschaft davon aus, dass ein Wechsel hin zu einem völlig neuen Energiemix innerhalb der nächsten Generation nicht realistisch ist?, sagt Bettzüge. ?Windenergie und Biomasse sind noch nicht die radikale Antwort auf die Energiefrage.? Diese Antwort müsse man bis 2030 entwickeln. Frühestens in der übernächsten Generation sei man dann in der Lage, sich komplett von fossilen Energieträgern zu verabschieden.
Gegen den Vorschlag, erst einen Energiesprung abzuwarten, regte sich Unmut auf dem Podium. ?Die politischen Entscheidungen für den Energiemix der Zukunft werden heute getroffen?, sagte ?Stadt-Anzeiger?-Redakteur Horst Schiffmann. Sein Kollege Friedemann Siering ergänzte: ?Mir macht es Angst, was zurzeit wieder an Kohlekraftwerken geplant ist, die weitere Klimagase produzieren werden.? Stattdessen sollte man mehr in die Forschung von erneuerbaren Energien stecken.
Für eine übergangsweise Nutzung der Atomenergie sprach sich auch Dr. Rolf Martin Schmitz aus. ?Wir werden einen Mix für die Übergangszeit brauchen?, sagte der Vorstandsvorsitzende von RheinEnergie. ?Es ist ein Übergang zu erneuerbaren Energien, aber dazu brauchen wir in den nächsten 20 Jahren noch fossile Energie und Kernkraft.? Schmitz wandte sich gegen eine übereilte Festlegung auf erneuerbare Energien. ?Wir sind in Deutschland zu viele Menschen auf zu engem Raum, um uns komplett aus regenerativen Quellen versorgen zu können - das müssen wir akzeptieren.? Während fossile Energieträger gebündelt seien, brauche die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie Fläche. Zudem sei die ?Offshore?-Technik, bei der im Meer stehende Windräder Energie erzeugen, noch nicht ausgereift. ?Deswegen werden wir in Deutschland über fossile Energie so schnell nicht hinwegkommen - oder aus anderen Ländern regenerativ erzeugte Energie importieren.?
Ein Importland für Energie sei Deutschland schon jetzt, erklärte Professor Ulrich Ehricke, der Direktor des Instituts für Energierecht an der Universität zu Köln. Deshalb würden in Zukunft die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Energiehandel immer wichtiger. ?Ein großes Problem ist etwa die Frage eines gemeinsamen europäischen Energie-Außenrechts?, sagte Ehricke und zog als Beispiel den Sudan heran, der sehr große Gasvorkommen besitzt. ?Dort werden massiv Menschenrechte verletzt, worauf die Europäische Union mit einem Handels-Boykott reagiert. China hingegen versorgt sich aus dem Sudan mit günstigem Gas.? Solche Fälle seien deshalb schwierig, weil Deutschland abhängig sei vom Import von Energie. In Zukunft werde man gezwungen sein, auch Energie aus Staaten einzuführen, die nicht unbedingt zu ?Freundesländern? gehören, sagte auch der Energiewirtschaftler Bettzüge. ?Daraus werden sich in Zukunft neue politische Abhängigkeiten ergeben.?
Wie komplex die Zusammenhänge beim Thema Energie sind, machte am Ende Energierechtler Ehricke deutlich. ?Im berühmten Dreieck Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz kann man den Umweltschutz betonen, aber dann wird es teuer.? Der Staat könne nicht ewig mit Förderung gegensteuern, zumal der Energiemarkt in Europa weitgehend liberalisiert sei. Es sei fraglich, ob die Bevölkerung bereit sei, für eine umweltfreundlichere Energieversorgung erheblich mehr zu bezahlen. Die soziale Frage der Zukunft sei, wie man sozial Schwache vor den hohen Energiepreisen schützen könne, stimmte Energie-Ökonom Bettzüge zu. ?Diese Frage wird uns in den nächsten zehn Jahren begleiten.?
Als sich die Diskussion ins Publikum öffnete, rückte der Klimawandel einmal mehr in den Fokus der Diskussion. Wie man erreichen könne, dass sich viele Menschen für Energiesparen interessierten, fragte eine Zuhörerin. ?Das Wichtigste ist Information?, antwortete Bettzüge. Man müsse wissen, wie eng verzahnt die Dinge beim Thema Energie sind und dass jeder etwas tun kann. Ein schönes Schlusswort für eine Informationsveranstaltung.
Professor Ulrich Ehricke: "Wir sind keine Insel"
Professor Ulrich Ehricke, Direk tor des Instituts für Energierecht an der Universität zu Köln:
Aus rechtlicher Sicht wird die Energie der Zukunft nicht nur im nationalen Rahmen reglementiert, sondern zunehmend in Europa. Und in Brüssel geht der Weg eindeutig dahin, umweltfreundliche Erzeugungsmethoden zu fördern. Die Energie der Zukunft bedeutet aber auch, dass man die vorhandenen Quellen effektiver nutzt. Auch da hat die Europäische Kommission schon Pläne vorgelegt, die die Bürger zu mehr Energiesparen anhalten sollen.
Ein großes Problem, das unter Juristen ganz am Anfang steht, ist die Frage eines gemeinsamen europäischen Energieaußenrechts. Denn die Zukunft von Energie liegt nicht in Deutschland, sondern außerhalb - und da drohen Probleme, die vielleicht sogar größer sind als die Abhängigkeit von Russland beim Gas.
Unsere Gesellschaft hat sich für mehr Wettbewerb auf dem Energiemarkt entschieden - mit dem Ziel: sinkende Preise. Wenn man aber Liberalisierung will, muss man akzeptieren, dass umweltfreundliche Energieerzeugung zurzeit nicht wettbewerbsfähig ist. Betont man im berühmten Dreieck Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz den Umweltschutz, muss man wissen, dass es teuer wird. Der Staat kann nicht ewig mit Förderung gegensteuern, wir leben schließlich nicht auf einer Insel.
Volker Ermert: ?Einsparen fürs Klima?
Volker Ermert, Meteorologe am Institut für Geophysik der Universität zu Köln:
Als Klimaforscher kann ich nur davor warnen, dass man noch mehr COin die Atmosphäre lässt. Der Klimastatusbericht hat gezeigt, dass selbst bei sehr gutartigen Szenarien die Erderwärmung ein bis zwei Grad betragen wird. Wenn wir aber nicht schnell zu regenerativen Energien übergehen - und wenn die Welt
nicht gemeinsam handelt -, wird sich die Erde in 100 Jahren um vier Grad erwärmen. Und dann wird es gefährlich. Vor 125 000 Jahren war es an den Polkappen schon einmal drei Grad wärmer, der Meeresspiegel lag damals vier Meter höher. Heute würde das bedeuten, dass ganze Küstenlandstriche unter Wasser stehen. Für die Zukunft bedeutet das: Die Energie muss effektiver genutzt werden. Energiesparen, etwa durch den Bau von Passivhäusern, ist das Gebot der Stunde. Einsparungspotenziale sehe ich auch bei der Autoindustrie, das Drei-Liter-Auto ist möglich.
Auch bei der Energieerzeugung sollte man ans Klima denken. Wenn man ein Kernkraftwerk abschaltet, sollte man nicht dafür ein Kohlekraftwerk draufsatteln. Dann muss man die Energie entweder einsparen oder das Kernkraftwerk noch etwas laufen lassen, bis die Forschung einen Technologiesprung bei den erneuerbaren Energien macht
