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Grußwort zum Neujahresempfang 2016 der Universität zu Köln

Elfenbeinturm Universität?

Professor Dr. Axel Freimuth
Rektor der Universität zu Köln 

Köln, 22. Januar 2016 

(Es gilt das gesprochene Wort) 

Herzlich willkommen an der Universität zu Köln! Es freut mich, dass wir heute Abend den Jahresauftakt gemeinsam feiern und miteinander ins Gespräch kommen werden. An Gesprächsstoff haben wir derzeit wahrlich keinen Mangel. Und wo ließe es sich besser plaudern, diskutieren, streiten und über die Zukunft spekulieren vielleicht sogar ein wenig dazu beitragen sie zu gestalten, als an einer Universität, als an der Universität zu Köln. 

Wie immer am Jahresempfang möchte ich Ihnen schlaglichtartig über das vergangene Jahr berichten und einen Blick auf das werfen, was vor uns liegt. Lassen Sie mich vorwegschicken: Alle Redner haben sich für heute fest vorgenommen, im geplanten Zeitrahmen zu bleiben. Denn wir freuen uns darauf, nach den Reden und Preisverleihungen im Foyer miteinander ins Gespräch zu kommen, und zwar, ohne die weniger Widerstandsfähigen unter ihnen wiederbeleben zu müssen. Ich werde mich daher auf Weniges beschränken und somit leider auch Wichtiges weglassen müssen. Falls also jemand ein Thema oder gar sich selbst nur ungenügend berücksichtigt fühlt, so bitte ich bereits jetzt um Verzeihung. Und nun in medias res. 

Wir haben weitgehend aus Mitteln der Exzellenzinitiative über die letzten fünf Jahre etwa 30 zusätzliche dauerhafte Professuren eingerichtet, das ist ein Zuwachs von sechs Prozent; dazu kommen dreißig Juniorprofessuren, die wie üblich zeitlich befristet für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler geschaffen wurden. Unsere Berufungen waren sehr erfolgreich. Wir sind glücklich, herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt – von Japan bis Östereich  gewonnen zu haben. Darüber freuen wir uns sehr, denn es stärkt Forschung und Lehre, es stärkt unsere Universität. 

Bevor wir jedoch in Jubelstürme ausbrechen, möchte ich diese Zahlen in eine Gesamtperspektive einordnen. Im gleichen Zeitraum ist nämlich die Zahl der Studierenden um 35% auf 50.000 gestiegen, die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um 20%, wobei hier vor allem aus befristeten Drittmitteln (befristete) Qualifikationsstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs geschaffen werden konnten, also für Doktorandinnen und Doktoranden und Postdoktorandinnen und Postdoktoranden. Ganz offensichtlich wächst die Zahl der Studierenden weitaus schneller als die des Lehrpersonals. Und nach allen Prognosen, wird sie über einen langen Zeitraum auf diesem hohen Niveau bleiben. Das führt natürlich zu Problemen: Erstens, das Betreuungsverhältnis – also die Zahl der Studierenden im Verhältnis zur Zahl der Lehrenden –, das ohnehin bereits vor dem Anstieg der Studierendenzahlen im internationalen Vergleich schlecht war, hat sich noch weiter verschlechtert. Zweitens, auch die Zahl der befristeten Stellen für wissenschaftlichen Nachwuchs wächst weitaus schneller als die der Dauerstellen und Professuren, 20% gegenüber 6%. Die Karriereperspektiven für den Nachwuchs werden also zunehmend schlechter! Dabei hilft es nicht, noch mehr befristete Stellen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler zu schaffen, wie es beispielsweise im Rahmen des TenureProgrammes des Bundes derzeit diskutiert wird. Die wichtigste Maßnahme wäre es, endlich die Zahl der Dauerstellen und dort insbesondere der Professuren anzuheben. Nur so können die Universitäten den dauerhaft und massiv gestiegenen Anforderungen gerecht werden: ein Drittel mehr Studierende und darüber hinaus weitere Aufgaben, etwa bei der Umsetzung digitaler Lernformate, der Inklusion, der Integration von Flüchtlingen, im Transfer und der Weiterbildung. Ich möchte betonen, dass die Universitäten sehr dankbar für die laufende Unterstützung beispielsweise durch Hochschulpakt, Qualitätsverbesserungsmittel und Exzellenzgelder sind. Aber dennoch muss dem quantitativ und qualitativ gestiegenen Leistungsspektrum eine dauerhafte und adäquate Grundfinanzierung gegenüber stehen. 

Die Umsetzung der Projekte der Exzellenzinitiative an der Universität zu Köln läuft hervorragend. Die Maßnahmen haben zu einer außerordentlichen Dynamik in Forschung und Lehre geführt, die alle Fakultäten unserer Hochschule umfasst. Reputation und internationale Sichtbarkeit der Universität haben sich erheblich verbesser. espielsweise haben wir uns im internationalen Times Higher Education (THE)Ranking von Rang 300350 auf Rang 156 vorgearbeitet. 

Das laufende Jahr markiert hinsichtlich der Exzellenzinitiative einen kritischen Zeitpunkt, denn die dritte Ausschreibungsrunde steht an. Man wird prüfen, ob wir es bisher gut gemacht haben; und natürlich werden wir neue Projekte und Fortsetzungsanträge vorlegen und unsere wissenschaftliche Exzellenz erneut unter Beweis stellen müssen. Erfreulich ist, dass Bund und Länder im Dezember 2014 beschlossen haben, die Exzellenzinitiative im selben Umfang wie bisher weiter zu fördern. Leider ist jedoch offen, was genau gefördert werden wird, was der Zeitrahmen für die Antragstellung ist und wie die Begutachtung ablaufen wird. Das bringt uns in eine schwierige Lage, denn die bisherige Förderung läuft Ende 2017 aus. Nächsten Freitag werden die Ergebnisse der ImbodenKommission vorgestellt, die den bisherigen Verlauf der Exzellenzinitiative bewertet. Eine Entscheidung über die Fördermodalitäten auf politischer Ebene erwarten wir gegen Mitte des Jahres. Wir sehen dem gespannt entgegen und hoffen, dass uns genügend Zeit verbleibt unsere Projekte unter Einbeziehung der gesamten Universität und unserer Forschungspartner zu entwickeln. Die Universität zu Köln möchte natürlich den begonnenen, erfolgreichen Weg weitergehen und braucht dazu dringend weitere finanzielle Unterstützung bei den inzwischen etablierten großen Forschungszentren. Beispielsweise in der Alterns und Pflanzenforschung, für die Profilbereiche und bei ihrer Gesamtstrategie, mit der sie die Rahmenbedingungen für exzellente, internationale wettbewerbsfähige Forschung und Lehre schafft. 

Mehr zu diesem Thema werden Sie in der heutigen Festrede hören. Wir freuen uns, den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Prof. Strohschneider, dafür gewonnen zu haben. In dieser Funktion und zuvor als langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftsrates ist er wie kein anderer dazu berufen, über diese Thematik zu sprechen. 

Lassen sich mich nun kurz ein paar weitere Entwicklungen ansprechen. 

Mit ihrem Projektvorschlag Heterogenität und Inklusion gestalten – Zukunftsstrategie LehrerInnenbildung Köln ist die Universität zu Köln in die erste Förderphase des BundLänderprogramms Qualitätsoffensive Lehrerbildung aufgenommen worden. 

Bis 2018 erhalten wir ca. sechs Millionen Euro für den Ausbau praxisorientierter Lehrmethoden, die Vernetzung der verschiedenen (wissenschaftlichen) Perspektiven auf die LehrerInnenbildung, die Einführung eines Lehrmoduls zur „Inklusion“, die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der LehrerInnenbildung sowie die systematische Qualitätssicherung. Geleitet wird das Projekt durch den Prorektor für Studium und Lehre, Herrn Professor Dr. Stefan Herzig, sowie viele engagierte Kolleginnen und Kollegen aus den lehrerbildenden Fakultäten, die in diesem Rahmen hervorragend und fakultätsübergreifend zusammenarbeiten, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanke. 

Das Internationale Kolleg Morphomata – ein Projekt im Rahmen der Bundesinitiative Freiraum für die Geisteswissenschaften – startete 2015 in seine zweite Förderphase. Die Universität zu Köln erhält hierzu insgesamt neun Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für die nächsten sechs Jahre. Das Kolleg wird von dem Archäologen Professor Dr. Dietrich Boschung und dem Germanisten Professor Dr. Günter Blamberger geleitet. Es wird sich in der kommenden Förderphase vor allem mit Biografie und Porträt als Figurationen des Besonderen beschäftigen. 

Große Erfolge gibt es auch im Transferbereich: Das COPT.ZENTRUM (COPT steht für Center for Organic Producation Technologies) wurde im Oktober mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft eröffnet. Es ist ein wichtiger Baustein in der Transferstrategie der Universität. Auf rund tausend Quadratmetern wurde eine exzellente Infrastruktur für die vorwettbewerbliche Forschung im Bereich Organischer Elektronik geschaffen. Die Nutzerinnen und Nutzer des Zentrums werden vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sein, die hier mit der Spitzenforschung zusammenarbeiten und auf neueste Technologien zugreifen können. 

Seit Januar 2015 und damit seit einem Jahr ist der GATEWAYGründungsservice der Universität zu Köln aktiv. Er wurde in Campusnähe eingerichtet und ist Anlaufstelle für unternehmenslustige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende, die sich mit guten Ideen und ihrem Knowhow selbstständig machen möchten. Nach einem Jahr können wir bereits positive Bilanz ziehen: Das Zentrum wird hervorragend angenommen. Viele innovative Projekte aus verschiedenen Fachbereichen – und keineswegs nur aus Medizin oder Naturwissenschaften – werden umgesetzt. Die Kolleginnen und Kollegen helfen mit Rat und praktischer Unterstützung der Gründerteams. Ideen reichen von der Desinfektion von Rolltreppenhandläufen im öffentlichen Raum über HochleistungsDämmstoffe bis zu innovativen Angeboten für Senioren. 

Wie ich bereits vorhin ausführte, sind die Karriereperspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs zunehmend problematisch, vor allem wegen der unzureichenden Zahl von Professuren und anderer Dauerstellen. Hier muss Abhilfe durch dauerhaft verfügbare finanzielle Mittel und Stellen geschaffen werden. Aber natürlich kann man auch an weiteren Stellschrauben drehen. Dies wurde in NordrheinWestfalen in einem groß angelegten Prozess Gute Arbeit zwischen Hochschulleitungen, den Personalvertretungen, Gewerkschaften und dem Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung diskutiert. Die Gespräche waren, wie wohl in einer solchen in diesem Kontext neuen Konstellation nicht anders zu erwarten war, ein wenig zäh (um eine eher zurückhaltende Formulierung zu wählen). Aber schlussendlich entstand ein Vertrag über gute Beschäftigungsbedingungen für das Hochschulpersonal, den die an der Universität zu Köln beteiligten Parteien kürzlich unterzeichnet haben. Durch die Umsetzung werden die Arbeits und Karriereperspektiven für wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an vielen Stellen verbessert, etwa bei der Laufzeit von Arbeitsverträgen, dem Gesundheitsmanagement oder dem Wechsel von Arbeitsplätzen innerhalb NordrheinWestfalens. 

Ich komme nun zu einigen Personalien aus dem Bereich der Hochschulleitung. Im April letzten Jahres wurde durch Hochschulrat und Senat das Rektorat der Universität zu Köln weitgehend neu gewählt. Ich möchte Ihnen die Mitglieder des amtierenden Rektorates daher kurz vorstellen: Kanzler unserer Universität ist weiterhin Herr Dr. Stückradt, der nicht neu gewählt wurde, da seine Amtszeit noch bis 2018 läuft. Professor Herzig hat eine weitere Amtszeit als Prorektor für Studium und Lehre angetreten, dieses Mal jedoch, mit Blick auf Bedeutung und Umfang dieser Aufgabe, als weiteres hauptberufliches Mitglied des Rektorates. Die Prorektorin für Forschung ist die Volkswirtin Professor Bettina Rockenbach, Professor Martin Henssler, Jurist, und bis vor kurzem Dekan der Juristischen Fakultät, ist Prorektor für Planung und akademisches Personal, Professor Gudrun Gersmann, Historikerin, ist Prorektorin für Internationales und last, but not least, Prof. Manuela Günter, Germanistin, ist Prorektorin für Gleichstellung und Diversität. Dem Rektorat sitze ich weiterhin vor und freue 6 

mich auf die Fortsetzung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen. 

Ich möchte es an dieser Stelle nicht versäumen, mich persönlich und im Namen der Universität sehr herzlich bei den in den letzten beiden Jahren ausgeschiedenen Mitgliedern des Rektorates zu bedanken, Herrn Prof. Bollig, Herrn Prof. Langer und Frau Prof. Steinbeck, der jetzigen Rektorin der Universität Düsseldorf, für ihren vorbildlichen Einsatz, die vielen erfolgreich bearbeiteten Projekte und die hervorragende Zusammenarbeit. 

Ich möchte mich weiterhin bei den ausgeschieden Beauftragten des Rektors herzlich bedanken, die das Rektorat in ihren Bereichen kompetent, engagiert und mit großem Erfolg unterstützt haben: Prof. Mellis, dem Dekan der WiSoFakultät, der noch Zeit gefunden hat, als Beauftragter des Rektors für IT zu wirken und Herr Prof. Meerholz, dem Beauftragten für Wissenschaftstransfer und Existenzgründungen. 

Ganz besonders danken möchte ich Herrn Prof. MayerWolters, dem langjährigen Beauftragten für das Gasthörer und Seniorenstudium. Er hat diese Institution, die mittlerweile 1600 Studierende hat, seit 1989 aufgebaut und durch engagierten, unermüdlichen Einsatz über zweieinhalb Jahrzehnte zu einem weithin sichtbaren Aushängeschild unserer Universität gemacht. Die Universität ist ihm dafür zu großem Dank und großer Anerkennung verpflichtet. Seit April letzten Jahres wurden diese Aufgaben von Frau Miriam Haller übernommen, der wir eine glückliche Hand und viel Erfolg bei der weiteren Entwicklung wünschen. 

Last, but not least, freue ich mich, Ihnen berichten zu können, dass es uns gelungen ist Herrn Dr. Rainer Minz als Beauftragten des Rektors für Transfer, Fundraising und Alumni zu gewinnen. Er war bis vor kurzem Senior Partner bei der Boston Consulting Group und ist Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums der Universität zu Köln und Dozent in der WiSoFakultät. Er bringt, wie seine bisherige Tätigkeit vermuten lässt, profunde Expertise in diesen Bereichen mit, ist exzellent mit der Wirtschaft vernetzt und kennt Köln von Kindesbeinen an. Lieber Herr Minz, wir schätzen uns glücklich, in diesem so wichtigen Ressort mit Ihnen einen so kompetenten und engagierten Mitstreiter gewonnen zu haben und mit Ihnen neue Wege zu gehen. 

Damit komme ich zum letzten Teil meiner Rede. Ich möchte mit einer Rückblende beginnen. Auf dem Jahresempfang 2009 hielt Prof. Michael Bollig, Ethnologe an unserer Universität und, wie gerade erwähnt, bis April 2015 Prorektor für Internationales, den Festvortrag. Er sprach über Afrika, seine Bevölkerungsentwicklung, über Systeme sozialer Absicherung, Konflikte, Migrationsprozesse und vieles mehr. Er ist einer unserer weltweit ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet, auf dem die Universität zu Köln zu den international führenden Forschungseinrichtungen gehört. Wie Sie sich vielleicht erinnern, war dies die Zeit kurz nach der sogenannten Finanzkrise. Am Tag nach dem Vortrag erhielten wir eine Email, in der man uns vorwarf, angesichts der überragenden gesellschaftlichen Bedeutung der Finanzkrise mit einem Vortrag über Afrika ein allerhöchstens für Spezialisten interessantes Randthema aufgegriffen zu haben. Dies sei typisch für den „Elfenbeinturm Universität“.– Was für eine Fehleinschätzung! Wir haben damals geantwortet, dass die Entwicklung Afrikas – und allgemeiner des sogenannten Globalen Südens – von herausragender Bedeutung ist, aus humanitären, demographischen, wirtschaftlichen, sozialen und vielen anderen Gründen und selbstverständlich auch Europa und andere Regionen des Globalen Nordens maßgeblich betrifft. Die Ereignisse des letzten Jahres haben dies eindrucksvoll bestätigt. 

Am Rande bemerkt: Die Anekdote zeigt auch, wie wichtig es ist, der Wissenschaft in der Grundlagenforschung freie Hand zu lassen. Man kann sicher sein, dass dabei auch die gesellschaftlich relevanten Themen aufgegriffen werden, oft sogar, bevor sie in den Fokus allgemeiner gesellschaftlicher Diskussion geraten, und dass Kompetenz in solchen Bereichen aufgebaut wird. So hat die Universität zu Köln inzwischen das Global South Studies Center im Rahmen der Exzellenzförderung eingerichtet, das interdisziplinär und international mit breitem Themenspektrum zu diesen Fragen forscht und lehrt, gerade auch zu weltweiten Migrationsbewegungen und der Flüchtlingssituation. Ebenso haben wir vor wenigen Jahren das Zentrum für Friedensforschung unter der Leitung des Juristen Professor Kress eingerichtet und im letzten Jahr durch eine Berufung in der Philosophischen Fakultät gestärkt. 

Doch zurück zu dem uns bewegenden Thema ‚Flüchtende‘. Ich möchte heute nicht erneut auf die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und deren Folgen eingehen. Die Universität zu Köln hat sich mehrfach öffentlich und deutlich gegen jegliche Diskriminierung, gegen sexuelle Übergriffe und gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus positioniert, letzteres bereits im Vorjahr im Zusammenhang mit der schrecklichen Attacke auf unsere Oberbürgermeisterin. Deutschland muss sich Toleranz und Weltoffenheit erhalten! Ich würde jedoch gerne hervorheben, dass die mitunter etwas ‚lokale‘ Sicht der Dinge und ganz besonders die Vorstellung, dieser Problematik allein mit Zäunen und Mauern entgegentreten zu können, der Sachlage nicht gerecht wird. 

Hierzu ein wenig Hintergrund. In den Vorhersagen der Vereinten Nationen zur weltweiten Bevölkerungsentwicklung von 2015 bis 2100, die auf der hier gezeigten Folie dargestellt ist, wird deutlich, dass der Bevölkerungszuwachs maßgeblich durch die Entwicklung in Afrika bestimmt wird: Im Jahr 2100 wird die Bevölkerung in Afrika zahlenmäßig fast auf dem gleichen Niveau wie in Asien heute sein, also von rund einer auf vier Milliarden ansteigen. Afrikanische MegaCities wachsen rasant: Kinshasa im Kongo wird nach diesen Prognosen bis 2030 auf 20 Millionen und Lagos in Nigeria auf 24 Millionen Einwohner anwachsen. Das entspricht der Einwohnerzahl von Shanghai heute. Interessant sind auch Daten zu weltweiten Migrationsbewegungen. Die Migrationsströme, die derzeit Europa betreffen, entsprechen gerade einmal 15% dieser Migrationsbewegungen. Die verbleibenden 85% verlaufen innerhalb des Globalen Südens. Derzeit sind nach Daten der Vereinten Nationen 60 Millionen Menschen „flüchtend“. Im weltgrößten Flüchtlingscamp in Kenia leben derzeit etwa eine halbe Million Menschen.  

Hieraus wird deutlich, dass wir einer riesigen Herausforderung gegenüber stehen, die uns über Jahrzehnte bewegen und fordern wird. Selbstverständlich wird man als Antwort auf die aktuellen Entwicklungen über den Status und die Perspektiven von Flüchtenden in Europa und in Deutschland diskutieren müssen und natürlich muss alles getan werden, damit diese Prozesse kontrolliert ablaufen. Aber nur dies zu tun greift viel zu kurz. Und auch, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf, eine Nabelschau über die Frage, ob Kölns Image unter den jüngsten Ereignissen gelitten hat. Es ist vielmehr nötig, aus praktischen wie aus humanitären Gründen, dass sich der Globale Norden ernsthaft darum bemüht die Probleme des Globalen Südens zu erkennen, zu verstehen und bei ihrer Lösung zu helfen: Beispielsweise mit fairen Wirtschaftsbeziehungen statt mit einer Strategie, möglichst billig zu produzieren oder an Ressourcen zu kommen. Beispielsweise durch Verzicht auf Waffenlieferungen. Der Handel mit Waffen heizt Konflikte an und ist aus humanitären Gründen insbesondere in Krisenregionen ohnehin inakzeptabel. Und natürlich müssen Bildungs und Gesundheitseinrichtungen systematisch ausgebaut und unterstützt werden, insbesondere auch hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Nachhaltigkeit vor Ort. 

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich an dieser Stelle inne halten. Denn ich habe ja versprochen, in der Zeit zu bleiben. Wie in vielen anderen Fällen scheint es mir auch bei den hier angesprochenen Fragen vernünftig und zielführend zu sein, ein Problem nach dem anderen anzupacken und zu ihrer Lösung beizutragen. Die Universität zu Köln wird dies in Zukunft noch stärker als bisher tun: Durch Forschung und Lehre, durch direkte Hilfe in den Flüchtlingsheimen, in denen unsere Lehrenden und Studierenden schon jetzt regelmäßig unterrichten, mit konkreter Förderung von Maßnahmen zur Integration, beispielsweise Sprachkursen, die wir bereits eingerichtet haben. Und gerne sind wir bereit, zu diskutieren und unser Wissen und unsere Kompetenz einzubringen, wo immer es erwünscht und sinnvoll ist. 

In diesem Sinne, heiße ich Sie alle noch einmal an der Universität zu Köln willkommen. Wir sehen einem spannenden, arbeitsreichen Jahr entgegen, mit vielen Herausforderungen und, da bin ich mir sicher, mit der einen oder anderen Überraschung. Aber was wäre das Leben, wenn es keine Überraschungen und nichts zu tun gäbe? 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bedanke mich nochmals für Ihr Kommen und wünsche Ihnen ein gutes und erfreuliches Jahr 2016!